Schwerer Stoff: das neue Album der Twenty One Pilots

  • Songs der US-Band Twenty One Pilots klingen wie Tagebucheinträge aus einer Psychotherapie.
  • Sänger Tyler Joseph erzählt hier, wie er seine inneren Monster besänftigt.
  • Und dass er abends erst 500 Basketballkörbe werfen musste, bevor er von seiner Mutter etwas zu essen bekam.
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„Ich kann die Wellen nicht mehr spüren“, singt Tyler Joseph in dem Song „Saturday“, ein Gefühl, als müsste er auf dem Meeresgrund ausharren. Dort, wo es kalt, dunkel und einsam ist. „Hat die Flut vergessen, sich zu bewegen? Ich bete nur, dass ich dich nicht verliere.“

Der 32-Jährige hat das Lied seiner Frau Jenna gewidmet. Der junge Familienvater beschreibt darin den Realitätsschock, den viele Menschen vor mehr als einem Jahr erlebten, als es pandemiebedingt plötzlich wenig oder gar keine sozialen Kontakte mehr gab, keine Ablenkung, keine andere Möglichkeit, als mit sich allein zu sein.

Man könnte denken, Tyler Joseph spielt eigentlich bei Pink Floyd

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„Als ob man immer unter Wasser wäre und nicht wüsste, wo oben und unten ist“, erzählt er im Interview. Wir sprechen über das sechste Album seiner Band Twenty One Pilots. Das Leben verliere an Bedeutung, wenn es keinen Rhythmus mehr hat, sagt er. Dieses Gefühl der Zeit- und Ortlosigkeit habe er bereits von Konzerttourneen gekannt, wenn Freitagabende wie Montagabende wirkten, wenn man nicht mehr wisse, in welcher Stadt gerade Soundcheck und Show stattfinden.

Wir treffen uns in einer Zoom-Konferenz. Joseph, das zeigt die Kamera, sitzt in seinem Studio, umgeben von jeder Menge Keyboards; man könnte denken, er spielt eigentlich bei Pink Floyd. Er sieht aus wie ein Skater, manche wiederum beschreiben ihn als Streber, weil er so akribisch kreativ ist.

„Scaled and Icy“ ist wie auch „Blurryface“ und „Trench“ zuvor eine Platte der tausend Ideen. Textteile, die besonders bedeutsam sind, scheint er zu rappen. Das Klavier strebt himmelwärts. Doch es ist Musik aus dem gar nicht so heilen Vorstadtamerika mit seinen Basketballkörben in den Garageneinfahrten; Musik, die sich Elton John und Eminem zusammen ausgedacht haben könnten – während sie über die Harmlosigkeit von Taylor Swift lästerten.

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Joseph, der die autobiografischen Songs schreibt, und sein Blutsbruder-Schlagzeuger Josh Dun (33) besingen oft die eigenen inneren Monster, Depressionen und das Ringen damit. „Ich habe überhaupt zum Songschreiben gefunden, weil ich dadurch bestimmte Aspekte meines Lebens, mit denen ich zu kämpfen hatte, abstauben konnte“, sagt er. Joseph und Dun seien, so liest man, „Vertreter der angsterfüllten Millennials“. Fühlt er sich als die Stimme einer Generation von Verunsicherten und Verzagten? Oder fühlt er sich vereinnahmt, so wie einst Bob Dylan, der gegen seinen Willen zur Sixties-Ikone ernannt wurde? „Das Etikettieren überlasse ich den Etikettierern“, antwortet Joseph. „Ich bin nur auf den kreativen Prozess fokussiert, darauf, diesem imaginären Faden zu folgen, der mich in den nächsten Raum führt.“

Den nächsten Raum finden, die nächste Frage beantworten, den nächsten Schmerz lindern – ohne zum Trinker zu werden oder sich mit Medikamenten zu betäuben, wie er es in „Mulberry Street“ beschreibt. „Es gibt keinen sonnigen Himmel, bis man endlich erkennt, dass jeder auf synthetische Hochs angewiesen ist.“ Er dagegen wolle sich anders als viele andere ohne Aufputsch- und Beruhigungsmittel ausbalancieren. „Ich benutze Musik, Humor, Alleinsein, Pausen von sozialen Medien, Familie, unbequeme und ehrliche Gespräche mit Freunden und manchmal auch Weinen“, sagte er in einem anderen Interview. „Ein paar Werkzeuge, aber sie funktionieren nicht alle für jeden.“

Wie ernst und nachdenklich Twenty-One-Pilots-Songs sind, darauf deutet schon der Bandname hin. Dieser ist dem Theaterstück „Alle meine Söhne“ von Arthur Miller entnommen, in dem 21 Weltkriegspiloten abstürzen, weil ein Fabrikbesitzer der Luftwaffe aus Kostengründen defekte Flugzeugteile geliefert hatte.

„Nur hirnlose, humpelnde Zombies sagen Sachen wie: Man lebt nur einmal.“

Die Wendung soll eine Art Mahnung gegen Rücksichtslosigkeit sein, eine Mahnung, es sich im Leben nicht einfach zu machen, sondern die moralisch richtigen Entscheidungen zu treffen, auch wenn das bedeutet, einen anstrengenden Weg einzuschlagen. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, ihr seid alle schon tot“, heißt es in dem Song „Heavydirtysoul“ von 2015. „Nur hirnlose, humpelnde Zombies sagen Sachen wie: Man lebt nur einmal.“

Joseph und Dun halten nichts von einfachen Poesiealbumwahrheiten, sie produzieren lieber komplexe Konzeptalben wie „Trench“ von 2018, mit dem sie die Geschichte von Clancy erzählten, der aus einer ummauerten Stadt namens Dema flüchtet. Es ist ein Ort der Verzweiflung, im Grunde ein Gefängnis. Dort regieren neun „Bischöfe“, die die Bewohner unterdrücken. „Nico and the Niners“ sollen Ängste symbolisieren – darunter die Angst vor dem Tod, vor dem Verlust eines geliebten Menschen, vor dem Verlassenwerden, vor dem Scheitern, vor Veränderung, auch die Angst vor der Angst.

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Sowohl Joseph als auch Dun sind in konservativen christlichen Elternhäusern aufgewachsen. Joseph ging auf eine christliche Highschool, die sein Vater leitete. Seine Mutter erzog ihn mit täglichen Basketballübungen. Bevor er nicht 500 Körbe geworfen hatte, gab es kein Abendbrot, erzählte er dem „Rolling Stone“.

Duns Eltern sollen noch strenger gewesen sein. Der Teenager durfte keine Rock- und Hip-Hop-Platten hören und nur durch den christlichen Videodienst Clean Flicks zensierte Hollywoodfilme sehen – ohne Sex, Gewalt und alles Profane. Alben wie „Dookie“ von Green Day versteckte er unter seinem Bett. Erst später gaben die Eltern nach und erlaubten ihm, im Keller ein Schlagzeug aufzubauen.

Ohne jeden Zweifel, sagt Joseph, haben ihn seine Eltern und ihr Glaube zu dem gemacht, der er heute ist. „Doch schon als Kind habe ich angefangen, meine eigene Version davon zu extrahieren. Ich finde, dass der Glaube nicht nur ein großartiges Werkzeug ist, um ein besserer Mensch, ein besserer Ehemann und ein besserer Vater zu sein, er zwingt dich auch dazu, dir die großen, schwierigen Fragen zu stellen. Wenn es den Glauben nicht gäbe, wäre die Versuchung groß, das Gehirn einfach auszuschalten.“

Glaube und Zweifel gehören hier zusammen

Seine Texte spiegeln tatsächlich eine Haltung wider, die auf christlichen Werten beruht: vor allem auf Menschlichkeit und Aufrichtigkeit. Doch Joseph und Dun sind keine Prediger, wie man sie etwa aus dem amerikanischen Bibel-TV kennt und die den Eindruck erwecken, man könne Schrecklichkeiten einfach wegbeten.

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Joseph und Dun bieten ein Gegenprogramm. Glaube und Zweifel gehören hier zusammen. Die Protagonisten ihrer Lieder zweifeln an der Welt und an sich selbst, und sie fordern konkrete und vor allem ehrliche Antworten. Gibt es Gott? „I haven’t found a drop. I haven’t found a drop of water“, beschreibt Joseph schon auf dem ersten Twenty-One-Pilots-Album die bisweilen desillusionierende Suche nach etwas, an das man glauben kann. „Rain down and destroy me.“

Die Studentenzeitung „The Harvard Crimson“ erkennt in Josephs Songs „eine neue Art von Gebet“. „Seine Gebete haben keine einfache, drei- bis fünfminütige Lösung. Sie sind intime, bittende Schreie zu Gott oder zu anderen, um eine Erleichterung zu erfahren, die er nie ganz bekommen wird. Wie andere Menschen, die sowohl religiös sind als auch mit psychischen Krankheiten kämpfen, findet Joseph vielleicht Hoffnung in dem Gott, zu dem er mitten in der Nacht betet, aber er wacht am nächsten Morgen mit denselben Dämonen wieder auf.“

Im Musikvideo zu ihrem Hit „Stressed Out“ von 2015 cruisen Joseph und Dun mit Dreirädern durchs Wohngebiet oder sitzen Capri-Sonne trinkend auf dem Bordstein. Der Song beschreibt die Sehnsucht, die Unbeschwertheit der Kindheit wiederzuerlangen. „Ich wünschte, wir könnten zurück in die schöne Zeit, als unsere Mama uns in den Schlaf sang – aber jetzt sind wir gestresst.“

Zurück geht nicht, wie kann man den Bischöfen sonst entkommen? Der Song „Choker“ zeigt einen Weg zur Selbsthilfe auf. „Selbstsabotage“, singt Joseph, „ist eine süße Romanze, es scheint so, dass ich nur das wert bin, was ich aushalten kann.“ Die Selbstzweifel, auch die Schuldgefühle, die dieses vermeintliche Versagen auslösen können, vergleicht er mit einem Splitter, der in der eigenen Haut steckt. „Jemand anderes könnte ihn herausschneiden, aber wenn du es selbst tust, tut es etwas weniger weh – und du könntest ihn sogar noch weiter hineinschieben“, rappt er. „Wenn dein Körper schreit, vertraue darauf, dass dein Verstand zuhört.“ So klingt der Poesiealbumeintrag einer Heavydirtysoul.

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