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  • „The French Dispatch“ ab 21. Oktober im Kino – Wes Anderson huldigt Journalismus früherer Tage

Ein Herz für Journalismus – Filmmagier Wes Anderson blättert seinen Film „The French Dispatch“ auf wie ein Magazin

  • Der Filmmagier Wes Anderson verneigt sich vor dem großem Journalismus früherer Tage.
  • Mit einem riesigen Staraufgebot führt er in die Welt von „The French Dispatch“ (Kinostart am 21. Oktober), dem aufwendigen Magazin eines Texaners in Frankreich.
  • Anderson ist fest entschlossen, keine Grenzen und Konventionen zu akzeptieren, und erschafft seinen eigenen kunstvoll-anarchistischen Erzählkosmos.
Martin Schwickert
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Chefredakteure wie Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) wünscht sich jeder Schreiber. Als er erfährt, dass für die neue Ausgabe seiner Zeitschrift ein Artikel zu viel bestellt wurde und mehrere Autoren ihre Zeilenvorgabe um einige Tausend Wörter überzogen haben, runzelt er versonnen die Stirn. „Wir kürzen nichts“, sagt er schließlich, „macht das Impressum kleiner, werft ein paar Werbeanzeigen raus und bestellt mehr Papier.“

Als Liebesbrief an den Journalismus versteht Wes Anderson seinen neuen Film „The French Dispatch“. Gemeint ist hier ein Journalismus der alten Schule, der die Abonnenten­schar mit literarisch geschriebenen Storys in unbekannte Welten entführt. Als ideelle Vorlage diente das legendäre Magazin „The New Yorker“, das seit 1925 Kurz­geschichten, Kritiken, Essays, Lyrik, Cartoons und Reportagen ohne Format­zwänge veröffentlicht und auch heute noch mit einem von Hand illustrierten Titelblatt am Kiosk um seine Kund­schaft wirbt.

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Ein Texaner erfreut Amerika mit Geschichten aus der alten Welt

Aber Anderson weiß nicht nur guten Journalismus zu schätzen, sondern auch seine Wahl­heimat Paris, in die der gebürtige Texaner seinen Haupt­wohnsitz verlegt hat. Und so hat der bekennende Arthaus-Regisseur, der zuletzt 2014 in „Grand Budapest Hotel“ das Europa vor dem Ersten Weltkrieg erkundete, die Redaktion seines fiktiven Magazins „French Dispatch“ nach Frankreich in das ebenso fiktive Ennui-sur-Blasé verlegt, von wo aus Howitzer die ameri­kanische Leserschaft mit Geschichten aus der alten Welt zu erfreuen versucht.

Durchaus folgerichtig ist der Film wie ein Magazin strukturiert – mit einem Editorial, das in die redaktionelle Welt des Printmediums einführt, drei ungekürzten Reportagen aus dem wilden Leben im Frankreich des Jahres 1975 und einem Schlusswort.

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Damit hört die strukturelle Ordnungsliebe jedoch auch schon wieder auf. Denn die kunstvoll verspielte Ästhetik, die Andersons Filme von „Rushmore“ (1998) über „Die Royal Tenenbaums“ (2001) und „Tiefseetaucher“ (2006) bis zu „Moonrise Kingdom“ (2012) auszeichnete, wird in seinem neuen Film zum alles beherrschenden Erzählprinzip.

Jede einzelne Szene wird zu einem visuellen Vergnügen

Jede einzelne Szene wird nicht nur durch eine liebevolle und detailreiche Ausstattung von innen heraus zu einem visuellen Vergnügen. Durch Splitscreen, plötzlich einfrierende Bilder, Bildunter­schriften, Erzähler­stimme aus dem Off, dem Wechsel zwischen Schwarz-Weiß und Farbe wird auch von außen ins Geschehen eingegriffen. Hinzu kommen unterschiedliche narrative Rahmen­konstruktionen: Mal springt eine Geschichte auf die Bühne eines Theaters oder verwandelt sich plötzlich in einen Comicstrip. Eine andere wird im Format einer Talkshow eingefasst und die nächste von Tilda Swinton als Kunst­professorin in einer Vorlesung zum Besten gegeben.

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Anderson ist fest entschlossen, keine Grenzen und Konventionen zu akzeptieren, und erschafft seinen eigenen kunstvoll-anarchis­tischen Erzählkosmos. Die erste Reportage erzählt von dem verurteilten Mörder Moses Rosenthaler (Benicio Del Toro), der in einem psychia­trischen Hoch­sicher­heits­trakt eingesperrt ist und dort abstrakte Aktgemälde von seiner Wärterin und Muse Simone (Léa Seydoux) malt. Der umtriebige Kunsthändler Adrien Brody entdeckt bei seinem eigenen Gefängnis­aufenthalt das Talent des Mit­gefangenen und will Moses ganz groß rausbringen.

Journalistin verfasst Manifeste für Revoluzzer

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In der zweiten Geschichte möchte die investigative Reporterin Lucinda Krementz (Frances McDormand) ein Porträt über den studentischen Revoluzzer Zeffirelli B (Timothée Chalamet) schreiben und vernachlässigt das journalistische Neutralitäts­gebot, indem sie sich mit dem jungen Mann im Bett vergnügt und für ihn die politischen Manifeste verfasst.

In der letzten Story soll der Gas­tro­kri­ti­ker Roebuck Wright (Jeffrey Wright) über den Polizeikoch Nescaffier (Stephen Park) schreiben, der auf einsatz­gerechte Menüs spezialisiert ist, die geräuschlos und mit einer Hand gegessen werden können. Aber schon bald findet sich der Gourmet­journalist in einem wilden Entführungs­fall wieder, in dem der Polizei­chef (Mathieu Amalric) seinen Sohn mithilfe gastrono­mischer Tricks aus den Händen des Kidnappers (Edward Norton) zu befreien versucht. Wie schon in „Grand Budapest Hotel“ verwandelt Anderson auch diesen Film in ein illustres Klassen­treffen hoch­karätiger Schauspieler.

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Da heißt es aufgepasst, sonst hat man Willem Dafoe hinter Gittern verpasst oder Tilda Swinton mit Gebiss und karotten­roter Perücke nicht erkannt. „French Dispatch“ ist in jeglicher Hinsicht ein Fest der Kreativität, der originellen Einfälle, der kleinen Details, der narrativen Verschlingungen und des skurrilen Humors. Aber „French Dispatch“ ist auch der Anderson-Film, in dem sich der Regisseur am meisten um sich selbst und seinen kreativen Kosmos dreht. Dem über­bordenden Ideen­reichtum steht hier eine Flucht in eine nostalgisch-artifizielle Welt gegenüber, die allein für sich selbst zu existieren scheint.

„The French Dispatch“, Regie: Wes Anderson, mit Bill Murray, Benicio Del Toro, Frances McDormand, 108 Minuten, FSK 12

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