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Interview über Amerikaner und ihre Waffen

Ethan Hawke über sein Land: „Etwas ist zerbrochen in Amerika“

Ethan Hawke: „Jeder, der Auto fährt, muss beweisen, dass er dazu befähigt ist. Wieso ist das bei Waffen anders?“

Bekannt wurde Ethan Hawke 1989 mit dem Kinodrama „Der Club der toten Dichter“. Da stand er am Ende als schüchterner Schüler Todd auf dem Tisch und rief seinem Lehrer (Robin Williams) „O Captain, mein Captain!“ hinterher. Zu den größten Erfolgen des 1970 geborenen US-Schauspielers gehören „Before Sunrise“, „Gattaca“ und „Boyhood“. Auch als Autor hat sich Hawke einen Namen gemacht. Vom 23. Juni an ist er im Horrorfilm „The Black Phone“ im Kino zu sehen.

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Mr. Hawke, es ist ein weiter Weg vom sanften Romantiker in „Before Sunrise“ zum sadistischen Kindermörder in „The Black Phone“. So einen Psychopathen haben Sie noch nie gespielt: Was hat Sie dazu getrieben?

Ich könnte jetzt sagen: So sieht das Leben eines Schauspielers nun mal aus. Zugegebenermaßen macht es aber viel mehr Spaß, in einem Zug von Budapest nach Wien mit Julie Delpy zu sitzen, so wie wir es Mitte der Neunziger als Jesse und Celine taten, als auf Schulkinder mit der Axt loszugehen. Aber es gibt nun mal solche und solche Filme. Ich liebe das Kino und war immer stolz darauf, so viele Genres wie möglich auszuprobieren. Ich freue mich genauso über einen guten Polizeifilm wie über einen guten Western oder eine gute Romanze oder eben über einen Horrorfilm.

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Dennoch: Horror war bislang nicht unbedingt Ihr Ding.

In meiner Karriere habe ich schnell gelernt, dass es das Wichtigste ist, sich beim Filmemachen mit guten Leuten zu umgeben. Du lernst, dass jedes Genre seine eigene Sprache und Musik hat.

Warum flirten Sie erst jetzt so intensiv mit dem Bösen?

Als junger Schauspieler habe ich lieber die Hände von solchen Rollen gelassen. Hinterher ist es schwer, sich von so einem Auftritt zu erholen. Aber nun bin ich über 50. Über so etwas muss ich mir nicht mehr so große Sorgen machen.

Wird Ihnen das Publikum je wieder glauben, dass Sie tief im Herzen ein netter Kerl sind?

An der Frage ist was dran: Ich glaube, dass sich niemand heute einen Film mit Anthony Hopkins anschauen kann, ohne an seinen delikaten Psychopathen Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ zu denken. Natürlich lassen sich Hopkins‘ Auftritte in anderen Filmen genießen, aber du kriegst Hannibal Lecter nicht aus dem Kopf. Hopkins kann den süßesten Großvater in der Welt spielen, und das Publikum fragt sich trotzdem: Wann wird er wieder jemanden verspeisen? Aber das war auch eine ikonische Rolle.

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In diesen Tagen häufen sich Schulschießereien in den USA, in Deutschland rast ein Amokfahrer in eine Klasse: Brauchen wir eine Extraportion Horror auf der Leinwand, wenn die reale Welt schon so schrecklich ist?

Die Nachrichten, die täglich auf uns einprasseln, sind wirklich fürchterlich – egal ob wir über den Ukraine-Krieg, den Klimawandel, Schießereien, korrupte Regierungen oder Missbrauchsfälle überall in der Welt reden. Aber wonach suchen wir, wenn wir Geschichten erzählen? Welche Filme wünschen sich die Menschen in Krisenzeiten? Wenn mehr Menschen friedliche Filme über Liebe und ein freundliches Miteinander sehen wollten, würde das wohl bedeuten, dass die Gesellschaft eine bessere geworden ist.

Wird es denn jemals so weit sein?

Ich frage mich oft, ob die Kunst die Wirklichkeit beeinflusst oder ob sie umgekehrt von der Wirklichkeit beeinflusst wird: Gibt es Gewalt in unseren Filmen, weil wir von Natur aus gewalttätig sind? Die Geschichte des Dramas ist voller Gewalt. Shakespeares „Julius Caesar“ – so viele Tote. Tolstois „Krieg und Frieden“ – genauso. Ich schaue in meinen Lieblingsfilmen nicht so sehr auf die Gewalt, sondern auf die Gefühle der Menschen.

Was heißt das für Ihren Film?

Ich war bewegt von der Geschichte der Kinder. „The Black Phone“ ist ein Horrorfilm, klar, aber im Zen­trum steht das Erwachsenwerden. Dieser Film ist wirklich wunderbar durch die Verbindung des entführten Jungen mit seiner Schwester, die nach ihm sucht. Die Gewalt ist auch eine Metapher dafür, wie die beiden das Aufwachsen meistern. Filme sollten Gewalt nicht fetischisieren, aber sie ist ein brauchbares Werkzeug. Sie darf bloß nicht pornografisch verwendet werden.

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Lässt sich aus der Gewalt in Ihrem Film ein Rückschluss auf die Wirklichkeit in den USA ziehen? Kann er europäischen Zuschauerinnen und Zuschauern erklären, warum es unmöglich zu sein scheint, die Waffengewalt einzudämmen?

Darüber denke ich dauernd nach. Gerade vorige Nacht habe ich mit meiner Frau lange darüber diskutiert. Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Es hat sicher damit zu tun, wie viel Geld mit Waffen in den USA verdient wird. Die Unternehmen verkaufen sie in die ganze Welt. Jedes Mal, wenn sich eine Rebellion in irgendeinem seltsamen Land ereignet, sind M-16-Gewehre aus Amerika dabei. Die Waffenkonzerne sind verantwortlich für so viele Tote. Menschen sind gierig: Viele werden dadurch reich.

Und niemand gebietet Einhalt?

Kaum etwas bestürzt mich mehr als die Tatsache, dass die Schießereien in den USA immer weitergehen. Niemand tut wirklich etwas dagegen. Das macht mich verrückt. Dabei wäre es einfach, wie andere Länder beweisen. Jeder, der Auto fährt, muss beweisen, dass er dazu befähigt ist. Wieso ist das bei Waffen anders? Etwas Grundsätzliches in Amerika ist zerbrochen, was die Beziehung zu Waffen betrifft. Keiner braucht diese dummen Waffen.

Lassen Sie uns über etwas Schöneres reden: Ihre Tochter Maya ist inzwischen auch Schauspielerein und bei „Stranger Things“ erfolgreich: Tauschen Sie Ihre Erfahrungen aus?

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Eines der besten Dinge beim Älterwerden ist etwas, wovon mir nie jemand etwas gesagt hat: Ein Kind lernt nicht nur von den Eltern, es funktioniert umgekehrt genauso. Ich erlebe, wie idealistisch Maya an Dinge herangeht, wie sie sich in die Kunst verliebt, wie sie sich über Filme, Malerei, Musik freut. Klar, ich habe die Sonne ein paar Mal mehr aufgehen sehen als sie, und ich kann ihr ein paar Körnchen meines Wissens anbieten. Aber ihr Denken hat so eine Frische und ist so unverbittert. Es ist die reine Freude. Je älter ich werde, desto mehr genieße ich es, junge Leute kennenzulernen.

Werden wir noch mal Jesse und Ce­line aus der „Before“-Reihe in gereifterem Alter im Kino sehen?

Tatsächlich habe ich während der Corona-Zeit gedacht, ob wir vielleicht eine Pandemieversion drehen können. Andererseits scheinen mir die drei „Before“-Filme auch etwas Abgeschlossenes zu sein. Vielleicht müssen wir den bisherigen Neun-Jahres-Zyklus aufgeben. Dann könnte es noch mal einen Film mit Jesse und Ce­line geben. Vielleicht bin ich dann 78 oder so – wenn ich denn so lange durchhalte. Allerdings wäre damit ein echtes Problem verbunden.

Welches?

Der Großteil unseres Publikums wäre wohl nicht mehr da.

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