“The Good Liar”: Die dunklen Seiten eines Gentlemans

  • Der Film „The Good Liar“ bewegt sich zwischen Schelmenstück und Rachethriller.
  • Die Hauptdarsteller Ian McKellen und Helen Mirren zeigen sich in Bestform.
  • Regisseur Bill Condon zieht allerdings zu wenig Spannung aus den Täuschungsmanövern.
Jörg Brandes
|
Anzeige
Anzeige

Er rückt noch einmal seine Krawatte zurecht, dann steuert er langsam auf den Tisch zu, an dem sie bereits sitzt. Die beiden Senioren haben einander über ein Datingportal kennengelernt und sind zum ersten Treffen in einem feinen Restaurant verabredet.

Er verabscheue Unaufrichtigkeit, beginnt der betagte Herr das Gespräch. Sein Name sei nicht Brian, wie auf der Website angegeben, sondern Roy. Daraufhin gibt die Dame zu, dass sie auch nicht Estelle heiße, sondern Betty. Mit dem beidseitigen Bekenntnis zum (verständlichen) Namensschwindel scheint der Grundstein für eine aufrichtige Beziehungsanbahnung gelegt.

Neuer Schub fürs Ego

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Aber schon bald wissen wir, dass es zumindest Roy (Ian McKellen) nicht ehrlich meint. Nach dem Date sehen wir ihn in eine Stripbar eilen, um dort mit seinem Komplizen Vincent (Jim Carter) einen betrügerischen Finanzdeal einzufädeln. Auch Betty (Helen Mirren) soll bluten. Der Trickbetrüger will die betuchte Witwe um ihr Vermögen bringen. Allerdings ist deren Enkel Stephen (Russell Tovey) ein ziemlich misstrauischer Kerl.

Den beiden gestandenen Hauptdarstellern zuzuschauen, bereitet uneingeschränkt Vergnügen. Dabei hat Ian McKellen den dankbareren Part erwischt. Der Gandalf aus „Der Herr der Ringe“-Trilogie spielt die Doppelgesichtigkeit seines Charakters genüsslich aus. Einerseits umschmeichelt sein Roy die Witwe nach allen Regeln der Gentlemankunst, andererseits zeigt er keine Skrupel, ihre Gutgläubigkeit auszunutzen. Dabei scheint es ihm nicht in erster Linie ums Geld zu gehen. Andere hereinzulegen gibt nicht nur seinem Konto, sondern auch seinem Ego einen neuen Schub.

„Die Queen“ Helen Mirren wiederum schafft es mühelos, das Herz zumindest der Zuschauer zu erobern. Aber ist ihre sympathische Betty wirklich so naiv, wie sie vorgibt zu sein? Auf jeden Fall ist es verdächtig, dass das Kinopublikum über Roy lange Zeit wesentlich mehr erfährt als über sie, obwohl das Drehbuch nach einem Roman von Nicholas Searle offenkundig danach trachtet, beide Hauptfiguren gleichrangig zu behandeln.

Anzeige

Vorsicht: Nicht zu viel verraten!

„The Good Thief“ ist eines jener Werke, über dessen Handlung man so wenig wie möglich verraten sollte. Nur so viel: Der entscheidende Twist führt vom London des Jahres 2009 nach Berlin und in eine historisch belastete Vergangenheit. Das erklärt zwar manches, gibt dem sich bis dahin leichtfüßig gebenden Ganovenstück aber einen irgendwie unpassenden überdramatischen Drall. Das Finale lässt die Geschichte auch noch arg konstruiert erscheinen. Da hätte man sich eine einfachere Auflösung gewünscht.

Anzeige

Zudem vermag Regisseur Bill Condon („Mr. Holmes“) nur wenig Spannung aus dem Täuschungsszenario zu ziehen, obgleich er klarmacht, zu welcher Brutalität der kaltschnäuzige Ganove fähig ist, wenn er aufzufliegen droht. Vielleicht hätte er vorher noch einen Blick in François Truffauts Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ werfen sollen.

„The Good Liar – Das alte Böse“, Regie: Bill Condon, mit Helen Mirren, Ian McKellen, 110 Minuten, FSK 12