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Super Bowl: „Football ist eine Mischung aus Gewalt und Intelligenz“

  • In der Nacht zu Montag steigt in Miami die 54. Auflage des Super Bowl. Weltweit schauen Millionen American-Football-Fans auf das Endspiel zwischen den San Francisco 49ers und den Kansas City Chiefs.
  • Aber woher kommt diese Begeisterung?
  • Ein Interview mit dem Footballfan und Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht.
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Herr Gumbrecht, in der Nacht zu Montag findet der Super Bowl statt. Sie sind seit vielen Jahren leidenschaftlicher American-Football-Anhänger. Wenn man noch nie Football geschaut hat, was muss man beachten?

Es sind zwei Sachen, die wichtig sind: In jedem Moment des Spiels ist eine der beiden Mannschaften in Ballbesitz. Die Mannschaft mit Ballbesitz hat dann drei Spielzüge Zeit, zehn Yards nach vorne zu kommen. Wenn das gelingt, bleibt sie im Ballbesitz und schafft ein sogenanntes First Down, hat also wieder drei neue Versuche, weitere zehn Yards zu erobern.

Was muss man noch wissen?

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Die Strategie der Defensive ist nicht, dem Gegner den Ball abzuluchsen – auch wenn es das in Ausnahmefällen auch gibt –, sondern zu verhindern, dass der Gegner Raum gewinnt. Und man sollte auch daran erinnern, dass es den Clean Hit gibt. Das ist wie im Boxen: Es gibt eine bestimmte Form von gezielter Gewalt. Aber es muss immer eine Funktion haben, sonst ist es ein Foul. Das „Clean“ ist vorausgesetzt, die Absicht eines Fouls im American Football disqualifiziert einen Spieler lebenslang. Die Brillanz eines Abwehrspielers macht es aus, diesen sauberen, aber sehr aggressiven Schlag – man muss da „Hit“ wirklich als Schlag übersetzen – zu setzen. Die Zuschauer sollten wissen, dass das auch eine Leistung ist und dass es genauso zur Ästhetik des Spiels gehört wie der 60-Yard-Pass vom Quarterback.

Was fasziniert Sie an dem Sport?

Als ich 1989 in die USA gegangen bin, war ich mir ziemlich sicher, dass ich nicht nach Europa und nach Deutschland zurückkehren werde. Und da ich, wenn es geht, pro Woche ein Sportereignis live sehe, habe ich beschlossen – einer der wenigen rationalen Beschlüsse in meinem Leben –, dass ich American-Football-Fan werde.

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American-Football-Experte und Literaturwissenschaftler: Hans Ulrich Gumbrecht. Der gebürtige Würzburger wurde mit 26 Jahren Professor in Bochum. 1989 nahm er einen Ruf an die Stanford University in Kalifornien an. Dort lehrte Gumbrecht bis 2018. Er hat viele Bücher geschrieben, unter anderem das "Lob des Sport", erschienen bei Suhrkamp. © Quelle: Hans Ulrich Gumbrecht

Aber warum nicht irgendeine andere Sportart?

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Das hat damit zu tun, dass es ein College Sport ist und unsere Mannschaft in Stanford gut ist. Was mich aber vor allem fasziniert ist, dass American Football eine Mischung aus schachartiger Intelligenz und Gewalt ist. Wenn man Gewalt definiert als Besetzung von Räumen durch Körper gegen den Widerstand anderer Körper, dann zeigt sich die Ähnlichkeit zwischen Gewalt und American Football. Jeder, der American Football spielt, weiß, dass die anderen Körper seinen Raum einnehmen wollen und er sich dem entgegensetzen muss.

Es fasziniert Sie nur die Gewalt?

Nein, denn auf der anderen Seite gibt es die Intelligenz der Spielzüge. Es gibt zahllose Varianten. Und das Vorwegnehmen der Situation ist wie beim Schach: Was werden die nächsten drei Spielzüge des Gegners sein? Wie kann ich herausfinden, was die Strategie des Gegners ist?

American Football ist vergleichbar mit Schach

Sie vergleichen American Football wirklich mit Schach?

Der Vergleich mit dem Schach ist auch deswegen so relevant, weil die Anspannung durch das wechselseitige Zusammenkommen von Aggressivität und Hirnarbeit so groß ist, dass heute kein Schachspieler gut sein kann, der nicht auch physisch fit ist.

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Also würde der Begriff des Rasenschachs, der ja hierzulande immer auf Fußball angewandt wird, ihrer Meinung nach eher auf American Football zutreffen?

Man spricht heute im Fußball, spätestens seit Pep Guardiola, ja immer mehr über Strategien, aber die stehen nicht im Vordergrund. Schachartige Intelligenz kann im Fußball auch zu viel sein. Im Fußball brauchen Sie ein Talent zur Improvisation. Große Fußballspieler sind diejenigen, die mit ihrem eigens gegebenen Spiel improvisieren können. Die Genialität eines Lionel Messi und eines Cristiano Ronaldo liegt darin, dass sie in jeweils nicht vorhersehbaren Situationen intuitiv ihr Talent in der erfolgreichsten Weise einsetzen.

Sie verorten spontane Kreativität also eher im Fußball als im Football?

Das klingt so, als gäbe es im American Football keine Kreativität. Die gibt es auch, aber eher im Bereich der Trainer und bei außergewöhnlichen Quarterbacks. Es gibt zwar auch spontan kreative Spieler wie den Runningback, der durch die Abwehrreihe der anderen Mannschaft durchmuss und dann die spontan richtige Entscheidung trifft. Aber die Aufgabenzuweisung im American Football ist deutlicher und monodimensionaler, als es beim Fußball der Fall ist. Deswegen ist der Vergleich mit dem Rasenschach gar nicht so schlecht, weil die einzelnen Spieler beim American Football wie Figuren eingesetzt werden können.

Spieler haben sehr genaue Funktionen

Wie Springer, Turm und Läufer?

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Ja, sie haben alle ein spezielles Talent und kommen nur in solchen Situationen auf den Rasen, bei denen man sich vorstellen kann, dass sie diese Funktion, diese eine Funktion, auf die sie spezialisiert sind und für die sie trainieren, gut erfüllen können. Das nutzt man auch dazu, dass man die andere Mannschaft täuscht. Man bringt etwa ganz viele Receiver auf den Platz, damit der Gegner denkt, es wird ein langer Pass gespielt, und dann spielt man ein Running Play oder ein Scramble, also der Quarterback behält den Ball und läuft selbst.

Wie Sie angedeutet haben, gibt es im Football sehr viele Spielzüge, die man sich als Athlet auf dem Feld merken muss. Sind American-Football-Spieler besonders klug?

Das ist sicher so. Ich habe das bei meinen Söhnen gesehen. Einer meiner beiden Söhne war Highschool-Quarterback, und schon das Playbook einer guten Highschool-Mannschaft beinhaltet rund 150 Spielzüge. Wenn der Trainer sagt: „Spiel jetzt die 123“, dann muss er sich erinnern können, welcher Spielzug das ist und wie viele Schritte nach links und wie viele nach rechts man in diesem Spielzug machen muss. Das ist noch nicht Intelligenz, aber eine Voraussetzung.

Footballspieler sind sehr intelligent

Was macht noch die Intelligenz der Spieler aus?

Was interessant ist, und das ist eine harte Zahl: Wenn Sie sich anschauen, wer bei den College-Sportarten wie American Football, Baseball und Basketball die wenigsten Probleme hat, die Prüfungen am College zu bestehen, und wer den höchsten IQ oder GPA (Grand Point Average, entspricht im amerikanischen Notensystem in etwa einem Notendurchschnitt, d. Red.) hat, dann sind das mit großem Abstand Footballspieler. Groteskerweise ist Basketball ganz hinten, obwohl die Sportart so einen intellektuellen Ruf hat. Aber der Basketball lebt in der Hinsicht eher wie der Fußball von situativer Intelligenz, die auf jeweils nicht vorhersehbare Situation reagieren kann.

Sie sind Literaturwissenschaftler. Wenn Sie das Spiel als Geisteswissenschaftler betrachten, was sehen Sie dann?

Ich verrate Ihnen zunächst mal, was ich nicht sehe: Ich hatte mal einen französischen Kollegen mit im Stadion, und der sagte nach wenigen Minuten: Das Spiel sei eine Allegorie auf den Kapitalismus, weil das alles so ökonomisch sei und auf Raumgewinn aus. Das ist zwar auf der einen Seite richtig, aber ich sehe in keinem Sport eine Allegorie von irgendetwas. Ich möchte zunächst einmal naiver Zuschauer sein, ich möchte zum einen, dass unsere Mannschaft gewinnt.

Auch wenn Sie keine Allegorie sehen wollen, gilt American Football ja als eine sportliche Erzählung der amerikanischen Geschichte, weil das Spiel für das Ausweiten nach Westen steht. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Na ja, wenn man heute in Amerika lebt, dann weitet man sich nicht mehr gegen Westen aus. Eine andere Frage finde ich heute viel interessanter: Eine der tiefsten Folgen der Elektronisierung des Alltags ist die Eliminierung der existenziellen Bedeutung des Raums. Wir sprechen gerade noch sehr altmodisch präelektronisch per Telefon, aber wir könnten auch skypen oder uns mittlerweile auch in der Three Dimensional Communication begegnen. Dass wir jetzt viele tausend Kilometer voneinander entfernt sind, spielt überhaupt keine Rolle. Auf dieser Grundlage des Alltags und wenn man in diese Grundlage hineingeboren ist, ist die Eroberung des Raums nichts mehr, was man mit dem eigenen Leben verbinden könnte. Und als der American Football in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts populär wurde, war die Eroberung des Westens in den USA schon abgeschlossen.

American Football steht für den Community Spirit der Amerikaner

Was könnte man in dem Sport dann stattdessen sehen?

Ich würde eher sagen, was mir amerikanisch an dem Sport vorkommt, ist ein besonderer Community Spirit. Wenn hier mal Keller überschwemmt sind, ziehen die Amerikaner sofort ihre Gummistiefel an und wollen ihren Nachbarn oder der Gemeinschaft helfen. Sie wollen dann inmitten des Geschehens stehen. Das ist eine Form der Hilfsbereitschaft, aber auch der Wunsch, sich in dramatischen Situationen zu bewähren. Das haben Amerikaner sehr gern und produzieren deshalb manchmal auch selbst dramatische Situationen.

Showacts in der Pause: Shakira (l.) und Jennifer Lopez bei der Pressekonferenz vor dem Super Bowl. Die beiden Sängerinnen werden in der Halbzeitpause auftreten. © Quelle: imago images/UPI Photo

Und wie hängt das mit American Football zusammen?

American Football hat davon etwas, weil das jeweilige Team eine große Community ist. Eine Mannschaft, das sind so 60, 70 Spieler und die müssen manchmal nur einen Punch oder einen Free Kick pro Spiel richtig machen. Trotz dieser reduzierten Funktion, die ja nicht vergleichbar ist mit dem modernen Fußball, wo ein Spieler 90 Minuten auf dem Platz steht, sind diese Footballspieler Teil der Gemeinschaft. Dieser sehr elementare Community Spirit, der uns jetzt im 21. Jahrhundert möglicherweise verloren geht, ist im American Football sehr stark, gerade auch wegen der funktionalen Ausdifferenzierung. Auch wenn sie nur eine kleine Rolle spielen, muss man sich auch auf diese Spieler verlassen können. Es gibt Fehlleistungen eines Spielers im American Football, die dann nicht mehr zu reparieren sind. Das hat man in der Partie der 49ers gegen die Packers gesehen, bei der die Deckung für die Runningbacks der 49ers am vorletzten Sonntag nicht gut war, und das bedeutet dann einen Touchdown. Es gibt im American Football halt keinen Torwart.

Apropos: Die San Francisco 49ers stehen im Endspiel gegen die Kansas City Chiefs. Wer wird gewinnen?

Ich glaube, die 49ers. Wobei ich denen nie verziehen habe, dass sie 1993 ihren Quarterback Joe Montana verkauft haben. Aber diese 49ers jetzt sind schon großartig, ohne dass Sie mir das bitte als Lokalpatriotismus auslegen. Es gibt ja in allen Mannschaftssportarten immer mal wieder eine Phase, in der eine Mannschaft für einige Wochen nicht aufzuhalten ist. Die Chiefs sind schon gut, aber die 49ers haben einen solchen Run, ihre ganze Maschine funktioniert zurzeit so gut, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie das Spiel nicht gewinnen. Auch wenn im American Football immer Überraschungen passieren können, mein Tipp: Die­ 49ers siegen mit zwei Touchdowns.

Lesen Sie mehr über den Superbowl auf: sportbuzzer.de

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