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Mit 90 Jahren gestorben

Mahner und Gentleman: Zum Tod von Schauspieler Michael Degen

Michael Degen ist mit 90 Jahren gestorben.

Michael Degens Paraderolle war zuletzt die des eitlen Vice Questore Giuseppe Patta. Wem der Name nichts sagt: Das ist der trottelige Vorgesetzte von Commissario Brunetti in der ARD-Reihe „Donna Leon“. Der Commissario nahm diesen gockeligen Chef nicht ernst, und auch sonst tat das niemand – erst recht nicht der sonst so versierte Schauspieler Degen. Das ließ sich aus seiner bewusst übertriebenen Spielweise herauslesen.

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„Ich vermisse ihn nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich ihn besonders mag“, sagte er 2019, als er sich endgültig von diesem aufgeblasenen venezianischen Staatsdiener verabschiedete. Am Samstag ist der Schauspieler und Buchautor Degen im Alter von 90 Jahren in Hamburg gestorben, dessen Rollenrepertoire so viel differenzierter war, als es wohl mancher Fernsehzuschauer vermutet.

300-mal spielte Degen den „Hamlet“

Allein 300-mal spielte Degen den „Hamlet“. Er stand auf den bedeutendsten deutschsprachigen Theaterbühnen und inszenierte mit Peter Zadek, George Tabori und Claude Chabrol. Aber er wusste auch, dass das „Geld irgendwo ja herkommen“ muss. Vier Kinder aus zwei Ehen galt es zu versorgen, wie er gern süffisant anmerkte.

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Degen schreckte nicht vor Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen zurück und trat genauso in Serien wie „Traumschiff“, „Tatort“ oder „Diese Drombuschs“ auf. Er fand an mancher Rolle Spaß, solange sie ihn nur nicht allzu sehr langweilte. Der elegante Darsteller mit den markanten Gesichtszügen bereicherte noch jede Nullachtfünfzehn-Produktion mit einem Auftritt als perfekter Gentleman.

Degen im Einsatz gegen Rechtsextremisten

Bei allen Erfolgen als Schauspieler verfolgte Degen ein für ihn noch wichtigeres Projekt. Den Großteil seines Lebens arbeitete er daran, Deutschland widerstandsfähig gegen das Wiedererstarken der Rechtsextremisten zu machen.

Dass er sich dieser Aufgabe annahm, war alles andere als selbstverständlich: Nur knapp war der 1932 in Chemnitz als Sohn eines Sprachenprofessors und Kaufmanns russisch-jüdischer Herkunft Geborene der Deportation nach Auschwitz entronnen.

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Sein Vater war 1939 in das KZ Sachsenhausen verschleppt und dort beinahe zu Tode geprügelt worden. Bald nach seiner Entlassung starb er. Degen überlebte den Zweiten Weltkrieg zusammen mit seiner Mutter Anna im Versteck in einer Ostberliner Laubenkolonie, unterstützt von mutigen Freunden. Über diese Zeit schrieb er 1999 seine anrührende Autobiografie „Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin“, die zum Bestseller und für die ARD verfilmt wurde.

Im Versteck lerne Degen „Faust“ auswendig

In seinem Berliner Versteck hatte er Goethes „Faust“ auswendig gelernt und sich mit diesem Text nach dem Krieg erfolgreich am Deutschen Theater beworben. Eindrucksvoller lässt sich seine Liebe zur deutschen Sprache nicht beschreiben. Ohne sie hätte er diesem Land vermutlich bald nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig den Rücken gekehrt.

1949 ging Degen auf Wunsch seiner Mutter nach Israel, fand dort seinen Bruder wieder, diente in der Armee und spielte in Tel Aviv Theater. Auch darüber schrieb er ein Buch: „Mein heiliges Land“.

Degen fehlte seine Muttersprache

Aber ihm fehlte seine Muttersprache, und so kehrte er schon zwei Jahre später zurück. Bertolt Brecht holte ihn 1954 ans Berliner Ensemble. Von da blieb er dem Theater treu. Er liebte Shakespeare, Molière und Brecht. „Ohne Theater kann ich nicht sein“, sagte er. Er spielte einen jüdischen Lageraufseher in Zadeks „Ghetto“ und wirkte mit in Taboris „Kannibalen“, in dem verhungernde KZ-Häftlinge einen Leidensgenossen erschlagen und essen wollen. Im Fernsehzweiteiler „Geheime Reichssache“ (1988) verwandelte er sich gar in Adolf Hitler.

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Ohne Theater kann ich nicht sein.

Michael Degen,

Schauspieler

1986 verwüsteten Neonazis Degens Hamburger Wohnung und überzogen ihn mit Morddrohungen. Er hatte gegen ein Treffen von SS-Veteranen protestiert. Dieser Vorfall muss ihn schwer verletzt haben.

Bitteres Fazit zum Lebensende

Gegen Ende seines Lebens zog Degen jedenfalls ein bitteres Fazit: „Dass junge deutsche Juden wieder um ihr Leben fürchten müssen, dass Antisemitismus und Rassismus nicht zu tilgen sind, lässt mich mit ohnmächtiger Wut zurück.“ Er habe mit Rollen, mit Büchern und in Interviews versucht, „meinen Teil dazu beizutragen, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen und sie zum (Um)Denken zu bewegen“, so Degen.

Dass junge deutsche Juden wieder um ihr Leben fürchten müssen, dass Antisemitismus und Rassismus nicht zu tilgen sind, lässt mich mit ohnmächtiger Wut zurück.

Michael Degen

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„Aber ich bezweifle, dass es etwas genützt hat. Glauben Sie mir, das ist keine befriedigende Bilanz nach 90 Jahren Leben.“ Die zahlreichen Trauerbekundungen zum Tod dieses Mahners und Gentleman zeigen, dass sein Engagement wohl doch nicht vergebens war.

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