Single im Alter: Was es bedeutet, ewig allein zu sein

  • Die Schwedin Malin Lindroth ist 52 und Single. Unfreiwillig.
  • Ihr autobiografischer Essay „Ungebunden“ ist eine Kampfansage an all die glücklichen Single-Frauen, die ständig ihr Alleinleben preisen. Lindroth spricht offen über die Scham, die vielen Verletzungen, die mit ihrem „Leben als alter Jungfer“ einhergehen.
  • Gerade das macht sie stark.
Jutta Rinas
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„Du nicht, du nicht, du nicht.“ Man meint es förmlich zu hören, wie die vielen Ablehnungen noch im Kopf der schwedischen Autorin Malin Lindroth nachhallen. 15-mal, so schreibt sie in ihrem autobiografischen Essay „Ungebunden“, haben Männer, die sie liebte, ihr einen Korb gegeben. Das Tragische ist: Es blieb keiner übrig, der „Ja“ sagte, keiner, der mehr von ihr wollte als eine zweifelhafte „Arbeitsfreundschaft“. Stets blieb sie die aufopferungsbereite Frau im Schatten, manchmal – je nach Sichtweise – abgespeist oder eher bei der Stange gehalten mit ein bisschen unverbindlichem Sex.

Lindroth beendet 1989, mit 23 Jahren, ihre erste und einzige Beziehung in dem festen Glauben, eine neue zu finden. Aber sie wird „nie mehr jemandes Freundin, und das seit inzwischen fast 30 Jahren“. Sie wird eine „alte Jungfer“. Davon handelt ihr Buch. „Ungebunden“ ist eine Kampfansage an all die starken, glücklichen Singlefrauen, die ihr Alleinleben preisen. Es ist ein Buch darüber, wie es ist, wenn eine Frau unfreiwillig allein ist: wahrhaftig geschrieben, mutig, manchmal bis über die Grenze des Erträglichen hinaus.

Begriff der „alten Jungfer“ neu besetzen

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Lindroth will den mit Scham besetzten Begriff der „alten Jungfer“ zurückerobern. Eine „alte Jungfer“ ist für sie schlicht eine Frau, die sich „nach Liebe gesehnt hat, aber keine fand“. Das ist schade, nicht mehr und nicht weniger. Schlimm aber ist, dass diese Frauen fast nie über ihre Situation reden und die Gesellschaft sie überdies verächtlich macht. Das will Lindroth ändern. Dass die Schwedin ihre Geschichte erst mit über 50 aufgeschrieben habe, müsse als kritischer Hinweis darauf gesehen werden, dass „das Bekenntnis allein zu leben und dies zu bedauern, in den letzten zehn Jahren nicht in den Diskurs gepasst“ habe, schreibt die Ex-Chefredakteurin des feministischen Onlinemagazins „Edition F“, Teresa Bücker, im Vorwort.

Gibt es für jeden einen passenden Partner?

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Lindroth schont sich bei der Erzählung ihrer Geschichte nicht. Das beginnt bei dem Gefühl, schon als Mädchen nie zur Gruppe der Begehrenswerten zu gehören. Die kleine Malin hat „eine Zahnspange und widerspenstiges Haar, wie ein Meerschweinchen mit Wirbeln“. Sie ist weder ein Mädchen, das mit geschlechter­typischem Verhalten punktet, noch der rebellische Pippi-Typ, sondern irgendwie komisch. Mit neun Jahren schmuggelt sie sich auf die Wahlliste der Kerzenmädchen für den Lucia-Umzug – und landet auf dem letzten Platz: mit nur einer Stimme, ihrer eigenen. Erlebnisse wie diese sind schmerzhaft, letztlich wachsen aber die wenigsten von uns ohne sie auf. Viel prägender ist, dass Malin in einer Welt groß wird, in der „Zweisamkeit als Naturgesetz dargestellt wird“.

Das Versprechen laute, es gebe für jeden einen passenden Partner. „Irgendwo in der Welt gibt es den Mann, der von seinem Platz aufgestanden ist und sich auf dich zubewegt, genauso wie du dich auf ihn.“ Das ist die eine Seite des Heilsversprechens, das – so Lindroth – auch in Zeiten poly-, pan-, demi- oder asexueller Lebensweisen noch die Gesellschaft prägt. Als Single gut wegkommen könne man nur, wenn man sogar das Alleinsein als eine Art „Nah­zweisamkeits­erfahrung“ aussehen lasse. Man pflege „eine gute Beziehung mit sich selbst“.

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Ständige negative Kommentare

Die andere Seite der über allem stehenden Zweisamkeit ist die Diffamierung all jener, die davon ausgenommen sind. Steifheit, Hässlichkeit, fehlende sexuelle Attraktivität – „die Unfickbarkeit der alten Jungfer“ nennt Lindroth es – sind klassische Attribute, wie der Blick in die Begriffs­geschichte zeigt. Lindroth zufolge sind unfreiwillig allein lebende Frauen, vor allem wenn sie älter werden, heute noch damit konfrontiert. Zur Diskreditierung dieser Lebensform gehörten ständige negative Kommentare, wenn man sich als Single oute: Das müsse doch nicht Einsamkeit bedeuten, ist noch der harmloseste Spruch. Lindroths radikale Botschaft ist dagegen die Absage an die heutige Selbstoptimierungs­gesellschaft – auch in Bezug auf die Partnerschaft: Man müsse sich von der Vorstellung befreien, dass man alles aus eigener Kraft schaffen könne. Das Leben sei nicht die Summe freier Entscheidungen, sondern eine „Kollision aus Zufall und Möglichkeit“, die manchmal ebenso absichtslos wie unfreiwillig ins Singledasein führe.

Allein leben bedeutet Einsamkeit

Und doch, ja: Allein leben bedeutet auch Einsamkeit. Lindroth findet ungeschminkte Bilder dafür. Nach einer allein mit einem Bier im schlabbrigen Jogginganzug vor dem Fernseher verbrachten Silvesternacht blickt ihr ein Gesicht entgegen, „von dem wir am liebsten Abstand halten: mittleren Alters, ernst, ungeschminkt, ein bisschen leidend, umgeben von Wohnzimmer­dunkel“. Zugleich könne Einsamkeit aber auch schön wie ein Lavafeld auf Island sein: „Keine Bäume, keine Pflanzen. Nur Grautöne, Weite, Himmel.“

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Malin Lindroth: „Ungebunden. Mein Leben als alte Jungfer“. Piper-Verlag. Übersetzt von Regine Elsässer. 112 Seiten, 12 Euro. © Quelle: Piper

Menschen, die eher am Rande stehen – und alte Jungfern gehören sicher dazu –, nehmen oft gezwungenermaßen ungewöhnliche Perspektiven ein. Ein positiver Aspekt ist, dass sie genauer beobachten. Bei Lindroth merkt man das vor allem an der Sprache. Ihre Beschreibungen sind originell, auffallend präzise, oft geradezu aphoristisch verknappt. Ein Mangel mag sein, dass die 52-Jährige sich ganz auf die weibliche Perspektive konzentriert. Männliche Pendants vom Charakter des „einsamen Wolfes“ oder des „lonesome cowboy“ handelt sie auf gerade mal zwei Seiten ab.

Insgesamt schafft Lindroth aber einen neuen Vorstellungs­raum für eine lange geächtete und dabei doch ziemlich häufige Lebensform. 2019 lebten in Deutschland laut Statistik rund 16,79 Millionen Single. 37 Prozent davon waren Frauen. Es werden nicht nur glückliche Alleinlebende, sondern auch eine ganze Menge „alte Jungfern“ darunter gewesen sein.


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