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Vier Herren, vier neue Platten: Westernhagen, Oerding, Herre und Cave

  • Neues aus den Popwerkstätten: Westernhagen verwandelt sein „Pfefferminz”-Album in Americana.
  • Johannes Oerding und Max Herre stellen sich auf ihren aktuellen Platten den Problemen der deutschen Gegenwart.
  • Und Nick Cave bewältigt mit dem Doppelalbum „Ghosteen“ die Trauer um seinen Sohn Arthur.
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Marius Müller-Westernhagen – „Das Pfefferminz-Experiment“

Da sitzt der Farmer Marius Müller-Westernhagen in staubigen Stiefeln auf den Stufen der Veranda, dreht den Hut, blickt lebenserfahren in die Kamera. Der alte Prinz Pfefferminz hat in Woodstock „Das Pfefferminz-Experiment“ gewagt, seinen Albumklassiker „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ (1978) noch einmal im Americana-Stil aufgenommen. Der Titelsong, einst eine Hommage an den Rock ’n’ Roll der Fünfzigerjahre, schleicht jetzt als Blues durch die Albummitte.

Die Aufforderung darin „Liebling, lass uns tanzen“ gilt heute immer noch, aber dem Alter angepasst schleicht das Paar jetzt gemessenen Tanzschritts über den Heuboden. Der akustische Neuversuch ist auch sonst geglückt: Die Siebzigerjahresongs werden in ihren Siebzigerjahresounds zwar für immer die Originale sein – schöner, weil zeitloser muten aber die neuen Westernsachen von Westernhagen an: Seine „Margarethe“ klingt beim Kneterüberreichen 41 Jahre später, als wär sie aus dem Liederfundus von J. J. Cale herübergewechselt.

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Und bei „Giselher“ greint die Steelgitarre in Zeitlupe. Am ähnlichsten sieht sich noch das Finish der Scheibe – die unsterbliche Whisky-Hommage „Johnny Walker“. Marius’ Stimme klingt da freilich so müde und waidwund, als sei er gerade 1000 Meilen für eine Camel Filter gegangen.

Johannes Oerding – „Konturen“

Johannes Oerding, das war ganz schnell einer von denen, die so glatt, radiokompatibel und nichtssagend rüberkamen, dass man sich das Zuhören glatt sparen wollte. Kam der Oerding im Radio, gähnte man kurz und wechselte dann den Sender – fast so wie bei den Herren Forster, Giesinger und Tawil. Auf seinem neuen Album „Konturen“ zeigt der im kirchenreichen Münster geborene Sänger stärker dieselben.

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In Südafrika habe er zu seinen Wurzeln zurückgefunden, sagt er, und auf der Bühne zeigt Oerding sowieso klare Kante gegen die gegenwärtigen Demokratieverdreher und -versehrer im Land. In „Alles okay“ ist eben nicht alles okay, denn das „Gras wächst schneller, als man denkt“. Die Leute machen Schritte zurück, der Hass regiert. Es ist eben so lange alles okay, bis alles verloren ist – und man will’s dann gar nicht bemerkt haben. „Wo sind die Dichter und Denker, seh nur noch Richter und Henker“, reimt Oerding in „Wir machen’s besser als jetzt“ und klampft dazu ein folkiges Sonnenscheinchen von Song auf der Akustischen.

Und gibt in der molligen Klavierballade „Blinde Passagiere“ zu bedenken, dass man manchmal gar nicht in der Patsche sitzt, sondern im Glück – ohne es zu merken. Und umgekehrt: „Mal haben wir weniger als nichts und machen mehr als alles draus / mal kriegen wir nen Platz am Fenster und machen nichts draus.“ Stoff für ein paar Minuten Rundfunk-Leichtigkeit gibt’s mit „All in“, „An guten Tagen“ immer noch genug. Aber das sind Lieder, bei denen man als Zuhörer auf dem Sender bleibt.

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Max Herre – „Athen“

„Athen“ heißt die neue, längst überfällige Scheibe vom einstigen Freundeskreis-Frontmann Max Herre, und bei Nennung dieser wie Rom und Jerusalem ewigen Stadt denkt man schon lange wieder an Demokratiewiege und Akropolis und nicht mehr so sehr an Grexit und Europakrise. Herre, der einiges an Kindheit in Athen verbrachte, liefert allen Ü-30-40-50-Leuten ein behagliches musikalisches Reisegefühl, denn ein Sehnsuchtsort war Athen für uns, lange bevor es ein politischer Ort wurde.

Das Album „Athen“ ist eine Liedersammlung, in der auch die derzeitige aggressive Situation in Deutschland aufgegriffen wird, in der Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, das notorische Brunnenvergiften und Bevölkerungsabstumpfen der Rechten auf eine deutlichere Art benannt werden als etwa bei seinem Kollegen Oerding. „Damals hieß es nie wieder – es ist nicht lange her / wehret den Anfängen, wenn es nur die Anfänge wär’n“, gehen Herres Zeilen, und Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow ist hier an seiner Seite.

In „Sans Papiers“ geht es dann in der Folge um die Geflüchteten, Untertauchenden, die in Angst vor der Abschiebung leben, um Leute, die uns in unserem gleichförmigen Tagein, Tagaus herzlich egal sind. Musikalisch geht Herre weit, sampelt die ostdeutsche Kultband Panta Rhei, streut Pink-Floyd-Klänge ein. Und dann ist da noch „Das Wenigste“ – sein Liebeslied für Joy Denalane. Und wenn es darin heißt „Als nichts mehr übrig war von uns / genügte nur ein Wort von dir“ ist man berührt, angenehm berührt, nach so vielen platten Pseudobetroffenheiten und Klagen der Giesinger-Schule.

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Nick Cave – „Ghosteen“

Nick Cave bewältigt mit seinen Bad Seeds das scheinbar Unbewältigbare. „Ghosteen“ ist ein musikalisch getragenes, beinahe meditatives (Doppel-)Album über den Tod und die Trauer. Vier Jahre ist es her, dass Caves Sohn Arthur auf tragische Weise starb. Er fiel von einer Klippe in der Nähe des englischen Seebads Brighton, wo sein Vater gerade an dem Album „Skeleton Tree“ arbeitete. Aus dem damals nächsten Cave-Album wurde dann das in jeder Hinsicht besondere Album eines vom Schicksal mit aller Wucht Gebrochenen. „Ghosteen“ geht nun weiter.

In der ersten, beinahe märchenhaften Hälfte des Werks erzählt der 62-jährige Songwriter mit dem fahlen, dunklen Bariton von dem Elysium, das ein ewig 15-Jähriger durchmisst, auf der zweiten Disc geht es um das Friedenfinden, Weiterleben der Eltern in der Erwartung auf ein gemeinsames Jenseits. Hier ist alles schwebend, spirituell, Geister werden beschworen, auch der von Elvis, der in „Spinning Song“ noch in dieser Welt zu hören ist, während er lange schon in einer anderen weilt („Once there was a song, the song yearned to be sing / it was a spinning song about the king of rock ’n’ roll“).

Der dunkle Fürst des Indierock breitet seine Schwingen und geht uns – weitgehend ohne die Aufmerksamkeit heischenden Rock-’n’-Roll-Instrumente Schlagzeug und Gitarren – mit seiner Verlustbewältigung richtig unter die Haut, vor allem wenn seine Stimme in ein brüchiges Falsett steigt. Der letzte, zutiefst ergreifende Song „Hollywood“ zeichnet eine Figur wie von Edgar Allan Poe, die sich durch lange, grabesgraue Zeiten gekämpft hat und nun auf den Frieden wartet. Möge er kommen.