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Unglaublich: Was machen denn Touristen vor dem Brandenburger Tor?

  • Der Schriftsteller Wladimir Kaminer wirft einen ganz besonderen Blick auf unsere Gegenwart.
  • In seiner RND-Kolumne hält er seine feinen Beobachtungen in kleinen Satiren fest.
  • In dieser Woche geht es um echte Touristen, die in Berlin sind.
Wladimir Kaminer
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Langsam trauen sich die Menschen wieder raus. Als Erstes kamen die Fassbiertrinker, die Avantgarde unserer Zivilisation, die frisch getesteten Ganztagskonsumenten schnuppern in den Shoppingzentren herum, und die ersten Touristen rollen ihre Koffer wieder über die Straßen Berlins.

Japaner gesichtet!

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Darf man schon wieder reisen? Na klar, mit einem frischen Test und einer Einreiseanmeldung, möglicherweise ohne danach in Quarantäne gehen zu müssen. Bereits kurz vor Pfingsten sah ich eine echte japanische Reisegruppe, mit Fotoapparaten und einer kleinen Fahne, wie in alten Zeiten. Ich traute meinen Augen nicht, ich dachte, das wären Komparsen in einem Corona-Warnfilm, aber nein, die Touristen waren real.

Video
Niederländische Touristen zum Testurlaub auf Rhodos
1:51 min
Der Testurlaub soll Aufschlüsse darüber geben, wie der Urlaub trotz der Corona-Pandemie sicher sein kann.  © Reuters

Sie standen vor dem Brandenburger Tor. Die Velorikschas, der Bratwurstverkäufer, die Eisverkäuferin, die Taxifahrer, alle starrten die Japaner an. Geht es jetzt los? Scheu und unsicher zückte ein Japaner seine Spiegelreflexkamera, seine Landsleute bauten sich zum Gruppenbild vor dem Tor auf. Wir schauten alle wie gebannt hin.

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Wir wussten natürlich nicht, ob das die echten Japaner aus Japan oder nur die ausgeliehenen aus München oder Düsseldorf waren, ob Fernflüge schon möglich sind, ob sie vielleicht gar keine Touristen sind, sondern bloß Virologen im Austauschprogramm, und trotzdem starrten alle die Japaner an, als wären sie Gäste aus einer anderen Zeit. Alle warteten gespannt auf das Auslösergeräusch der Kamera, als würde es uns allen einen Startschuss geben und eine neue Ära würde beginnen, genauso schön wie die alte, nur besser. Die Kamera hat leise geknackst, und sofort fing es zu regnen an.

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Wladimir Kaminer schreibt jede Woche aus seinem Alltag als Schriftsteller – zwischen Moskau und Berlin.

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