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Soldatenfrauen singen sich frei – „Mrs. Taylor’s Singing Club“

  • Regisseur Peter Cattaneo versteht sich seit der Stripperkomödie „Ganz oder gar nicht“ auf Feel-good-Movies.
  • In „Mrs. Taylor’s Singing Club“ geht es um Soldatenfrauen, die sich die Angst um ihre Männer von der Seele singen.
  • Kristin Scott Thomas führt ein spielfreudiges Ensemble an.
Martin Schwickert
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„Wir haben nicht das Privileg, gegen den Krieg zu sein“, sagt Lisa (Sharon Horgan) zu dem Friedensaktivisten und gibt ihm das Flugblatt wieder zurück. „Wir sind mit ihm verheiratet.“ Die Gruppe von Frauen, die sich da in der Marktpassage versammelt, um ihr erstes Chorkonzert zu geben, ist aus der nahe gelegenen Militärbasis in das englische Städtchen gekommen. Während ihre Männer (und eine Frau) in den Krieg nach Afghanistan gezogen sind, versuchen die Ehefrauen, sich gegenseitig bei Laune zu halten.

Sechs Monate dauert so ein Einsatz. Ein halbes Jahr, in dem die Familien der Soldaten um deren Leben bangen und die Angst zu verdrängen suchen. Gerade hat die Netflix-Doku „Father Soldier Son“ eindringlich gezeigt, welchen gewaltigen Zerreißproben diese Familien ausgesetzt sind. Der britische Regisseur Peter Cattaneo wählt in „Mrs. Taylor’s Singing Club“ dagegen einen deutlich verdaulicheren Erzählansatz, indem er das Thema in ein musikalisches Feel-good-Movie einkleidet.

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Regisseur Cattaneo hat Meriten im Feel-good-Fach

Cattaneo wurde durch die Komödie „Ganz oder gar nicht“ (1997) berühmt, in dem arbeitslose Stahlarbeiter auf der Bühne als Stripper auftraten. Auch in „Mrs. Taylor’s Singing Club“ versucht sich eine Gruppe von Verzweifelten gemeinsam aus dem Sumpf der Depression herauszuziehen. Kristin Scott Thomas spielt die zugeknöpfte Offiziersgattin Kate, die ihren Sohn im Kriegseinsatz verloren hat. Nun zieht ihr Mann noch einmal nach Afghanistan. „Das ist mein fünfter Einsatz“, sagt Kate entrüstet, als ihr Mann sich beim Abschied um sie Sorgen machen will.

Die resolute Soldatengattin sieht es als ihre Pflicht an, den anderen Frauen auf dem Armeecampus zur Seite zu stehen. Aber Kaffee trinken, Strickkurse und gemeinsame Weinabende sind nicht nach ihrem Geschmack. Mit ihren Bildungsangeboten kann sich die führungswillige Offiziersgattin in der Gruppe allerdings nicht durchsetzen und gerät regelmäßig mit deren eigentlichen Leiterin Lisa aneinander. Schließlich kommt die Idee auf, einen Soldatenfrauenchor zu gründen. Kates Versuch, als strenge Dirigentin Cat Stevens’ „Morning Has Broken“ anzustimmen, scheitert kläglich. Es ist Lisa, die mit Popgold wie „Don’t You Want Me“ von Human League bei den Frauen die Lust am Singen hervorholt. Es dauert nicht lange und dann steht ein Auftritt beim Armeegedenktag in der Londoner Royal Albert Hall auf dem Programm.

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Was die Handlungsführung angeht, welche die Sangesgruppe über einige Krisen zum finalen Triumph führt, arbeitet Cattaneo ohne nachweisbare Überraschungen und Innovationen. Auch bei der Charakterisierung der verschiedenen Frauenfiguren bleibt es bei den üblichen Verdächtigen – von der zugeknöpften Offiziersgattin über das unscheinbare Mauerblümchen mit der Stimme aus Gold bis hin zur blutjungen, zartgliedrigen Soldatenfrau, die nach dem Tod ihres Mannes in der Frauengemeinschaft Trost findet.

Alles vorhersehbar - trotzdem ein Riesenspaß

Anschwellende Töne aus dem Orchestergraben polstern jede Gefühlsregung sorgfältig aus. „Mrs. Taylor’s Singing Club“, der sich an der Geschichte eines echten Soldatenfrauenchores orientiert, scheint entschlossen, jenen Frauen, die mit einer ständigen Verlustdrohung leben, einen garantiert risikofreien Film zu schenken. Dass der Film trotz seiner beeindruckenden Vorhersehbarkeit Spaß macht, liegt allein am frisch aufspielenden Frauenensemble, das die sentimentalsten Momente mit einem beherzten Understatement unterlegt, wie es die britische Schauspielkunst über Generationen perfektioniert hat.

„Mrs. Taylor’s Singing Club“, Regie: Peter Cattaneo, mit Kristin Scott Thomas und Sharon Horgan, 112 Minuten, FSK 6 (startet am 15. Oktober)

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