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“Unorthodox”-Regisseurin Maria Schrader: “Ich sorge mich um alle”

  • Regisseurin Maria Schrader spricht im RND-Interview über ihre Serie “Unorthodox” und die Not der Filmbranche.
  • “Es gibt bereits Riesenverluste, und es kann durchaus sein, dass viele Firmen diese Zeit nicht überleben. Ich sorge mich um alle”, sagt Schrader.
  • Filme könnten nicht starten, Dreharbeiten würden gestoppt, für künftige Projekte keine verbindlichen Vereinbarungen getroffen, erklärt die Künstlerin.
Jan Freitag
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Frau Schrader, Sie erzählen in “Unorthodox” die Geschichte einer ultraorthodoxen Jüdin, die ihrer Glaubensgemeinschaft entflieht. Wie wichtig war es, die Rituale einer so abgeschotteten Gruppe möglichst authentisch darzustellen?

Sehr! Rituale bestimmen den Tagesrhythmus, und da ist es so erstaunlich wie beunruhigend, dass diese Gruppe von Menschen inmitten der kapitalistischen Metropole New York nichts von Selbstverwirklichung, Karriere, persönlicher Freiheit wissen will. Die Regeln ihres Lebens bestimmen auch die Hauptfigur Esther und führen dazu, dass sie keinen anderen Ausweg sieht, als zu fliehen. Es braucht großen Mut, alles, was man kennt, zurückzulassen.

Mussten Sie persönlich jemals Willensstärke aufbringen, um sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien?

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Nicht im Geringsten! Für Esther gibt es ja nur eine Zukunftsperspektive: in ökonomischer Abhängigkeit ohne Ausbildung Ehefrau und Mutter zu werden. Ich dagegen bin gegensätzlich aufgewachsen, meine Eltern wollten, dass ich arbeite und unabhängig werde. Da hat es ihnen eher Sorgen bereitet, dass ich Ehefrau und Mutter werden könnte. (lacht) Eine Krise gab’s eigentlich nur, als ich die Schauspielschule abgebrochen habe und der Liebe wegen nach Berlin gezogen bin.

Zu Dani Levy, mit dem Sie später Ihre ersten Filme gedreht haben?

Ja. Im Gegensatz zum Leben von Romanautorin Deborah Feldman verlief mein Leben ganz nach den Vorstellungen meiner Eltern.

Sind Sie zumindest ein wenig mit Konventionen kollidiert, als Sie sich vor zwölf Jahren im männerdominierten Regiefach durchsetzen mussten?

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Das klingt, als hätte ich Pionierarbeit geleistet. (lacht) Es gibt seit vielen Generationen Regisseurinnen, auch wenn sie in der Minderheit sind. Dennoch bin ich bei meiner ersten Regie auf starkes Misstrauen gestoßen, wenn auch nur von Einzelnen. Es ist ja nicht nur eine männerdominierte Branche, sondern auch eine Gesellschaft, in der zumindest ich noch aufgewachsen bin. Aber in den vergangenen Jahren hat es einen Ruck von Bewusstmachung gegeben. Die Verhältnisse ändern sich, wenn auch langsam.

Warum sind Sie von der israelisch-jüdisch-deutschen Geschichte so sehr fasziniert?

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Als ich mit 14 erstmals von zu Hause weg war, habe ich an einem Jugendaustauschprogramm in Israel teilgenommen und dort auch das erste Mal Theater gespielt. Natürlich ging es auch um deutsch-jüdische Vergangenheit, aber es war vor allem eine Gruppe Jugendlicher, ein erster Joint, nachts Musik, man kann sich das ja vorstellen. Es war also nicht die Faszination fürs Judentum, sondern einfach Leute, Normalität. So gesehen hat dieses Programm sein Ziel erreicht. Und so würde ich auch die Impulse für Projekte beschreiben: Aus Begegnungen, Geschichten, Erlebnissen wächst Interesse.

Was durch Ihre langjährige Beziehung zu Dani Levy noch verstärkt wurde?

Wir beschäftigten uns beide mit Identität, Herkunft, Familie. Und sicherlich beziehen sich die Angebote an mich auch auf vorangegangene Projekte wie unseren Thriller “Meschugge”, der das vererbte Trauma zwischen New York und Deutschland behandelt. Nach unserer gemeinsamen Arbeit an der Serie “Deutschland 83/86” hatten Anna Winger …

... die Showrunnerin von “Unorthodox” ...

... und ich schon länger den Plan, auch mal in dieser Konstellation zusammenzuarbeiten. Sie hat mir das Buch von Deborah Feldman in die Hand gedrückt und die Regie angeboten. Darüber freue ich mich noch heute.

Umso mehr vermutlich, als Sie nicht für die wegen der Corona-Krise weltweit nun geschlossenen Kinos, sondern für Netflix gedreht haben.

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(lacht) Tja, klar. Wenn ich es richtig verstanden habe, wurde schon der Trailer häufiger angeklickt als üblich. Wenn die Leute zu Hause bleiben, profitieren die Streamingdienste, aber fürs Kino ist das tragisch – was wiederum alle betrifft. Denn viele kommen definitiv in existenzielle Schwierigkeiten.

Sorgen Sie sich um Einzelexistenzen oder um die Branche insgesamt?

Um beides. Filme können nicht starten, Dreharbeiten werden gestoppt, für künftige Projekte keine verbindlichen Vereinbarungen getroffen, und wenn wir wieder arbeiten, wird es Staus und Kollisionen geben. Es gibt bereits Riesenverluste, und es kann durchaus sein, dass viele Firmen diese Zeit nicht überleben. Ich sorge mich um alle.

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