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  • Todestag von Napoleon: Vergiftung als Todesursache laut Historiker Thomas Schuler

Historiker: „Napoleon wurde vergiftet“

  • Heute vor 200 Jahren starb Napoleon in der Verbannung auf St. Helena. Als Todesursache wird zumeist Magenkrebs angegeben.
  • Aber der Historiker und Napoleon-Experte Thomas Schuler ist sich sicher: Der Kaiser der Franzosen wurde mit Arsen vergiftet.
  • Auch eine Idee vom Täter hat Schuler.
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Am 5. Mai 1821 starb Napoleon auf St. Helena. Wie stand es damals um seine Gesundheit?

Als Napoleon auf St. Helena im Oktober 1815 ankam, war er bei bester Gesundheit. Seine Gesundheit war ja legendär. Er hat halb Europa durchritten, konnte stundenlang im Sattel sitzen und war zeit seines Lebens kerngesund. Und in der Anfangszeit auf St. Helena blieb das auch noch so. Ab Mitte 1816 aber ging es Napoleon schrittweise immer schlechter, ab 1819/1820 dann richtig schlecht. Und am 5. Mai 1821 stirbt er.

Wie starb Napoleon?

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Er wurde vergiftet, mit Arsen. Auch wenn die herrschende Lehrmeinung seit zwei Jahrhunderten von einem natürlichen Tod ausgeht, sprechen die Fakten und die Quellen doch eine andere Sprache.

Welche Belege haben Sie dafür?

Mehreres spricht dafür. Zum einen hat der schwedische Forscher Sten Forshufvud bereits Anfang der Sechzigerjahre mit einer damals neuen Methode toxikologische Untersuchungen unternommen. Er hatte 21 verschiedene Haarproben von Napoleon zur Verfügung, die alle aus der Zeit zwischen 1815 und 1821 stammen. Forshufvud hatte diese Proben nahezu alle von direkten Nachfahren Napoleons erbeten, die weltweit von Australien und der Schweiz über New York und London bis in Paris leben. Die Vorfahren dieser Menschen hatten vor 200 Jahren jeweils eine Locke von Napoleon bekommen.

In Haarproben fand sich eine vier- bis 65-fach erhöhte Arsenkonzentration

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Was hat er mit diesen Haaren gemacht?

Er hat sie anonym an gerichtsmedizinische Institute zur Untersuchung geschickt. Die Institute wussten also nicht, wessen Locken sie da untersuchen sollten. Und das Ergebnis dieser 21 Haarproben war eine vier- bis 65-fach erhöhte Arsenkonzentration.

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Kann man denn überhaupt wissen, dass diese ganzen Haarproben von Napoleon stammten?

Mit genau dieser Frage wurde die These einer Vergiftung Napoleons bei einer Pressekonferenz 2002 in Paris vom Tisch gewischt. Auch Sten Forshufvud hatte sich darüber zuvor Gedanken gemacht und damals betont, dass man nicht mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass diese Haare von Napoleon stammen. Aber es ist wissenschaftlich zu 100 Prozent nachweisbar, dass alle 21 Haarproben von ein und derselben Person stammen. Denn die Struktur des menschlichen Haares ist genauso individuell wie ein Fingerabdruck. Und wenn diese Haare zwar von ein und derselben Person, aber nicht von Napoleon waren, hätten die Nachfahren von Napoleon von Australien bis New York Haare von ein und derselben falschen Person gehabt. Und da sagt mein gesunder Menschenverstand: Das ist mehr als unwahrscheinlich.

Sie sagten, dass mehreres für die Vergiftungsthese spricht. Was noch?

Was auf jeden Fall Beweiskraft hat, sind die Symptome. Napoleon zeigte von Mitte 1816 an 31 von 33 bekannten Symptomen einer Arsenvergiftung. Darunter sind zwar Symptome, die es bei anderen Erkrankungen auch gibt, aber eben auch Symptome, die ausschließlich bei einer Arsenvergiftung auftreten. Und die definitiv nicht zu einer Magenkrebserkrankung gehören, die ja heute zumeist als Todesursache angesehen wird.

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Was sind das für Symptome?

Zum Beispiel Lichtempfindlichkeit, unter der Napoleon nachweislich litt. Dann gehört dazu auch Taubheit, auch da gibt es zahlreiche Quellenbelege. Das sind beides Symptome, die nicht zu einem Magenkrebs gehören. Auch Fettleibigkeit ist zu nennen, Napoleon ist nach 1816 richtig dick geworden. Ein Engländer sagte sogar, er sei dick geworden „wie ein Porzellanschweinchen“. Auch die Dauer der Erkrankung spricht dagegen, dass es ausschließlich Magenkrebs war.

Inwiefern?

Wenn Sie einen Internisten fragen, wie lang eine Magenkrebserkrankung durchschnittlich dauert, wird er sagen: Der Verlauf von der Diagnose bis zum Ableben ist in der Regel ein Jahr, alles darüber hinaus ist die Ausnahme. Wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass Napoleon bereits ab Mitte 1816 krank war, also letztlich bis zu seinem Tod mehr als vier Jahre vergingen, dann passt das schlicht und einfach nicht zum Krankheitsverlauf eines Magenkrebses.

„Eine chronische Arseneinnahme kann krebsauslösend sein“

Aber zweifeln Sie an, dass Napoleon Magenkrebs hatte?

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Nein, ich bestreite nicht – und niemand bestreitet es –, dass Napoleon unter Magenkrebs litt. Das ist ja durch vier Autopsieberichte bestätigt. Diese Krebsgeschwüre waren da, aber eben ausgelöst durch eine kontinuierliche Arsenzufuhr. Sie finden in jedem Lehrbuch über Toxikologie, dass eine chronische Arseneinnahme krebsauslösend sein kann.

Das heißt, er ist an Magenkrebs gestorben, der wiederum durch eine Arsenvergiftung verursacht wurde?

Ja. Aber entscheidend ist, dass Napoleons letztendlicher Tod weder durch das Arsen noch durch die Magengeschwüre verursacht wurde, sondern durch ein Medikament. Auf den Rat Montholons hin wurde Napoleon am 3. Mai 1821 Kalomel verabreicht, ein an und für sich harmloses Abführmittel. Napoleon hat es allerdings in zehnfacher Dosis bekommen – gegen den Willen seines Leibarztes Antommarchi –, und das hat diesem geschwächten und todkranken Mann nachweislich den letzten Stoß gegeben. Gegen die Verabreichung einer weiteren, zehnfach überhöhten Dosis konnte Antommarchi nur mit Müh und Not erfolgreich Einspruch einlegen. 48 Stunden später war der Kaiser in seinem abgedunkelten Zimmer in Longwood tot.

Als Gegenargument gegen die Vergiftungstheorie wird häufig genannt, dass das Arsen, das in Napoleons Haaren gefunden wurde, aus den Tapeten in Longwood House stammt oder dass – wie damals üblich – die Haare des Verstorbenen mit Arsen konserviert wurden.

Ich fange mal mit der Tapetentheorie an: Ein Stück der Originaltapete, die ein Souvenirjäger 1825 aus dem Sterbezimmer in Longwood House mitgenommen hatte, wurde 1980 untersucht. Daher wissen wir, dass die Tapete 120 Milligramm Arsen pro Quadratmeter beinhaltete. Durch Tapetenausdünstungen soll dieses Arsen in Napoleons Körper gekommen sein. Gegen diese Deutung hat der Straßburger Toxikologe Pascal Kintz 2019 Widerspruch eingelegt.

Wie hat er das begründet?

Der französische Wissenschaftler hat durch aufwendige Laboruntersuchungen festgestellt, „dass es sich beim Arsen in Napoleons Haar zu 97 Prozent um mineralisches und nicht um organisches Arsen handelt“. In den Tapeten befand sich aber organisches Arsen. Außerdem spricht dagegen, dass die französischen Offiziere aus der Entourage Napoleons wie Gourgaud und Montholon sowie dessen Frau in benachbarten Zimmern, also mit derselben Tapete an der Wand, geschlafen haben. Und die sind nicht erkrankt und haben noch über 30 Jahre lang gelebt. Gemäß den Gesetzen der Logik hätten die Menschen, die in Zimmern mit denselben Tapeten jahrelang genächtigt haben, genauso krank werden müssen.

Wer war der Täter?

Und was ist mit der Konservierung?

Diese Theorie sagt, dass das Arsen nachträglich auf Napoleons Haar aufgetragen worden ist, um es besser zu konservieren. Pascal Kintz widerlegt auch die Konservierungstheorie. Denn man kann laut Kintz „mit Aceton äußerlich aufgebrachtes Arsen ablösen, aber Napoleons Arsen steckte nachweislich in seinem Haar. Das Gift kann also nur durch die Aufnahme über den Magen in die innere Struktur der Haare gekommen sein.“

Wenn Napoleon vergiftet wurde: Wer kommt dann als Täter infrage?

Das ist natürlich eine sich folgerichtig zwingend aufdrängende Frage. Wenn faktisch erwiesen ist, dass Napoleon vergiftet wurde – und das ist es meines Erachtens durch die Haaruntersuchungen, durch die 31 Symptome und weil man die vielen Gegenthesen schlicht und einfach wissenschaftlich widerlegen kann, erwiesen – stellt sich die dringende Frage: Wer war’s? Es gab 51 Bedienstete, die Napoleon umgaben, darunter drei Offiziere und einen Zivilisten namens La Cases, die in der sozialen Hierarchie ganz oben standen und gemeinsam mit zwei Ehefrauen mit Napoleon an einer Tafel sitzen durften. Zwei dieser Männer haben St. Helena 1816 beziehungsweise 1818 verlassen. Der dritte, General Bertrand, war war ein Napoleon tief verbundener, treuer Gefolgsmann, und das über Jahrzehnte. Und er war der einzige der Vier, der gar nicht in Longwood gewohnt hatte, sondern ein paar Kilometer weiter.

Bleibt Nummer vier, Charles-Tristan de Montholon.

Ja, und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen war er ein zwielichtiger Charakter, was die anderen alle nicht waren. Er fälschte seine Biografie, stahl Geld aus einer Regimentskasse und war ein Glücksspieler. Als sich Napoleon mit seiner Entourage – darunter Montholon – aus Paris aufbricht und auf St. Helena landet, ist der Offizier mittellos. Auf der im Südatlantik weit abgelegenen Insel gelingt es ihm dann nach und nach, zu Napoleons engstem Vertrauten zu werden. Am Schluss nennt Napoleon ihn „meinen Sohn“. In der ersten Fassung von Napoleons Testament wird Montholon 1819 mit 50.000 Francs bedacht. Als Napoleon merkt, dass es mit ihm im Frühjahr 1821 zu Ende geht, lässt er sich sein erstes Testament bringen, lässt es in den Kamin werfen und diktiert Montholon ein neues Testament. Und in diesem gültigen und im französischen Nationalarchiv einsehbaren Testament wird Montholon zum Haupterben eingesetzt - mit zwei Millionen Golfdfrancs von zur Verteilung stehenden 4 Millionen.

Es ging um viel Geld

Montholon wollte also an Napoleons Geld?

Ja, er hat seit seiner mittellosen Ankunft auf St. Helena systematisch darauf hingearbeitet. Und es ist Fakt, dass er als Erbe mit zwei Millionen Francs eingesetzt war und dieses Geld auch bekommen hat.

Ist mal diskutiert worden, Napoleons Leiche zu exhumieren und mit den heutigen Möglichkeiten den Körper nach Giftspuren zu untersuchen?

Eine solche Untersuchung und neuerliche Autopsie der Leiche, die ja im Invalidendom in Paris erhalten ist, würde natürlich die letztendliche Antwort geben. Schon in den 1960er-Jahren hat der Leiter des Pariser Polizeilabors in der französischen Presse gefordert, Napoleon zu exhumieren. Später bot der kanadische Napoleon-Forscher Ben Weider dem französischen Staat eine halbe Million Dollar an, um die Kosten der Öffnung des 13-Tonnen schweren Sarkophags und der Untersuchung des Leichnams zu decken. Beide Ansinnen wurden abgelehnt. Da dem Innersten der Särge bei der Beisetzung 1821 eine versiegelte Urne mit dem in Weingeist eingelegten Herz und Magen Napoleons beigegeben worden war, würde eine Autopsie des luftdicht verschlossenen Leichnams mit den medizinischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zweifelsfrei ultimative Klarheit über die Todesursache bringen. Und sie würde mit höchster Wahrscheinlichkeit zeigen, dass sich Generationen von Historikern zwei Jahrhunderte lang mit ihrer Theorie eines natürlichen Todes Napoleons geirrt haben. Allerdings glaube ich nicht, dass wir eine solche Autopsie zu unseren Lebzeiten erleben werden. Das Interesse an der historischen Wahrheit ist einfach nicht stark genug.

Thomas Schuler ist Historiker und Napoleon-Experte. Für sein letztes Buch «Auf Napoleons Spuren. Eine Reise durch Europa» reiste er mehrere Jahre von Trafalgar bis Moskau zu den historischen Originalschauplätzen (Verlag C. H. Beck, Neuauflage 2021). www.aufnapoleonsspuren.de

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