„Kindness of Strangers“: Solidarität und Schneeflocken

  • Die dänische Regissuerin Lone Scherfig hat in New York das Kinodrama „The Kindness of Strangers“ gedreht.
  • In dem Film bilden Außenseiter eine sympathische, aber gänzlich unglaubwürdige Notgemeinschaft.
  • Die traumatisierten Menschen scheinen nur dafür bestimmt zu sein, von der Regisseurin endlich erlöst zu werden.
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„Als dieser Film im Februar 2019 die Berlinale eröffnete, schauten manche verwirrt auf den Kalender: Ist vielleicht doch schon wieder Weihnachten? So viel Güte und Hilfsbereitschaft werden vorzugsweise dann auf der Leinwand zusammengerührt, wenn das Fest der Liebe eingeläutet wird. Das hat offenbar auch der Verleih so gesehen: Er hielt Lone Scherfigs „The Kindness of Strangers“ so lange zurück, bis es Dezember wurde. Nun lässt sich die reichlich überzuckerte Freundlichkeit unter Fremden in New York erst so richtig goutieren, lautete wohl das Kalkül dahinter.

Getröstet im Kino

Die dänische Regisseurin Scherfig hat ihrem Kinopersonal noch nie etwas Böses gewollt – und auch nicht bei dessen Suche nach ein wenig Glück im Stich gelassen. Schon ihr vermutlich bekanntester Film „Italienisch für Anfänger“ (2000) erzählte von traurigen Protagonisten, verströmte aber eine wohltuende menschliche Wärme, die jeden Zuschauer getröstet aus dem Kino entließ. In Dänemark kannte sie sich aber auch viel besser aus als im Big Apple, wo sie nun selbst gewissermaßen als Fremde filmt.

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Hier versammelt sie ein Grüpplein Außenseiter, die sich erst im Verlauf des Films kennenlernen und dann immer wieder über den Weg laufen. Als da wären: eine Mutter (Zoe Kazan) und ihre zwei Kinder, die von ihrem gewalttätigen Ehemann verfolgt werden, eine aufopferungsvolle Krankenschwester (Andrea Riseborough), die immer bereit ist, noch eine Zwölf-Stunden-Extraschicht zu schieben, ein sympathischer Ex-Häftling (Tahar Rahim), der für seinen drogensüchtigen Bruder ins Gefängnis ging, ein junger Mann (Caleb Landry Jones), der nach dem Verlust diverser Jobs auf der Straße gelandet ist.

Die reichlich episodische Handlung bewegt sich zwischen Suppenküche und Selbsthilfegruppe, zwischen Geigenklängen und tänzelnden Schneeflocken. Treffpunkt für alle ist ein russisches Restaurant namens Winter Palace. Hier gibt Bill Nighy den spleenigen Chef, der mit komödiantischen Absonderlichkeiten Humorpunkte sammelt. Der Rest des starken Ensembles wirkt gelegentlich ein wenig hilflos bei all diesen melancholischen Dialogen.

Klar, die sich langsam herausbildende Notgemeinschaft verdient sich Sympathien beim Publikum, und gewiss finden sich auch einige anrührende Momente. Und doch: All die traumatisierten Menschen hier scheinen nur dafür bestimmt zu sein, von der Regisseurin von ihrem Leid erlöst zu werden. Dazu müssen sie vor allem eines lernen: sich selbst zu vergeben.

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Ist der Film politisch?

Vielleicht soll man dieses Sozialdrama ja auch politisch verstehen: Wer hätte gedacht, dass in den von Hass und Wut gespaltenen USA noch so viele hilfsbereite Zeitgenossen wohnen? Wenn schon die Mächtigen nicht für ihre Schwächsten sorgen, dann müssen diese sich eben selbst aufraffen und eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Das macht Hoffnung, aber zu süßlich schmeckt der Film doch.

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„The Kindness of Strangers“, Regie: Lone Scherfig, mit Zoe Kazan, Andrea Riseborough, Tahar Rahim, Bill Nighy, 116 Minuten, FSK 12



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