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Sexismus bei James Bond: „Wenn, dann gehören die Filme mit Daniel Craig in den Giftschrank“

  • Am Donnerstag kommt der neue James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ in die deutschen Kinos.
  • Kurz vor dem Start kritisierte dessen Regisseur Cary Fukunaga die frühen 007-Streifen und die frühen Bond-Figuren: Er sei „im Grunde ein Vergewaltiger“.
  • Wie steht es um den Sexismus bei 007? Ein Gespräch mit der Kultur­wissenschaftlerin Stefani Brusberg-Kiermeier.
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James Bond, gespielt von Sean Connery, kämpft mit einer Agentin, überwältigt sie und küsst sie, während sie sich wehrt. In einer anderen Szene klatscht er einer Frau auf den Hintern. Übergriffige Handlungen in den frühen Bond-Filmen standen immer wieder in der Kritik – die Diskussion wurde vor dem Start des aktuellen 007-Streifens „Keine Zeit zu sterben“ wieder angefacht.

Wie sexistisch sind die frühen Bond-Filme wirklich? Und ist James Bond, verkörpert von Daniel Craig, wirklich ein geläuterter Macho? Über diese Fragen spricht Kultur­wissenschaftlerin Stefani Brusberg-Kiermeier von der Universität Hildesheim im Interview mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Sie ist nicht nur Bond-Fan, sondern hat auch zahlreiche Texte zum Phänomen Bond veröffentlicht.

„No Time to Die“-Regisseur Cary Fukunaga äußerte sich nun noch einmal vor dem Start zu der Figur James Bond in den 60er-Jahren: Er findet, dass James Bond, wie ihn Sean Connery seinerzeit verkörperte, „im Grunde genommen ein Vergewaltiger“ war. Stimmen Sie ihm zu?

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Das Zitat ist problematisch. Denn einerseits wird die Szene, die Fukunaga in „Feuerball“ beschreibt, völlig aus dem filmischen Kontext gerissen. Schließlich wird Sexualität in vielen Bond-Filmen – von beiden Geschlechtern – mit Aggressivität verbunden. Andererseits lässt Fukunaga außer Acht, dass gerade in diesem Film wirklich starke Frauenfiguren auftreten. Denn dort rettet Domino (Claudine Auger) dem Geheimagenten mit einer Harpune das Leben.

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Doch gibt es immer wieder unangenehme, sexistische Szenen – gerade in den ersten Bond-Filmen mit Sean Connery. Gehören sie in den Giftschrank?

Auf keinen Fall! Wenn ich als Feministin Bond-Filme in den Giftschrank verbannen würde, dann wären es die neueren mit Daniel Craig. Denn es ist nicht so, dass sich die Entwicklung der Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft linear in den Filmen abzeichnet. Während wir in den Produktionen mit Roger Moore oder Timothy Dalton extrem unabhängige Frauenfiguren haben, sehen wir in den Craig-Filmen eine Rückkehr zu altmodischen wie konservativen Erzählstrukturen – und eine strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Vesper Lynd ist vor allem ein Liebesinteresse. Der Chef ist wieder männlich, die Sekretärin weiblich.

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Kulturwissenschaftlerin Stefani Brusberg-Kiermeier über die neuen Bond-Filme: „Der Chef ist wieder männlich, die Sekretärin weiblich.“ © Quelle: Privat

Welche Beispiele für starke Frauen gibt es denn in den frühen James-Bond-Filmen?

Zum Beispiel in „Moonraker“ (1979) mit Roger Moore haben wir von Bond völlig unabhängige Frauenfiguren: Lois Chiles spielt Dr. Holly Goodhead, eine promovierte Weltraumfahrerin, die im Spaceshuttle das Steuer übernimmt – weil sie besser als Bond dafür qualifiziert ist. Dort sind beide gleichberechtigte Partner.

Auch Pussy Galore (Honor Blackman) ist in „Goldfinger“ (1965) mit Sean Connery eine unabhängige Frau – mit ihrer eigenen Flugschule. Doch wird sie im Verlauf des Films von Bond verführt und „gedreht“. Lange Zeit war diese Idee, dass starke Frauen durch Bond „gedreht“ werden müssen, ein Erzählmuster, das erst später wieder fallen gelassen wurde.

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Billie Eilish singt den Titelsong zu „Keine Zeit zu sterben“.  @ Quelle: Getty Images for EON Productions

Holly Goodhead und Pussy Galore sind sexuell aber absolut zweideutig gemeinte und herabwürdigende Namen.

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Die Namen allein müssten schon Grund für ein Gerichtsverfahren sein. Männliche Zuschauer fanden dies in den 60er-Jahren wahrscheinlich ziemlich lustig – für uns ist es heute unangenehm und problematisch.

Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt: „Bond ist ein Archetyp toxischer Männlichkeit.“ Stimmen Sie ihr zu?

Man darf nicht vergessen, dass James Bond ein Soldat ist, der in ständiger Gewaltbereitschaft ist. Deswegen kann hier schwer ein Vergleich zum Bild eines im Alltag gewalttätigen Mannes gezogen werden. Gerade Daniel Craig spielt James Bond auf eine soldatische Art und Weise.

Inwieweit unterscheidet sich das Männerbild in Daniel Craigs Bond denn von denen in früheren Filmen?

Für Männer gilt nun das gleiche wie für Frauen: Wir erinnern uns an die Folterszene in „Casino Royale“. Dort sitzt James Bond nackt auf einem Stuhl und wird gefoltert. Craig stieg, wie zuvor Halle Berry („Stirb an einem anderen Tag“, 2002) oder Ursula Andress („Dr. No“, 1962) in Badehose aus dem Wasser. Er zeigt nackte Haut, wie es zuvor die Frauen zeigen mussten. Gleichzeitig aber repräsentiert er mit seiner Körperlichkeit auch eine neue Hypermännlichkeit.

Bond-Produzentin Barbara Broccoli hat bereits ausgeschlossen, dass der nächste 007 von einer Frau gespielt wird. Haben Sie gute Kandidaten für eine Nachfolge im Kopf?

Die Filmemacher müssen sich etwas einfallen lassen, damit die Prämisse der Bond-Filme, dass ein britischer Geheimagent die Welt rettet, auch nach dem Brexit weiterhin glaubwürdig ist. Deswegen wäre eine Möglichkeit, dass sie einen Darsteller aus den kleineren Ländern des Vereinigten Königreichs oder Irland nehmen. Hier wäre der irische Schauspieler Aidan Turner mein Tipp. Oder sie konfrontieren die Rassismusdebatte zentral und besetzen Bond mit einem schwarzen Schauspieler. Da wäre Regé-Jean Page, der gerade durch die Netflix-Serie „Bridgerton“ präsent ist, mein Favorit.

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