• Startseite
  • Kultur
  • „Titane“ startet im Kino – der Cannes-Sieger bietet zärtlichen Horror

„Titane“ startet im Kino – der Cannes-Sieger bietet zärtlichen Horror

  • Julia Ducournau spielt in ihrem Film „Titane“ (Kinostart am 7. Oktober) mit dem Subgenre des Body Horrors, in dem der menschliche Körper radikale Veränderungen erfährt.
  • Damit wurde sie – 28 Jahre nach Jane Campion – die zweite Frau, die in Cannes die „Goldene Palme“ bekam.
  • Die Regisseurin entzieht sich geschickt den üblichen Erwartungen an Slasher- oder Serienkillerfilme.
|
Anzeige
Anzeige

Vielleicht liegt es an der Titanplatte, die in Alexias Kopf seit einem von ihr selbst verursachten Autounfall steckt. Vielleicht hat das Mädchen aber auch schon zuvor Maschinen mehr geliebt als Menschen.

Das Auto ist Alexia lieber als die eigenen Eltern

Liebevoll streicht Alexia jedenfalls just nach der Entlassung aus dem Krankenhaus über das Metall des mit ihr verunfallten Familienautos und drückt dem Gefährt einen dicken Schmatzer auf die Seitenscheibe. Zu dem Wagen scheint sie eine engere Bindung zu haben als zu ihren Eltern, die aus ein paar Metern Entfernung dem seltsamen Treiben ihrer Tochter zuschauen.

Anzeige

Wer in diesen Anfangsszenen von „Titane“ noch glaubt, es hier womöglich mit den Gefühlsverwirrungen einer Pubertierenden zu tun zu haben, ist schief gewickelt. Die französische Regisseurin Julia Ducournau, geboren 1983, spielt mit Genres, zuallererst mit dem des Body Horrors, in dem der menschliche Körper radikale Veränderungen erfährt. Ducournau stellt zugleich Fragen nach Identität und Geschlecht, wie sie aktueller kaum sein könnten. Spielerisch befreit sie sich mit ihrem Cannes-Sieger-Film aus allen gängigen Kinoschubladen.

Schon Julia Ducournaus erster Film sorgte für Aufsehen

„Titane“ ist Ducournaus erst zweiter Kinofilm nach der Horrorfarce „Raw“ (2016) über eine junge Vegetarierin – und auch der sorgte bereits für Aufsehen: Eine Studentin der Tiermedizin entwickelt eine immense Lust auf Menschenfleisch, nachdem sie eine rohe Hasenniere als Initiationsritus an ihrer Uni hat verspeisen müssen. Schon in diesem Film entzog sich die Regisseurin den üblichen Erwartungen an Slasher- oder Serienkillerkinoware.

Nun gelang Ducournau der Sprung in den Wettbewerb des auch im Jahr 2021 wieder so männerlastigen Festivals, in dem sich gerade einmal vier Frauen behaupten mussten, gegen 20 namhafte Kollegen wie etwa Wes Anderson, Leos Carax oder Paul Verhoeven. Und dann brachte sie auch noch das Kunststück fertig, als erst zweite Frau nach Jane Campion vor 28 Jahren mit „Das Piano“ die Goldene Palme davonzutragen. Sogar in der für ihren Chauvinismus verschrienen Festival-Trutzburg an der Cote d’Azur tut sich offenbar etwas im Verhältnis der Geschlechter.

Wie geht man mit einem Film um, in dem eine Frau von einem Auto schwanger wird?

Über „Titane“ wurde fortan kontrovers diskutiert: Wann sieht man schon mal ein Werk, in dem eine junge Frau nicht nur Bondagesex mit einem Cadillac hat, sondern nach dem Geschlechtsverkehr mit dem rhythmisch wippenden, ächzenden Wagen auch noch von diesem schwanger wird? Und nicht nur das: Irgendwann fließt Alexia (Agathe Rousselle) aus so ziemlich allen Körperöffnungen Maschinenöl.

Was für ein Wesen wird sie nach knapp zwei intensiven Kinostunden wohl gebären? Um diese Antwort drückt sich Ducournau keineswegs herum, was auch für ihre zupackende Art des Filmens spricht. Unerschrocken mäandert sie dabei zwischen surrealen Ideen und brutaler Wirklichkeit und pickt sich heraus, was sie braucht.

Crime Time Welche Filme und Serien dürfen Krimi-Fans nicht verpassen? Mit unserem Newsletter Crime Time sind Sie uptodate. Gleich kostenlos abonnieren und alle zwei Wochen eine neue Ausgabe lesen.
Anzeige

Alexia ist eine Poletänzerin bei sexuell getunten Automessen. Nur dass sie ihre wuchtigen Hüftbewegungen auf der Kühlerhaube von Edelschlitten vollführt. Testosterongesteuerte Männer kreisen wie Hyänen darum herum. Als später einer der Besucher auf dem Parkplatz Alexia gegenüber übergriffig wird, rammt sie ihm eine überdimensionierte Haarnadel ins Ohr. Es bleibt nicht bei diesem Fall: Alexia wird zur Serienmörderin.

Bald schon ist ihr die Polizei auf den Fersen, sie muss dringend untertauchen. Kurzerhand wechselt Alexia die Identität. Sie gibt sich als der vor Jahren verschwundene kleine Sohn eines Feuerwehrmanns aus, rasiert sich die Haare, bricht sich zum Zwecke der größeren Glaubwürdigkeit die Nase und presst sich mit Plastikband fortan Brüste und Schwangerenbauch ab. Diese Szenen schmerzen beim Zuschauen ebenso wie die immer wieder ausbrechende Gewalt, denn sie zeugen von Alexias eigener Verletzlichkeit.

„Titane“ ist auch ein zärtlicher Film über zwei Einsame

Anzeige

Der alternde Feuerwehrmann Vincent (Vincent Lindon) ist selbst einer, der mit seinem Körper nicht klarkommt. Täglich jagt er sich Steroide in den zerstochenen Hintern und bläht seine aufgepumpten Muskeln noch ein bisschen mehr auf. Vincent will gar nicht so genau wissen, wer sich da als sein inzwischen erwachsen gewordenes Kind ausgibt. Er will bloß seinen Sohn zurück.

Das alles könnte seltsam klingen, aber „Titane“ ist jenseits aller Schockmomente auch ein zärtlicher Film. Im Zentrum steht die Liebe zwischen zwei Einsamen, die einander brauchen. Da ist es ziemlich egal, ob es sich um eine Liebe zwischen Vater und Sohn, Vater und Tochter oder Vater und Autofrau handelt.

Das Stream-Team Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. ‒ jeden Monat neu.

Vielfach wurde „Titane“ mit David Cronenbergs Autosex-Exzessen in „Crash“ (1996) verglichen. Doch Ducournau hat das Menschliche im Monströsen im Blick. Bei ihr geht es keinesfalls um Luststeigerung als Selbstzweck. Es geht auch um Selbstbestimmung über den wandelbaren eigenen Körper. Ob der Zuschauer diese Verwandlungen mag oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

„Titane“, Regie: Julia Ducournau, mit Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Garance Marillier, 108 Minuten, FSK 16 (startet am 7. Oktober in den Kinos)

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen