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Star-Schauspieler August Diehl spielt Widerstandskämpfer Franz Jägerstätter

  • Berühmt wurde August Diehl mit dem Computerhackerfilm „23 – Nichts ist so, wie es scheint“
  • Jetzt kommt sein Film „Ein verborgenes Leben“ in die Kinos.
  • Im Interview erzählt der 44-jährige Schauspieler von seiner aktuellen Kinofigur, dem von den Nazis ermordeten Franz Jägerstätter, von einem rätselhaften Kinoregisseur, vom Beten und von seinen Tränen.
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Herr Diehl, Sie kommen direkt von den Proben zu Yasmina Rezas Stück „Drei Mal Leben“ am Berliner Ensemble. Da geht’s um Mittelstandseltern. Jetzt reden wir über Terrence Malicks Kinodrama „Ein verborgenes Leben“. Das erzählt von dem von den Nationalsozialisten ermordeten Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter. Ein schwieriger Spagat?

Oha, der ist alles andere als einfach. Das sind nun wirklich zwei Welten. Andererseits bin ich als Schauspieler solche Schnitte gewohnt.

Sind Gegenwartsstücke oder -filme leichter zu spielen als historische?

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Auf der Theaterbühne oder auch vor der Kamera bewege ich mich immer im Jetzt. Deshalb ist es gar nicht so wichtig, ob etwas momentan oder vor 500 Jahren spielt. Für mich passiert alles immer in diesem Augenblick.

Was muss man über den Menschen Franz Jägerstätter wissen, den die Nazis am 9. August 1943 unter der Guillotine umbrachten?

Jägerstätter war ein Bauer in Niederösterreich, ein sehr gläubiger Katholik. Wie alle anderen Männer wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Er weigerte sich jedoch, für die Nazis zu kämpfen.

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Wie sah diese Verweigerung in der Praxis aus?

Er entschied für sich, keinen Schwur auf Adolf Hitler zu leisten – was jeder Wehrmachtsoldat tun musste. Denn er hatte schon einen Schwur auf Gott abgelegt. Er wollte keiner Kriegsmaschinerie dienen, schon gar nicht als Kämpfer, aber auch nicht als Lazaretthelfer oder auf welcher Position auch immer. Diese Entscheidung war mit einem grausamen, inneren Kampf verbunden. Aber er blieb dabei bis zum bitteren Ende. Durch niemanden ließ er sich umstimmen …

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… nicht einmal von denen, die ihn retten wollten: War er standhaft oder einfach unbelehrbar?

Da hatten die Menschen um ihn herum etwas missverstanden. Es lag keine politische Absicht in seiner Entscheidung. Er wollte das NS-System nicht aushebeln. Das war eine rein persönliche Angelegenheit. Jägerstätter folgte seinem Gewissen. Er sagte Nein im Sinne von: Ich bin nicht Teil dieses Verbrechersystems.

Wie nahe muss man Gott stehen, um diesen Film „Ein verborgenes Leben“ würdigen zu können?

Ich finde gar nicht, dass sich der Film im Kern um Religiosität dreht. Es geht hier nicht so sehr um die Nähe zu Gott als vielmehr darum, wie nahe man bei sich selbst ist. Wenn das dann zufälligerweise mit etwas Göttlichem zu tun hat, ist das ein schöner Zufall. Der Regisseur Terrence Malick lässt es zu, dass man sich auf die Suche nach sich selbst begibt. Er möchte, dass man sich öffnet. Das wurde auch bei den Dreharbeiten deutlich: Ich glaube, ich habe noch in keinem Film so wenig gespielt im Sinne einer Verwandlung in eine andere Figur.

August Diehl hat das erste Mal in seinem Leben gebetet

Haben Sie Ihre eigene Beziehung zu Gott überprüft?

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Ich habe sehr viel in der Bibel gelesen – auch noch während der Dreharbeiten, jeden Abend und jeden Morgen. Ich bin in Kirchen gegangen und habe mich gezwungen zu beten. Zuvor hatte ich das noch nie getan, eine unglaubliche Erfahrung. Am Anfang habe ich mich lächerlich gefühlt. Aber diese Lektüre verströmt eine wahnsinnige Kraft – selbst dann, wenn man sie für sinnlos hält. Das Vaterunser ist ein unglaublicher Text, beinahe wie ein Mantra.

Was haben die Nationalsozialisten in dem gläubigen Landwirt gesehen?

Zunächst waren sie erheblich irritiert. Da haben sie auch noch nicht versucht, ihn zu brechen. Es war viel leichter, Widerstandskämpfer wie die Geschwister Scholl niederzubrüllen, die Flugblätter gegen den Krieg verteilt hatten. Mit der sanften Entschlossenheit dieses Bauern aus Niederösterreich kamen die Nazis nicht klar. Man kann von dem Film durchaus eine Brücke in unsere Gegenwart schlagen, und deshalb ist er für mich auch so aktuell.

Überqueren Sie mal diese Brücke.

Nein zu sagen ist unpopulär geworden. Noch in der Generation meiner Eltern in den Sechziger- und Siebzigerjahren war die Streitkultur viel stärker ausgeprägt. Das ist verloren gegangen.

Woran liegt das?

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Tendenziell mag es diese Entwicklung schon viel früher gegeben haben. Vielleicht führt die Art der menschlichen Zivilisation auch immer stärker dazu, sich einzureihen. Am Anfang waren die Menschen in Stadtstaaten organisiert, dann in Nationen, Empires, Hemisphären ... Neu ist die Globalisierung, auch die Digitalisierung: Durch das Internet und die sozialen Medien lassen wir uns alle in die Rolle von Jasagern drängen. Die Welt scheint immer kleiner zu werden. Wir werden einander immer ähnlicher.

„Die Neinsager werden immer weniger“

Ein Beispiel, bitte.

Das lässt sich auf einfache Dinge runterbrechen. Man könnte ja sagen: Ich will kein Handy haben, keine E-Mails nutzen, kein Instagram. Das scheint aber so wenig tolerierbar, dass es keiner tut – auch wenn sich mancher danach sehnt. Die Accounts sehen sich immer ähnlicher, egal ob in Europa, Japan oder Südamerika. Alles wird immer uniformer – und die Neinsager werden immer weniger.

Moment, haben Sie Handy und Instagram?

Ich habe ein Handy, und ich habe auch Instagram. Aber das nutze ich fast gar nicht. Da habe ich zwölf Bilder oder so drauf. Aber ich bin ein Schnüffler und schaue, was die anderen posten.

Denken Sie doch mal an den anschwellenden Klimaprotest der Jugend: Wächst da nicht gerade eine Fraktion der Neinsager heran?

Da handelt es sich doch wieder um kollektive Proteste. Auf diesen Zug springen jetzt viele auf. Gut, dass sie es tun, aber ich rede vom individuellen Neinsagen. In Franz Jägerstätter finde ich etwas, was auch Kinder auszeichnet: Jedes Kind weiß genau, was richtig oder falsch ist. Falsch ist es zum Beispiel, jemanden zusammenzuschlagen.

Stadtkino im Künstlerhaus: Die Schauspieler Tobias Moretti (l.) und August Diehl bei der Premiere des Films „Ein verborgenes Leben“. © Quelle: imago images/K.Piles

Erwachsene wissen das nicht?

Auf dem Weg zum Erwachsenen sind wir so vielen Informationen, Einflüssen und Einflüsterungen ausgesetzt. Und plötzlich sitzen wir da und diskutieren, ob es schlau wäre, 10 000 Menschen bombardieren zu lassen. Deshalb ist es so irre, dass da einer ganz sanft gesagt hat: Ich nicht! Dieser Film erinnert uns an etwas, was wir gerade im Begriff sind zu verlieren.

Ist Greta Thunberg eine Neinsagerin?

Greta Thunberg ist eine Aktivistin. Sie sagt nicht Nein, sondern kämpft für eine Sache. Was mich an Franz Jägerstätter getröstet hat, ist ja gerade: Man braucht keinen Plan. Mir fiel auch noch mal der berühmte Satz der Friedensbewegung in der alten Bundesrepublik ein: Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Klingt lustig, aber da steckt was Wahres drin: Wenn wir uns weigern, haben die Mächtigen keine Macht mehr.

Wächst womöglich die Angst, zu unserer Meinung zu stehen?

Wovor sollten wir in Europa Angst haben? Wir leben auf diesem Kontinent wie in einer Mozartkugel. An so vielen anderen Orten auf diesem Planeten sieht es schlimm aus, wir aber genießen einen unglaublichen Luxus. Und vor allem: Wir genießen Meinungsfreiheit. Die Toleranz in Europa ist groß – auch wenn sie abzunehmen scheint, was wirklich traurig wäre. Noch aber wird hier niemand geköpft, wenn er Nein sagt. Der Mensch ist das einzige Wesen auf diesem Planeten, das Nein sagen kann.

„Künstler wollen ein Knirschen erzeugen“

Sind Sie von Haus aus Pessimist?

Ich will gar nicht schwarzmalen. Wenn es eine Plattform gibt, auf der das Neinsagen gewissermaßen die Essenz des Daseins ist, dann ist das die künstlerische. Für Künstler empfiehlt es sich immer noch, Sand zu sein in einer allzu gut geölten Maschinerie. Künstler wollen ein Knirschen erzeugen. Auch der umstrittene Literaturnobelpreisträger Peter Handke war immer mehr Sand als Öl.

Welche Politiker sagen Nein?

Nur wenige. Einer der letzten war Joschka Fischer – auch wenn man viel über diesen Mann diskutieren kann. Oder denken Sie an den Bundespräsidenten Horst Köhler, der in einer seltsamen Seelenregung die Wahrheit aussprach. Er sagte so ungefähr: In Afghanistan sind wir doch nur wegen des Lithiums, also aus wirtschaftlichen Interessen. Das war ein Moment der Wahrheit. Womöglich hat ihn genau das später Kopf und Kragen gekostet.

Jetzt aber noch mal zurück zum Film: Malick gilt als rätselhafter Regisseur. Wie kamen Sie in seinen Film? Hatten Sie ihn plötzlich am Handy, und er fragte: Wollen Sie mein Hauptdarsteller sein?

Zunächst bin ich zu einem Casting hier in Berlin eingeladen worden. Da wurden Probeaufnahmen gemacht, die dann an Terrence Malick geschickt wurden. Zwei Wochen später bekam ich einen Anruf von der Castingchefin, dass ich die Rolle hätte – und eine halbe Stunde später rief Terrence mich an. Ich weiß noch genau: Ich stand im strömenden Regen auf der Straße. Wir haben eine Dreiviertelstunde über meine Kindheit und lauter persönliche Dinge geredet.

Spricht Terrence Malick eigentlich Deutsch?

Ziemlich gut sogar – auch wenn wir auf Englisch gedreht haben. Terrence hat mal an einer Doktorarbeit über Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein geschrieben. Ich erinnere mich an eine Begebenheit bei der Filmpremiere in Cannes: Da sah ich ihn in tiefem Gespräch mit meinem Vater sitzen – und mein Vater kann kein Wort Englisch. Beim Drehen hatte ich gar nicht mitbekommen, dass er so gut Deutsch kann. In Cannes geschah ja auch das Unfassbare: Der öffentlichkeitsscheue Malick, der sich nie zeigt, von dem es kein aktuelles Foto gab, zeigte sich bei der Premiere – genau sieben Minuten lang. Das war für Cineasten beinahe eine ebenso große Sensation wie der Film selbst.

Sie waren auch bei Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ dabei. Vergleichen Sie doch mal die Arbeitsweise der beiden Regisseure.

Tarantino kommt aus einer ganz anderen Fantasiewelt und ist auch sehr sprachaffin. Für ihn ist der Dialog ungeheuer wichtig. Für Malick sind Licht, Bild, ja, das Sprachlose entscheidend. Er ist ein Sinnsucher, der nach dem großen Ganzen fragt. Malick ist ein philosophierender Regisseur. Aber wenn die beiden sich treffen würden, hätten sie sich vermutlich viel zu sagen.

Gab es bei Malick kein Drehbuch?

Doch, das war sogar relativ ausgefeilt. Bloß habe ich es nach zwei Wochen beiseitegelegt. Es spielte keine Rolle. Wir haben keine vorformulierten Szenen abgearbeitet, sondern Stimmungen vertraut. Da ging es um Nähe und Distanz, um Glück und Unglück, auch um den Einfluss der Landschaft. Wir haben ziemlich chronologisch gedreht, der zweite Teil des Films erzählt von der Gefängniszeit von Franz Jägerstätter in Berlin. Gedreht haben wir in alten DDR-Gefängnissen – und dort vermisste ich wirklich die österreichische Natur, die auch Jägerstätter so vermisst hatte.

Haben Sie mal Jägerstätters Dorf in Österreich besucht?

Ich stand in seinem Haus in Radegund – ein berührender Moment. Auf seiner Haustür steht heute ein Spruch: „Wovor hast Du Angst?“ Wirklich rehabilitiert wurde er erst vor wenigen Jahren. Lange Zeit galt er als Verrückter – er war ein Sonderling, ließ sich in Kneipenschlägereien verwickeln und legte sich mit der Polizei an. Bei ihm verband sich katholischer Konservatismus mit störrischer Anarchie – so etwas gibt es nur bei Bergvölkern. Gleichzeitig zeigte Jägerstätter offen seine Liebe zu seiner Frau Franziska. Die beiden hielten Händchen auf dem Feld. Das war damals absolut unüblich.

„Ein verborgenes Leben“ ist ein tieftrauriger Film: Flossen Tränen?

Oh ja, wir waren in der ganzen Zeit emotional aufgewühlt – auch durch die von Terrence erlaubte Öffnung von uns Schauspielern. Da wurde schon mal geweint, auch wenn es nicht im Drehbuch stand.

Schon seine erste Kinorolle war ein Volltreffer: Als Hacker im Thriller „23“ gewann August Diehl 1999 den Deutschen Filmpreis. Seine Ausbildung erhielt der 1976 geborenen Diehl an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Dem Kino ist er ebenso verbunden wie der Bühne. Er spielt am Berliner Maxim-Gorki-Theater, am Hamburger Schauspielhaus oder auch am Wiener Burgtheater.

Regisseur Rainer Kaufmann bezeichnete Diehl mal als Kandidaten für psychologische „Schwebezustände“. Diehls größter internationaler Erfolg ist Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, wo er als SS-Sturmbannführer zu sehen war.

Nun spielt August Diehl wieder in einem Kinodrama mit NS-Bezug: In Terrence Malicks Film „Ein verborgenes Leben“ verkörpert er den von den Nazis hingerichteten österreichischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter.

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