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Premiere von Giacomo Puccinis „Turandot“

Debüt als Opernregisseur: Ai Weiwei und die Liebe in Zeiten des Krieges

Der chinesische Künstler Ai Weiwei.

Rom. Zwölf Stunden, bevor im Teatro dell‘Opera der Vorhang fiel, hatte es in Rom schon einmal in einem theaterähnlichen Ambiente Applaus gegeben: Der ukrainische Präsident und ehemalige Schauspieler Wolodymyr Selenskyj hatte sich am Vormittag in einer Videoschalte mit einem dramatischen Appell an das italienische Parlament gewendet und Hilfe für sein Land erbeten. Dass die Premiere von Ai Weiweis „Turandot“ in Rom auf denselben Tag fiel wie der virtuelle Auftritt des ukrainischen Präsidenten vor dem Parlament, war natürlich ein Zufall. Bei der Planung des Stücks war auch nicht vorauszusehen gewesen, dass bei der Premiere wieder ein mörderischer Krieg wüten sollte: Die Premiere war schon für 2020 geplant gewesen; sie ist aber durch die Pandemie um zwei Jahre verzögert worden.

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Es war somit nicht die russische Invasion in der Ukraine gewesen, der die Leitung des Teatro dell‘Opera dazu bewogen hatte, die musikalische Leitung der ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniw zu übertragen und auch die Titelrolle der Puccini-Oper, jene der chinesischen Prinzessin Turandot, mit einer Künstlerin (Oksana Dyka) aus dem kriegsversehrten Land zu besetzen. Aber der aufgrund von künstlerischen Kriterien erfolgte Entscheid verleiht „Turandot“ nun eine zusätzliche politische Brisanz.

„Am Ende ist die Liebe, die mehr als alles andere zählt“

Der Krieg zieht sich wie ein roter Faden durch die Inszenierung von Ai Weiwei – und mit dem Krieg das Drama der Geflüchteten, der Isolation, des Hasses, der Zerstörung. Das Bühnenbild wird eingerahmt und geprägt von Ruinen des antiken Roms und einer stilisierten Weltkarte; auf den Hintergrund projiziert der 64-jährige chinesische Konzeptkünstler, Bildhauer, Autor und Aktivist Videobilder von Menschen in Schutzanzügen in der Covid-Geisterstadt Wuhan, von Flüchtlingslagern in der syrischen Wüste, von Polizisten und Soldaten, die im Jahr 2019 die demokratischen Proteste in Hongkong niederknüppeln.

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Sein Bühnenbild mit den Ruinen des antiken Roms, betonte Ai Weiwei vor der Premiere in einem Interview, verweise „auf die heutige Welt, die mit Kriegen ihre eigene Vergangenheit zerstört und diese damit für immer verlieren wird“. Die Oper könne ein Mittel sein, den „Wert des Friedens zu verteidigen“. Gleichzeitig sei das letzte Werk Puccinis – der italienische Komponist verstarb 1924 vor dessen Vollendung – „eine Interpretation der puren Liebe, die zur Selbstaufopferung führt“. Der Freitod der Sklavin Liù, die sich im letzten Bild ein Schwert ins Herz rammt, um dem von ihr heimlich und verzweifelt geliebten Prinzen das Leben zu retten, ist laut Ai eine Hommage Puccinis an den „Kraftakt einer Person, die etwas eigentlich Unmögliches versucht“.

Auch für die musikalische Leiterin Oksana Lyniw, geboren 1978 in der Kleinstadt Brody unweit von Lwiw im Westen der Ukraine, besteht die wichtigste Botschaft der Puccini-Oper letztlich darin, „dass es am Ende die Liebe ist, die mehr als alles andere zählt“. In „Turandot“ erlebe man extreme Kontraste: auf der einen Seite die „unmotivierte Grausamkeit und Gewalt“ der Titelheldin Turandot, auf der anderen Seite „die menschliche Zerbrechlichkeit und die Bereitschaft, sich für den Geliebten zu opfern“. Es sei emblematisch, dass das Werk mit der Szene ende, in welcher sich Liù, „das Symbol der Empathie“, das Leben nehme.

Teatro dell’Opera war gelb-blau angestrahlt

Oksana Lyniw ist schockiert und aufgewühlt über das, was in ihrer Heimat passiert. Sie hatte in Leopoli studiert und zu Beginn ihrer Karriere als Dirigentin im Theater von Odessa gewirkt. „In den Theatern arbeiten heute Zivilisten für die Armee, basteln Molotow-Cocktails und nähen statt Kostümen Uniformen für die Soldaten. In Leopoli wurden die Stühle aus dem Saal entfernt, um eine Geburtsabteilung einzurichten; die Musiker und Tänzer sind in den Krieg gezogen“, berichtet die Dirigentin, die täglich in Kontakt mit Familienangehörigen in der Heimat steht und zum Schlussapplaus mit einer Schärpe in den ukrainischen Nationalfarben auf die Bühne geklettert ist. „Putin“, sagt Oksana Lyniw, „will unser Land vernichten“.

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Aufgewühlt war auch das Römer Premierenpublikum im gelb-blau angestrahlten Teatro dell’Opera. Der Applaus war nicht so tosend, wie er zwölf Stunden zuvor im Parlament gewesen war – aber das lag nicht an der mangelnden Qualität des Dargebotenen. Im Gegenteil: Die Inszenierung von Ai Weiwei war so eindringlich und beklemmend aktuell, dass sich eine begeisternde Ovation, die durchaus gerechtfertigt gewesen wäre, ganz einfach verbot. „Ich werde dir folgen, um mich zu dir zu setzen in dieser Nacht, die keinen Morgen kennt“, trauerte in der Schlussszene der alte Tatarenkönig Timur, der im Krieg sein Reich und zuletzt auch seine treue Sklavin Liù verloren hat. Mit der Trauer und dem Weltschmerz Timurs verließen in der Dienstagnacht auch die meisten Zuschauer das Teatro dell’Opera.

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