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Tagebücher, Fotos, selbst gemachte Schutzmasken: In Dresden entsteht ein „Corona-Archiv“

  • Alle möchten das Coronavirus am liebsten schnell vergessen.
  • Nur auf Archivare trifft das nicht zu.
  • Sie sammeln gezielt Material zur Pandemie als Zeitzeugnisse und für spätere Forschungen.
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Dresden/Bonn. Wer später einmal im Dresdner Stadtarchiv etwas über das Jahr 2020 erfahren will, wird nicht nur Akten oder andere Schriftstücke finden. Selbst gebastelte Schutzmasken, Fotos einer menschenleeren Stadt oder auch Gedichte und Tagebücher künden dann von einer Zeit der Entbehrungen und Ängste, aber auch von Lebensmut und Kreativität. In Dresden entsteht ein „Corona-Archiv“, für das Bürger schon gut 2500 Objekte abgegeben haben – Videos, Drucksachen, Schriftverkehr und andere Dokumente, aber auch kleine Kunstwerke.

Schon zur Jahrhundertflut 2002 entstand ein ähnliches Archiv mit Zeugnissen der Katastrophe. „Damals wie heute haben die Leute krasse Dinge erlebt. Es ist wichtig, das zu überliefern“, sagt Historikerin Mandy Ettelt. Bei den Hochwassern der Elbe-Fluten seien nicht alle Dresdner betroffen gewesen, bei der Corona-Pandemie dagegen schon. Mit ihrer Kollegin, der Historikerin Sylvia Drebinger-Pieper, kümmert sich Ettelt im Stadtarchiv von Dresden um Dokumente einer Krise, die in ihrem ganzen Ausmaß noch gar nicht abzuschätzen ist.

„Pandemie wird nicht nur als etwas Trauriges empfunden, sondern hat auch motiviert“

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„Wir hatten ja die gleichen Probleme mit dem Alltag und der Arbeit, sind ins Homeoffice gegangen“, berichtet Drebinger-Pieper über die Anfänge der Sammlung. Sie habe sich Gedanken gemacht, wie wohl ihre Mitmenschen die Situation empfinden. „Deshalb sind uns die persönlichen Rückmeldungen wichtig. Wir möchten dokumentieren, wie Menschen ihren privaten Alltag in dieser Zeit gestalteten. Ettelt zufolge wurde erst im Kollegenkreis gesammelt, etwa Fotos oder Schriftverkehr mit Schulen und Kindertagesstätten. Anfang Mai erfolgte dann ein entsprechender Aufruf der Stadt an die Bürger.

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Die Bewohnerin eines Pflegeheims schickte eine gehäkelte Schutzmaske und Corona-Witze ein. Viele Fotos gleichen Stillleben: verwaiste Straßen und Parks, ein Straßenmarkt mit mehr Verkäufern als Kunden. „Die Pandemie wird aber nicht nur als etwas Trauriges empfunden, sondern hat die Leute auch motiviert“, sagt Sylvia Drebinger-Pieper. Kinder und Jugendliche hätten oft digitales Material eingereicht. Manchmal würden sich Leute am Telefon auch nur Probleme von der Seele reden wollen. So wie die Frau, die kürzlich ihr Leid klagte, weil ihre Geldanlage wegen sinkender Börsenkurse schrumpfte.

Positive Effekte der Pandemie: Mehr Zeit für Familie und mehr Ruhe

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„Bei vielen wird deutlich, wie einsam sie sich fühlen. Oft ist ihnen nur die Kommunikation wichtig, dann sind wir eine Art Sorgentelefon“, erklärt Drebinger-Pieper. Sie könne ihre Mitbürger gut verstehen: „Leere zu sehen, wo sonst nur Getümmel war, das vermittelt eine gespenstische Atmosphäre. Die Pandemie hat das Gefühl von Einsamkeit bei vielen Menschen deutlich wachsen lassen.“ Mandy Ettelt kann der Krise zumindest am Rande etwas Positives abgewinnen – mehr Zeit für die Familie und mehr Ruhe: „Ich habe mich wie auf dem Dorf gefühlt, weil nachts kaum noch Autos fuhren.“

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Auch im Haus der Geschichte in Bonn sammelt man schon seit Monaten Dinge, die die Pandemie und ihre Auswirkungen dokumentieren. Mehr als 400 Objekte sind bereits im Fundus – von Atemschutzmasken aller Art bis zu Abstrichröhrchen für PCR-Tests. „Spätestens mit dem Lockdown im Frühjahr war klar, dass Corona die ganze Gesellschaft betrifft und somit ein großes zeitgeschichtliches Ereignis ist“, sagt Sammlungsdirektor Dietmar Preißler. Deshalb sei es wichtig, Erinnerungsstücke der Krise für die Zukunft zu sichern.

Viele Dokumente über Epidemien der letzten 800 Jahre im Archiv

Unlängst hat Drebinger-Pieper in einer Dresdner Zeitung von 1928 eine Annonce gefunden, mit der die Firma Knoke & Dreßler – Fabrik für ärztliche Einrichtungen – Verbandskästen, Schutzmasken und andere Artikel bewirbt. Über die Epidemien der vergangenen 800 Jahre ließen sich viele Dokumente im Stadtarchiv finden, erzählt die Historikerin. Auch in der Zeit der Spanischen Grippe am Ende des Ersten Weltkrieges hätten die Zeitungen berichtet, wie sich die Betten im Krankenhaus Friedrichstadt füllten, Schulen und Theater geschlossen wurden. Auch damals habe es Klagen vor Gericht gegen die Maßnahmen gegeben.

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Ein erster Hinweis zur Pest in Dresden findet sich 1349. Nachdem 1436 Schüler der Kreuzschule an der Pest starben, erließ Kurfürst Friedrich II. einen Erlass, keine Fremden mehr in die Stadt zu lassen. 1680 trat die heimtückische Infektion das letzte Mal in Dresden auf. Aber auch Epidemien mit Typhus, Cholera oder Pocken sind vermerkt. Am 10. Juni 1831 erschien eine Bekanntmachung, wie man sich gegen Cholera schützen kann. Den Leuten wurde unter anderem empfohlen, die Wohnung regelmäßig zu lüften sowie Geist und Körper „nicht durch übermäßige Arbeit zu schwächen“.

RND/dpa

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