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Reinhold Beckmann: „So viele Biografien gehen gerade kaputt“

  • Reinhold Beckmann ist Moderator, TV-Produzent und Musiker.
  • Im RND-Interview spricht er über die Verzweiflung in der Kulturszene.
  • Auch äußert er sich über die Sehnsucht nach Stille im Sportjournalismus und die Gefahr durch die AfD und andere politisch rechte Kräfte.
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Herr Beckmann, jede Familie hat ihre eigenen Narben und Traumata, auch in Ihrer Familie hat es einen Schicksalsschlag gegeben, der auf vielfältige Weise nachwirkt. Was ist passiert?

Meine Mutter hat im Zweiten Weltkrieg alle ihre vier Brüder verloren, drei ältere und einen jüngeren Stiefbruder. Alle vier sind nicht zurückgekommen. Der erste ist an Heiligabend 1942 in Stalingrad gefallen, das haben wir erst viele Jahre später erfahren. Zu dieser Zeit war der zweite Bruder, Hans, schon tot. Er starb in Russland bei Rschew, in dieser absurden, 15-monatigen Blutschlacht zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee. Der dritte Bruder, Franz, ist auf dem Rückweg nach Hause im Frühjahr 1945 in Danzig von Partisanen erschossen worden. Die Geschichte, die meine Mutter aber am häufigsten erzählte, war der Moment, als Willi, der 16-jährige jüngste Bruder, fast noch ein Kind, kurz vor Kriegsende eingezogen wurde. Er hatte sich heulend vor Angst im Keller versteckt, als die Feldjäger kamen und ihn abholten. Ein paar Monate später kam er zurück – in einer Holzkiste. Er ist der einzige der vier Brüder, der im Heimatort Wellingholzhausen beerdigt ist, das ist ein kleiner, sehr katholischer Ort im Teutoburger Wald.

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Konnte Ihre Mutter Änne Beckmann darüber sprechen?

Ja. Ihre vier Brüder saßen bei uns eigentlich immer gedanklich mit am Tisch, ob an Weihnachten oder an anderen Feiertagen. Das Bild der vier hing an verschiedenen Stellen bei uns im Haus. Das Erzählen über ihre Brüder war für meine Mutter denke ich ein Weg, dieses Schicksal zu verarbeiten. Man muss dazu wissen, dass meine Mutter ihre eigene Mutter nie kennengelernt hat, sie starb im Wochenbett. Und ihr Vater, mein Großvater, starb, als sie fünf Jahre alt war. Ihr Leben war also früh von schweren Verlusten geprägt. Meine Mutter hat immer viel von ihrer Familie erzählt. Sie war tiefgläubig und immer der Auffassung: Der Herrgott wird’s schon richten. Aber sie hat auch gehadert mit ihrem Schicksal, das so viel Leid mit sich brachte. Ich habe oft erlebt, wie sie ihren Herrgott, der ihr sonst so viel Lebensvertrauen gab, auch verflucht hat.

Sie haben über den Tod Ihrer vier Onkel ein Lied geschrieben, eine leise Ballade, die einfach „Vier Brüder“ heißt. Wie kam es dazu?

Die Idee gab es seit Jahren, meine Mutter wusste davon. Aber du brauchst halt einen Text, der es so erzählt, dass es stimmig ist. Wie kann man einen solchen Verlust beschreiben, welche Bilder gibt es dafür? Im Lied heißt es jetzt: „Eine Hand hat fünf Finger / Wenn vier fehlen: Ist das noch ‘ne Hand?” Und du fragst dich immer: Ist das stark genug? Trägt das? Es war ein langes Suchen. Manche Texte schreibt man schnell, dieser brauchte seine Zeit.

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„Sie haben ihr Bündel mitgenommen / Ein letztes Lachen im Gesicht / Nur für dich, kleine Schwester, / Zurückgekommen sind sie nicht.“ Ihre Mutter konnte das Lied nicht mehr hören, sie ist 2019 mit 98 Jahren gestorben. Hätte es ihr gefallen?

Ja, da bin ich mir ganz sicher. Sie hat mir schon vor vielen Jahren den Karton mit der Feldpost ihrer Brüder übergeben. Und wenn ich in diesen Briefen lese, die die Brüder ihr geschrieben haben, spüre ich, wie tief verzweifelt sie waren. „Liebe Schwester Änne …!“ Wie groß muss die Einsamkeit dort draußen gewesen sein, wie grauenhaft dieses Gefühl: Ich hänge hier in der ganz großen Scheiße und komme möglicherweise nicht mehr lebend da raus.

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© Quelle: beckground

Sie selbst haben sich nach dem Abitur für den Zivildienst entschieden. Welche Rolle spielte dabei Ihre Familiengeschichte?

Die entscheidende Rolle. Nie mehr sollte bei uns in der Familie jemand eine Uniform tragen. Ich war ein Hippiekind, ich lief sehr peacemäßig durch die Gegend. Die Verweigerung des Wehrdienstes war aufgrund meiner Familiengeschichte für mich eine feste Verpflichtung. Meine beiden älteren Brüder sind der Gewissensprüfung erfolgreich ausgewichen – indem sie so gut simuliert haben, dass sie ausgemustert wurden. Und das, obwohl wir drei alle ganz gute Fußballer waren. Ich bin in der ersten Verhandlung als Kriegsdienstverweigerer in Nienburg durchgeplumpst, weil das Gericht meine Begründung nicht akzeptiert hat. Das war eine totale Schikane und eine fürchterliche Veranstaltung dazu. Da saßen drei ältere Herren, der Vorsitzende und zwei Beisitzer, von einer Arroganz, die nicht zu überbieten war. Die hatten von Anfang an vor, mich durchfallen zu lassen. Du wurdest ja damals als junger Mensch mit langen Haaren einfach nicht ernst genommen. In der zweiten Verhandlung in Hannover traf ich dann auf einen Vorsitzenden, der sich auf unsere Familiengeschichte eingelassen hat. Meine Mutter jedenfalls war sehr stolz auf meine schriftliche Begründung zur Kriegsdienstverweigerung. Ich habe dann in einer Jugendbildungsstätte bei Oldenburg Zivildienst geleistet, das war eine sehr prägende Erfahrung.

2019 haben Sie viel Kritik auf sich gezogen, weil Sie auf der Feier zum 65. Geburtstag von Matthias Matussek waren, bei der auch Gäste vom rechten Rand anwesend waren. Warum waren Sie bloß da?

Matussek war ein früherer Nachbar von mir, wir kannten uns noch aus der Zeit, als er Kulturchef beim „Spiegel“ war. Er war mal wirklich ein großer Schreiber, aber mittlerweile hat er sich nach rechts verirrt. Ich und andere frühere Weggefährten hatten ihn noch nicht so ganz aufgegeben und dachten, ihn doch noch erreichen zu können. Aber man lernt ja dazu. Er ist nicht mehr zu retten. Das Dumme ist nur: Wir geben ihm jetzt gerade in diesem Interview auch wieder eine Bühne.

Dann geben wir lieber Bob Dylan eine Bühne. Der Altmeister hat einen Platz auf Ihrem neuen Album „Haltbar bis Ende“, Sie covern seinen Song „When the Deal Goes Down“ als „Wenn’s vollbracht ist“. Warum Dylan und warum dieser Song?

Irgendwie komme ich an Dylan nicht vorbei. Aber keine Sorge, es wird nicht so ausufernd werden wie bei Wolfgang Niedecken. Dylans damaliges Album „Modern Times“ ist voller großartiger Bilder, und das gilt auch für dieses Stück mit seinen biblischen Metaphern, für das er ja auch Kritik geerntet hat. „Was ist denn mit dem los?“, haben damals einige Kritiker gefragt. Geht der Altmeister jetzt christliche Wege?

Da heißt es: „Wir leben, wir sterben, haben nichts zu vererben / Wenn’s vollbracht ist, dann bin ich bei Dir.“ Glauben Sie, dass sich mit dem Alter die Lakonie verstärkt?

Sagen wir mal, das Buddhistische wird stärker. Man wird leichter und großzügiger mit sich selbst, achtsamer zu seinen Freunden, und all die Wackersteine des Lebens, die man sich selbst in den Rucksack gelegt hat, tragen nicht mehr so schwer, kann man auch mal hinter sich lassen.

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Sie sind soeben 65 geworden. Sind Sie lieber älter als jung?

Im Moment schon. Mittlerweile erschreckt mich das Altern nicht mehr. Aber als vor fünf Jahren plötzlich die Sechs um die Ecke kam, ging damit schon ein Gedanke an Endlichkeit einher, der mich damals völlig kalt erwischt hat. Inzwischen erkenne ich die neuen Freiheiten und Unabhängigkeiten. Ein wichtiger Schritt dazu war für mich vor zwei Jahren, mit der „Sportschau“ aufzuhören und kurz zuvor auch mit der Talkshow „Beckmann“ im Ersten. Ich bin, wenn Sie so wollen, in ein normales Leben zurückgekehrt, und das ist eine echte Entdeckung, wenn nicht sogar ein Genuss. Das Getriebensein ist eine Zeit lang vielleicht ganz gut. Aber ich habe keine Ambitionen, dahin zurückzukehren.

In „Vier Brüder“ singen Sie auch über das „Mörderland“, dem die vier Brüder geopfert wurden. Bereitet Ihnen das Brodeln und Gären am rechten politischen Rand Sorge, das dieses Land seit einigen Jahren erlebt?

Das ist ein Punkt, der mir schon Sorge bereitet. Erst Lübcke, danach Halle, dann Hanau ... Der Verfassungsschutz war bekanntermaßen im Mordfall Lübcke ein Totalausfall. Der Rechtsextremismus ist mit Abstand die größte Gefährdung der inneren Sicherheit.

„Mittlerweile erschreckt mich das Altern nicht mehr. Aber als vor fünf Jahren plötzlich die Sechs um die Ecke kam, ging damit schon ein Gedanke an Endlichkeit einher, der mich damals völlig kalt erwischt hat“: Reinhold Beckmann. © Quelle: beckground

Nach Alexander Gaulands „Vogelschiss“-Rede im Juni 2018, als der AfD-Chef das Dritte Reich als „Vogelschiss“ in tausend Jahren deutscher Geschichte bezeichnet hatte, haben Sie und Ihre damals 97-jährige Mutter ihn verklagt – „mit klarem Verstand und junger Wut“, wie es in der Anzeige hieß, und zwar im Sinne des Paragrafen 189 im Strafgesetzbuch wegen „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“. Wie kam es dazu?

Unser Gefühl damals war: Es kann doch nicht sein, dass man ihm das einfach so durchgehen lässt! Wir wollten es wenigstens versuchen, gerade auch wegen unseres Familienschicksals. Durch den Fall Murat Kurnaz, der damals als Gast in meiner Sendung war, kannte ich den Bremer Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke, der Kurnaz aus Guantanamo freibekam. Bernhard Docke hat uns bei unserer Klage geholfen. Die Staatsanwaltschaft in Thüringen wertete die Meinungsfreiheit schließlich höher als die Verletztheit meiner Mutter und wies die Klage ab. Aber wir haben es immerhin getan – und allein darüber waren wir glücklich. Es ist ja das rhetorische Prinzip des Herrn Gauland, die Grenzen des Sagbaren schleichend immer weiter aufzuweichen.

Ihre Eltern sind beide sehr alt geworden, Ihre Mutter 98, Ihr Vater 96. Aber auch Sie haben einen frühen persönlichen Verlust erlitten. Einer Ihrer Brüder starb 2010 mit 60 Jahren nach einer Lungentransplantation an einer Infektion durch multiresistente Keime in einem hannoverschen Krankenhaus. Ist die Hygienesituation in deutschen Krankenhäusern immer noch so bedenklich?

Ich glaube, das ist nach wie vor ein Problem. Mein Bruder ist damals nach der zweiten Lungentransplantation nicht auf der Intensivstation ums Leben gekommen, sondern nachdem er auf die Normalstation verlegt worden war. Er hat sich innerhalb von 24 Stunden einen Krankenhauskeim zugezogen, der so aggressiv war, dass sein heruntergefahrenes Immunsystem ihm nichts entgegensetzen konnte. Es war ein Schock für uns. Ich habe mich aufgrund dieser persönlichen Erfahrung intensiver mit diesem Thema beschäftigt und auch für die ARD eine längere Dokumentation darüber gemacht. Damals ist mir vor allem auch sehr klar geworden, wie gefordert und zugleich schlecht bezahlt Pflege- und Sozialberufe in Deutschland sind.

Könnte sich Corona in diesem Zusammenhang als eine Art heilsamer Schock erweisen, durch den die Gesellschaft dem Medizinsektor und den pflegenden Berufen dauerhaft mehr Wertschätzung entgegenbringt?

Ich würde mir das sehr wünschen, aber wir unterliegen in Deutschland einem hartnäckigen Irrtum: Wir glauben fest, wir seien super organisiert. In der Corona-Krise jetzt zeigt sich jedoch deutlich, welche Defizite es auf der behördlichen und politischen Ebene gibt. Ich fühle mich ein wenig an 2015 erinnert, als plötzlich 1,75 Millionen Flüchtlinge zu uns kamen. Der großen und menschlichen Geste Angela Merkels fehlte leider ein nachfolgendes Management. Ihr Satz „Wir schaffen das“ hätte besser lauten sollen: „Ihr schafft das schon.“ Sie hat die Lösung dieser Herausforderung uns als Bevölkerung vor die Füße gelegt. Zum Glück gibt es in Deutschland viel ehrenamtliches Engagement, das hat viele Lücken geschlossen. Aber es fehlt nach wie vor an moderner Kommunikation, in Sachen Digitalisierung sind wir Entwicklungsland. In Deutschland regieren mancherorts noch Faxe und Lochdisketten.

Was sagen Sie denjenigen, die die Maßnahmen gegen Corona als Angriff auf ihre persönliche Freiheit verstehen?

Ich sehe, dass die Wahrnehmungsblasen immer enger werden, dass sich die Backen der Schraubzwingen um unsere Hirne immer weiter schließen. Man ist ja überrascht, dass auch kluge Menschen Verschwörungserzählungen anheimfallen. Der große Verstärker dabei sind die sozialen Medien und die Algorithmen dahinter. Der Algorithmus liefert dir nur das zurück, was du selbst geschrieben oder schon gelesen hast. Die Toleranzbreite wird immer geringer. Wir fangen an, uns gegenseitig zu verbieten, grauenhaft!

In Ihrem Lied „Alles schon probiert“ geht es um einen Hans im Glück, der schon viel rumgekommen ist. Da ist der Weg nicht weit zu Ihrer Karriere. Kurzer Rückblick: Sie waren als junger Kameraassistent Teil des WDR-Fernsehteams, das Udo Lindenberg zu seinem Konzert im Palast der Republik am 25. Oktober 1983 in der DDR begleitet hat. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Dienstreise?

Beste Erinnerungen! (lacht) Es war im Grunde eine absurde Situation: Der WDR rief 1983 bei der Filmproduktion Tag/Traum in Köln an, bei der ich damals arbeitete, und fragte: Habt ihr ein Kamerateam, das 48 Stunden durcharbeiten kann? Es gehe um Udo Lindenbergs Auftritt in Ost-Berlin. Mein Kollege Stefan Köster und ich haben sofort den Finger gehoben, wir waren ein gutes Team. Also haben wir Udo 48 Stunden begleitet. Die ganze Crew hockte im alten Interconti, dann ging es rüber nach Ost-Berlin. Nachmittags war Soundcheck, wir haben uns rausgeschlichen aus dem Palast der Republik, um draußen die wahren Udo-Fans zu finden. Uns wurde dann von den Funktionären die Kamera weggezogen, Udo wurde wieder nach drinnen geholt. Manche in Westdeutschland sahen Udos Auftritt bei der FDJ-Veranstaltung übrigens als politische Anbiederung. Peter Merseburger, damals Ost-Berlin-Korrespondent der ARD, stand mit dem Mikrofon hinter dem Schlagbaum, als wir zurückkamen, und nahm Udo ins Kreuzverhör. Niemand kann heute bestreiten, dass Udo mit seiner Beharrlichkeit wirklich ein paar Löcher in die Mauer gehauen hat, nicht nur durch seine Songs wie „Mädchen aus Ostberlin“ oder „Rock-’n’-Roll-Arena in Jena“, sondern auch durch dieses Konzert. Aber es war natürlich ein seltsames politisches Spektakel, dem wir beiwohnten.

© Quelle: beckground

Woran zeigte sich das?

Harry Belafonte war der Hauptgast bei diesem FDJ-Konzert, und ich kann mich noch erinnern: Wir saßen mit der Kamera in Udos Garderobe. Udo selbst stand am Fenster, und unten riefen alle: „Udo, Udo!“, und Harry Belafonte kam herein und sagte: „Udo, you are the real star tonight. It’s not me.“ Dean Reed war auch da, der amerikanische Schauspieler und Sänger, der erst in Lateinamerika und dann im Ostblock eine schräge Karriere als Folkstar gemacht hatte und mittlerweile in der DDR lebte. 1986 hat er sich das Leben genommen – eine unglaubliche, filmreife Geschichte.

War Ihnen klar, dass Sie deutsche Geschichte live erleben?

Eigentlich erst später. Es gibt dieses schöne Bild, auf dem Udo und ich hinten im Auto sitzen, ich halte das Mikrofon, wir haben beide unsere Lederjacke an – ich glaube, meine war sogar die coolere. Das war sehr erhebend für Stefan Köster und mich, dabei zu sein. Es waren ganz besondere Momente. Das DDR-Personal zur Überwachung unserer Tätigkeiten war zum Glück nicht besonders plietsch. Für unsere Doku „Die Akte Lindenberg – Udo und die DDR“ haben wir später einige der Udo-Fans, die wir damals getroffen haben und die verhaftet worden sind, noch einmal interviewt. Und Egon Krenz, damals FDJ-Chef, rechtfertigt sich mir gegenüber in unserem Film wortreich: „Ja, was sollte ich denn machen?“

In den Neunzigern waren Sie dann einer der erfolgreichsten Sportfernsehmacher des Landes, Moderator, Kommentator und „ran Sat.1 Fußball“-Erfinder. Sie stehen auch für die stärkere Entertainisierung des Fußballs. Konnten Sie sich damals vorstellen, wohin sich der Zirkus entwickelt?

Nein, das konnte ich nicht. Ich habe nicht geahnt, dass der FC Barcelona eines Tages am Gehalt von Lionel Messi finanziell zerbrechen könnte. Ich glaube, Messi muss jetzt Barcelona kaufen, das ist die einzige Lösung. Diese Dimensionen konnte keiner vorhersehen. Damals war es ein Riesenthema, dass Sat.1 für die Bundesliga-Rechte ab 1992 so um die 80 Millionen D-Mark im Jahr zahlte. Eine Wahnsinnssumme! Zur Erinnerung: Deutschland war 1990 gerade Fußballweltmeister geworden – aber die Bundesliga-Stadien waren leer. Die waren nie ausverkauft. Da saßen nur 19.000 Zuschauer in zugigen alten Arenen. Es waren keine jungen Leute da, keine Frauen. Fußball war Altmännersport. Und die großen Spieler, die Weltmeister, spielten nicht in Deutschland, sondern anderswo: bei Inter Mailand, Hellas Verona oder AS Rom

Ihr Ziel war, Schwung in die Sache zu bringen.

Ich konnte das Konzept als Sportchef bei Premiere vorher schon ein bisschen ausprobieren. Mir ging es darum, eine Sprache und eine Darstellung zu finden, die den Fußball für die Jüngeren wieder attraktiv macht. Das war die Idee – ein bisschen Popkultur im Fußball. Wir haben ja auch die ersten Statistiken gemacht ...

… Die unvergessene „ran Datenbank“ …

Ja, es war ein erster, zarter Versuch. Wenn ich sehe, welche Rolle heute Statistik spielt und wie viel Statistik mittlerweile in 90 Minuten verpredigt wird … Ein permanenter Wettbewerb von „abknickenden Sechsern“ und „umfallenden Achtern“, es ist der Wahnsinn! In mir entsteht dann immer ein großer Schrei nach Stille. Ernst Huberty war auch deshalb ein so charismatischer Kommentator, weil er wusste, dass auch die Pause etwas Gesagtes ist. Wir haben das immer wieder gepredigt. Stille ist etwas sehr Schönes. Mir fehlt zudem ein wenig das Lakonische, das Ironische und Distanzierte. Das ist leider verloren gegangen.

Sie haben mal gesagt: „Die sieben Jahre bei ‚ran Sat.1 Fußball‘ waren für mich die wichtigsten, aber auch härtesten Jahre.“ Was meinen Sie damit?

Ich war sehr jung. Und ich fand mich plötzlich in einer Managementrolle wieder, die ich gar nicht gelernt hatte, außer in den anderthalb Jahren zuvor bei Premiere. Und dann musste ich bei Sat.1 eine große Redaktion leiten und versuchen, mich bei Sportrechteverhandlungen nicht über den Tisch ziehen zu lassen.

Wie bewerten Sie denn aktuell die Privilegien, die die Bundesliga in der Corona-Krise genießt, nicht immer mit der gebotenen Demut?

Ich finde schon, dass die Bundesliga mehr Dankbarkeit angesichts ihrer Sonderrechte zeigen darf. Und sie sollte sich auch kräftig bei Liga-Chef Christian Seifert für seine Lobbyarbeit bedanken. Es wird schwerer für die Liga, wenn Seifert nicht mehr da ist. Ich kann schon verstehen, dass es in der Gesellschaft knirscht angesichts der Privilegien für den Profifußball, während beispielsweise die Kulturszene komplett brachliegt.

Sie hatten dann 15 Jahre, bis 2014, mit „Beckmann“ Ihre eigene Talksendung im Ersten. In welchem Zustand ist das deutsche Talkfernsehen aktuell?

Das Besondere an „Beckmann“ waren unter anderem die intensiven Gespräche. Ich habe in all den Jahren großartige Menschen mit ihren Geschichten kennengelernt und wir haben wichtige Themen besprochen. Manchmal haben wir uns 75 Minuten für nur einen Gast Zeit genommen, das war besonders. Ich habe keinen Phantomschmerz, was den Sport angeht. Ich könnte mir heute nicht mehr vorstellen, am Spielfeldrand zu stehen und Interviews zu führen in dieser veränderten Fußballwelt. Aber es gibt Momente, in denen ich doch einen minimalen Phantomschmerz verspüre, und zwar, wenn es um längere Gespräche im Fernsehen geht. Genau das vermisse ich heute ein bisschen im TV. Das konzentrierte, tiefere Gespräch.

Was spricht dagegen? Intendanten aufgemerkt.

Eigentlich nichts. Nur ist es für uns Produzenten nicht einfacher geworden beim aktuellen Sparkurs der Öffentlich-Rechtlichen. Es war auch nicht einfach durch all die die Corona-Herausforderungen. Bisher haben wir es aber geschafft.

Ihre Produktionsfirma verantwortet unter anderem Olli Dittrichs TV-Specials für den WDR oder Ina Müllers Late-Night-Show „Inas Nacht“. Sie haben zum Beispiel in der NDR-Dokumentation „Baerbock und Habeck – Kurs aufs Kanzleramt“ die Grünen-Chefs porträtiert, außerdem Ihren langjährigen Freund Jan Fedder, der 2019 gestorben ist. Sie selbst machen sich rarer vor der Kamera. Warum?

Ich habe mir ein Stück Lebensfreiheit zurückgeholt. Sie glauben gar nicht, was das für ein Genuss ist, zu sagen: Ich bleibe heute zu Hause und spiele fünf Stunden Gitarre. Oder auch acht. Oder ich probe mit meinen Musikern. Musik war immer mein großer Sehnsuchtsort. Und mir ist eigentlich das Fernsehen 30 Jahre lang dazwischengekommen. (lacht)

Sie machen erst seit 2014 öffentlich Musik. Was verschafft Ihnen persönlich eine tiefere Befriedigung – das Musikstudio oder das TV-Studio?

Das Musikmachen. Im Jahr vor dem ersten Lockdown haben wir 50 bis 60 Konzerte gespielt. Ich möchte so viel wie möglich live spielen. Ich habe da was nachzuholen. Vor Kurzem, Ende Januar, bin ich tatsächlich trotz Corona wieder aufgetreten.

Wie das?

In Luxemburg. Ich war auch ganz überrascht. Wir sollten da Anfang des Jahres als Band spielen, in einem sehr tollen Theater. Das Konzert wurde zunächst abgesagt, aber dann riefen sie uns wieder an und fragten, ob wir am 30. Januar spielen können. Zur Erklärung: Luxemburg hat eine Kulturministerin, die gleichzeitig Justizministerin ist. Sie hat es durchgesetzt, Theater und Konzerthallen sind dort seit dem 15. Januar wieder offen. Restaurants aber nach wie vor geschlossen. Nur jeder vierte Platz durfte besetzt werden, alle trugen Maske. Und ich muss ehrlich sagen: Diese zwei Stunden waren so eine warme Dusche, es war eine so große Dankbarkeit im Raum zu spüren, eine ganz besondere Atmosphäre.

„So viele Biografien gehen gerade kaputt, so viele Musiker sagen mir: Reinhold, ich habe zwanzig Jahre meinen Bass gestreichelt, aber es hat keinen Sinn mehr“: Reinhold Beckmann mit Band bei einem Auftritt in Karlsruhe – vor Corona. © Quelle: picture alliance / dpa

Das Bühnenleben bei uns liegt brach, es ist eine große Leere entstanden dort, wo früher die Kultur war. Wie erleben Sie diese Situation?

Bei mir in Hamburg-Altona höre ich fast täglich irgendeine Geschichte. Nicht wenige schmeißen hin und überlegen, was sie stattdessen beruflich machen können. Obwohl es herausragende, studierte Musiker sind. Die Sorgen sind groß. So viele Biografien gehen gerade kaputt, so viele Musiker sagen mir: Reinhold, ich habe zwanzig Jahre meinen Bass gestreichelt, aber es hat keinen Sinn mehr. Die geben jetzt auf. Die Reihenfolge bei der Corona-Unterstützung durch die Politik war schon sehr aufschlussreich: Lufthansa, Autokonzerne, Bundesliga – aber die Kulturleute waren die Ersten, die rausflogen, und werden die Letzten sein, die wieder arbeiten dürfen. Dabei sind Theater, Museen oder Konzertsäle unter Corona-Hygienebedingungen ganz sichere Orte, womöglich sicherer als ein Besuch im Supermarkt.

Die Idee, Musik zu machen, entstand bei „Inas Nacht“. Wie kam es dazu?

Ich war der allererste Gast in Ina Müllers Sendung und spielte einen Bossa nova mit Ina, es war „Águas de Março“ von Antônio Carlos Jobim. Und zwei Musiker aus ihrer Band waren danach ganz besessen von der Idee, ich solle anfangen, Songs zu schreiben. Das war der Beginn.

Gibt es im Fernsehen etwas, für das Sie die Gitarre stundenweise zur Seite legen würden?

Eigentlich nicht. Vielleicht würde ich schwach werden, wenn mir jemand eine Gesprächssendung anbieten würde, in der das ausführliche Gespräch wieder seinen Platz hat. Ich erinnere mich nämlich immer noch gern an diese Momente zurück, als der alte Helmut Schmidt nach 75 Minuten keine Zigarette mehr hatte und ich ihm aushelfen musste. Oder wenn der wahnsinnig kreativ-überdrehte Karl Lagerfeld mal wieder zu Gast war, zwei Stunden zu spät, wie immer. Und es hatte dann gar keinen Sinn, irgendeinen Fragenkatalog dabeizuhaben. Man musste sich auf den Moment einlassen und mit sich selbst ab und zu ins Risiko gehen. Dann kann etwas entstehen. Ich glaube immer noch an die besondere Kraft eines guten Gesprächs.

Herr Beckmann, vielen Dank für dieses Gespräch.

ZUR PERSON

Reinhold Beckmann wurde 1956 in Twistringen bei Bremen geboren. Nach einem Amerikaaufenthalt und dem Zivildienst machte Beckmann eine Lehre als Radio-, Fernseh- und Videotechniker. Anschließend studierte er in Köln Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften.

Seine TV-Karriere begann beim WDR und NDR. 1990 wechselte er von der ARD zum Pay-TV-Sender Premiere, wo er Leiter der Sportredaktion wurde. Ab 1992 war er Sportchef bei Sat.1 und entwickelte dort die Sendung „ran“, die Fußball stärker als Entertainment inszenierte. 1998 kehrte er zurück zur ARD, bei der er als Kommentator von Fußballübertragungen von Uefa-Pokal- und Länderspielen sowie als „Sportschau“-Moderator arbeitete. Von 1999 bis 2014 hatte er in der ARD seine eigene Talksendung mit dem Titel „Beckmann“.

Der Journalist und TV-Produzent ist zudem als Musiker aktiv. Am 5. März 2021 erscheint sein neues Album „Haltbar bis Ende“ mit zehn Eigenkompositionen und einer Neufassung von Bob Dylans „When the Deal Goes Down“.

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