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Tim Bendzko: „Heute muss man ja nur noch sich selbst toll finden“

  • Sänger Tim Bendzko hat mit „Filter“ nicht nur ein neues Album herausgebracht, sondern hat sich auch so seine Gedanken über die sozialen Medien gemacht.
  • „Heute kriegt man ja an jeder Straßenecke gesagt, dass man nur sich selbst toll genug finden muss und man dann alles schaffen kann“, sagt der Künstler im exklusiven RND.de-Interview.
  • Wenn man es etwas kritischer sehen möchte, passe das blendend auf die Trumps und Johnsons dieser Welt, erklärt Bendzko.
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Berlin. Einer Ihrer neuen Songs heißt sehr selbstbewusst „Jetzt bin ich ja hier“. Wie kamen Sie darauf?

Die Idee kam mir über die Musik, als ich das Instrumental hörte, kam direkt so ein Selbstbewusstsein aus den Boxen. In diesem Song geht es ja mit einem Augenzwinkern über übersteigertes Selbstbewusstsein. Heute kriegt man ja an jeder Straßenecke gesagt, dass man nur sich selbst toll genug finden muss und man dann alles schaffen kann. Das stimmt bis zu einem bestimmten Grad sicher auch. Deshalb bin ich am Ende Sänger geworden, weil ich mir lange genug eingeredet habe, dass ich das kann. Wenn man es etwas kritischer sehen möchte, passt das blendend auf die Trumps und Johnsons dieser Welt. Die machen genau das und gehen mit breiter Brust voran und tun so, als hätten sie für sehr komplizierte Fragen sehr einfache Antworten. Das ist natürlich Quatsch, aber selbst wenn rauskommt, dass das Quatsch ist, finden die offensichtlich immer noch genug Unterstützung. Das ist in der Tat gefährlich.

Warum haben Sie Ihr neues Album eigentlich „Filter“ genannt?

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Der Titel filtert alles heraus, was mich im Leben berührt. Die große Kunst ist es, Dinge wegzulassen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich möchte mit diesem Album das Beste aus meiner Musik herausfiltern.

Sie haben zum ersten Mal mit anderen Songschreibern zusammen geschrieben, wie kam es dazu?

Heute hat das einen leicht negativen Touch, wenn man Songs mit anderen zusammen schreibt. Aus meiner Sicht ist es im Idealfall aber eine Stärke, wenn Musik Menschen verbindet. Aber im schlechtesten Sinne von Filtern könnte es passieren, dass etwas übertüncht wird. Ich habe jahrelang nicht mit anderen an Texten geschrieben, weil ich genau davor Angst hatte. Für mich hätten nur zwei Sachen passieren können: Entweder hätte ich nur meins durchgedrückt oder ich lasse das von anderen zu, aber dann ist von mir nichts mehr übrig. Das sehe ich nun aber nach über sieben Jahren Musikmachen etwas anders. Wir haben mit mehreren Leuten in einem großen Ferienhaus Songs geschrieben, und es war das Beste, was mir passieren konnte.

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Auch auf Social-Media-Plattformen wie Instagram ist das Verwenden von Filtern ja ein großes Thema.

Ich habe so ein bisschen das Gefühl, dass die Leute mittlerweile wieder eher dazu neigen, normale Sachen bei Instagram zu posten. Aber natürlich bleibt es ein spannendes Thema. Denn auch die, die sich auf die Fahne schreiben, besonders ungefiltert rüberzukommen, machen ja nicht nur ein Foto, sondern drei bis 300, von denen dann eines ausgewählt wird. Aber genau das ist ja schon ein Filtern. Auf der anderen Seite würden wir wahnsinnig werden, wenn wir nicht filtern würden. Grundsätzlich finde ich die Frage sehr spannend, wie man Realität formen kann. Wenn ich an einem Freitag ein Bild aus der Sauna poste und erst drei Wochen später das nächste Bild von einem Strand poste, denken alle, dass ich drei Wochen im Urlaub war. Wenn ich ganz wenig poste, gehen die Leute davon aus, dass ich nichts zu tun habe. Dabei ist es logischerweise genau andersrum: Wenn ich wenig poste, habe ich viel zu tun.

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Tim Bendzko: „Es geht immer weniger um Tiefgang“

Verbringen Sie zu viel Zeit online?

Social Media ist natürlich ein schwieriges Thema, sobald man nicht mehr drüber nachdenkt. Alle paar Monate erwische ich mich dabei, dass ich wirklich in jeder freien Sekunde irgendwelche Sachen auf Instagram oder sonst wo mache. Dann gibt es Phasen, in denen ich das reduziere. Manchmal sehe ich mich selbst spätnachts im Bett sitzen und frage mich dann: „Warum mache ich das hier? Passiert doch jetzt eh nichts mehr.“

Warum benutzen Sie überhaupt Social Media?

Ich hätte es früher total spannend gefunden, wie der Alltag eines Musikers aussieht. Ich versuche, das bei Instagram ein bisschen einfließen zu lassen, damit man bei mir ein bisschen hinter die Kulissen gucken kann. Die Leute haben bei „DSDS“ ja gelernt, dass man ein Album an einem Tag aufnehmen kann – und das stimmt natürlich nicht. (lacht) Grundsätzlich hat man derzeit in vielen Bereichen des Lebens den Eindruck, dass es immer weniger um Tiefgang, sondern hauptsächlich nur noch um Oberfläche geht. Wenn man das jetzt auf Politik übertragen möchte, ist ja wirklich immer noch die Haltung von allen Parteien: „Wenn die AfD uns so viele Wähler abzwackt, dann lasst uns doch einfach mal Themen von denen übernehmen.“ Was Hirnrissigeres kann man meiner Meinung nach gar nicht machen. Das sorgt nur noch mehr dafür, denen die Leute hinzutreiben. Auch bei den Medien sehe ich als Konsument, dass es immer mehr nur noch um leichte Themen geht. Wenn irgendein Z-Promi auf einer Feier seine Hose nicht richtig hochgezogen hat, ist das im Zweifel viel spannender, als wenn irgendjemand mal etwas Gehaltvolles von sich gegeben hat.