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Sophie Hungers neues Album: “Ich wollte diesmal das maximale Risiko eingehen”

  • Sophie Hunger hat ihr siebtes Album “Halluzinationen” dort aufgenommen, wo schon den Beatles und Pink Floyd große Würfe gelangen.
  • Im Interview erzählt die 37-jährige Deutsch-Schweizerin, wie oft sie über den berühmten Zebrastreifen vor dem Studio gegangen ist.
  • Und sie spricht über Hoffnungen und ob die Zeit alle Wunden heilt.
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Sophie, Sie leben immer noch in Berlin. Sie hatten überlegt, möglicherweise wegzuziehen nach der gescheiterten Beziehung und der Trennung, die Sie vor zwei Jahren auf “Molecules” besungen haben. Warum sind Sie geblieben?

Weil ich dachte, man kann nicht immer weglaufen. Ich dachte, ich muss erst hier darüber hinwegkommen, und dann kann ich gehen. Und so ist es auch gut. Ich glaube, dass mein neues Album “Halluzinationen” der Teil war, der mir noch gefehlt hat, um dieses Ende zu finden.

Das Album wirkt wie die Beschreibung einer Wohnung der Einsamkeit, aus der man erst auszieht, wenn man bereit ist, das Risiko einzugehen, wieder verletzt zu werden. Jeder Song ist ein anderes Zimmer.

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Ja, voll. Es gibt diese Wohnung wirklich, es ist meine eigene. Ich habe ihr den Namen “Exil” gegeben und alle Lieder dort geschrieben. Auf dem Klavier. Die Idee war, alles zu beschreiben, alles auszusprechen auf diesem Album. Ich hoffte, dass in dem Moment, in dem ich das geschafft habe, die Halluzinationen weggehen.

“Zeit heilt nichts” haben Sie auf “Molecules” gesungen. Sehen Sie das noch so? Oder heilt Zeit vielleicht doch?

Ich glaube nicht, dass es die Zeit war, die etwas geheilt hat, sondern ... (Pause) ... ich weiß nicht, wie ich es sagen kann: Diese Wunden hindern mich heute nicht mehr daran, das zu machen, was ich machen möchte. Man hat sich verändert, sodass dieser Schmerz nicht mehr zentral ist. Er ist etwas, das zu einem gehört, aber einen nicht mehr aufhält.

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So wie Kurzsichtigkeit.

Ja. (lacht) Vielleicht.

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“Man kommt weiter, wenn man nicht immer nur allein ist”

Dinge, die man nicht ändern kann.

Sieht man es ganz positiv, bereitet dich diese Erfahrung auf etwas vor. Sie gehört in die Schatzkammer von Erfahrungen, die man besitzt.

Können Sie gut allein sein?

Ich glaube schon. Nur, wenn man zu viel allein ist, dann nimmt das Grübeln Überhand. Die Halluzinationen nehmen dann viel Raum ein. Um eine Pause davon zu haben, brauche ich schon andere Menschen, Ablenkung, Bezug zu anderen Dingen. Man kommt weiter, wenn man nicht immer nur allein ist.

Sophie Hunger singt in vier Sprachen: auf Deutsch, Englisch, Französisch und Schweizerdeutsch.
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Haben Sie sich vielleicht ein bisschen in diese Einsamkeit verliebt?

Ich glaube schon, dass das Alleinsein für mich identitätsstiftend ist. Ich habe mich auch schon gefragt, warum ich nicht mehr tue, um ein bisschen mehr anzukommen, aber ich glaube, insgeheim macht man das, was man gut kennt. Dieses Alleinsein, das kenne ich halt gut. Ich weiß, wie das geht.

Das Album endet zuversichtlich. Sie singen “Es ist zu früh, um zu zerbrechen”.

Das letzte Wort auf dem Album, das ich singe, lautet “Hope”. “48 Hours of Hope.” Es war mir wichtig, dass am Schluss von dieser Reise eine Tür aufgeht. Das war bei “Molekules” nicht der Fall. Das war: Komm, wir gehen jetzt mal in den Keller und sehen nach, wie viele verfaulte Kartoffeln da noch rumliegen.

“Ich glaube, das Herz ist groß genug”

Wer ist die “deutsche Frau”, die Sie in “Rote Beeten mit Arsen” besingen? Ein Teil von Ihnen?

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Ja, ich glaube schon. Es geht um das Kalkulierende, Kalte, Perfektionistische, Vernunftgetriebene, diese Dinge des Deutschseins. Als Deutsch-Schweizerin zähle ich mich dazu. Ich wollte ein Lied über diese Monster machen.

Im Titelsong heißt es “Mich kann keiner lieben, mich kann keine lieben”.

Ich frage mich mit dem Lied, ob die Halluzinationen in meinem Leben eine so große Rolle spielen, dass da gar kein Platz für jemand anderes ist.

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Ich glaube, das Herz ist groß genug für beides: Halluzinationen und andere Menschen.

Ohne Ihre Halluzinationen würden Sie nicht diese Art von Liedern machen, sondern stumpfe Schlager. Sie müssen grübeln, sich verlieren.

Das ist sehr schön gesagt. Das stimmt.

Auf dem letzten Album sangen Sie nur auf Englisch. Nun sind drei Songs auf Deutsch, Ihrer Muttersprache. Bedeutet das, dass Sie sich mehr geöffnet haben?

Das war nicht die Überlegung. Die drei Lieder hatte ich schon auf Deutsch gedacht. Ich habe das Album nach der “Molecules”-Tour geschrieben. Als ich nach Hause kam, war es so dunkel in Berlin. Das war im Januar, Februar. Ich fragte mich: Wie heißt das eigentlich, was ich mache? Welche Hauptmuster gibt es in meinen Alben und in meinem Leben? Schnell hatte ich zwei Begriffe: einerseits das Imaginäre, die Fantasie, andererseits so eine bestimmte Form von Einsamkeit, verschlossen sein, grübeln, das Isolierte. Beides hat etwas miteinander zu tun. Wer fantasiert, ist auch ein bisschen isoliert. Der Plan war: Wenn ich ein Album schreibe, in dem es genau darum geht, diese Halluzinationen, das Imaginäre, die Träume und das Alleinsein, dann geht es vielleicht weg.

Meinen Sie den Schmerz?

Ich weiß es nicht. Ich habe mir etwas erhofft, als ich die Songs auf dem Klavier in der Küche geschrieben habe. Vielleicht, dass ich ein anderer Mensch werde.

Und? Sind Sie?

Ich glaube schon ein bisschen. Wir haben das Album live aufgenommen, es dazu insgesamt sechsmal von Anfang bis Ende durchgespielt. Das war so radikal.

Wollten Sie bei früheren Aufnahmen immer alles kontrollieren?

Ich wollte diesmal das maximale Risiko eingehen. Eigentlich möchte man im Studio alles zu jedem Zeitpunkt korrigieren oder ausbessern können. Das macht auch oft Sinn. Diesmal wollte ich diese Möglichkeit aushebeln. Es sollte aber auch keine Konzertaufnahme sein.

Aufnahme in den Abbey Road Studios

Sie wollten so frei, aber auch so perfekt wie möglich sein?

Ja, genau.

Entsteht da nicht neuer Druck?

Eigentlich ist es die Grunddisziplin. Früher, als es nur ein paar Tonspuren gab, hatte man immer so aufgenommen. Alle spielten gleichzeitig. Gerade auch in den Abbey Road Studios, wo wir waren. Im Studio 2, dort, wo schon die Beatles aufnahmen. Ich wollte mir beweisen, dass ich das kann.

Welchen Durchlauf haben Sie für das Album ausgewählt?

Der Hauptteil ist der vierte Take von Dienstagnachmittag. Für den Anfang verwendeten wir den ersten Take von Montagmorgen, für das Ende den letzten von Dienstagabend. Wir wussten: Wir haben nur zwei Tage. Montag und Dienstag. Sobald wir dort sind, müssen wir spielen.

Geistern die Beatles, Pink Floyd und Thom Yorke von Radiohead, den Sie ja sehr bewundern, noch durchs Studio 2?

Keine Geister. Aber die Einrichtung, die Vorhänge, der Fußboden und das Klavier, auf dem ich gespielt habe, sind noch da. Und die Uhr über der Tür. Auf diese Uhr haben alle, die Sie aufgezählt haben, schon geblickt. Das hat mich besonders berührt.

Das Beatles-Album „Abbey Road“ und sein Cover sind weltberühmt.

Hat Sie dieser Ort besonders inspiriert?

Durch das Gewicht der Geschichte ist man besonders konzentriert. Irgendwie war es auch befreiend. Du weißt: Okay, jetzt bin ich hier, jetzt muss ich wirklich bis ans Ende gehen. Mich hat dieser Ort mehr geöffnet als verunsichert.

War es Ihr Traum, dort aufzunehmen?

Nicht unbedingt. Ich dachte bisher immer: Vielleicht wäre es ein bisschen eitel, dort hinzugehen. Doch bei diesem Album haben wir uns gesagt: Wir müssen ins beste Studio, das es gibt. Wir brauchen nur zwei Tage. Sechs Takes. Jetzt oder nie! Ein normales Album aufzunehmen, dauert zwei, drei Wochen. Zwei, drei Wochen Abbey Road könnte ich mir nicht leisten. Zwei Tage aber, das schaffen wir.

Über den Zebrastreifen ist sie nicht einmal gegangen

Wie oft sind Sie über den Beatles-Zebrastreifen vor dem Studio gegangen?

Nicht einmal. Wir sind immer von der anderen Seite gekommen. Am Zebrastreifen waren immer viele Leute, die viel fotografierten. Man hatte gar keine Lust, sich dort anzustellen. Mir war es wichtig, dass ich durch den Haupteingang gehen darf. Dass ich den Badge habe. Das war eine große Ehre für mich.

Den Badge?

An der Rezeption muss man sich ausweisen, dass man zutrittsberechtigt ist, dass man dort arbeitet. Es ist ein bisschen wie im Labor. Alle arbeiten. In diesem Sinn geht es dort sehr englisch zu. In einem französischen Tonstudio ist es anders. Dort gibt es erst mal ein Glas Champagner, dann wird gegessen, danach legt man los. Und überall stehen Blumen.

Sophie Hungers achtes Album heißt Halluzinationen

Seit jeher gelingen Emilie Jeanne Sophie Welti-Hunger, wie Sophie Hunger mit vollem Namen heißt, wundersame Songs, die zugleich störrisch und schön sind, komplex und elegant, melancholisch und leicht, Punk und Walzer. Der Sender arte bezeichnete sie deshalb als “die wahrscheinlich wichtigste Musikerin des europäischen Festlandes”. Die 37-Jährige mag solche “Übertreibungen” überhaupt nicht. “Jeder findet sich doch selbst banal”, sagt sie. Ortswechsel ist die Diplomatentochter von klein auf gewohnt. Vielleicht ist sie deshalb eine fahrende Sängerin geworden. Den Begriff “Zuhause” hat sie mal als “Erpressungsversuch” von Eltern und Liebhabern bezeichnet, sie bloß nicht zu verlassen. Dennoch lebt die in Bern geborene Deutsch-Schweizerin bereits seit sieben Jahren in Berlin. Ihr achtes Album “Halluzinationen” hat sie in den Londoner Abbey Road Studios an zwei Tagen live eingespielt.

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