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Britpop-Band im Wandel

Volle Energie! Suede klingen auf „Autofiction“ kraftvoller denn je

Jetzt also richtig rockig: Die britische Rockband Suede um den Sänger Brett Anderson (Mitte) veröffentlicht am Freitag (16. September) ihr neuntes Studioalbum „Autofiction“.

Jetzt also richtig rockig: Die britische Rockband Suede um den Sänger Brett Anderson (Mitte) veröffentlicht am Freitag (16. September) ihr neuntes Studioalbum „Autofiction“.

Three, four – ab dafür! Hochenergetisch sind die neuen Songs von Suede. Ein hymnisches Vorwärts mit einer gitarrenen Kraft, wie man sie von der Band aus London nicht einmal Anfang der 90er-Jahre hörte, als Suede mit Songs wie „Metal Mickie“ und „Animal Nitrate“ an der Erfindung des Britpop mitstrickten. Von „Indie-Ikonen – wiedergeboren als Punkrockern“ schrieb der britische „New Musical Express“ jetzt. Und der deutsche „Rolling Stone“ empfahl seinen Leserinnen und Lesern: „Genießen Sie es! So wird es nie wieder sein.“

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Suede 2022 - am besten spielt man das Album laut

Wer weiß das schon so genau? In jedem Fall ist das in den Londoner Konk-Studios eingespielte „Autofiction“ das erste Suede-Album der Sorte „Play it out real loud“. Dreht man an seinem Stereoanlagendinosaurier den Lautstärkeregler hart nach rechts, passt es perfekt, wenn die zugehörigen Boxen noch die betonfüßigen Goliaths der Neunziger sind. Aus kleinen Lautsprechern darf ein Sound, der mächtig ist wie Kumulusgebirge am Brit-Himmel, niemals kommen.

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Mit quietschendem Gitarrenfeedback beginnt „Autofiction“. „Auf vielerlei Weise bin ich immer noch ein junger Mann“, singt Anderson im ersten Song, einem „Lied der Liebe, nicht der Trauer“ über seine Mutter, deren Beerdigung er verpasst hat. Und er steigert sich – getrieben von den Beats und einer nadelnden Gitarre – zur Emphase. „Sie führt mich immer noch“, heißt es im Refrain. Gilt für Mama wie für die Geliebte, die Musik. Für Letztere mehr denn je. Nie haben Suede eine derart ohrbezwingendes Jubilieren an den Anfang ihrer Alben gepackt wie mit „She Still Leads Me On“. In musikalisch aufgeschlosseneren Welten wäre dieser Song eine Nummer eins.

Brett Anderson: „Autofiction“ ist unsere Punkplatte“

Rau, schmutzig, zornig, kurz sollte das neue Album nach dem Willen von Anderson werden. Der inzwischen 54-Jährige hat dafür die Blue Suede Shoes angezogen. Abschluss der letzten, experimentelleren Phase war 2018 das wunderschöne „The Blue Hour“. Und jetzt: „Anders“ ist das ewige „besser“. „Autofiction“ könnte man mit „Selbsterfindung“ übersetzen. „,Autofiction‘ ist unsere Punkplatte“, wurde der Frontmann vorab zitiert.

Punk ist hier eher die Haltung als der Sound der 70er-Jahre

Der nun schon zweimal erwähnte Punk ist hier freilich weniger Sound als Haltung. Auch wenn zuweilen clashige Töne zu vernehmen sind, auch mal rohe Backgroundchöre aufsteigen, lassen Anderson, Bassist und Band-Co-Gründer Mat Osman, Gitarrist Richard Oakes, Keyboarder Neil Codling und Schlagzeuger Simon Gilbert nicht etwa den klassischen „sound of the suburbs of 1977″ hören, wie er einem etwa von der soeben erschienenen limitierten 2022-er Blaue-Vinyl-Veröffentlichung der Sex-Pistols-Single „God Save the Queen“ (das soll Gott bitteschön mit der gerade angereisten Lilibet tun) entgegenschallt. Die vierte Bandphase von Suede hat wenig mit dem zornigen Dilettantensound des originalen Punk, mit Slits, den frühen Damned oder Stiff Little Fingers gemein.

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Suede können eben nicht hinter ihr Können zurücktreten. Der Lärm der einst ewigen Britpop-Vierten – hinter Oasis, Blur und Pulp –, deren größter Erfolg in Deutschland die Single „Electricity“ war (Platz 92), ist bei aller Dringlichkeit deutlich melodischer, majestätischer, und – ja – mitreißender. „The Only Way I Can Love You“ ist ein Mitsingdrama mit einem Herz aus Himbeerpop. „That Boy on the Stage“ trägt im Kern ein virtuoses, swingendes Gitarrensolo, der bockige Stomper „Black Ice“, zu dem Anderson heult wie Warren Zevons London-Werwolf, wird von seinem Groove getragen. „Leben ohne Gefahr ist kein Leben“, heißt es da. Genau.

Königsballade - ergreifender als beim Pianomoll von „Drive Myself Home“ waren Suede nie

Und Punkplatten hatten natürlich auch nie Balladen. Das zärtlichste und ergreifendste Mollarium im gesamten Suede-Oeuvre ist wohl „Drive Myself Home“ mit seinem dunklen Mantel aus tieftraurigen, schwankenden Pianoklängen, aus dem ergreifenden Miteinander von Waldhorn (Meredith Moore) und Cello (Amy Langley): „Ich sah dich verloren in der Schwerelosigkeit der Liebe.“ Großer Seufzer.

Es geht in den Lyrics um das Leben in mittleren Jahren

„Autofiction“, die Selbstverortung eines Autors in erfundenen Texten, handelt von Ehe, Familie, Popstarruhm, dem Leben in der großen Stadt und den Gedanken eines Mannes in mittleren Jahren, dem das Alter nicht mehr allzu fern ist. Anderson singt in „It’s Always the Quiet Ones“ von der wirklichen Persönlichkeit und der Bühnenidentität, die in frühen Karrierezeiten noch übereinstimmten.

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Beide hätten sich im Lauf der Jahre zwar auseinanderentwickelt, gestand er jüngst in einem Interview mit dem „Record Collector“: „Aber ich werde gerne zu ihm. Ich habe es im Lockdown vermisst, weil es ein Teil von mir ist. Auf der Bühne zu stehen gibt dir ein Gefühl, das du nirgendwo anders bekommen kannst. Und dieses Gefühl liebe ich immer noch.“

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Der Livetest im beliebten Minikonzertvenue The Moth Club war denn auch ein voller Erfolg. Unter dem nichtssagenden Namen Crushed Kid entdeckten die neugierigen Londoner Konzertgäste zu ihrer Überraschung Suede, die die Songs ihres neunten Studioalbums in die Saalnacht peitschten. Auf dass sich das Wort von der „winzigen Sauna“ Moth erfülle.

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Erstmals auch gibt es keine Langsamkeit am Ende eines Suede-Albums. „Turn off Your Brain and Yell“, singt Anderson als Kehraus. Ein sechsminütiger Song, zu dem man in sich prickelnde Kohlensäure hochsteigen spürt, der einen tanzen und – wie befohlen – singen lässt. „Kannst du den Sonnenschein fühlen, wenn du den Kopf abschaltest und schreist?“ Mal probieren. Draußen ist gerade grauer Himmel, aber was soll’s? Dann die letzten Worte: „Enthülle dich!“ Oha!

Die Pop-Musen kreisen nach wie vor über London und eine der Bands, die sie innigst lieben, heißt Suede.

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Suede – „Autofiction“ (Suede Limited/BMG) live am 11. Oktober im Gloria-Theater, Köln, am 12. Oktober im Grünspan, Hamburg.

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