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Autor Bernhard Schlink: „Wir schreiben alle nicht nur über uns“

  • Bernhard Schlink feierte mit seinem Buch „Der Vorleser“ einen Welterfolg.
  • In seinem neuen Roman „Die Enkelin“ schreibt er über eine junge Frau aus Ostdeutschland, die nach der Wende geboren wurde - und über völkische Tendenzen in einem ostdeutschen Dorf.
  • Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt er, warum er das als westdeutscher Mann nicht anmaßend findet.
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Bernhard Schlink wurde 1944 geboren, er wuchs in Heidelberg auf. Neben seiner beachtlichen Karriere als Jurist, feierte er als Schriftsteller Welterfolg. Sein Buch „Der Vorleser“ (1995) wurde fürs Kino verfilmt. Seitdem hat er mehrere Romane und Bände mit Erzählungen geschrieben. Der Roman „Die Enkelin“ (Diogenes Verlag, 368 Seiten, 25 Euro) erscheint am 27. Oktober 2021.

Herr Schlink, Sie haben in Ihren Romanen schon der Nazi-Zeit, dem Leben im Kaiserreich oder auch den 68er-Verwirrungen nachgespürt. In Ihrem neuen Buch, „Die Enkelin“, widmen Sie sich gleich zwei weiteren Kapiteln deutscher Zeitgeschichte: der DDR und den rechtsextremen, völkischen Bewegungen von heute. Gehören die für Sie zusammen? 

Sie gehören nicht nur für mich zusammen. Sehen Sie sich die politische Landschaft an: Das nationale und rechte Denken und die völkischen Gemeinschaften finden sich nun einmal besonders im Osten. 

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Aber Ihr Buchtitel sagt es ja schon: Da geht es um die Enkel-Generation der DDR-Bürger. Die ist erst nach der Wende geboren. 

Nehmen wir den Aufstieg der AfD im Osten. Er ist gewiss nicht allein aus der Geschichte der DDR zu erklären, aber auch nicht ohne sie. Mein Sohn hat mit 12 in Heidelberg einen Ballon mit seinem Namen und seiner Adresse steigen lassen, der es in den Harz schaffte. Seitdem hatte er eine gleichaltrige Brieffreundin in der DDR. 1988 haben wir sie besucht. Das junge Mädchen erzählte bewundernd von den beiden Neonazis in ihrer Schule. Sie verweigerten sich der DDR radikal, sie hatten den verlogenen humanistischen Konsens aufgekündigt, auf dessen Grundlage sich alle von der SED bis zu den Kirchen zusammenfinden sollten.

Schlink erzählt aus der Perspektive einer ostdeutschen Frau

Aber das war nur eine Nische. 

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Wenn wir uns fragen, warum im Osten politisch anders gedacht wird als im Westen, ist es nur ein Moment der Antwort. Aber das Nationale war in der DDR insgesamt nicht so diskreditiert wie im Westen. Die DDR-Bürger waren unbefangen Deutsche, während die Bürger der Bundesrepublik Europäer, vielleicht deutsche Europäer, aber nicht Deutsche sein wollten. Es gibt vieles, was dazu beiträgt, dass die Rechte im Osten stärker ist – Sie und ich haben erst angefangen, darüber zu reden. 

Auf nichts reagieren Ostdeutsche ablehnender, als wenn ihnen Westler erklären, wie sie so denken. Sie schreiben in Ihrem neuen Buch sogar in Ich-Form aus Sicht einer ostdeutschen Frau, die in den Westen geflohen ist. Ist das nicht anmaßend? 

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Wir, die wir schreiben, schreiben alle nicht nur über uns, Gott sei Dank. Wir schreiben auch über die, mit denen wir leben, die uns begegnen, mit denen wir sprechen.

Sie leben und unterrichten in Teilen des Jahres in New York. In den USA hat die Debatte über den Umgang mit benachteiligten Gruppen inzwischen die Frage hervorgebracht, ob ein weißer Übersetzer das Buch einer schwarzen Autorin übertragen darf. Erstaunt es Sie, dass viele Ostdeutsche es ganz ähnlich sehen wie manche Afroamerikaner?

Vielleicht sollte ich schön finden, dass man im Osten auf der Höhe der amerikanischen Debatte ist. Aber es ist, Verzeihung, eine der dümmsten Debatten, die ich seit langem erlebt habe. Sollen wir auf Anna Karenina verzichten? Darauf, dass Doris Lessing über Männer und James Baldwin über Weiße geschrieben haben und uns wissen lassen, wie sie uns erleben? 

Sie beschreiben die Sechziger-Jahre in Ost-Berlin sehr plastisch, aus der Sicht eines westdeutschen Studenten und einer ostdeutschen Studentin. Auch Sie haben in West-Berlin studiert. 

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Hier ist tatsächlich eigenes Erleben eingeflossen. Wie Kaspar, der westdeutsche Student, bin auch ich Kind einer protestantischen Theologenfamilie. Auch für mich war der Osten Deutschlands, das Deutschland Luthers und Bachs und Zinzendorfs, ebenso mein Deutschland wie das katholische Rheinland. Wie Kaspar bin auch ich als Student nach Berlin mit der Hoffnung gegangen, das ganze Deutschland kennenzulernen. 

Waren Sie auch so oft und so neugierig in Ost-Berlin unterwegs? Haben Sie wirklich eins der FDJ-Pfingsttreffen besucht, das Sie beschreiben? 

1964 war ich beim Pfingsttreffen der deutschen Jugend. Es bot eine wunderbare Gelegenheit für uns Studenten aus Ost und West, einander kennenzulernen. Danach hatte ich einen Freundeskreis in Ostberlin, der so groß und in dem der Austausch sogar intensiver war als beim Freundeskreis im Westen. Ich habe meine Freundin herausgeholt, wie Kaspar, aber damit endet die Gemeinsamkeit – ihr Schicksal und das von Kaspars Freundin sind völlig verschieden. 

Warum haben Sie vorher nie über diese Erfahrungen gesprochen oder geschrieben? Gerade diese Fluchtgeschichte ist ja nicht alltäglich. 

Die Freundin ist im vergangenen Jahr gestorben. Ihr Tod hat vieles wieder in Erinnerung gerufen. Und er hat, was damals war, zur Geschichte werden lassen, die ich erzählen konnte. Sie hat sich dann mit einer Geschichte verbunden, die mich schon lange begleitet hatte: der Geschichte eines Manns, der seine Frau in einem Manuskript, das sie hinterlassen hat, neu kennenlernt.

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Sie hatten also keine Hemmungen, sich in die ostdeutsche Mentalität zu versetzen, weil Sie all die Jahre ostdeutsche Freunde hatten? 

Meine Freunde von damals sind fast alle nach und in nach in den Westen gekommen. Aber ich war mehrmals in der DDR und habe immer verfolgt, was in der DDR veröffentlicht wurde. Viele neue Kontakte entstanden, als ich im Januar 1990 an der Humboldt-Universität zu lehren begonnen habe, als erster Gastprofessor aus der Bundesrepublik. 

Das war direkt nach dem Mauerfall, noch vor der Einheit. Wie kam es dazu? 

Im November 1989 traf ich Christian Pfeiffer, Kriminologe aus Hannover, später niedersächsischer Justizminister. Er hatte Kontakte zur Sektion Jura an der HU, sagte, sie suche einen Gastprofessor aus dem Westen, und fragte mich, ob ich interessiert sei – er konnte selbst nicht, weil er die winterliche Ostberliner Braunkohlenluft nicht vertrug. Ich wollte sofort und habe in diesem letzten DDR-Jahr viel zugehört und viel gelernt. Es gab eine große Neugier aufeinander, Freude aneinander, Redebereitschaft..

Mit der DDR-Literatur ist er vertraut

Und Sie haben damals den Zentralen Runden Tisch der DDR dabei beraten, eine neue DDR-Verfassung aufzusetzen. 

Weil ich Verfassungsrecht gelehrt habe, wurde ich eingeladen, am Entwurf einer neuen Verfassung für die DDR beratend mitzuarbeiten. Auch das bot Möglichkeiten, einander zu erfahren und kennenzulernen, über die Arbeit an der Verfassung hinaus.  

Was waren die größten Unterschiede zwischen Ost und West? 

Was mir aufgefallen ist und auffällt, bis heute, und was ich mag, ist die große Ernsthaftigkeit der Menschen in der DDR. Sie haben die Welt, die Kultur, die Politik ernst genommen und nehmen sie ernst und waren nach der Vereinigung von dem anderen Ton im Westen befremdet. Im Westen haben die Kulturszene und das Feuilleton einen spielerischen, ironischen, distanzierten Ton entwickelt und wurde und wird auch die Politik ein gutes Stück weit als taktisches Spiel inszeniert und zelebriert – das hat Fremdheit geschaffen.

Auf beiden Seiten? 

Ja, den Wessis kamen die Ossis in ihrer Ernsthaftigkeit tölpelhaft vor, weil sie das Spiel nicht lässig mitspielten. Und die Ossis fanden die Westler unernst, und erlebten sich von ihnen auch nicht ernst genommen.

Der Roman spielt teilweise in einer völkischen Gemeinschaft in Mecklenburg

Ihr neuer Roman spielt auch in einer völkischen Gemeinschaft in Mecklenburg. Deren Anhänger leben abgeschottet und sind misstrauisch: Wie bekamen Sie genug Einblicke, um über sie zu schreiben? 

Es gibt Literatur darüber, und es gibt Texte von Aussteigern. Schwerer war, an die Veröffentlichungen und Periodika aus dem rechten Umfeld zu kommen. Ich habe mich an die Bundeszentrale für politische Bildung gewandt, den Verfassungsschutz, die Antonio-Amadeu-Stiftung – sie sammeln die Sachen nicht. Fündig wurde ich bei einer kleinen Initiative in Berlin-Kreuzberg, zweites Hinterhaus, fünfter Stock, die mit großem Engagement sammelt, was aus dem rechten Umfeld zu haben ist.

Wie sind Sie damit umgegangen? Sind die Texte für Außenstehende überhaupt nachvollziehbar? 

Zunächst wurde mir klar, wie groß das rechte Spektrum ist – von der AfD über die NPD, die Gefolgschaften, die Ludendorff-Bewegung, die Artamanen, die Völkischen und so weiter bis zu Jugendorganisationen, mehr oder weniger radikal, mit ihren Lagern und Fahrten. Ich habe dann meine Figuren in einer völkischen Gemeinschaft angesiedelt, wo es viel Grünes gibt, wo man mit der Natur und aus der Natur leben, siedeln, pflügen, säen, ernten und tragen möchte, was man selbst gewoben und genäht hat. Das Grüne vermischt sich mit Blut-und-Boden-Denken, Ablehnung des Fremden, Rassismus..

Aber keine Neigung zur Gewalt? 

Wenn man jemand aus dem Dorf vertreiben will, legt man schon Hand an. 

Warum haben Sie sich für diese Schattierung entschieden? 

Ich habe dazu am meisten gefunden. Und ich konnte hinfahren und mich umsehen, mit Leuten sprechen – keine intensiven Gespräche, kleine alltägliche Wortwechsel. Das half beim Schreiben.

Herr Schlink, geschrieben haben Sie den Roman in der Zeit der Corona-Lockdowns. Welchen Einfluss hatte das auf das Buch? 

Ich hatte mehr Zeit und mehr Ruhe zum Schreiben. Ich musste mich von meinem Leben in New York verabschieden, es gab keine Vorträge, Lesungen und Veranstaltungen. Mir ist klar, meine Existenz war privilegiert, kein Homeoffice, keine drei Kinder zu Hause, keine Verpflichtungen. Ich habe den ruhigen Fluss des Lebens und Schreibens genossen.

Von Hause aus sind Sie Jurist, waren sogar Rechtsprofessor, Landesverfassungsrichter, haben an einem Standardwerk über die Grundrechte mitgeschrieben. Wie haben Sie die Corona-Einschränkungen empfunden? 

Vieles war inkonsistent und vieles war unverhältnismäßig. Das sehen wir besonders im Rückblick. Aber woher sollten die Politiker es besser wissen? Die Herausforderungen haben sich zum ersten Mal gestellt, und die Unbeholfenheit, mit der die Politik immer wieder reagierte, erscheint mit unvermeidlich.

Der neue Roman von Bernhard Schlink: "Die Enkelin". © Quelle: Diogenes

Es gab die Debatte über überzogene Grundrechtseinschränkungen, etwa über die Ausgangssperren in einigen Bundesländern. Teilen Sie das Erstaunen darüber, wie bereitwillig die Deutschen das duldeten?

Nein, ich sah die Grundrechte nicht wirklich bedroht. Die Freiheit, keine Maske zu tragen, ist keine wichtige Freiheit. Die große Akzeptanz, die die Maßnahmen gefunden haben, zeigt auch an, dass die Menschen die Einschränkungen nicht als dramatisch empfunden haben. Ich halte die manchmal geäußerte Befürchtung, jetzt habe die Politik Freude an den Einschränkungen gefunden, für abwegig. Die Politik ist heilfroh, wenn sie das Kapitel hinter sich lassen kann.  

Können Sie sich vorstellen, einen Roman über diese Zeit zu schreiben? 

Nein. Ich glaube auch nicht, dass diese Zeit unsere Gesellschaft nachhaltig verändert. Nicht einmal die spanische Grippe, die Millionen Leben gefordert hat, hat die Gesellschaft verändert. Vielleicht bekommen wir auf Jahre oder Jahrzehnte wie die jährliche Grippeimpfung eine jährliche Corona-Impfung – dann gewöhnen wir uns daran. Kriege, Systemwechsel, Wirtschaftskrisen sind etwas anderes; sie können Zeitenwenden sein, die noch Jahre und Jahrzehnte später in der Literatur bewältigt werden müssen. Aber nicht, dass ich meinte, es ließe sich über diese Zeit nicht schreiben – es lässt sich über alles schreiben, es geht nicht um das Was, sondern das Wie.

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