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Tränen bei der Berlinale: Der iranische Film “Es gibt kein Böses” gewinnt den Goldenen Bären

  • Das iranische Episodendrama “Es gibt kein Böses” über die Todesstrafe wird mit dem Goldenen Bären gewürdigt.
  • Regisseur Mohammad Rasoulof durfte am Samstag zur Preisvergabe nicht aus dem Iran anreisen.
  • Die Deutsche Paula Beer wird als beste Schauspielerin für ihre Rolle als moderner Wassergeist im Film “Undine” geehrt.
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Seltsam bekannt kam einem die Szene vor: Schon 2015 gewann ein iranischer Regisseur, damals Jafar Panahi, den Goldenen Bären – und durfte nicht nach Berlin reisen. Damals nahm seine kleine Nichte weinend den Preis entgegen. Am Samstagabend wiederholte sich dieser Moment: Mohammad Rasoulof saß fest im Iran, als sein Film „Es gibt kein Böses“ mit dem Hauptpreis der 70. Berlinale geehrt wurde.

Das iranische Regime hat Rasoulof den Reisepass abgenommen – zudem ist er zu einer noch nicht angetretenen Haftstrafe verurteilt. Und dieses Mal hielt seine Tochter in Berlin die Trophäe in die Luft.

„Ich bin sehr traurig, denn dieser Preis ist für einen Filmemacher, der heute nicht hier sein kann“, rief Baran Rasoulof. Sie spielt in dem Episodenwerk mit – als eine Tochter, die von ihrem Vater getrennt in Deutschland lebt, weil dieser seinen politischen Überzeugungen treu geblieben ist.

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Genauso verhält es im Rasoulofs Fall: Der 48-Jährige war 2017 in den Iran zurückgeflogen, um unbeirrt mit seiner Arbeit gegen das Regime zu protestieren. Er hat einen Spielfilm über die Todesstrafe gedreht, die in seinem Land so häufig verhängt wird wie in kaum einem anderen.

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Einige Gesichter der Filmcrew im Berlinale-Palast waren am Samstag denn auch tränenfeucht: Die Parallele zwischen Fiktion und Leben war offenkundig.

Der iranische Produzent Kaveh Farnam hielt die bewegendste Rede des Abends: „Dieser kleine Freund hier, der Goldene Bär, wird bald in mein Land reisen und er wird Mohammad sagen, du bist nicht allein. Und Mohammad wird ihm zeigen, wie viele freundliche und friedliche Menschen es im Iran gibt.“ Mauern könnten „Ideen, den Glauben oder die Liebe“ nicht aufhalten.

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„Es gibt kein Böses“ handelt von der Verantwortung des Einzelnen. Die Filmfiguren müssen sich entscheiden, wie sie sich zur Todessstrafe verhalten. Sind etwa die Kriegsdienstleistenden in einem Exekutionskommando bereit, den Schemel umzustoßen, auf dem ein Todeskandidat mit dem Strick um den Hals steht? Die Botschaft des aufwühlenden Films lautet: Der Preis ist hoch, aber man kann Nein sagen.

In einem Wettbewerb, der keinen eindeutigen Favoriten kannte, ist Rasoulofs Film eine plausible Wahl. Zugleich aber war es eine Entscheidung, wie sie auch in der Ära des nicht ganz freiwillig in den Ruhestand verabschiedeten Berlinale-Chefs Dieter Kosslick gepasst hätte.

Kosslick stand in der Kritik, politische Statements über die Kunst zu stellen. Und nun wird im Jahr des Aufbruchs unter der neuen Doppelspitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek schon wieder ein eminent politisches Werk ausgezeichnet.

Das gilt ebenso bei der zweitwichtigsten Ehrung, dem großen Jury-Preis für das sensible Drama „Never Rarely Sometimes Always“: Eine schwangere 17-Jährige fährt aus der Provinz nach New York, um ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung durchzusetzen und das Kind abtreiben zu lassen. US-Regisseurin Eliza Hittman bedankte sich bei all jenen Organisationen, „die Menschen schützen, die einen Uterus haben“.

Und die Deutschen? Paula Beer darf sich über den Darstellerinnen-Preis als moderne Nixe in „Undine“ (Regie: Christian Petzold) freuen. Und doch: Der spektakulärere und mutigere deutsche Film war die Verlagerung von „Berlin Alexanderplatz“ in unsere Gegenwart. Burhan Qurbanis wuchtiges Werk über einen afrikanischen Flüchtling namens Francis ging jedoch leer aus.

Bei den Männern gewann der Italiener Elio Germano für die Darstellung eines drangsalierten Außenseiters. In „Hidden Away“ spielt er den Maler Antonio Ligabue - mit so viel animalischer Leidenschaft, dass er von Berlinale-Beginn an als heißer Kandidat gehandelt wurde.

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Auch die meisten anderen Ehrungen dürften kaum Widerspruch hervorrufen – weder der Regiepreis für den Koreaner Hong Sangsoo für seinen Frauenfilm „The Woman Who Ran“ noch der Drehbuchpreis für die italienischen D’Innocenzo-Brüder für das düstere Drama „Favolacce“ noch der zum 70. Berlinale-Geburtstag ausgelobte Preis für die Komödie „Effacer l’historique (Regie: Benoît Delépine und Gustave Kervern) über den ganz normalen digitalen Wahnsinn.

Anders sieht das aus mit dem Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung: Dieser wurde dem aus Hannover stammenden Kameramann Jürgen Jürges zugesprochen, eine Regielegende, die schon mit Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders gearbeitet hat.

Jürges hatte das skandalträchtige russische Werk „Dau.Natasha“ über eine Art stalinistisches „Big Brother“-Camp gefilmt, in dem eine Frau Fürchterliches erleiden muss. Wollte die Jury um ihren umstrittenen Präsidenten Jeremy Irons so ihre künstlerische Unbestechlichkeit beweisen?

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Insgesamt aber ist die 70. Berlinale mit einer plausiblen Bären-Auslese zu Ende gegangen. Unkompliziert war die Premiere für das neue Führungsduo nicht, das kurz vor Festivalstart mit der NS-Vergangenheit des Berlinale-Gründungsdirektors Alfred Bauer konfrontiert worden war. Spätestens bei der 71. Berlinale 2021 wird dieses Thema wieder auf den Tisch kommen.egenwind zu spüren.

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