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Wahl zum „Unwort des Jahres“: Diese Begriffe sind heiße Favoriten

  • Am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr wird das „Unwort des Jahres“ verkündet.
  • Die Entscheidung der Jury ist bislang geheim – doch es gibt ein paar naheliegende Kandidaten.
  • Insbesondere zur Corona-Thematik habe es viele Einreichungen gegeben.
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Marburg. Am Mittwoch verkündet die Jury des Negativpreises „Unwort des Jahres“ den diesjährigen Gewinner. Und die Chancen, dass das „Unwort“ auch diesmal etwas mit der Corona-Pandemie zu tun haben könnte, stehen außerordentlich gut.

Schon 2020 schaffte es der Begriff „Corona-Diktatur“ an die Spitze – als zweites Wort, abseits der Pandemie, wählte die Jury die „Rückführungspatenschaften“.

In diesem Jahr sollen die Einsendungen für Begriffe aus dem Corona-Kosmos sogar noch stärker dominieren, wie „Unwort“-Sprecherin Constanze Spieß kürzlich verriet. Bis Anfang Januar waren 1200 Einsendungen mit 350 verschiedenen Begriffen eingegangen.

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Doch welches Wort hat tatsächlich die größten Chancen? Die Jury – bestehend aus unabhängigen Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern – lässt sich bis zur Verkündung am Mittwochmorgen verständlicherweise nicht in die Karten gucken. Klar ist aber: Es gibt ein paar naheliegende Kandidaten. Und: Nicht jedes Wort, das sich schlimm anhört, hat auch tatsächlich Chancen auf das „Unwort des Jahres“.

„Unwort des Jahres“: Das sind die Regeln

Die Regeln der „Unwort“-Jury sind klar und werden transparent auf der Website der Initiative aufgeführt. Heiße Kandidaten sind etwa Begriffe, die gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen. Die Jury selbst nennt hier als Beispiel etwa das „Geschwätz des Augenblicks“ für Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche – einst verwendet von Kardinalsdekan Angelo Sodano im Jahr 2010.

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Ebenfalls gute Karten haben Wörter, die gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen – etwa der Begriff „alternativlos“, mit dem sich etwa politische Akteure einer Diskussion oder der Argumentationspflicht entziehen. Ebenso können Wörter „Unwörter des Jahres“ werden, wenn sie „einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren, stigmatisieren und diffamieren“ oder aber „euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend“ sind.

Das „Gendersternchen“ hat wenig Chancen

Ein Begriff wie der „Instrumentenkasten“ hat daher vermutlich wenig Chancen auf das „Unwort des Jahres“ – auch wenn er ziemlich abgedroschen klingt. Die Formulierung war insbesondere in den vergangenen Wochen immer wieder von Politikerinnen und Politikern verwendet worden, um alle möglichen Maßnahmen zu beschreiben, die die Pandemie eindämmen: Maske, Impfpflicht, 2G plus – viele Instrumente eben. In den sozialen Netzwerken sorgte der Begriff zeitweise für Spott, auch bei der „Floskel des Jahres“, einem ebenfalls sprachkritischen Negativpreis, stand das Wort in der engeren Auswahl.

Auch das Wort „Gendersternchen“ ist wohl nicht demokratiefeindlich genug für den Titel „Unwort des Jahres“ – obwohl das Wort gleich mehrfach eingereicht worden sei. Im Jahr 2019 schaffte es aber sehr wohl der „Genderwahn“ zum „Unwort des Jahres“. Mit dem Begriff würden die Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit „in undifferenzierter Weise diffamiert“, teilte die Jury damals mit.

Von „Querdenkern“ und „Spaziergängen“

Das Wort „Querdenker“ hingegen dürfte deutlich bessere Chancen auf den Titel haben. Aufgetaucht war es zwar bereits 2020, nachdem die Gruppe „Querdenken“ mit den ersten Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen begonnen hatte. Ein Jahr später hat sich der Begriff „Querdenker“ als allseits bekanntes Synonym für gewaltbereite Demonstranten, Verschwörungsideologen, Impfgegner und rechtsextreme Corona-Leugnerinnen und -Leugner etabliert.

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Problematisch ist das aus vielerlei Hinsicht – nicht zuletzt, weil das „Querdenken“ ursprünglich mal eine gute Sache war. Es ist gleichbedeutend mit dem lateralen Denken – einer Denkmethode, die zur Lösung von Problemen oder zur Ideenfindung eingesetzt werden kann. Davon kann jedoch beim Verbreiten von Verschwörungsmythen und teilweise gewaltbereiten Protesten kaum die Rede sein.

Ähnlich dürfte es sich mit dem Wort „Spaziergang“ verhalten. Das Wort wird von Impfgegnern und Corona-Leugnern seit Ende des Jahres für teilweise unangemeldete Demonstrationen verwendet – oftmals auch mit dem Zusatz „friedlicher“ Spaziergang. Die Realität dieser „Abendspaziergänge“ sieht jedoch häufig anders aus: Immer wieder werden Polizeibeamte oder Pressevertreter attackiert, immer wieder kommt es zu Gewalt und Ausschreitungen.

Das Lieblingswort der Impfgegner

Laut „Unwort“-Jury wurde auch das Wort „Impfmassaker“ häufig eingereicht. Ein Wort, dass ebenfalls in „Querdenker“-Kreisen verbreitet wird, um zu suggerieren, es käme nach Corona-Impfungen zu regelrechten Massensterben.

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Auch das Wort „systemrelevant“ sei häufig eingereicht worden. Diese tauchte bereits im ersten Pandemiejahr auf und sprach bestimmten Berufszweigen eine höhere Bedeutung zu, etwa Supermarkt-, Krankenhauspersonal und der Presselandschaft, während sich etwa weite Teile der Kulturbranche massiv benachteiligt fühlten.

„Freiheit“ und „Eigenverantwortung“

In eine etwas andere Richtung gehen mögliche Unwörter, die zuletzt in den sozialen Netzwerken häufig diskutiert wurden. Bei Twitter etwa steht das Wort „Freiheit“ hoch im Kurs, das in liberalen Kreisen häufig im Corona- oder Klimakontext angeführt wird. Tempoá130 oder das Böllerverbot seien eine Einschränkung der Freiheit, heißt es dort – die Gegenseite argumentiert, man verwechsele die „Freiheit“ wohl einfach mit Egoismus.

In eine ähnliche Richtung geht auch das Wort „Eigenverantwortung“. Der Begriff wurde Anfang Januar von den Sprachkritikern Sebastian Pertsch und Udo Stiehl zur „Floskel des Jahres 2021″ gewählt. Mit dem Wort werde „ein legitimer Begriff von hoher gesellschaftlicher Bedeutung“ ausgehöhlt und ende „als Schlagwort von politisch Verantwortlichen, die der Pandemie inkonsequent entgegenwirken“, so die Initiatoren. Überhaupt würden „Framing und Begriffskaperungen alltäglicher und gezielt eingesetzt werden“ – das dürften sicher auch die Initiatoren des „Unworts des Jahres“ bemerken.

Nur wenige Klimabegriffe eingereicht

Das Wort „Ökoterrorismus“, ebenfalls häufig als „Unwort“ eingereicht, bezieht sich wiederum auf den Klimaschutz. Tatsächlich gibt es den Begriff schon länger – so wird er etwa für den den Kahlschlag von Urwäldern verwendet, aber auch für Sabotageaktionen von radikalen Klimaaktivistinnen und -aktivisten verwendet.

Inzwischen fällt der Begriff aber auch immer wieder im Zusammenhang mit der eigentlich recht friedlichen Bewegung Fridays for Future oder Parteien wie den Grünen. Im Sommer etwa hatten AfD-nahe Akteure eine großflächige Palaktkampagne gegen die Partei gefahren und die Plakate mit Wörtern wie „Wohlstandsvernichtung“, „Klimasozialismus“ oder „Ökoterror“ beschriftet. Auch Talkmaster Markus Lanz fragte im Oktober die Fridays for Future-Aktivistin Carla Reemtsma, ob es irgendwann einen „Ökoterrorismus“ geben könnte.

Im Jahr 2019 schaffte es das Wort „Klimahysterie“ zum „Unwort des Jahres“. In diesem Jahr seien laut „Unwort“-Jury auffällig wenige Begriffe aus dem Klimakontext eingereicht worden.

Aus dem Migrationskontext sei zudem das Wort „Pushbacks“ eingereicht worden, wie die „Unwort“-Jury verrät. Es beschreibt ziemlich blumig das Zurückdrängen von Migranten auf dem Weg in ihr Zielland. Zuletzt soll das im Herbst etwa an der polnisch-belarussischen Grenze geschehen sein.

„Unwort des Jahres“: Neue, jüngere Jury

Welcher Begriff tatsächlich zum „Unwort des Jahres“ gekürt wird, bleibt bis zum 12. Januar jedoch ein Geheimnis. Um 9.30 Uhr soll der unrühmliche Sieger dann verkündet werden.

Die Unwort-des-Jahres-Aktion war 1991 von dem Frankfurter Germanistikprofessor Horst Dieter Schlosser initiiert worden. Unwörter waren zuletzt „Anti-Abschiebe-Industrie“ (2018), „alternative Fakten“ (2017), „Volksverräter“ (2016), „Gutmensch“ (2015) und „Lügenpresse“ (2014).

Zuletzt war die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich mit ihrem Team für die Wahl des „Unworts“ zuständig, nach der Wahl 2020 gab sie die Initiative jedoch in jüngere Hände.

Zur neuen Unwort-Jury gehören neben Spieß die Sprachwissenschaftler Kristin Kuck (Universität Magdeburg), Martin Reisigl (Universität Wien) und David Römer (Universität Trier) sowie die Journalistin und Dozentin Alexandra-Katharina Kütemeyer. Sie werden in diesem Jahr von dem investigativen Journalisten Harald Schumann unterstützt.

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