Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Sönke Wortmann: „Nach 16 Jahren muss jetzt auch mal wieder wer anders regieren“

Regisseur Sönke Wortmann.

Herr Wortmann, bei der Musikband Die Ärzte geht es in einem neuen Video um die Macht der Sprache. Dort heißt es: „Worte bringen dich zum Lachen, Worte bringen dich zum Weinen / Worte treiben dich zur Weißglut, Worte bringen dich zum Schreien / Transportieren Informationen, Emotionen, Trost und Hass / Lassen Herzen schneller schlagen, machen Feinde, machen Spaß“. Was bedeutet Sprache, was bedeuten Worte für Sie?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Da haben Die Ärzte absolut recht mit ihrem Text. Ich finde Worte und Sprache extrem wichtig. Am Anfang meines Romans steht das Konfuzius-Zitat: „Die ganze Kunst der Sprache besteht darin, verstanden zu werden“ Genau das, verstanden zu werden, ist wichtig, um Konflikte zu lösen oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen.

Aber Worte können ja auch Waffen sein.

Ja, selbstverständlich. Und es können in der Kommunikation auch Missverständnisse entstehen: Man spricht zwar miteinander, aber versteht einander falsch. Aber das kann man ja dann wieder ausräumen – mit Worten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In Ihrem Roman „Es gilt das gesprochene Wort“ geht es unter anderem um einen Redenschreiber, um eine verstummte Frau, um die Schönheit von Sprache, um ausgesprochene Verletzungen und Hoffnungen, um Rhetorik und vieles mehr, was mit gesprochener Sprache zusammenhängt. Was hat Sie denn explizit an der gesprochenen Sprache so fasziniert?

Das Interesse wuchs erst beim Schreiben. Am Anfang stand mein Interesse für Diplomatie und für das Auswärtige Amt. Ich habe mir dann eine Hauptfigur gesucht, die diese Themen gut vermitteln kann. So kam ich auf Klenke, den Redenschreiber des Außenministers, also auf jemanden, der in der zweiten Reihe mit Politik zu tun hat. Als ich den dann hatte, war das Thema Sprache schon vorgegeben. Und je länger ich mich damit beschäftigt habe, desto spannender fand ich es selbst und habe im Laufe des Schreibens noch einiges dazugelernt.

Das geschriebene Wort hat durch Facebook, durch SMS, später durch Whatsapp in den vergangenen zwei Jahrzehnten wieder an Bedeutung gewonnen. Mein Sohn etwa telefoniert kaum noch, der Großteil der Kommunikation verläuft schriftlich.

Das haben unsere Söhne dann gemeinsam. Mir gefällt es auch nicht, aber was soll man machen?

Würden Sie sagen, die heutigen jungen Menschen verlernen die Kraft der gesprochenen Rede ein Stück weit?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ja, ich glaube schon. Das liegt aber auch daran, dass sie so viel mit Bildern zu tun haben. Sie verbringen unglaublich viel Zeit mit Youtube, Instagram und Tiktok. Dadurch lesen sie weniger, was ich sehr, sehr schade finde. Denn sie erfahren so gar nicht mehr die Schönheit, die Befriedigung des Lesens.

Das ist doch für Sie nicht das Schlechteste, wenn junge Menschen mit vielen Bildern aufwachsen.

Na ja, sie schauen Bilder und Filme ja fast nur auf ihren Handys und gehen weniger ins Kino. Ihnen ist relativ egal, ob sie einen Film auf einer großen Leinwand oder auf einem kleinen Smartphone gucken. Als Kinoregisseur sterbe ich natürlich viele Tode, wenn ich das sehe.

Bildhaft sind auch Emojis. In Ihrem Roman kann Maria, die in der Öffentlichkeit nicht sprechen kann, wunderbar mit diesen Piktogrammen umgehen. Sind Emojis nicht großartig, weil wir mit ihnen dem Traum einer Universalsprache näher kommen?

Ich finde schon. Ich habe auch gar nichts gegen Emojis. Ich benutze sie auch – zwar nicht inflationär, aber doch immer mal wieder, etwa als Abrundung einer Nachricht oder als Unterstützung. Sie sind eine schöne Sache und, ja, sie sind weltweit zu verstehen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Sprachlosigkeit von Maria, die an Mutismus leidet, macht einem bewusst, welche Gabe wir mit der Fähigkeit zu sprechen haben. Schätzen wir diese Fähigkeit zu wenig?

Wenn man sich erst einmal darüber klar ist, so wie Sie jetzt, dann nicht. Aber man nimmt es normalerweise als selbstverständlich. Deswegen weiß man es erst so richtig zu schätzen, wenn man Leute trifft oder sich mit Leuten beschäftigt, denen es anders geht. Aber mir ist jetzt durch diese Figur Maria erst richtig klar geworden, wie glücklich wir uns schätzen können, sprechen zu können.

Sie erzählen in Ihrem Roman sehr detailliert über das Diplomatenmilieu. Woher wissen Sie so viel darüber?

Zum einen war es Recherche. Aber ich war auch schon ein paar Mal Teil einer Kulturdelegation. Ich war mit dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau in Mexiko und mit Bundeskanzler Gerhard Schröder in Polen. Das Milieu hat mich schon sehr interessiert. Dadurch, dass immer auch Wirtschaftsleute und Politiker mit im Flugzeug sitzen, entsteht da eine interessante Melange. Diese Reisen waren auch die Initialzündung, überhaupt über einen Roman nachzudenken.

Wortmann war in zwei Botschaften und hat dort recherchiert

Vieles, was im Roman angelegt ist, beruht also auf Ihren Beobachtungen?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Eigentlich alles. Ich war für den Roman auch in zwei Botschaften und habe dort recherchiert. In Marokko ..

... wo ein Teil der Geschichte spielt ...

... war ich eine Woche und wurde dort als Praktikant mitgeschleppt. Und ich war auch in Südafrika, um zu wissen, wie überhaupt eine Botschaft funktioniert. Ich wollte das alles ganz genau verstehen, deswegen war ich da. Also: Alles, was Sie da lesen, stimmt auch. Zur Sicherheit habe ich das Manuskript auch noch von Experten gegenlesen lassen, damit ich nichts Falsches schreibe.

Sie reißen in dem Roman auch Gegenwartsthemen an: Es geht um die Flüchtlingsthematik 2015 und um Verschwörungstheorien, um nur zwei Beispiele zu nennen. Soll Ihr Roman auch ein Kommentar zur Gegenwart sein?

Der Roman spielt 2019. Als ich angefangen habe, ihn zu schreiben, haben wir von Corona und den Verschwörungstheorien um Bill Gates noch nichts gewusst. Das kam erst später.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Aber obwohl es bei Ihnen um Verschwörungstheorien zu 9/11 geht, liest man die Pandemie mit all ihren Folgen jetzt natürlich mit.

Ich finde es im Nachhinein sogar gut, dass da quasi historisch die Verschwörungstheorie vom Einsturz des World Trade Centers 7 behandelt wird und trotzdem heute jeder beim Lesen an Corona denkt. Die Prinzipien sind ja die gleichen. Auch das habe ich intensiv recherchiert: Wer setzt solche Verschwörungstheorien in die Welt, wer glaubt daran? Das sind sehr oft Leute, die in einer Krise stecken, privat, beruflich oder beides – solche Menschen sind besonders anfällig dafür. So ist es mit meiner Romanfigur Cornelius von Schröder ja auch.

Kennen Sie solche Menschen?

Ich habe solche Menschen in meinem Bekanntenkreis, bei denen ich nicht gedacht hätte, dass sie so naiv sind. Aber sie wollen sich auch nicht weiter mit Diskussionen darüber beschäftigen. Sie haben ihre Meinung, und die wollen sie sich auch durch Gegenargumente nicht nehmen lassen. Frei nach dem Motto: Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen!

Nun ist gerade Ihr neuer Film „Contra“ in die Kinos gekommen. Darin beleidigt ein Professor eine Studentin während einer Vorlesung rassistisch. Der Disziplinarausschuss der Uni fordert daraufhin, dass er ihr bei einem Debattierwettstreit hilft. Auch da geht es also um die Macht der Worte und um Verletzungen durch Sprache. Hat Sie das Thema dermaßen umgetrieben, dass Sie zwei Kanäle brauchten?

Ja, offenbar. Wenn Sie das so sagen, muss ich fast davon ausgehen. Ich glaube trotzdem, dass es eher zufällig geschehen ist. Zumindest habe ich nicht bewusst eine solche Entscheidung getroffen. Dass Roman und Film jetzt mehr oder weniger zeitgleich erscheinen, hat vor allem mit Corona zu tun. Denn eigentlich sollte der Film bereits im vergangenen Jahr ins Kino kommen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Sie sind in erster Linie Regisseur und haben jetzt ihren allerersten Roman geschrieben. Welche Unterschiede – neben den ganz offensichtlichen gibt es zwischen beiden kreativen Formen?

Film ist in erster Linie Teamwork. Am Set sind viele Leute, die am gleichen Strang ziehen müssen, vom Regisseur über den Kameramann bis hin zur Kostümbildnerin und den Schauspielern. Gemeinsam entsteht dann der Film. Am Buch hingegen sitzt man komplett allein. Filme zu drehen ist wie ein Mannschaftssport, eher wie Fußball, ein Buch zu schreiben ist wie Tennis.

Was ist Ihnen lieber?

Tatsächlich das Drehen. Einfach weil es im Team funktioniert. Das Schreiben war schon manchmal mühsam. Aber auf der anderen Seite muss ich auch zugeben: Als das Buch schließlich fertig war, habe ich ein großes Glücksgefühl gespürt, sogar mehr als bei einem fertigen Film. Sicherlich auch, weil es mein erstes Mal war. Und ich bin auch ein bisschen stolz. Als ich anfing zu schreiben, haben ich den Vorschuss des Verlags zur Seite gelegt, weil ich fest damit gerechnet hatte, dass ich ihn zurückzahlen werde. Und dann bin ich doch fertig geworden.

Da wir gerade über Filmteams reden: Am Set zum Western „Rust“ hat der Schauspieler Alec Baldwin die Kamerafrau Halyna Hutchins durch einen Schuss aus einer Requisitenwaffe offenbar versehentlich erschossen. Kann ein solches Unglück auch an deutschen Filmsets passieren?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich hätte es mir auch in Amerika nicht vorstellen können. Es ist ein großes Unglück, und ich bin gespannt auf die Ergebnisse der Untersuchung.

Können Dreharbeiten nach solch einem Unglück überhaupt fortgesetzt werden, oder ist eine solche Tragödie auch das Ende eines Films?

Höchstwahrscheinlich bedeutet das das Ende. Ich könnte in dieser Situation jedenfalls nicht weitermachen.

„Contra“ ist nach „Der Vorname“ Ihre zweite Neuverfilmung eines französischen Vorbilds. Was reizt Sie daran, schon bestehende Stoffe noch mal erzählen?

Das liegt einfach an den beiden Stoffen. Sowohl „Der Vorname“ als auch jetzt „Contra“ sind Geschichten, bei denen ich es enorm wichtig finde, dass man sie erzählt. Aber die beiden französischen Filme sind in Deutschland vollkommen untergegangen, und das war der Grund, es noch mal zu versuchen. „Der Vorname“ hatte 2011 unter 100 000 Zuschauer. Unser Film hatte weit über eine Million. Durch die deutsche Verfilmung hat die Geschichte also doch noch viele Menschen erreicht. Das finde ich wichtig.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Und bei „Contra“?

Da sehe ich es ähnlich. Auch hier ist es eine sehr aktuelle und sehr wichtige Geschichte, die man den Deutschen erzählen sollte. Die französische Originalfassung lief 2018, da war Fußballweltmeisterschaft und Jahrhundertsommer, kein Mensch ging da ins Kino. Aber ich will jetzt keine Trilogie mit französischen Filmen drehen, das war wirklich Zufall.

„Rassismus entsteht meistens aus einer Angst heraus“

Sie sagen, diesen Film soll man unbedingt den Deutschen erzählen. Weil Rassismus ein deutsches Problem ist?

Rassismus betrifft jede Gesellschaft, auch nicht mal nur die deutsche und die westeuropäische, sondern das ist ja zum Beispiel in Kanada und in Asien genauso. In China gibt es auch Minderheiten, und es gibt auch Vorurteile. Rassismus ist kein deutsches und kein europäisches Problem, sondern offenbar eines der Menschheit. Rassismus entsteht meistens aus einer Angst heraus, und Angst ist Menschen immer auch mitgegeben.

Wenn wir noch kurz zu Sprache und Kommunikation zurückkommen: Wie bewerten Sie die momentan laufenden Koalitionsverhandlungen?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich finde, die drei Parteien agieren momentan sehr gut. Sie kommen ja von weit auseinander, vor allem die Grünen und die FDP. Wie sie miteinander umgehen, finde ich im Moment sehr respektvoll und professionell. Deswegen hoffe ich auch, dass es mit der neuen Koalition klappt und sie sich einigen. Das wäre eine Chance. Denn es muss immer mal wieder Veränderungen geben. Nach 16 Jahren muss jetzt auch mal wieder wer anders regieren.

Erfolgreicher Filmregisseur und jetzt auch Schriftsteller

Das deutsche Kino der vergangenen 30 Jahre kann nicht ohne den Namen Sönke Wortmann gedacht werden. Seit seinem Debüt „Allein unter Frauen“ (1991) und seit „Kleine Haie“ (1992) ist der Sohn eines Bergmanns ein gefragter Mann an deutschen Filmsets. Mit „Der bewegte Mann“ gelang Wortmann 1994 einer der erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilme. Es folgten unter anderem „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (2006), „Die Päpstin“ (2009) und die Fernsehserie „Charité“ (2017).

Mit seinem neuen Film „Con­tra“, der seit diesem Donnerstag in den Kinos läuft, nähert sich Wortmann dem Thema Alltagsrassismus. Ein Juraprofessor beleidigt eine Studentin. Daraufhin muss er auf Anordnung seiner Universität der jungen Frau bei einem Debattierwettbewerb helfen. Der Film basiert auf dem französischen Spielfilm „Die brillante Mademoiselle Neïla“.

Nahezu zeitgleich ist nun Wortmanns Erstlingsroman „Es gilt das gesprochene Wort“ erschienen. Er spielt im Diplomatenmilieu und handelt von Franz-Josef Klenke, der als Redenschreiber des deutschen Außenministers arbeitet. Dieser wortreiche Mann liebt Maria, eine Frau, die unter Mutismus leidet und in der Öffentlichkeit nicht sprechen kann. Dazu kommt Cornelius von Schröder, ein Diplomat, der den zu hörenden und lesenden Worten nicht mehr traut und sich in Verschwörungstheorien verliert. Das sehr gelungene Debüt ist bei Ullstein erschienen, hat 240 Seiten und kostet 24 Euro.

Mehr aus Kultur

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.