Serie “The Plot Against America”: Tanzen mit Nazis

  • Amerika fällt unter die Nazis – in der Miniserie “The Plot Against America” nach dem Roman von Philip Roth wird der Antisemit Charles Lindbergh US-Präsident.
  • Mit JFK-artigem Charme verführt er die US-Bürger und arbeitet Hitler zu.
  • Die Alternative-Geschichte-Serie mit Winona Ryder und John Turturro liegt seit heute in synchronisierter Form vor.
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Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit: Der deutsche Außenminister tanzt beim Staatsdinner des amerikanischen Präsidenten mit der Frau des Rabbiners von Newark. Und die vergisst vor lauter Glanz und Jazzmusik glatt, dass der schmale Mann, der sie da aufgefordert hat, dem Auswärtigen Amt des Führers Adolf Hitler vorsteht, der den jüdischen Deutschen seit Beginn der nationalsozialistischen Kanzlerschaft das Leben schwer macht, der sie drangsaliert, verleumdet, mit Ungeziefer gleichsetzt (und wie sie nicht wissen kann, nun den Holocaust antreiben lässt).

Joachim von Ribbentrop ist ganz Kavalier alter Schule, er benimmt sich nicht daneben wie damals, 1937, als er den britischen König Edward mit “Heil Hitler” grüßte, worauf ihm die Briten den Spitznamen Brickendrop (Fettnäpfchentreter) verliehen. Die Jüdin und der Nazi schweben übers Parkett, egal, schließlich gehört Rippentrop ja auch nicht zu den harten Antisemiten in Hitlers Kabinett, er ist mehr ein Netzwerker, Opportunist und Aufsteiger, und der Abend ist so schön. Aber der Tanz und was noch folgt wird Evelyn die Liebe ihrer Familie kosten.

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Alternative Geschichte: Flieger-As Lindbergh wird Präsident

Es ist 1941, Flieger-Ikone Charles Lindbergh ist amerikanischer Präsident, Henry Ford sein Innenminister, Rabbi Bengelsdorf sein Berater. Alles ist gut im großartigen Amerika der Americafirsters (AFC). Nur, dass in Wahrheit längst eine Verschwörung gegen das Land der Freien läuft. Die Showrunner Ed Burns und David Simon haben aus Philip Roths Geschichtsfiktion “The Plot Against America” eine Miniserie gemacht, die jetzt in deutschsprachiger Version vorliegt und dem Betrachter Schauer um Schauer über den Rücken jagt.

Der Schriftsteller aus New Jersey verlegte in seinem 2004 erschienenen Roman seine eigene Kindheit in eine fiktive Vergangenheit, um zu zeigen, wie empfänglich auch alte Demokratien für eine “starke Hand” sind, wie Faschismus sich einschleicht, bis Antisemitismus und Rassismus zu politischer Linie werden und der Mob offen auf den Plan tritt, weil er keine Strafe mehr fürchten muss. Der klassische Abwinksatz “Das kann doch hier niemals passieren” wird plausibel widerlegt.

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Ein TV-Volltreffer zum Ende von Trumps erster Amtszeit

Dass die Verfilmung seines Buchs in der Spätphase der ersten Amtsperiode von US-Präsident Donald Trump kommt, ist ein Volltreffer, auch wenn der ältliche, irrlichternde Sexist mit der Neigung, rechten Pöbel zu verharmlosen wie ein von allem Geist verlassener Trottel wirkt gegen den juvenilen Charles Lindbergh, den Ben Cole mit John-F.-Kennedy-Charme spielt und der mit 38 Jahren beim Amtsantritt der jüngste US-Präsident aller Zeiten gewesen wäre.

Knapp mehr als die Hälfte der Amerikaner hat Lindbergh mit seinem “No War”-Slogan gewonnen – auch den strikt pazifistischen Rabbi (John Turturro), der nicht will, dass neuerlich Tausende “Boys” in Europa sterben, und seine geliebte Evelyn (Winona Ryder), die sich der Regierung mit einer Sommerkampagne für Jugendliche andient. Evelyns Schwester Bess (Zoe Kazan) dagegen, deren Mann Herman (Morgan Spector) und sein verwaister Neffe Alvin (Anthony Boyle) sind skeptisch. Herman, ein erfolgreicher Versicherungsmann, erkennt die aufziehende Diktatur in Lindberghs verunglimpfenden Worten, denen stets “nicht so gemeint”-Relativierungen folgen.

Lindbergh lässt New Yorks Juden zwangsumsiedeln

Und Alvin geht nach Kanada, um für England gegen die Nazis kämpfen zu können, was ihm später Verfolgung als vermeintlicher Kommunist durch das gestapoartige FBI einbringen wird. Als Evelyns Landverschickungsprogramm “Just Folks” für städtische Jugendliche aufgelegt wird und Hermans älterer Sohn Sandy (Caleb Malis) sich dafür begeistert, geht der politische Riss mitten durch seine Familie. Herman kann Sandys Teilnahme am Ribbentrop-Dinner verhindern, steht aber ohnmächtig gegen die spätere Zwangsumsiedlung New Yorker Juden.

Näher an der Düsternis der Atwood-Serie “The Handmaid’s Tale” über ein christlich-faschistoides Amerika ist diese als an dem Nazipulp von “The Man On The High Castle”. Burns und Simon erzählen in aller Ruhe, steigern den Grad der Bedrohung fast unmerklich, bis aus Hakenkreuzen auf jüdischen Friedhöfen und Biergartenschlägereien Kristallnächte und offene Verfolgung werden, bis Ku-Klux-Klan-Mitglieder offen in ihren Mordkutten umhergehen – ohne dass ein gesamtamerikanischer Schrei der Empörung laut würde.

“The Plot Against America” erinnert an “Holocaust”

Wie in Gerald Greens und Marvin J. Chomskys “Holocaust” (1978) wird die Schleifung der Demokratie, die Zerstörung des Alltags beispielhaft am Schicksal einer Familie gezeigt, die der Diskriminierung und Unterdrückung zunehmend ausgeliefert ist.

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Martin Ahlgrens Kamera fasst die Geschichte der Levins in die Farben und das Licht eines Films der Vierzigerjahre. Fast scheint es, als hätte 1940 eine andere, dramatischere Sonne auf die Erde geschienen. Die sechs Stunden dieser HBO-Serie sind nicht nur visuell sondern auch dank eines vortrefflichen Ensembles großes Kino, viel größer etwa als die thematisch ähnlich gelagerte Serie “Deutscher”, die soeben bei ZDFNeo ein gegenwärtiges Deutschland unter neorechter Regierung in eher holzschnittartiger “Lindenstraße”-Manier erkundet hat.


Nach Klimax und Katharsis, am Ende der letzten Folge singt Frank Sinatra “The House I Live In”, seinen sentimentalen Hit von 1945 gegen Antisemitismus und für ein tolerantes Amerika der Völker und Religionen: “Ein bestimmtes Wort: Demokratie. Das ist Amerika für mich.” Ein letzter Wahlwink mit dem Zaunpfahl für die Trumpisten in den USA, die allerdings spätestens während der Corona-Krise gemerkt haben sollten, dass ihr Mann im Oval Office jenseits von Tweets und verbalen Bollereien ein Versager ist. Die, die jetzt immer noch nicht, beschaffen sich Desinfektionsmittel und Spritzbesteck.

P.S.: Das war Charles Lindbergh

Drei Mal war Charles Augustus Lindbergh groß in den Schlagzeilen. 1927, als der 25-Jährige mit der “Spirit of St. Louis” nonstop von New York nach Paris über den Atlanik flog und bei seiner Rückkehr mit einer Konfettiparade als amerikanischer Held gefeiert wurde. 1932 wurde sein zweijähriger Sohn entführt und zwei Monate später tot aufgefunden, 1936 wurde der vermeintliche Entführer, der aus Sachsen stammende Bruno Richard Hauptmann aufgrund einer Aussage Lindberghs verurteilt und hingerichtet.

1940 wurde Lindbergh der wichtigste Redner des America First Commitee (AFC), das sich vehement gegen einen möglichen Kriegseintritt der USA wandte. Europa müsse sein Schicksal selbst gestalten, ein Sieg über Hitler mit US-Hilfe würde Europa Stalin ausliefern. Im September 1941 hielt Lindbergh in Iowa eine Rede, in der er die Juden als Kriegstreiber diffamierte und im “Reichtum” der Juden “und ihrem Einfluss im Filmgewerbe, in Presse, Rundfunk und Regierung” die “größte Gefahr für dieses Land” sah. Nach dieser Rede galt Lindbergh als Antisemit und NS-Sympathisant, sein Ansehen in den USA schwand.

Die NS-Medien waren unterdessen von Propagandaminister Goebbels angehalten worden, nicht zu positiv über Lindbergh zu berichten, um seinem Wirken in den USA nicht zu schaden. Nach dem Überfall Japans auf Pearl Harbor löste sich das AFC auf.

“The Plot Against America”, bei Sky (seit heute, 16. Mai, auf Deutsch), sechs Folgen, von Ed Burns, David Simon, mit Morgan Spector und Winona Ryder.

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