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T.C. Boyle im Interview: „Beim Schreiben konnte ich den Trump-Wahnsinn abschütteln“

  • Er schlüpft in den Kopf von jedem – oder von allem: So erklärt Starautor T. C. Boyle sein Credo.
  • In seinem neuen Roman „Sprich mit mir“ erzählt der Amerikaner aus der Perspektive eines Schimpansen. Bald auch aus der des Coronavirus?
  • Was ihn daran reizen würde, wie viel Tier im Menschen steckt und ob er Angst hat, demnächst zu alt zum Romanschreiben zu sein, verrät Boyle im RND-Interview.
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6:25 min
Frisch draußen und schon ein Bestseller: US-Starautor TC Boyle über sein neues Werk - und wie er sich einen Corona-Roman vorstellt.  © RND
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Er hat es wieder geschafft: Auch der bereits 29. Roman von Tom Coraghessan – kurz T.C. – Boyle ist wieder ein Bestseller. Jedenfalls in Deutschland – aber bislang ist er auch ausschließlich auf Deutsch erschienen (Hansa Verlag, 352 S.). In den USA wird „Sprich mit mir“ wegen coronabedingter Verzögerungen erst im Herbst veröffentlicht. Auch sonst hat die Pandemie einige Pläne des 72-jährigen Starromanciers durchkreuzt, im Gegenzug aber aktuelle Inspiration für neue Geschichten geliefert, wie er im RND-Interview erzählt.

Mr. Boyle, Sie haben gerade Ihren 29. Roman, „Spricht mit mir“, veröffentlicht, sind einer der populärsten US-Schriftsteller der Gegenwart und als politischer Kopf auch in Deutschland sehr gefragt. Nur eins ist noch aufregender an Ihnen: Sie sind schon geimpft! Konnten Sie Ihre wiedergewonnene Freiheit schon ausleben?

Noch nicht ganz, ich warte noch auf die zweite Impfung in einer Woche. Aber, stimmt, ich hatte Glück. Ich lebe in Santa Barbara, wir haben wie Sie in Deutschland einige Probleme mit der Impfstoffverteilung – aber wegen meines Alters war ich schon an der Reihe. Ich fühle mich schon etwas besser geschützt und weniger ängstlich. Ich hoffe, alle anderen sind auch bald dran. Und was die verrückten Impfgegner angeht, die im November überwiegend Rechtsaußenkandidaten gewählt haben: Nun, die werden wahrscheinlich einfach sterben.

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T. C. Boyle, in der alten Normalität, bei einer Lesung in Berlin. © Quelle: picture alliance/dpa

Für Sie muss die Pandemie ja ein großes Abenteuer sein: Ihr neuer Roman und viele davor drehen sich um Wissenschaft, Forscher, um medizinische Entdeckungen ... Durch die Pandemie sind wir ja alle kleine Virologen geworden. Sie auch?

Oh ja. Ich bin von diesen Themen schon lange besessen. Schon 2001 habe ich in der Kurzgeschichte „Nach der Pest“ eine Pandemie beschrieben, die 99 Prozent der Menschheit hinwegfegt. Und davor gab es in meinem Roman „Ein Freund der Erde“ den Blick in eine Zukunft, in der es auch eine Seuche gibt, sodass draußen der Klimawandel wütet und die Menschen zu Hause hocken und über ihre Gesichtsmasken schimpfen. Das war aber eher lustig als prophetisch gemeint.

Hat auch das reale Corona Sie schon inspiriert?

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Ja, als das im vorigen März gerade losging, habe ich eine Geschichte über ein Kreuzfahrtschiff mit Corona an Bord geschrieben, das nirgends anlegen kann, und wie die Passagiere damit umgehen. Es ist eine Komödie – aber mein Agent fand sie trotzdem zu düster, um sie mitten in der Pandemie zu veröffentlichen. Sie erscheint nun nächstes Jahr in meiner nächsten Kurzgeschichtensammlung.

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Wie unterscheidet sich die fiktive Seuche, die Sie sich vorher ausgedacht hatten, davon, wie es wirklich kam?

Ich hätte mir das Leben, das wir nun führen müssen, so nicht vorstellen können. Dass ich nicht nach Deutschland kommen kann, um meine Lesereise zu machen und dass ich Interviews virtuell führen muss. Aber da wir das nun alle gelernt haben, wird niemand mit klarem Verstand jemals wieder ein Flugzeug besteigen – egal zu welchem Zweck. Im Ernst: Ich war seit vorigen März nirgends mehr, habe niemanden getroffen. Dabei bin ich sehr gesellig und war in dem Dorf, in dem ich lebe, immer Teil des Dorflebens. Das fehlt mir sehr.

Ist die Isolation für Sie als bedrückender als die Furcht, sich anzustecken?

Das gehört zusammen: Wir meiden andere Menschen, um uns nicht anzustecken. Viele Leute haben die Regeln ignoriert oder gedehnt, mit dem Ergebnis, dass eine Infektionswelle nach der anderen kam. Ich nicht! Ich war immer vorsichtig. Ich wusste von Anfang an – weil ich so oft darüber geschrieben habe – dass dieses Virus sich über unsere Spezies verteilt, dass es mutiert, mit nur einem Ziel in seinem viralen Kopf: mich zu töten!

Ist das nicht der perfekte Romanstoff für Sie?

Was genau?

Nun, der Roman „Sprich mit mir“ erzählt die Geschichte eines Affenexperiments von US-Verhaltensforschern, die den Schimpansen Sam in rein menschlicher Umgebung aufziehen und mit ihm in Zeichensprache kommunizieren. Da schreiben Sie ja auch aus Sicht des Schimpansen …

Ja, das war ein Riesenspaß und zugleich eine große Herausforderung. Es ist Teil meines künstlerischen Credos: Ich schlüpfe in den Kopf von jedem – oder von allem. Ich las, dass Schimpansen intellektuell und emotional auf dem Stand dreieinhalb Jahre alter Kinder sind. Aber sie bleiben Wildtiere. Sobald sie ausgewachsen sind, sind sie zu gefährlich, um mit ihnen arbeiten zu können. Also wurden sie zuerst wie Menschen aufgezogen und sobald sie zu stark wurden, für die restlichen 40 Jahre ihres Lebens eingesperrt, oft sogar für Tierversuche genutzt. Ich wollte diese Erfahrungen unbedingt aus Sams Perspektive aufschreiben.

Wenn Sie also für diesen Roman aus der Sicht des Affen schreiben konnten, könnten Sie dann auch die Perspektive eines tödlichen Virus einnehmen?

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Sicher. In den Berichten darüber, wie sich das Virus ausbreitet, wie es mutiert, klingt es ja auch oft so, als ginge es kalkuliert vor. Und das tut es ja auch! Nicht bewusst, aber aus dem gleichen Antrieb wie ein Lebewesen: Es will sich vermehren, vervielfältigen, überleben – wie unsere Spezies auch. Es ist programmiert, in jede andere Spezies einzudringen … genau wie ein Schriftsteller! (lacht)

Wer könnte der Gegenspieler des Virus in einem Corona-Roman sein?

Als all das vor einem Jahr anfing, beschrieb ich auf meinem Blog oft, wie sich plötzlich alles änderte: Niemand wusste, was kommt; alle blieben zu Hause; alles war ausgebremst. Im ersten Monat fand ich es wundervoll, nachts nur die wilden Tiere zu hören – und keinerlei mechanische Geräusche. Wie in der Sperrzone um Tschernobyl, die ich vor Jahren in meiner Geschichte „In The Zone“ beschrieben habe: Die Menschen waren fort, die Natur kam zurück. Das wäre eine faszinierende Gegenperspektive. Wissen Sie was: Ich arbeite zwar gerade an etwas anderem, aber sobald dieses Interview vorbei ist, setze ich mich an diesen Corona-Roman! (lacht)

Ihr neuer Roman ist doch gerade erst erschienen, woran arbeiten Sie denn schon wieder?

Ich bin ein Arbeitsfanatiker. Ich bin jetzt beim siebten Kapitel des nächsten Romans, der ein bisschen wie „Ein Freund der Erde“ wird: Er beginnt im Heute und blickt dann 25 Jahre in die Zukunft. Eine große Rolle wird das Aussterben der Insekten spielen. Ich kam darauf, weil ich von den Hunderten Schmetterlingen, die ich früher in der Umgebung beobachtet habe, kaum noch welche sehe. In Deutschland wird viel dazu geforscht, und der Rückgang ist dramatisch: rund 80 Prozent! Was bedeutet all das für unsere Zukunft? Wie werden wir es weitertreiben mit der bunten Warenwelt, von der wir so besessen sind? Damit spiele ich gerade herum, und so breche ich aus dem Alltag aus und reflektiere über ihn.

Und wählen dafür noch deprimierendere Szenarien, als die Gegenwart ohnehin schon bietet.

Trotzdem, ich flehe Sie an: Es wird eine Komödie sein – geben Sie ihr eine Chance! Ich kann nichts gegen diese Themen tun, ich bin einfach besessen vom menschlichen Leben auf diesem Planeten und unserem Leben als Tiere. Als ich hörte, dass es in den 70er-Jahren Versuche gab, Menschenaffen unsere Sprache zu lehren, wollte ich dem nachgehen: Wie unterscheidet unsere Sprache uns von anderen Tieren? Woher wissen wir, wer wir sind?

Ihr Roman handelt in den Siebzigern, aber Sie spielen immer wieder auf heutige Debatten an. Zum Beispiel denkt Ihre Romanheldin Aimee: „Wenn Schimpansen dreijährigen Kindern gleichen, kann man sie doch nicht in Käfige sperren. Bei Kindern täte das ja auch niemand!“ Genau das hat ja die Trump-Regierung mit Einwandererkindern gemacht.

Ich weiß, dass Literaturkritiker das Buch so lesen – immerhin heißt der Bösewicht Donald. Aber ich habe es nicht darauf angelegt, höchstens mal augenzwinkernd. Ich wollte durch das Schreiben den alltäglichen Wahnsinn der Trump-Eskapaden abschütteln und etwas Normalität zurückgewinnen! Beim Schreiben kriege ich den Kopf frei, das funktioniert immer: Ich gehe auf große Reise – die der Leser dann am anderen Ende unternimmt.

In einigen Besprechungen hieß es, das Buch ziehe seine Spannung auch daraus, dass man die ganze Zeit hoffe, am Ende wird doch noch alles gut. Dabei beginnt die Tragik doch schon im Ansatz der Experimente: Ein Tier wird aus seiner Umgebung genommen und wie ein Menschenkind aufgezogen, um eine wissenschaftliche Theorie zu prüfen.

Das stimmt. Aber wir haben auch einiges aus diesen Experimenten erfahren. Es geht also auch um die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt.

Und tut er das?

Das Urteil überlasse ich dem Leser. Ich will grundsätzlich keine Botschaften vermitteln oder nahelegen, was man tun soll oder wie die Welt sein sollte. Das ist ja das Tolle am Romanschreiben: Ich lasse mich treiben, wohin sich die Geschichte entwickelt. In diesem Buch geht es zum Beispiel auch um die Liebe: Ist sie wichtiger als alles andere – oder steht sie uns manchmal im Weg?

Hatten Sie keine Angst, sich in dieses teils obskure Feld der amerikanischen Popkultur zu begeben: zwischen King Kong und den „Planet der Affen“?

(lacht) Ich weiß, was Sie meinen. Aber wenn ich mir künstlerisch etwas vorgenommen habe, habe ich keinerlei Angst. Und es gibt ja auch schon viele Romane über das Verhältnis zwischen dem Menschen und Primaten. Wir sind nun einmal fasziniert von unseren nächsten Verwandten: Wie ähnlich sind sie uns, was wissen sie wirklich?

Ihnen scheint es stärker darum zu gehen, wie viel Tier im Menschen steckt. Sie vergleichen die Konkurrenz zwischen den Forschern mit dem Streit von Alpha-Männchen im Tierreich, und die Männer pflegen eine sehr biologistische Sicht auf die Rolle der Frau ...

Das muss ein Roman für mich leisten: Die Debatten über Feminismus, Speziozentrismus, Ethik und Religion – auf all das kann ich ein Schlaglicht werden, ohne es direkt anzusprechen. Indem ich mich in Sams Bewusstsein hineinbegebe, kann ich nicht nur über sein Wesen als Tier schreiben – sondern auch das menschliche Bewusstsein behandeln. Das wollten schon die Forscher in meinem vorherigen Buch, „Das Licht“, durch eine Chemikalie, eine Pille erweitern. Leute, die LSD genommen haben, sagen oft, dass sie eine religiöse Erfahrung hatten und Gott sahen. Was ist dann Gott? Nur ein Kurzschluss der Neuronen?

Ihr Affe Sam wird sogar christlich getauft – und kann dem Priester später ganz gut erklären, was Gott ist.

Ja, mein Lektor fand das übertrieben. Aber in der Fachliteratur über die realen Affenstudien hatte ich eine Frau gefunden, eine überzeugte Katholikin, die glaubte, ihr Affe habe eine unsterbliche Seele – und einen Priester fand, der ihn taufte. Die Taufe und die Party danach wollte ich unbedingt aus der Sicht des Affen schildern: Wie viel davon begreift er, wie viel über Gott?

Sam entwickelt auch ein Konzept von Liebe und lernt am Ende sogar zu lügen – eine Fähigkeit, die Tieren eigentlich nicht zugeschrieben wird.

Ja, man kann nicht nur fragen, wie menschlich der Affe ist, man kann auch fragen: Diese großen menschlichen Ideen wie Gott, Liebe, Wahrheit – sind das nicht auch beim Menschen nur antrainierte Vorstellungen?

Mr. Boyle, zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wenn Sie wegen Ihres Alters schon mit der Impfen dran waren, sind Sie da auch etwas erschrocken, wie alt Sie schon sind?

Nein. Ich hatte ja schon immer eine sehr unromantische Perspektive auf das menschliche Leben, inzwischen ist sie vielleicht noch trostloser geworden. Aber ich bin immer noch Feuer und Flamme dafür, Geschichten zu kreieren und zu sehen, wohin sie führen. Deshalb hoffe ich, dass noch immer sehr viel Energie, Enthusiasmus und auch Optimismus in meinem Schreiben steckt – auch wenn die Themen manchmal deprimierend sind. Wenn es um Politik und um die Umwelt geht, muss das nun mal deprimierend sein.

Fragen Sie sich manchmal, wie lange Sie noch so komplexe Romane schreiben können?

Die traurige Wahrheit über alle Künstler ist: Früher oder später kriegen sie es nicht mehr hin. Dein Verstand entschwindet und du kriegst es nicht mehr hin. Bislang denke ich, dass ich in meinem ganz Leben noch nicht so produktiv war wie derzeit. Das wird nicht für immer so weitergehen – und mein Leben auch nicht. Aber im Moment bin ich begeistert darüber, ein neues Buch zu schreiben, und das hält mich am Laufen.

Das Cover des Buches „Sprich mit mir“ von US-Autor T. C. Boyle. Der Roman über das Verhältnis von Menschen zu ihren engsten Verwandten, den Schimpansen, erscheint im Hanser Verlag. © Quelle: --/Hanser Verlag/dpa

T. C. Boyles neuer Roman „Sprich mit mir“ ist im Hanser Verlag erschienen (352 Seiten, gebunden, 25 Euro). Das Hörbuch, das im Hörverlag veröffentlicht wurde (9:29 Stunden, 25 Euro), hat Schauspieler Florian Lukas („Weißensee“, „Good-bye Lenin“) eingelesen.

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