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„Schwarzer Leopard, roter Wolf“ – So ist das große Epos aus dem Afrika der Fantasy

  • Der jamaikanische Man-Booker-Preisträger Marlon James begibt sich in seinem vierten Roman ins Reich der Fantasy.
  • Sein neues Buch „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ (erscheint am 21. Oktober) erzählt von einem afrikanischen Superheldenpaar.
  • Eine fremdartige, faszinierende Erzählung – Auftakt einer Trilogie.
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„Das Kind ist tot. Weiter gibt es nichts zu wissen.“ Der erste Satz dieses Romans klingt schon wie Alpha und Omega, eine abgeschlossene Geschichte. Ein attraktiver erster Satz ist das wie „Nennt mich meinethalben Ismael“ aus Melvilles „Moby Dick“ oder „Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm“ aus Stephen Kings „Der Dunkle Turm“. Ein Satz, der den Leser anzieht, ihn festhält, ihn dazu bringt, einmal umzublättern und dann immer wieder und trotz aller Widrigkeiten nicht mehr aufzuhören.

Würde der Erzähler, der diesen Satz sagt, tatsächlich zu seinem Wort stehen, wäre diese Geschichte auf Seite eins zu Ende. Aber Sucher, ein mädchenhafter Mann, mit seiner superheldenhaft feinen Nase und seinen kämpferischen Talenten wie gemacht für Fahndungsjobs, ist mitteilsam und beredt. Und so folgen noch 828 Seiten mit zahllosen Details darüber, wie alles kam und was es doch noch so zu wissen gibt.

„Schwarzer Leopard, roter Wolf“ ist ein virtuoses Spiel mit Wahrheit und Lüge

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„Die Wahrheit frisst die Lüge“, sagt Sucher, „wie das Krokodil den Mond frisst.“ Und das ist wunderbar geheimnisvoll. In den afrikanischen Überlieferungen ist für mythische Krokodile zwar so einiges Unvorstellbares machbar. Aber wahrscheinlich besagt das Zitat nur, dass die Wahrheit die Lüge nicht fressen kann wie es einem Krokodil unmöglich ist, den Trabanten zu fressen, der sich im Wasser des Flusses ja nur spiegelt. Sucher bindet seinem Befrager quasi auf die Nase, dass er ihn fortan an selbiger herumzuführen gedenkt. Freilich: oder auch nicht.

Der vierte Roman des jamaikanischen Man-Booker-Preisträgers Marlon James, sein erster Versuch im nach wie vor boomenden Genre der Fantasy, ist ein ständiges Möglicherweise, ein Spiel mit der Wahrheit. Immer wieder wird sie behauptet, relativiert, infrage gestellt. Wenn Sucher in seinem Geschichtenfüllhorn die Erinnerung an den Kampf mit seinem gewalttätigen Vater auspackt, bietet er dem Leser sogar zwei gleichwertige Enden an – soll der doch glauben, was er will.

Ein Inquisitor fühlt dem Erzähler auf den Zahn

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Freilich gibt es außer uns Seitenfressern im Lesesessel immer auch ein storyimmanentes Gegenüber dieses Protagonisten – einen Zuhörer vor Ort, der den Ausführungen des offenbar gefangenen Suchers in dessen Zelle folgt, den Mann, den Sucher Priester nennt oder – bedrohlicher – Inquisitor. Inquisitoren, seit je unangenehme Menschen, mit Wahrheitsfindung beauftragt, lassen sich nicht abspeisen. Sie wissen, Lügnern und Leugnern auf den Zahn zu fühlen, notfalls mit extrem schmerzhaften Methoden.

Was also ist tatsächlich passiert? Ist der eingangs erwähnte Junge doch nicht tot? Auch der erste Satz von „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ steht bald infrage. Denn alles hier ist subjektiv, dient einem zunächst unbekannten Zweck. Sucher hat vielleicht allen Grund, auch hierzu Falsches zu behaupten.

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James führt den Leser in ein sagenhaftes, präkoloniales Afrika

Wir sind in Afrika, einem sagenhaften, präkolonialen, weißer Unterjochung und Zerstörung noch nicht preisgegebenen Afrika, das die wenigsten deutschen Leser bislang betreten haben – außer vielleicht die, die Alex Weddings 1965 in der DDR erschienene, etwas behäbige Märchensammlung „Im Schatten des Baobab“ kennen. Ein Land beseelter Natur, ein Land des Zorns und der Rache, wo die Götter den selbstverliebten Affenbrotbaum in ihrer Wut falsch herum in die Savanne rammten, weshalb er heute so aussieht, wie er aussieht – aufgeplustert wie ein dicker Mann und irgendwie lächerlich. Ein Land, in dem es Geister, Gestaltwandler, Hexen und vampirische Existenzen zuhauf gibt. Wo dämonische, Lichtschwerter schwingende Wesen namens Omoluzu aus der Decke von Hütten kriechen und an ihr entlanglaufen, als wäre dieses „Oben“ das eigentliche „Unten“ der Welt. Lange hat James, der zuletzt einen wahnwitzigen Roman über den Mordversuch an dem Reggaemusiker Bob Marley 1976 veröffentlichte („Eine kurze Geschichte von sieben Morden“) in den Mythen des Kontinents gegraben und dann etwas erschaffen, was neu ist und fremd, faszinierend in seiner Buntheit und abschreckend in seiner Brutalität. Etwas, das Seinesgleichen sucht und mit dessen Lektüre man sich Mühe geben muss.

Die ersten Laudatoren, etwa der mit James befreundete indisch-britische Dichter Salman Rushdie, verglichen das von Stephan Kleiner kongenial übersetzte Werk des Fantasynovizen mit denen der beiden R.R.s des Genres, mit Tolkien und Martin. Aber weder wird hier detailfreudig eine behagliche Odyssee entlang ihrer Stationen erzählt wie in der „Herr der Ringe“-Trilogie noch charaktergetriebene literarische Architektur errichtet wie im ebenfalls geordnet und von außen erzählten magisch-mediävistischen „Lied von Eis und Feuer“-Romanzyklus (besser bekannt unter seinem TV-Namen „Game of Thrones“).

Konzentration, Leser! Sonst bist du verloren

James’ Kraft liegt im Lied seiner Sprache, in ihren Rhythmen, in den wuchtigen Worten, den seltsamen Szenarien. Große, wilde Bilder krachen einem hier in den Kopf, und fordern das Vorstellungsvermögen heraus. Man weiß nicht, wie man sich denn nun einen Helden vorstellen soll, der von sich sagt, er habe „keine Erscheinung“, er habe „ein Auge, das mir gehört, und eines, das nicht mir gehört“. In Sätzen wie Trommelwirbel wirft James seine Erzählung aufs Papier, in Sätzen, denen gern mal das Verb fehlt. Ein explosiver Stil – „halluzinatorisch“ hat Fantasymeister Neil Gaiman das Buch, das es zuletzt auf die Shortlist des National Book Award 2019 geschafft hat, genannt. In der Tat, das ist es. Konzentration, Leser! Sonst bist du verloren!

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Ein Mann, „den manche einen Wolf genannt haben“, trifft auf einen Jungen „mit weißen Flecken wie die eines Leoparden überall auf der Brust“. Und sie werden ein formidables, schicksalhaftes Gespann. „Du mit deinem Hundsauge. Ich mit meinen Katzenaugen – sind wir nicht ein hübsches Paar“, sagt der Leopard, als wir schon tief in beider Geschichte vorgedrungen sind. Und man kann nicht anders als dem zuzustimmen. Wir werden die beiden vermutlich auch eines nicht allzu fernen Tages außerhalb unseres Kopfes sehen können, denn der Schauspieler Michael B. Jordan, einer der Hauptdarsteller aus dem „afrikanischen“ Marvel-Superheldenfilm „Black Panther“, hat sich die Verfilmungsrechte gesichert.

„Der Wahrheit ist es gleich, ob du an sie glaubst“, heißt es in „Schwarzer Leopard“. Uns aber ist sie wichtig, erst recht in unseren Zeiten, in denen sogar ein amerikanischer Präsident beinahe täglich Lügen in die Welt posaunt. Ob wir sie wirklich erfahren werden, ist offen. Zwei Bücher, zwei weitere Sichtweisen der Geschehnisse, hat Marlon James noch angekündigt. „Großen Geschichten muss ein Zweck zugrunde liegen, also müssen solche Geschichten Lügen sein“, mutmaßt sein Sucher, kurz bevor er sich dem Urteil des Inquisitors überlassen muss. Viel gibt es also auch nach Seite 828 noch zu erfahren.

Lesen Sie auch:

Marlon James: „Schwarzer Leopard, roter Wolf“. Übersetzt aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Heyne Hardcore. 828 Seiten, 28 Euro (erscheint am 21. Oktober).