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Nach Suizid: berührende Trauer um die Schwester

Eine 30stel-Sekunde lang. Eine Ewigkeit: Auf diesem Foto ist Bettina Flitner (links) 21 Jahre, ihre Schwester 24 Jahre alt.

Wann wird der Tod Wirklichkeit? Wie soll das Leben ohne die Toten weitergehen? Und was macht das Erzählen aus uns? Bettina Flitner muss ihren Vater anrufen, die Schwester hat sich das Leben genommen. Im Kopf des Vaters aber lebt die Tochter noch. Sein Kind ist tot, aber noch nicht für ihn.

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Bettina Flitner findet ein eindringliches Bild für diese Situation, sie vergleicht sie mit einem langen Stau auf der Gegen­spur auf der Auto­bahn: Wenn ihre Schwester und sie früher mit den Eltern im weißen VW Käfer unterwegs waren, geschah auf der Gegen­fahrbahn manchmal ein Unfall. „Wir fuhren an den stehenden Wagen vorbei, dann an denen, die gerade abbremsten, und dann kamen die, die noch unbeschwert unterwegs waren.“ Ihre Schwester und sie seien in solchen Situationen zu Zeit­reisenden geworden. „Ich konnte in die Zukunft der anderen blicken. Noch ahnen sie nichts, dachte ich, wenn uns die Unwissenden in voller Fahrt entgegen­kamen. In 30 Sekunden werden sie es erfahren.“ In wenigen Minuten wird es der Vater erfahren.

Auch ihre Mutter hat sich umgebracht

Für Bettina Flitner ist der Tod der Schwester der zweite schwere Verlust durch einen Selbst­mord. Ihre Mutter hatte sich im Alter von 47 Jahren umgebracht, nun hatte ihre geliebte Schwester ihrem Leben ein Ende gesetzt. Aber warum? Dieser Frage geht Bettina Flitner in ihrem einfühlsamen, tief bewegenden, traurig-schönen Buch über die gemeinsame Kindheit und Jugend der beiden Schwestern in Hannover und Köln, die unterschiedlichen Lebens­wege als Erwachsene, die Jahre des Verlierens und Wieder­findens nach. Sie sucht nach Gründen, will nach dem Freitod der Schwester dem „Nichtbegreifbaren etwas Begreifbares“ abringen. Sie sucht nach dem „Darum“, das sich auf dieses sehr persönliche „Warum?“ reimt. Sie entscheidet sich für das Erzählen.

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Eine endgültige Antwort wird die 1961 in Köln geborene Fotografin nicht finden. „Es gibt nicht die Erkenntnis, mit der ich sagen könnte ‚Deswegen hat sie sich umgebracht‘, sondern mein Buch ist ein Kreisen um sie herum, ein Mäandern durch die Vergangenheit, eine Suche hier und da nach einem Puzzlestück“, sagt Flitner im Video­gespräch. „Ich habe mich auch schon vor ihrem Tod immer wieder gefragt, wieso diese ehemals starke, strahlende und lustige, tolle Person sich in ein immer engeres Korsett schnürt. Ihr ganzes Leben ist eigentlich immer enger geworden, immer kleiner. Aber ich komme auf kein richtiges Ergebnis.“

„Da waren sie wieder. Die schwarzen Raben.“

Bettina Flitners Schwester litt an psychischen Erkrankungen, vor allem an Depressionen. Flitner hält sich dahingehend mit detaillierten Beschreibungen zurück. Es sind einzelne, fast schon lakonische Sätze wie: „Sie hat ein eigenes Wasch­becken im Zimmer. Sie wäscht sich oft.“ Oder sie findet eindringliche Bilder für die Depression: „Da waren sie wieder. Die schwarzen Raben.“ Sie „setzten sich überall hin, in die Küche, an den Esstisch, auf das Sofa. Sie waren im Flur, auf der Treppe und im Badezimmer. Sie saßen da, und sie blieben.“

Natürlich geht es in dem Buch um die psychischen Dispositionen der Schwester und auch der Mutter (Bettina Flitner selbst litt nie unter Depressionen). Natürlich geht es um Selbstmord, um Trauer, um die unbeantwortbaren Fragen. Aber in erster Linie ist „Meine Schwester“ ein wundervolles Buch über das Leben. Indem sie über sie geschrieben habe, sagt Bettina Flitner im Gespräch, sei ihr ihre Schwester wieder ganz nahe gerückt. „Nach einem solchen Ereignis überdeckt der Tod alles, wie ein Tuch, das über allen Erinnerungen liegt. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Der Tod ist wieder abgelöst worden durch das Leben.“

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Das Leben der beiden, das ist ein Aufwachsen in der Bundes­republik der Sechziger- und Siebzigerjahre. Der Vater, ein Jurist, arbeitet in Hannover bei der Volkswagen­stiftung, später dann in Köln. Zwischendurch lebt die Familie ein halbes Jahr in New York. Immer mal wieder tauchen bekannte oder sogar berühmte Namen des 20. Jahrhunderts auf. „Meine Eltern werden einer kleinen älteren Frau vorgestellt und begrüßen sie ehrfürchtig. Sie nickt auch meiner Schwester und mir freundlich zu“, heißt es in dem Buch. Die kleine ältere Frau ist Hannah Arendt. Der Onkel der Flitner-Schwestern ist der damalige Landesbischof von Hannover und EKD-Rats­vorsitzende Eduard Lohse. Der Großvater Wilhelm Flitner gehört zu den prägenden Reform­pädagogen. Aber diese Informationen sind nicht wichtiger als andere Details.

Erinnerungen an eine Kindheit in den Siebziger­jahren

Stattdessen Kindheits­erinnerungen. Erinnerungen an die Urgroßmutter, die den beiden Mädchen noch den Hofknicks beibringt. Erinnerungen an die beiden Großeltern, die die Kinder auf ganz unterschiedliche Weise prägen. Erinnerungen an die starke, große Schwester. Mal mit kindlich bewunderndem Blick: „Alles, was meine Schwester sagte, war einleuchtend. So war es immer gewesen, so war es auch jetzt.“ Mal mit dem Spiel der Gegensätze: Während sie, Bettina, sich beim Tanz­auftritt in der Schule schon mit einer kleinen Rolle leicht überfordert fühlte, sei die Schwester der Star der Schule gewesen. „Sie bewegt sich so grazil und bestimmt durch den Raum, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Alle Augen ruhen auf ihr. Es gibt keinen Zweifel: Meine Schwester ist für die Bühne bestimmt.“

Bettina Flitner: „Meine Schwester“. Kiepenheuer & Witsch, 313 Seiten, 22 Euro.

Bettina Flitner: „Meine Schwester“. Kiepenheuer & Witsch, 313 Seiten, 22 Euro.

Im Buch ist Bettina Flitner später immer wieder zwischen den Zeilen die Irritation anzumerken, dass sich das Verhältnis umkehrte, dass sie, die damals Unsichere, plötzlich ihrer großen Schwester Halt geben musste. Dass sie diejenige ist, die Räume erobert, während sich der Spiel­raum der Schwester immer mehr einengt.

Als sich die beiden Frauen nach der intensiven gemeinsamen Kindheit schon langsam auseinander­dividieren, entsteht das gemeinsame Foto, das auf dieser Seite und auch auf dem Cover des Buches zu sehen ist. Bettina Flitner ist da 21 Jahre alt, ihre Schwester 24. „Hier ist meine Schwester. Und dahinter bin ich. Wir spiegeln uns im Glas. Ich sehe sie an und sie mich. Das Spiegel­bild der anderen. Die Kamera ist auf uns gerichtet. Ich drücke auf den Auslöser. Die Blende öffnet sich. Eine 30stel-Sekunde lang. Eine Ewigkeit.“ Beim Lesen ist dieses Bild wie ein Magnet. Es zieht den Leser und die Leserin in den unterschiedlichen Situationen, die im Buch beschrieben werden, immer wieder zu sich. Es ist wie ein Sog. Eine 30stel-Sekunde lang. Eine Ewigkeit.

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Was bedeutet das Buch für die Autorin selbst?

Bettina Flitner hat mit ihrem Buch vieles auf einmal bewältigt: Sie befreit ihre Schwester vom Leichen­tuch und macht sie in der Erinnerung wieder lebendig. Sie gibt trauernden Menschen Trost, ohne dass sie mit ihrem Schreiben ins Ratgeberhafte abgleitet. Sie erzählt eine Kindheits- und Jugend­geschichte der Sechziger und Siebziger. Sie berichtet von kleinen Kinder­seelen, die die erst bröselnde, dann brechende Ehe der Eltern zusammen­halten und die die schwarzen Raben, die bei der Mutter landen, verscheuchen wollen. Und das alles in sensibler und poetischer Sprache, ohne rührselig oder gar larmoyant zu werden.

Was aber ist das Buch für sie selbst? Ein Abschluss, ein Grabstein, eine Erinnerung oder vielleicht der Anfang von etwas? „Wahrscheinlich alles zusammen. Wenn das zweimal passiert – meine Mutter hat sich ja ebenfalls umgebracht –, dann ist das wie ein Schicksals­schlag, wie ein Blitz, der vom Himmel kommt und in dich einfährt. Man fühlt sich so ausgeliefert“, sagt Bettina Flitner. „Man denkt permanent, alles kann jederzeit passieren. Dadurch, dass ich die Verarbeitung der Situation nach dem Tod meiner Schwester nun selbst in die Hand genommen habe, ist es eine große Befreiung.“

Vier Monate vor ihrem Tod hat die große der kleinen Schwester einen Koffer überreicht, gefüllt mit Erinnerungs­stücken an das gemeinsame Leben: Fotos, Ahoj-Brause, Kinder­lackschuhe, Herz­ohrringe. „Diesen Koffer habe ich tatsächlich erst am Ende meines Schreibens wieder geöffnet, und plötzlich wurde mir klar, dass er schon eine Art Vermächtnis war. Sie muss ihren Tod schon länger geplant haben“, sagt Bettina Flitner. „Sie hat ihn mir mit den Worten überreicht: ‚Damit du dich erinnerst.‘ Und das habe ich jetzt getan.“ Und wie!

Bettina Flitner: „Meine Schwester“. Kiepenheuer & Witsch, 313 Seiten, 22 Euro.

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Hier bekommen Sie Hilfe bei Suizid­gedanken

In diesem Artikel geht es um Themen wie Selbstmord und Depression. Wenn Sie in einer psychischen Krise sind und Hilfe brauchen, können Sie sich an die Telefon­seelsorge unter 0800 111 0 111 (kostenfrei) wenden. Das Info­telefon Depression ist unter der Rufnummer 0800 33 44 5 33 (kostenfrei) zu erreichen.

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