Stecken die Männer in der Krise, Mads Mikkelsen?

  • In seinem neuen Film „Helden der Wahrscheinlichkeit“ spielt der Däne einen Mann, der der Tod seiner Frau verwinden muss.
  • Was ist Zufall und was Schicksal, fragt der Kinofilm.
  • Der 55-jährige Schauspieler betrachtet das Leben eher nüchtern – und gelassen.
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Eine Riege schwer verkorkster Männerfiguren führt Mads Mikkelsen in seinem neuen Kinofilm „Helden der Wahrscheinlichkeit“ (ab 23. September) an. Doch auch in der Realität sieht der der preisgekrönte dänische Schauspieler („Der Rausch“) junge Männer „ein bisschen verloren“, wie er im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagt.

Herr Mikkelsen, spezialisieren Sie sich zurzeit womöglich auf Filme über Männer in der Midlife-Crisis?

Nicht unbedingt. Bloß werden mir logischerweise Rollen angeboten, in denen die Figuren altersbedingt solche Probleme haben. Also habe auch ich damit im Kino zu kämpfen. Allerdings: Die Beschreibung trifft zum Beispiel auf meinen aktuellen Film „Helden der Wahrscheinlichkeit“ nur bedingt zu. Der von mir gespielte Soldat wird durch den Tod seiner Frau in eine Krise gestürzt. Hier geht es eher um Glauben und Gott und die Frage, die dahinter steht: Ist alles im Leben Zufall – oder machen deine Handlungen einen Unterschied aus? Wenn ich aber an die Tragikomödie „Der Rausch“ über vier frustrierte dänische Lehrer denke, die sich das Leben schöntrinken wollen, haben Sie recht: In Thomas Vinterbergs Oscar-Film stecken die Männer in der Krise.

Anzeige

Können Sie denn mit dem Begriff Midlife-Crisis etwas anfangen, bezogen auf Ihr eigenes Leben?

Ich befürchte, dass die Krise bereits hinter mir liegt. Mit Mitte fünfzig wäre es ja ein bisschen spät für eine Midlife-Crisis ... Na gut, wenn ich 110 werde, bin ich gern dabei. Das klingt sogar ziemlich gut für mich. Vielleicht muss ich dann in späteren Jahren morgens und abends ein paar Pillen schlucken, aber das ließe sich ja machen.

Oder stecken Männer ganz generell in der Krise?

Anzeige

Meine Generation hatte es gut. Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden und nun das mittlere Alter – da sind wir überall prima durchgekommen. Bei der nächsten Generation sieht das schon anders aus. Alles, was uns passiert ist in den vergangenen zehn, 20 Jahren, hat uns nicht sonderlich getroffen. Die nächste Generation von Männern scheint mir jedoch ein bisschen verloren – verlorener, als wir es je waren.

Wie meinen Sie das?

Die Frauen brauchen die Männer nicht mehr unbedingt. Sie kommen allein wunderbar klar. Schulen sind eher weiblich orientiert. Drei Viertel der Lehrenden sind Frauen. Junge Männer schmeißen die Universität, sie kriegen keine gute Erziehung, sie haben eine enorme Selbstmordrate. Sie wissen einfach nicht mehr, wie sie in das System passen. Die Suche nach ihrem Platz im Leben empfinden sie als wirkliche Krise. Dabei rede ich natürlich nur über die westliche Welt. Und ich glaube nicht, dass ich übertreibe.

Gilt das auch fürs Filmgeschäft: Sehen Sie Frauen auf dem Vormarsch?

Sollte es früher Leute gegeben haben, die Filme von Frauen gestoppt haben, dann war das selbstverständlich nicht okay. Vielleicht machen Frauen inzwischen auch einfach mehr Filme, und das ist toll. Aber es ist kein Qualitätsstempel für einen Film, wenn man sagt, dahinter steht eine Frau oder dahinter steht ein Mann. Es geht erst mal um den Film selbst und nicht darum, welches Geschlecht der Mensch dahinter hat, oder auch, welcher Herkunft er ist.

„Helden der Wahrscheinlichkeit“: Mads Mikkelsen (r) als Markus und Andrea Heick Gadeberg als Mathilde. © Quelle: -/Zentropa Entertainments3 ApS &
Anzeige

Sie selbst scheinen sich nach Belieben aussuchen zu können, wo Sie Filme drehen, ob jenseits des Atlantiks, siehe demnächst „Fantastische Tierwesen“ oder auch das kommende „Indiana Jones“-Spektakel, oder diesseits, siehe „Der Rausch“ oder nun „Helden der Wahrscheinlichkeit“: Gehen Sie bei der Auswahl Ihrer Filme nach einem Strickmuster vor?

Ich habe das große Glück, sowohl dort als auch hier zu Filmen eingeladen zu werden. Dänemark ist ein kleines Land. Wenn du hier dauernd Filme machst, werden die Leute müde von deinem Anblick. Deshalb nutze ich die Chance, auch woanders zu drehen und dann wieder zurückzukehren. Wenn das auch weiterhin so funktioniert, bin ich sehr dankbar. Aber dafür gibt es keine Garantie. Ich mache das, was mir über den Weg läuft und was ich wirklich mag.

Was mögen Sie denn am meisten?

Mit Leuten arbeiten, die eine starke Vorstellung davon haben, was sie wollen. Da spielt es keine Rolle, wer sie oder er ist. Es kommt auf die Vision an. Und wenn das Ganze in Japan stattfindet, dann fahre ich eben nach Japan. Ich bin ein großer Fan vom Regisseur Anders Thomas Jensen und seiner Welt, wie „Helden der Wahrscheinlichkeit“ beweist. Jensen ist einzigartig – auch wenn es zweifellos Ähnlichkeiten mit den Coen-Brüdern gibt.

Sie drehen immer wieder mit denselben Regisseuren, mit Nicolas Winding Refn, Susanne Bier, Thomas Vinterberg oder eben Jensen. Ist das ein Zeichen von Loyalität?

Ich mag diese Leute und das, was sie tun. Solange sie mich fragen, ob ich mitmachen will, bin ich dabei. Allerdings besteht die Gefahr, dass man sich irgendwann zu gut kennt. Da könnte man schnell faul werden. Ich glaube aber, dass wir es bislang hingekriegt haben, uns immer noch ein Stück weiter aus unserer Komfortzone vorzuwagen – und zwar gerade deshalb, weil wir einander bei unserer Arbeit vertrauen. So bleibt es hoffentlich noch ein Weilchen.

So viele Filme mit Ihnen ploppen gerade auf. Sind Sie ein Workaholic?

Überhaupt nicht. Ich bin einer von den Schauspielern, die vermutlich am wenigsten arbeiten. Ich drehe immer zwei Monate und steige dann wieder drei Monate aus. Jedenfalls so ungefähr. Vielleicht wirkt das anders, weil über die Filme gerade viel gesprochen wird. Kollegen von mir drehen viel mehr, spielen abends noch Theater und sprechen morgens im Radio. Da komme ich nicht mit. Wenn ich irgendwas bin, dann ein Sportaholic.

Sind denn genügend interessante Stoffe auf dem Markt?

Klar gibt es auch Filme, die immer nach derselben Methode gemacht sind. Wenn Leute das sehen wollen, dann ist das eben so. Aber gerade in den Fernsehserien ist viel Radikales zu finden. Manche davon sind gar nicht für den Mainstream gemacht, ihr Platz ist die Nische. Diese Serien können so verrückt, so lustig, so brutal sein, wie sie wollen. Von da kommt schon noch viel Inspiration – und das trifft letztlich auch immer noch aufs Kino zu. Mich persönlich interessiert an Filmen das Menschliche. Daraus entsteht das Drama.

Wie würden Sie „Helden der Wahrscheinlichkeit“ einem Hollywoodproduzenten ans Herz legen?

Das würde ich lieber bleiben lassen. Einem US-Produzenten sollte man diese verrückten Typen lieber nicht empfehlen. Denn für diese Produzenten wäre womöglich Political Correctness ein wichtiges Kriterium – und wenn Anders Thomas Jensen etwas nicht ist, dann ist das politisch korrekt. Seine Filmfiguren sagen abscheuliche Sachen, glauben diese und handeln auch noch danach. Jensen kann sich das aber alles erlauben, weil seine Filme zugleich poetisch sind. Seine Charaktere mögen wahnsinnig sein, aber sie suchen eine Art Familie, in der sie leben können.

Waren US-Filmproduzenten schon immer so sensibel?

Na ja, es entstehen schon noch kon­tro­ver­se Filme in Amerika. Aber es wird doch schwieriger. Wir schreiben das Jahr 2021: Inzwischen ist jeder in den USA andauernd über irgendetwas beleidigt. Man kann kaum noch etwas frei sagen. Das ist ein Dilemma. Jeder hat plötzlich das Recht, beleidigt zu sein. Du kannst nicht mehr mit zehn Leuten sprechen, ohne mindestens einen zu beleidigen. Und wenn du mit 1000 Leuten sprichst, beleidigst du wenigstens 100.

Was ist die Konsequenz?

Natürlich darf sich jeder beleidigt fühlen, wann immer ihm danach ist. Aber dann sollte er sich vielleicht einfach nicht in bestimmte Filme setzen. Wenn wir bei Kritik immer gleich stoppen, haben wir bald eine andere Welt – eine, wie wir sie im vorigen Jahrhundert erlebt haben. Denn wie schnell sind auch Staatsführer beleidigt ...

Er hat schon „Michael Kohlhaas“ gespielt

In „Helden der Gerechtigkeit“ wird die Frage nach Schicksal und Zufall gestellt. Können Sie mit diesen Kategorien etwas anfangen?

Jedem, der in seinem Leben schon mal mit Tod oder etwas anderem Schlimmen zu tun gehabt hat, kann es helfen, die Frage nach dem Warum zu stellen. Warum ist gerade mir das passiert? Es ist dann unvermeidlich, sich mit dem Schicksal zu beschäftigen. Manche hoffen, dass etwas Bedeutsameres hinterm Leben steckt. Ihnen hilft es, an etwas zu glauben. Andere mögen sich nicht an solchen Vorstellungen festhalten.

Zu welcher Kategorie gehören Sie?

Ich gehöre zu denen, die nicht glauben, dass da mehr ist – aber sollte ich mich irren, wäre ich sofort dabei bei der nächsten Runde auf dem Karussell, denn das hört sich wirklich nach viel Spaß an.

„Helden der Wahrscheinlichkeit“ ist auch ein Film über Rache. Sie sind mal als Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ durchs Kino geritten: Sehen Sie Ähnlichkeiten?

Nicht wirklich. Kohlhaas ist eher eine philosophische Sache: Wie weit gehst du, um Gerechtigkeit zu bekommen? Nimmst du dabei in Kauf, alles zu zerstören? Dabei wollte Kohlhaas nur zwei Pferde wiederhaben, nicht wahr? Der Soldat in meinem aktuellen Film bricht nicht aus Überzeugung zu seinem Rachefeldzug auf. Er glaubt an nichts, was der Welt nach dem Tod seiner Frau noch einen Sinn geben könnte. Ihm fällt einfach nichts Besseres ein, was er tun könnte.

Die Dänen sind sarkastisch

In Ihrem aktuellen Film gehen Gewalt und Humor Hand in Hand: Ist das eine gute Kombination?

Letztlich muss das jeder selbst beurteilen. Es gibt jedenfalls viele Fälle, in denen das funktioniert. Natürlich kann Gewalt auch dargestellt werden, um die Leere darin zu zeigen. Gleichzeitig kann sie das Publikum aber auch zum Lachen bringen, wenn sie ein Tabu antastet. Darin steckt quasi der Ursprung von Humor. In „Helden der Wahrscheinlichkeit“ lachen die Zuschauer meiner Ansicht nach nicht über die Gewalt selbst. Sie reagieren auf Szenen, die sie überraschen und vielleicht auch schockieren. Daraus entspringt ein vorsichtiges Lachen nach dem Motto: Ist das eben wirklich passiert? Wieso ist das passiert? Ist das nicht krank? Wir lachen aber nicht, weil jemand erschossen wird und das komisch sein soll.

Haben die Dänen einen besonders dunklen Humor?

In Deutschland oder auch in Schweden finden sich bestimmt Leute mit einer ganz ähnlichen Humorlage. Aber weder die Deutschen noch die Schweden sind dafür als Nation bekannt. In Dänemark dagegen ist Sarkasmus seit Jahrhunderten Teil unserer DNA. Einer der Ersten, die diese dunkle Lebenshaltung auf Papier gebracht haben, war der dänische Philosoph Søren Kierkegaard in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vielleicht hat da alles angefangen.

Vor seiner Filmkarriere war er Tänzer

Sie waren knapp zehn Jahre lang Tänzer, bevor Sie vor die zum Film wechselten. Beeinflusst diese Vergangenheit Ihre Arbeit als Schauspieler?

Ich kann weder einen Soldaten wie in „Helden der Wahrscheinlichkeit“ noch einen Lehrer wie in „Der Rausch“ tanzen lassen – obwohl: Am Ende tut der Lehrer Martin das ja gewissermaßen in „Der Rausch“. Aber ich habe schon ein besonderes Körperbewusstsein. Ich bin mir sofort klar darüber, ob die Figur leicht oder schwer, schnell oder langsam ist. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein: Ich hatte immer schon eine physische Herangehensweise an die Dinge.

Seit Corona warten immer noch eine ganze Menge Filme auf Ihren Kinostart: Haben Sie Angst, dass es so manches Werk gar nicht auf die Leinwand schaffen wird?

Vor allem hoffe ich, dass die Leute wieder ins Kino kommen. Schließlich machen wir diese Filme fürs Kino – und „Der Rausch“ war tatsächlich der erfolgreichste dänische Film während der Pandemie im vorigen Jahr. Aber wenn es mit dem Kino mal nicht mehr so klappen sollte, dann müssen wir uns an die Streamingplattformen halten. Das hat in den vergangenen Pandemiemonaten gut funktioniert, die Streamingdienste haben in mancherlei Hinsicht das Filmgeschäft gerettet. Meiner Ansicht nach ist die Zeit gekommen, in der sich Kino und Plattformen nicht mehr als Feinde begegnen sollen. Es muss Wege geben, sich gegenseitig zu inspirieren.

Der wohl bekannteste dänische Schauspieler

Mads Mikkelsen ist der wohl bekannteste dänische Schauspieler auf diesem Globus: Er ist genauso in seinem kleinen Land wie auch in Hollywood zu Hause. Furore machte er als Superschurke Le Chiffre im James-Bond-Film „Casino Royale“ (2006). Demnächst wird der 55-Jährige in „Phantastische Tierwesen 3“ (wo er Johnny Depp ersetzt) und „Indiana Jones 5“ aufkreuzen. In der TV-Serie „Hannibal“ verkörperte er den Kannibalen.

In Europa war Mikkelsen schon in der dänischen Dogma-Zeit gefragt. Gern dreht er mit alten Freunden wie Thomas Vinterberg („Die Jagd“, „Der Rausch“) oder Susanne Bier („Für immer und ewig“, „Nach der Hochzeit“). Anders Thomas Jensen, ein besonders spleeniger Zeitgenosse, ist womöglich sein Lieblingsregisseur. Die beiden haben etwa bei „Dänische Delikatessen“ (2003), „Adams Äpfel“ (2005) und „Men & Chicken“ (2015) zusammengearbeitet – nun folgt die Tragikomödie „Helden der Wahrscheinlichkeit – „Riders of Justice“ (Kinostart 23. September), in der Mikkelsen sich als aus dem Auslandseinsatz zurückgekehrter Elitesoldat von Mathematiknerds anstacheln lässt, den Tod seiner Frau zu rächen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen