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„Star Wars“-Star John Boyega: „Manchmal möchte ich nur den Schlümpfen zuschauen“

  • In Berlin ist „Star Wars“-Treffen mit Hauptdarsteller John Boyega, der für den neuen Film „Star Wars, Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers“ der Saga (Kinostart am 19. Dezember) trommeln soll - ohne darüber zu reden.
  • Dass er mit dem widerständischen Sturmtruppler Finn die erste schwarze Hauptrolle in der Sci-fi-Saga hat, ist ihm bewusst - wichtig war es für ihn aber, überhaupt dabei zu sein.
  • Denn Boyega ist Fan - spielte schon als Kind mit einer "Star Wars"-Actionfigur.
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Man will alles über den neuen „Star Wars“-Film wissen von John Boyega, dem männlichen Hauptdarsteller der aktuellen Trilogie. Wird seine Filmgefährtin Rey im letzten Film zur dunklen Seite der Macht überwechseln, wie der erste Trailer andeutete? Lebt Luke Skywalker nach dem ihn verzehrenden Ende des vorherigen Films noch? Oder ist mit dem „Aufstieg Skywalkers“ im Titel des neunten „Star Wars“-Film am Ende gar dessen Vater Anakin (alias Darth Vader) gemeint, der an der Seite des auf dem Filmposter erkennbaren Imperators von den Toten zurückkehrt?

John Boyega: „Ich weiß nichts über Darth Vader“

„Ich weiß nichts von Darth Vader. Welcher Anakin?“, fragt Boyega scheinheilig zurück. „Den Namen habe ich meiner Lebtag noch nicht gehört. Sie stellen die heißesten Fragen, wer hat Sie geschickt?“ Der Schauspieler sitzt mittig auf einem superbreiten Sofa, zurückgelehnt, die Arme über die Lehne gebreitet wie Flügel. „Natürlich kann ich Ihnen darüber nichts verraten, Sie wissen das auch!“, wird es ihm schließlich zu bunt. Im Soho House in Berlin-Mitte findet zwischen holzvertäfelten Wänden und Betonstreben Ende September ein Interviewtag statt, der dazu dient, für einen erst Mitte Dezember startenden Kinoblockbuster zu trommeln.

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Der Film, um den es geht – „Star Wars Episode IX - Der Aufstieg Skywalkers" –, befindet sich zum Zeitpunkt des Gesprächs noch in der Nachproduktion, man konnte ihn also noch nicht sehen. Und inhaltlich darf sowieso kein Sterbenswörtchen raus, Geheimhaltungsstufe 1. So bleibt das zentrale Thema des Treffens absurderweise ausgeklammert. Entsprechend verrät Boyega auch nichts über den Fortgang seiner Beziehungen zu seinen Kampfgefährtinnen Rey und Rose.

Und über die zu Poe Dameron? Im Internet wurde viel spekuliert über die besondere Fürsorge, die der von Oscar Isaac gespielte Kampfpilot Boyegas Figur Finn wiederholt angedeihen ließ. Von der ersten schwulen „Star Wars“-Romanze war die Rede. „Oscar und ich haben sehr darüber gelacht“, sagt Boyega. Schwule Charaktere selbst in Sternenmärchen wie „Star Wars“ kann sich der 27-jährige Londoner nigerianischer Abstammung gut vorstellen. „In ,Star Trek‘ gab es das schon. Das wird kommen.“

Boyega: „Wenn du Film neun sehen willst, musst du dir Film acht anschauen, oder?“

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Wie hart die ersten beiden Filme der aktuellen, dritten „Star Wars“-Trilogie von einigen Fans im Internet verrissen wurden, bis hin zur Aufforderung, den achten Film, „Die letzten Jedi“, komplett zu ignorieren, erzürnt Boyega. Wenn du Film neun sehen willst, musst du dir doch wohl Film acht anschauen, oder? Sieben! Acht! Neun! Du kannst ihn nicht ausklammern.“ Er flüstert das fast, das Aufnahmegerät scheint sich auf ihn zuschieben zu wollen, um auch alles zu erhaschen.

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In den „Star Wars“-Filmen spielt Boyega den Sturmtruppler FN-2187 der diktatorischen Ersten Ordnung, der desertiert und sich dem Widerstand der Republikverfechter zugesellt. Dem Ersten Ritter der Ersten Ordnung, Kylo Ren, konnte Finn zuletzt dank der Jedi-Spezialkräfte des „Star Wars“-Urgesteins Luke Skywalker um Haaresbreite entkommen. Die Rolle der namenlosen Nummer, die zum Individuum wird, habe ihm sehr gefallen, sagt Boyega. Auch der Verantwortung, dass er nach den Nebenfiguren Lando Calrissian (gespielt von Billy Dee Williams) und Mace Windu (gespielt von Samuel L. Jackson) die erste schwarze Hauptrolle im „Star Wars“-Universum übernahm, sei er sich bewusst – „definitely“.

Aber all das sei ihm erst nachher gedämmert, das sei nicht ausschlaggebend gewesen für seine Zusage, als ihn J. J. Abrams damals fragte, ob er für seinen nächsten Film verfügbar sei. Der „Star Wars“-Regisseur und ausführender Produzent war ausgewiesener Fan von Boyegas Filmdebüt „Attack The Block“ (2011), einer Komödie über eine außerirdische Invasion in einem prekären Viertel im Londoner Süden, die vom kriminellen Streetkid Moses (Boyega) vereitelt wird.

Als eine Finn-Briefmarke herauskam, schrieb John Boyega Briefe

Was für Boyega den Ausschlag gab: „Es war ,Star Wars‘. Großartig. Let’s go!“ Das sei märchenhaft gewesen, schließlich war er schon als Kind Fan der Filme. Dass man damit umgehend zur Ikone wird, hat Boyega gut verkraftet. Sein Gesicht auf Postern, Tassen, Stickern und T-Shirts zu finden, und dass seither Hunderttausende Kinder auf dem Planeten Erde mit einem Lego-Finn spielen, ficht ihn nicht an. „In den ersten Monaten kommt dir das schon verrückt vor“, sagt er. „Aber das gibt sich. Das Merchandising ist bloß eine Erweiterung gegenüber anderen Rollen“, sagt er. Als Kind hatte er selbst „Star Wars“-Spielzeug: „Eine Actionfigur von Darth Maul, ich konnte die doppelte Lichtschwertklinge wirbeln lassen.“

Dass die britische Post 2015 eine Finn-Briefmarke herausgebracht hat, hat Boyega am meisten beeindruckt. „Ich habe in der Zeit keine Texte mehr online verschickt“. Er lacht. „Alle haben Briefe von mir bekommen. Unglaublich. Das war cool.“

Boyega: "Mein Dad ist ein sehr witziger Mann"

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Sind seine Mutter, sein Vater und die beiden Schwestern dabei, wenn der Sohn und Bruder im Kino die Kräfte des Bösen bekämpft? Boyega prustet laut „Sie lieben es – zumindest auf der Leinwand. Sie umarmen die Sachen, die ich mache. Ich habe eine künstlerisch interessierte Familie, sie stehen auf Entertainment.“ Boyegas Vater ist Priester der Pentecostal Church – die Jobs des Pfingstlers und des Schauspielers haben durchaus Berührungspunkte. „Mein Dad ist ein sehr sehr witziger Mann, total bezaubernd. In der Kirche kommt es darauf an, wie lange du als Priester die Aufmerksamkeit der Gemeinde halten kannst. Mein Vater kann das.“ Definitiv sei Papa Samson über die Jahre zu einem Vorbild geworden – „seine Energie, sein Selbstvertrauen.“

Ist Boyegas Rollenname des Jake Pentecost in „Pacific Rim: Uprising“ also eine Hommage an das väterliche Vorbild gewesen? „Das ist Zufall, ich spiele den Sohn von Idris Elba aus dem ersten Film. Und der hieß eben Pentecost. Käme ich zu meinem Vater, und sagte: „Vater, dir zuliebe habe ich den Kerl Pentecost genannt“, würde er sagen, „hey, warum hast du ihn nicht Samson Adegboyega genannt? So heiße ich nämlich.“

Allerhand Science-Fiction führt die Filmografie Boyegas auf – von „Attack the Block“ über „Star Wars“, und „The Circle” (mit Tom Hanks und Emma Watson) bis „Pacific Rim: Uprising“. Er möge das Genre zwar, sagt er, „doch das meiste war Gelegenheit – dein Agent klingelt und hat eine Rolle für dich”. Nach dem Ende von „Star Wars“ steht allerdings schon wieder Sci-Fi an – Mike Cahills Verfilmung von Katie Khans Roman „Schwerelos“ über ein verloren im All schwebendes Liebespaar: schwindende Atemluft und keine Chance auf einen letzten Kuss.

„Das Projekt wurde leider aufgegeben“, sagt Boyega. „Keine Ahnung, warum. Letitia (Wright) und ich sind ziemlich enttäuscht darüber.“ Stattdessen wird er mit der Kollegin aus dem Superheldenfilm „Black Panther“ in „Small Axe“ zu sehen sein, der ersten Fernsehserie des britischen „12 Years A Slave“-Regisseur Steve McQueen. „Da wird die Geschichte der karibischen Migranten erzählt, die 1968 in England Fuß fassen wollten. Ich spiele einen Polizisten.“

Die Serie handelt auch von Anfeindungen und Rassismus – es war die Zeit des rechten Tories-Politikers Enoch Powell und seiner Hetzreden. Eine ähnliche Rolle spielte Boyega schon in dem Drama „Detroit“ (2017) - den Security-Mann Melvin, der 1967 Zeuge weißer Polizeigewalt gegen Schwarze wird. „Ich hatte Zeit zwischen den Arbeiten für ,Star Wars‘“, sagt Boyega. „Und es war die Gelegenheit, mit Regisseurin Kathryn Bigelow zu drehen.“

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Ob er glaubt, dass Filme wie „Detroit“ die Denkweise von Menschen und damit die Welt verändern können? Boyega lehnt sich nach vorn. „Ich kann dieses Kategorisieren nicht leiden, das frustriert mich“, sagt er. „Manche Filme werden dazu gemacht zu inspirieren, machen auf Missstände aufmerksam, wollen Köpfe verändern. Und andere Filme sind eben nur dazu da, zu unterhalten, Spaß zu haben – das ist auch gut. Ich will gar nicht, dass jeder Film Ernstes verhandelt. Manchmal möchte ich nur den Schlümpfen zuschauen.“

„Star Wars“ muss er nicht in seine Verteidigungsrede des Unterhaltungskinos einbauen – zeigen die Filme doch jüngsten Zuschauern in einem märchenhaften Kontext exemplarisch, dass Faschismus menschenverachtend ist und Demokratie verteidigt werden muss.

Das Theater brachte Boyega in die „Gruppe der künstlerisch begabten Kinder“

Boyega spielt auch am Theater, zuletzt wurde er 2017 als „Woyzeck“ in Jack Thornes Update von Georg Büchners Tragödie am Londoner Old Vic von Kritik und Publikum gefeiert. Auf der Bühne steht er, seit er bei einer Schulaufführung „mit neun oder zehn Jahren“ ein Leopard war. „Das war richtig ikonisch!“, erinnert er sich, „denn vor diesem Tag war ich ein Unbekannter. Und nach diesem Tag hatte ich nur Freunde. Als Kind geht es immer darum, dazuzugehören. Schauspiel war für mich damals weder ein Job noch eine Frage des Überlebens. Die ökonomischen Aspekte kannte ich nicht. Aber von da an war ich in der Gruppe der künstlerisch begabten Kinder. Von da an war ich jemand.“

Welche Gattung bevorzugt Boyega? „Ich liebe es. Bühne – das ist der eine Take“, sinniert Boyega über die Livedarbietung im Theater. Um sofort wieder zum Filmstar zu wechseln, der Angriff für die beste Verteidigung hält. „Was ich nicht mag ist, immer dieses Märchen zu hören, Bühnenschauspiel sei von besserer Qualität. Das ist Unsinn. Vor einer Kamera zu agieren bringt dich erst mal weg von der Wirklichkeit, die du abzubilden versuchst. Du musst es draufhaben, musst ausblenden, dass die Kamera da ist. Die Kamera kann man durchaus mit dem Publikum vergleichen. Der Zuschauer sieht eine berührende Kinoszene, die total natürlich wirkt. Gedreht wurde sie aber um vier Uhr morgens – aus dem Zusammenhang des Ganzen. Du steckst in einem Kostüm, es wird künstliches Tageslicht erzeugt.“

Boyega könnte bald wieder einen Leoparden spielen. Der neue Roman des jamaikanischen Man-Booker-Preis-Preisträgers Marlon James, „Schwarzer Leopard, Roter Wolf“ über zwei afrikanische Superhelden wurde von den Feuilletons von „New York Times“und „Washington Post“ gefeiert. Er ist Auftakt einer Trilogie – damit hätte Boyega Arbeit auf längere Zeit. Und „Black Panther“-Star Michael B. Jordan hat sich bereits die Filmrechte gesichert. „Klingt gut. Danke für den Tipp“, sagt Boyega. „Ich werde Michael B. mal fragen.“

„Star Wars – Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers“, Kinostart am 19. Dezember