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Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger feiert seinen 90. Geburtstag

  • Seit mehr als 60 Jahren prägt Hans Magnus Enzensberger die deutsche Literatur.
  • Jetzt feiert HME seinen 90. Geburtstag.
  • Pünktlich dazu erscheint Enzensbergers neues Buch "Fallobst".
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Schon das Gedicht, mit dem er bekannt wurde, ist ein einziges Gegen-den-Strich-Bürsten. 1957 schrieb Hans Magnus Enzensberger seine „verteidigung der wölfe“. Er gab in diesem berühmten Stück politischer Lyrik vor, auf der Seite der Wölfe, also der Mächtigen zu stehen, wollte aber damit etwas ganz anderes sagen: Enzensberger, der am heutigen Montag seinen 90. Geburtstag feiert, kritisierte die Faulen, die Trägen und Dummen und ihre Lethargie.

HME - die drei Buchstaben sind zu einer Eigenmarke in der literarischen Welt geworden - machte schon damals einen seiner eleganten Moves: einen Schritt zur Seite, besser noch zwei, bloß nie dort sein, wo alle stehen, eine ganz andere Perspektive einnehmen. „wer das licht sehen will / wie es ist / muss zurückweichen / in den schatten“, heißt es in seinem Gedichtzyklus „Schattenwerk“ von 1975. Dort im Schatten steht er, der Enzensberger, und beobachtet seit mehr als 60 Jahren schreibend und mitschreibend alles ganz genau.

Enzensberger lebte ein Jahr in Kuba

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Doch Enzensbergers Gegen-den-Strich-Bürsten hat keine Schwere, er folgt nicht angestrengt einem festgelegten politischen Programm oder einem rigorosen Moralismus. Darin unterscheidet er sich deutlich von anderen intellektuellen Instanzen der Nachkriegsjahrzehnte wie etwa Günter Grass. Enzensberger war und blieb immun gegen jegliche Art der Vereinnahmung. Dabei ist er nie unpolitisch gewesen. Er hat die USA aus Protest gegen den Vietnam-Krieg verlassen, ein gutes Jahr im kommunistischen Kuba gelebt und wurde mit seinem „Kursbuch“ zu einer Orientierungsfigur für die 68er, die ihm aber übelnahmen, dass er sich nicht rückhaltlos zu ihnen gesellte.

Seine Antwort an die protestierenden Studenten und die sie unterstützenden Schriftsteller wie Peter Weiss war grundsätzlich, er schrieb deutliche und eindeutige Hauptsätze: „Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit.“ Wieder war er einen Schritt zur Seite getreten.

Blick zurück: Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hält vor den etwa 15000 Teilnehmern des Kongresses "Notstand der Demokratie" am 30. Oktober 1966 in Frankfurt am Main eine Ansprache. © Quelle: Manfred Rehm/dpa

Enzensberger kann Fehler eingestehen

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Enzensberger hat sich auch verrannt in seinem Denken. Viel Kritik musste er einstecken, als er 1991 Saddam Hussein mit Hitler gleichsetzte, auch über die Verteidigung der Amerikaner und ihres Krieges gegen den Irak 2003 wunderten sich nicht zuletzt viele seine Bewunderer. Aber Enzensberger zeichnet nicht nur eine libellenhafte Leichtigkeit und Eleganz im Denken aus - Kritiker nennen es flatterhaft -, sondern auch eine Fähigkeit, die er nicht mit vielen seiner Denkerkollegen teilt: Er kann Fehler eingestehen, sich und der Öffentlichkeit.

In einem „Spiegel“-Interview sagte er über seine Missdeutungen: „Es gibt ja nicht nur Peinlichkeiten, sondern auch richtige Fehler. Man kann nicht immer recht haben“. Und dann folgt ein typischer Enzensberger-Satz: „Es wäre mir übrigens unangenehm, wenn ich ständig recht behielte.“

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„Ich bin längst zu alt, um mich an Geburtstagen zu erfreuen - das ist doch etwas für die Kinder, die man beschenken soll“

Hans Magnus Enzensberger

Seinem 90. Geburtstag wird er nicht allzu viel Bedeutung beimessen. „Ich bin längst zu alt, um mich an Geburtstagen zu erfreuen - das ist doch etwas für die Kinder, die man beschenken soll“, schrieb er 2015 an seinen Freund, den israelischen Schriftsteller Amos Oz. Nachzulesen sind diese Zeilen in Enzensbergers jüngstem Buch „Fallobst“ (Suhrkamp, 367 Seiten, 30 Euro), das pünktlich zu seinem Geburtstag erscheint. Darin hat er zum einen Zitate und kleine Texte anderer Dichter und Denker, Auszüge aus Tageszeitungen und Wissenschaftsmagazinen, Geschriebenes aus dem 18. genauso wie dem 21. Jahrhundert versammelt. Zum anderen finden sich in dem Band Apercus und Aphorismen, Kleinessays und Erinnerungsstücke von ihm selbst.

So auch dieses kleine Sprachspiel des Sprachkritikers (unvergessen seine Analyse der „Spiegel“-Sprache) und Sprachverliebten: „Suchtgefahren: Gelb, Spiel, Ruhm, Freß, Putz, Wasser, Lese, Fall, Prahl, Nessel, Herrsch, Tob, Schlaf, Rach, Trunk, Streit, Sex, Mond, Nasch, Prunk, Kauf, Bleich, Hab, Misel, Raff, Klatsch, Titel, Scheel, Eigen, Ehr, Fett, Zank, Gewinn, Ränke, Geltung, Genuß, Gefall, Mager, Selbst, Vergnügung, Drogen, Verschwendung, Großmann, Rekord, Schwind, Eifer und Sehn.“

Ein wahnsinnig produktiver Schriftsteller

Was in Enzensbergers Auflistung fehlt, ist die Arbeitssucht. Die könnte man ihm glatt unterstellen, man könnte es aber auch einfach ein Übermaß an Kreativität und - neudeutsch - Output nennen. Denn „Fallobst“ ist bereits sein zweites Buch in diesem Jahr. Im Frühjahr war „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“ (Suhrkamp, 335 Seiten, 24 Euro) erschienen, in der der überzeugte Raucher ein Loblied auf die Arbeitsteilung und einen genauen Blick auf Experten in unterschiedlichen Bereichen warf: etwa auf die Farbmühle in Aichstetten, die vom Basaltschwarz über das Kirschkernschwarz und die Schwarze Kreide bis hin zum Zementschwarz (nicht zu vergessen Flammruß und Shungit) sehr viele verschiedene Schwarzpigmente anbietet. Oder auf Nadler, Schöffen, Weberknechtkenner und Falkner.

Sowie Pomologen: Auf den zweieinhalb Seiten über die Apfelfreunde zeigt HME meisterhaft, wie man Golden Delicious, Luther, die RAF und Margot Käßmann in einem Kurzessay in Verbindung zueinander setzen kann. Und als sei es der Produktivität eines fast 90-Jährigen noch nicht genug, hat HME gemeinsam mit seiner Tochter Theresia Enzensberger in diesem Jahr auch noch ein „Akzente“-Heft über Wunder herausgegeben, mit zwei eigenen Texten.

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"Beim Essen einer Blutorange denke ich, dass die Welt mir mehr gegeben hat als ich ihr“

Hans Magnus Enzensberger

So mag es weitergehen auch im 91. Lebensjahr und darüber hinaus. „Beim Essen einer Blutorange denke ich, dass die Welt mir mehr gegeben hat als ich ihr“, schreibt HME in „Fallobst“. Dem könnte man erwidern, dass wir gern auf Blutorangen verzichten können, nicht aber auf den im Kopf oft immer noch blutjungen Enzensberger.