Unter Beobachtung: George Orwells „1984″

  • Big Brother is watching you.
  • Dieser Satz aus George Orwells „1984“ gilt seit Generationen als Inbegriff für Manipulation und Überwachungsstaat.
  • Warum erzielt der Klassiker, der jetzt in zahlreichen Neuübersetzungen erscheint, noch heute solch eine Wirkung?
Martina Sulner
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Die äußeren Bedingungen sind alles andere als ideal. Als George Orwell im Sommer 1945 mit der Arbeit an seinem Roman „1984″ beginnt, ist er seit wenigen Monaten Witwer. Seine Frau ist überraschend gestorben – nachdem das Ehepaar in den Jahren zuvor bei der Bombardierung Londons durch die Deutschen nur knapp mit dem Leben davonkam. Der Autor verbringt die meiste Zeit in einem kargen, kalten Bauernhaus auf der schottischen Insel Jura.

Sein erster Wohnsitz ist eine kaum beheizbare Wohnung in London. Und Orwell ist krank, todkrank, wie sich bald herausstellt. Der 1903 geborene Autor, der von Kind an unter einer Lungenschwäche leidet, hat Tuberkulose. Mehrmals wird er nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Krankenhäusern und Sanatorien behandelt – vergeblich. Am 21. Januar 1950 stirbt Eric Arthur Blair, wie der Schriftsteller mit bürgerlichem Namen heißt. Wenige Monate, nachdem sein Hauptwerk erschienen ist.

„Es war ein heller, kalter Apriltag“

„Es war ein heller, kalter Apriltag“: Mit diesen recht schlichten Worten beginnt die Geschichte von Winston Smith, der in London, der Hauptstadt des fiktiven Superstaats Ozeanien, ein winziges Stück Freiheit erlangen möchte. Wohlwissend, dass dieser Wunsch – ebenso wie seine Tagebuchaufzeichnungen und seine Liebesbeziehung zu der jungen Julia – ihn wohl das Leben kosten wird. Smith arbeitet im Ministerium der Wahrheit, in dem pausenlos Lügen produziert und Dokumente gefälscht werden. Auch die vermeintliche Wahrheit der Einheitspartei anzuzweifeln kommt einem Todesurteil gleich. Smith wird entdeckt, gefoltert und umerzogen in diesem Staat, der seine Bewohner permanent überwacht. Big Brother is watching you, wie es in Ozeanien heißt, wo die Einheitspartei drei Slogans verbreitet: „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“.

Der Meister der Dystopie: George Orwell auf einem undatierten Archivfoto. © Quelle: picture alliance/dpa

Als „1984″ im Juni 1949 in einer beachtlichen Erstauflage von 25.000 Exemplaren erschien, waren die Erinnerungen an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und – in der westlichen Welt – die Furcht vor der Sowjetunion als neuer Weltmacht allgegenwärtig. Den Roman las man damals und in den Folgejahren vor allem als Fanal gegen einen Totalitarismus Stalinscher Prägung. Die UdSSR sahen viele als Regime, das Bewohner bespitzelt, in dem keine Individualität erlaubt ist und in dem Andersdenkende nach Schauprozessen in Lagern verschwinden oder getötet werden.

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Doch Orwells letztes Buch ist mehr als eine literarische Fantasie aus den Nachkriegsjahren. „Der Roman hat sich von den Verhältnissen des Jahres 1948 und auch von seinem Autor längst emanzipiert. Er geistert durch Filme und Zeitungsartikel, er spukt in den Köpfen und lässt uns nicht los“, schreibt Lutz-W. Wolff im Nachwort seiner Neuübersetzung, die vor wenigen Tagen bei dtv erschienen ist. Das Vorwort dazu lieferte Robert Habeck, Co-Vorsitzender der Grünen. Es ist nur eine von mehreren Neuübertragungen des Klassikers.

„Big Brother is watching you“

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Orwells Buch ist längst Teil unseres kollektiven kulturellen Bewusstseins geworden. Den Slogan „Big Brother is watching you“ kennen auch unzählige Menschen, die den Roman nicht gelesen haben. Begriffe wie Neusprech oder Doppeldenk sind in unsere Sprache eingegangen. 1998 hat die in Großbritannien ansässige internationale Organisation Privacy International den Negativpreis Big Brother Award ins Leben gerufen, der an Personen oder Unternehmen geht, die den Datenschutz missachten. In Deutschland wird der Preis seit dem Jahr 2000 vergeben. Im vergangenen Jahr ging er unter anderem an das Innenministerium von Brandenburg, für – wie es in der Begründung hieß – dauerhaftes Speichern von Autokennzeichen.

„1984″ geriet zu unterschiedlichen Anlässen immer mal wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Das war so, als der amerikanische Whistleblower Edward Snowden 2013 die weltweite Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA öffentlich machte. Vor vier Jahren wurde das Buch besonders in den USA zu einem überraschenden Verkaufserfolg, als der damalige US-Präsident Donald Trump und seine Berater gern und oft von „alternativen Fakten“ sprachen und wissenschaftlich Belegtes wie den Klimawandel leugneten. Da fühlten sich viele Menschen an die Wahrheitsverdrehungen in Orwells Roman erinnert. Dort heißt es: „Am Ende würde die Partei behaupten, dass zwei und zwei fünf war, und man würde es glauben müssen … Nicht nur der Wert empirischer Erfahrung, sondern die gesamte Existenz der Außenwelt wurde von ihrer Philosophie stillschweigend geleugnet.“

Romane mit dystopischen Szenarien

Düstere Zukunftsentwürfe wie die Klassiker „1984″, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, Ray Bradburys „Fahrenheit 451″ oder Margaret Atwoods „Report der Magd“, aber auch aktuelle Romane mit dystopischen Szenarien wie Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“ oder Sibylle Bergs „GRM“ haben derzeit besonders viele Leser. Hier finden sie wohl Worte und Bilder für die eigene diffuse Zukunftsangst. Das erklärt womöglich auch den großen Erfolg von Dave Eggers’ 2013 veröffentlichten (und vier Jahre später verfilmten ) Roman „Der Circle“ über die junge Mae, die in einer mächtigen Internetfirma arbeitet. Mithilfe von tragbaren Kameras, die jeder benutzen soll, soll alles Private „transparent“ werden, propagiert die Firma – mit Slogans wie „Geheimnisse sind Lügen“, „Teilen ist heilen“ und „Alles Private ist Diebstahl“. Und das klingt wie eine moderne Version der Losungen aus „1984″.

In Zeiten von sozialen Medien, von Cyberüberwachung und Gesichtserkennungsprogrammen ist vieles von dem, was Orwell vor Jahrzehnten als Fiktion beschrieben hat, längst alltäglich und auf weit höherem technischen Niveau realisiert – zum Beispiel in China. Die Grenzen zwischen Privatheit und (digitaler) Öffentlichkeit sind stärker verwischt, als der Autor sich das wohl jemals hätte vorstellen können. Liest man den Roman, kommt er einem fast schon gespenstisch gegenwärtig vor. „Im Hier und Jetzt beschreibt er die condition humaine im Zeitalter einer medialen Dauerbeanspruchung … einer schon verinnerlichten, technischen, digitalen und moralischen Überwachung“, findet Übersetzer Wolff.

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Dieser kulturpessimistischen Sichtweise muss man sich nicht anschließen. Doch es schaudert einen, wenn Winston Smith nach Folter und Gehirnwäsche alle Fake News der Partei glaubt und schreibt: „2+2=5.“

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