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Schauspieltalent Helena Zengel: Zwischen Hollywoodruhm und 7 Euro Taschengeld

  • Helena Zengel gilt als großes Nachwuchstalent, gerade wurde sie für ihre Rolle neben Tom Hanks im Western „Neues aus der Welt“ für einen Golden Globe nominiert.
  • Ihre Mutter versichert, dass der Zwölfjährigen der Chat mit Freunden wichtiger ist als das nächste Interview mit einem US-Fernsehsender.
  • Porträt eines Mädchens, das mit Hollywoodruhm klarzukommen scheint.
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Wenn Anne Zengel eine Bezeichnung nicht mag, dann ist es die vom Kinderstar. „Warum sagt man nicht Jungschauspielerin oder Nachwuchstalent?“, fragt Zengel. Im Begriff Kinderstar stecke so viel Negatives. Zengel weiß, wovon sie spricht: Ihre zwölfjährige Tochter Helena wird landläufig als ein solcher bezeichnet.

„So ein Kinderstar wird erst von irgendjemandem zum Star gemacht, und der tiefe Fall klingt da schon durch – so wie bei Drew Barrymore.“ Barrymore, heute 45, hat sich nach eigenen Angaben mit neun Jahren betrunken, mit zehn den ersten Joint geraucht und mit zwölf Kokain geschnupft. Dann kam der Absturz: Nervenkliniken, Entziehungskuren, Therapien. Ihrer Autobiografie gab sie den Titel „Little Girl Lost“.

Zengels Skepsis lässt sich also nachvollziehen – gerade weil Medien bis hin zur „New York Times“ gerade fasziniert von ihrer Tochter Helena sind. In normalen Zeiten ohne Corona wäre die Zwölfjährige mit ihrem Kumpel Tom über den roten Teppich in Los Angeles spaziert. Helena Zengel, geboren 2008, ist neben Tom Hanks die Hauptdarstellerin im Western „Neues aus der Welt“, der nun nicht wie geplant im Kino, sondern vom 10. Februar an bei Netflix zu sehen ist. Sie spielt ein Mädchen, das bei Kiowa-Indianern aufwuchs und zurück in die sogenannte Zivilisation gebracht werden soll. Für ihre Rolle wurde sie jetzt sogar für einen Golden Globe nominiert.

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Helena Zengel machte als schlagende, brüllende, zornige Benni Furore

Schon vor zwei Jahren machte Helena als um sich schlagende, brüllende, zornige Benni Furore. „Systemsprenger“ über ein Mädchen zwischen Pflegefamilie und Kinderheim war die Kinosensation 2019. Der Film gewann einen Silbernen Berlinale-Bären, ging ins Oscarrennen, und Helena triumphierte beim Deutschen Filmpreis – als jüngste Ausgezeichnete überhaupt.

Nicht nur Kinderstars haben einen zweifelhaften Ruf, auch deren Eltern. Schon der erste verklagte seine Mutter. Jackie Coogan hatte rund 4 Millionen US-Dollar verdient und die Zuschauer in Charlie Chaplins Stummfilm „The Kid“ (1921) angerührt. Leider verprasste die Mutter mit ihrem neuen Lebenspartner Coogans Vermögen kurz vor dessen Volljährigkeit. Er zog vor Gericht. Seitdem gilt in den USA das „Coogan-Gesetz“. Eltern müssen einen Teil des Einkommens ihres Kindes auf ein Treuhandkonto überweisen.

Die finanziellen Risiken des Erwachsenwerdens im grellen Licht des Showgeschäfts sind damit ein wenig abgemildert, aber es gibt noch genügend andere – vor allem in Hollywood. Drogen, Depressionen, Handgreiflichkeiten: Das scheinen die üblichen Beigaben zu sein für den, der zu früh berühmt wird. Ob Miley Cyrus („Hannah Montana“) oder das Musiktalent Justin Bieber: Beide haben ihre Popularität schlecht verkraftet. Wo andere genug mit explodierenden Hormonen zu kämpfen haben, müssen jugendliche Stars um die Liebe der Fans kämpfen – und verlieren diese, wenn ihre Niedlichkeit verloren geht.

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„Natürlich ist Helena ehrgeizig, aber das hat Grenzen“

Nun nimmt aber nicht jeder Kinderstar – Pardon: jedes Nachwuchstalent – Schaden. Man denke nur an die bruchlose Karriere von Jodie Foster, die im Alter von drei Jahren zum ersten Mal in einem Werbespot auftauchte und als Erwachsene zwei Oscars gewann.

In Deutschland gelten zudem strenge Schutzregeln. Zum Beispiel dürfen Zwölfjährige nur bis zu fünf Stunden täglich am Set sein und bis zu drei Stunden davon arbeiten. Schwer vorstellbar auch im Jahr 2021, dass sie wie einst Brooke Shields („Blaue Lagune“) oder Natalie Portman („Leon – Der Profi“) als Sexobjekte herhalten müssen.

Fragt man Helenas Mutter, was sie für ihre Tochter befürchtet, hört man ein amüsiertes Kichern in der Telefonleitung: „Natürlich ist Helena ehrgeizig, aber das hat Grenzen“, sagt sie. „Wichtig für sie ist nicht das nächste Fernsehinterview mit einem US-Sender, sondern das Chatten mit ihren Mitschülerinnen oder die Zeit mit ihrer Islandstute Hekla.“ Und wie verkraftet sie die mediale Aufmerksamkeit? „Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich Helena jeden Morgen den aktuellen Pressespiegel vorlege?“, sagt Zengel.

Gerade in Corona-Zeiten habe anderes für ihre Tochter Priorität: „Helena will wissen, wann der richtige Unterricht wieder losgeht und sie endlich zurück in die Schule kann.“

Schauspielunterricht hat Helena Zengel nie genommen

Da dürfte es ihr kaum anders gehen als anderen Kinderdarstellern, mit denen Deutschland geradezu gesegnet ist. Riva Krymalowski, geboren 2008, stand für „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ vor einer Kamera und lieferte in Caroline Links Exilgeschichte eine brillante Vorstellung ab. Man wunderte sich, wie sehr sich Riva in ein Mädchen einzufühlen vermochte, das mit der Familie auf der Flucht vor den Nazis ist.

Julius Weckaufs Eltern hörten zufällig von einem Casting, bei dem ein Darsteller als junger Hape Kerkeling gesucht wurde. Julius, geboren 2007, ging hin, genau wie 5000 andere – und bekam die Rolle für „Der Junge muss an die frische Luft“. Inzwischen war er auch im Udo-Lindenberg-Film „Mach dein Ding“ und in der Komödie „Enkel für Anfänger“ dabei. Wenn die Kinos endlich wieder öffnen, wird er in der Neuauflage von „Catweazle“ an der Seite von Otto Waalkes spielen.

Den steilsten Aufstieg aber hat Helena Zengel hingelegt. Schauspielunterricht hat sie nie genommen, sie kann diesem wenig abgewinnen. Als Fünfjährige drehte sie ihren ersten TV-Krimi. Bekannt wurde sie in „Systemsprenger“ mit einer Rolle, die Albträume bei ihr hätte auslösen können. Regisseurin Nora Fingscheidt entwickelte Schutzmechanismen: Sie führte Helena morgens über eine sogenannte Schauspieldusche in die Rolle hinein und nachmittags über die symbolische Dusche zurück in die Wirklichkeit.

Wer Helena begegnet, trifft auf ein Mädchen, das in einem Moment mit Mathehausaufgaben und im nächsten mit Schauspieltricks beschäftigt ist. Verlange die Szene einen Wutausbruch, stelle sie sich vor, eine Vier in der Schule zu haben. „Aber wenn ich erst mal in der Rolle drin bin, dann kommt das aus mir raus. Ich kann das dann einfach.“

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7 Euro Taschengeld

Bei den Interviews zu „Systemsprenger“ saß die Mutter noch oft neben ihrer Tochter. Das tut sie nicht mehr. „Ich will sie ja nicht bewachen“, sagt Anne Zengel. Professionell im Umgang mit den Medien ist Helena auch dank der Universal Studios. Die ließen ihr Interviewtraining zukommen. Helenas deutsche Nüchternheit vertrug sich nicht mit der geforderten amerikanischen Überschwänglichkeit. Seitdem flicht Helena ein „Awesome“ oder ein „Great“ in ihre Antworten ein.

Wie sie an die Rolle mit Tom Hanks kam? Regisseur Paul Greengrass habe ihr gesagt, dass sie so authentisch wirke. „Er fand auch meine blauen Augen und die Gefühle, die ich mit puren Blicken ausdrücken kann, toll. Die waren wichtig, weil ich in der Rolle wenig rede.“ Und da war noch was: Beim Casting forderte der Regisseur Helena auf, ihre Mutter in die Hand zu beißen – so wie es Margot (Helena) im Film mit Captain Jefferson Kyle Kidd (Hanks) tut. Das muss sie überzeugend hinbekommen haben.

Bei den dreimonatigen Dreharbeiten in New Mexico war die Mutter dabei. Helena hatte am Set eine eigene Lehrerin für Mathe, Deutsch, Naturkunde. Englisch übte sie ja sowieso jeden Tag. Inzwischen geht Helena in die siebte Klasse. Sie will Abitur machen. 7 Euro beträgt ihr wöchentliches Taschengeld – der Jahrgangsstufe entsprechend.

Helena Zengels Vorbild ist nicht etwa Tom Hanks

Das US-Branchenmagazin „Variety“ hat Zengel auf die Liste jener zehn Nachwuchsdarsteller gesetzt, denen eine verheißungsvolle Karriere vorausgesagt wird. Aber ob das in Deutschland passieren wird? Anne Zengel ist verwundert, wie spärlich Angebote eintrudeln – zumeist handele es sich um seichte Unterhaltungsware, die nach „Systemsprenger“ nicht infrage komme. Aber Helenas Name ist bei internationalen Agenturen gespeichert – in den USA bei der Creative Artists Agency, die Klientinnen wie Julia Roberts und Emma Watson führt. Aus zwei Projekten könne etwas werden, sagt Anne Zengel vorsichtig.

Auf die Frage nach Vorbildern hat Helena jüngst der Wochenzeitung „Die Zeit“ nicht Kumpel Hanks genannt, sondern ihre Mutter. „Sie hat mir ganz früh beigebracht, meine Meinung zu vertreten, mich nicht durch andere von etwas abhalten zu lassen, sie beschützt mich, ist immer für mich da. Von ihr weiß ich, was eine starke Frau ist.“ Klingt so, als müsse man sich um Helena keine allzu großen Sorgen machen. Und wenn die Pubertät da ist? „Da fragen Sie mich doch bitte in fünf Jahren noch mal“, sagt Zengel. Und lacht ins Telefon.

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