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Schauspielerin Jutta Wachowiak: „Ich fürchtete mich vor dem Westen“

  • Sie ist lange geblieben, ging dann doch – und kehrte zurück.
  • Die Schauspielerin Jutta Wachowiak spricht über ihr Leben in der DDR und in der Nachwendezeit.
  • Und sagt: "Ich habe keine Lust mehr, mich für mein Leben zu rechtfertigen"
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Frau Wachowiak, Sie betreiben gerade so etwas wie eine öffentliche Nabelschau. Am Deutschen Theater in Berlin läuft seit November 2018 sehr erfolgreich ein Stück mit dem merkwürdigen Titel „Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park“. Darin reden Sie über die DDR, Ihren Weg zu einer der bekanntesten Schauspielerinnen im Arbeiter- und Bauernstaat und das Gefühl des Weggeworfenwerdens nach der deutschen Einheit. Warum tun Sie sich das an?

Weil ich keine Lust mehr hatte, mich für mein Leben zu rechtfertigen – und dafür, dass ich in der DDR geblieben bin. Wenn ich nach dem Mauerfall mit Westdeutschen sprach, fanden die meisten, dass ich mir Fragen zu stellen hätte. Das wollte ich auch gern tun – aber nicht unter der Maßgabe, dass die aus dem Westen es eigentlich besser wüssten als ich selbst. Ich empfand dies immer als entmündigend und vorverurteilend. Es ist schon deshalb nicht hinnehmbar, weil diese Voreingenommenheit bis ins Heute reicht und unsichtbare Grenzen zieht. Darum dieses Stück – und um meiner selbst willen.

Ist es eine Art Abrechnung?

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So empfinde ich das nicht. Ich möchte nur daran erinnern, dass es auch viele kluge Menschen in der DDR gab, die trotz aller Widrigkeiten für sich entschieden haben zu bleiben. Und dass wir heute besser dastünden, wenn wir denen nach der Einheit genauer zugehört hätten.

"Ich wünsche mir, dass mehr Leute gegen soziale Ungerechtigkeiten aufmucken."

Wie meinen Sie das?

Kritik ist in der DDR von den Mächtigen immer als Angriff wahrgenommen worden. Die wollten Ruhe und nicht gestört werden. Aber wie ist das heute, wenn ein Kevin Kühnert über Enteignungen im Zusammenhang mit der Wohnungsnot spricht? Wie die himmlischen Heerscharen sind Politiker über ihn hergefallen. Dabei ist der Mann erst 30, in dem Alter sollte er noch frech sein können! Ich wünsche mir, dass mehr Leute gegen soziale Ungerechtigkeiten aufmucken.

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Wie sind Sie denn selbst als junge – freche? – Frau zur Schauspielerei gekommen?

Mit 15 war ich Stenotypistin, arbeitete bei der Stadtverwaltung Prenzlauer Berg und wollte Sekretärin werden. Deshalb ging ich zur Notenbank. Und dort gab es eine Laienspielgruppe, in der ich mitmachte. Fortan wollte ich schauspielern. Bei der Prüfung für die Schauspielerausbildung in Berlin fiel ich durch. 1960 begann ich dann in der Filmhochschule Babelsberg. Das war mein Paradies. Hier hat sich mein Urteilsvermögen entwickelt.

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Ist Ihnen das Privileg bewusst gewesen, dass Sie als Schauspielerin auf der Bühne Dinge sagen konnten, für die Leuten aus dem Publikum die Verhaftung drohte?

Ja, und ich spürte häufig die Dankbarkeit der Leute. Auf der Bühne zu sein war etwas anderes, als tagtäglich im Laden zu stehen oder im Betrieb zu arbeiten. In der DDR bedeutete die Schauspielerei tatsächlich ein Privileg. Ich bin keine Intellektuelle, ich fühlte mich denjenigen nahe, die ihren Brigadeausflug ins Theater machten. Darüber stellte sich eine Art konspiratives Einverständnis mit Theaterbesuchern her, das oft etwas Erleichterndes hatte.

"Nach einem Auftritt im Westen freute ich mich, wieder nach Hause zu kommen"

Warum sind Sie eigentlich in der DDR geblieben?

Ehrlich, ich fürchtete mich ein bisschen vor dem Westen. Anfang der 1980er-Jahre berichteten meine Töchter immer wieder, dass diese oder jene Freundin mit ihrer Familie rübergegangen ist. Irgendwann setzte ich mich dann bewusst mit der Frage auseinander, was mich bleiben lässt.

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Und?

Ich hatte keine Kontakte im Westen. Und wenn ich für einen Auftritt dort gewesen war, freute ich mich, wieder nach Hause zu kommen, wo mir alles viel geordneter schien. Entscheidend war für mich aber das Umfeld, in dem ich mich damals bewegte. Alles kluge Leute, die die Hoffnung nicht aufgeben wollten, dass es politisch besser wird.

Wann und warum begannen Sie, sich politisch zu engagieren?

Die Kommunalwahl 1989 war ein Witz, ihr Ergebnis ein noch größerer. Weil meine Tochter eine entsprechende Protestpetition unterschrieben hatte, wurde ich ins ZK der SED zitiert, um abgemahnt zu werden. Diese Hornochsen haben überhaupt nicht bemerkt, was los ist im Land. Wenig später habe ich beim Neuen Forum unterschrieben.

Dann beteiligten Sie sich in der Kommission zur Untersuchung der Vorfälle am 7. Oktober 1989, als Polizei und Stasi gewaltsam Demonstrationen rund um die Gethsemanekirche auflösten. Wie kam es dazu?

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Meine Große war ja damals in der Kirche und wurde geschützt. Später fragte mich Marianne Birthler, die damals Jugendreferentin im Stadtjugendpfarramt war, ob ich in der unabhängigen Kommission mitarbeiten wolle, die das aufzuklären versuche. Ja, sagte ich, ich will nicht länger nur zugucken.

Was haben Sie genau gemacht?

Hauptsächlich haben wir Gedächtnisprotokolle von Betroffenen und Zeugen gefertigt oder gesammelt. Das hört sich so einfach an. Es war aber anstrengend. Beim Lesen habe ich in einen Abgrund geblickt, den ich nicht für möglich gehalten hatte. Und wenn wir Polizisten befragten, die eines Übergriffes beschuldigt wurden, war das Frappierende: Nicht einer hat in irgendeiner Form Bedauern geäußert oder sich gar entschuldigt. Vielleicht war ich naiv – mich hat das alles schwer mitgenommen. Ich blickte in einen Abgrund, der mich anzuziehen schien.

Sie waren damals sehr aktiv, beteiligten sich auch an der Organisation der Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz …

… ja, ja. Ich fühlte mich damals auch so wichtig. Alle um mich herum taten etwas, niemand holte Atem. Und ich schwirrte überall mit herum. Dabei waren meine Kenntnisse mangelhaft, und ich fühlte mich auf eine Ebene katapultiert, auf die ich meiner Meinung nach gar nicht gehörte.

Was empfanden Sie, als plötzlich eine Million Menschen auf dem Alex standen und Intellektuellen wie Stefan Heym, Friedrich Schorlemmer, Ulrich Mühe oder Marianne Birthler zuhörten?

Es war einer der schönsten Tage für mich, dieser 4. November. Es war so chaotisch, so arglos, so idealistisch. Niemand hatte eine Ahnung, wie man mit solch einer Revolte umgeht. Plötzlich war dieses Gefühl da: Das schaffen wir jetzt. Wir räumen die Arschlöcher jetzt weg und machen es so, wie wir es für richtig halten.

Protestdemonstration am 4. November 1989 in Ostberlin: Die Demonstration wurde veranstaltet von den Kunst- und Kulturschaffenden der DDR, für mehr Demokratie und Reisefreiheit.

Hat Sie das auch in der Schauspielerei befreit?

Nein. Ich war ja noch ziemlich beschäftigt in der Untersuchungskommission, deren Erkenntnisse mich ziemlich deprimierten. Ich fühlte mich wie durch eine Flotte Lotte gedreht: Unten kam ich als Pampe heraus. Texte zu lernen fiel mir zunehmend schwer. Ich begann, mich zu verstecken – mit dem Ergebnis, dass mich niemand mehr bemerkte. Ehrlich gesagt: Von den 1990ern weiß ich nicht so viel. Ich stand auf der Bühne und doch eigentlich nicht. Die Leute merkten irgendwann, dass nicht mehr viel mit mir los ist. Und ich merkte, dass sie es bemerkt hatten.

Und dann gingen Sie doch noch in den Westen.

Ich hatte zuletzt mit Anselm Weber als Regisseur am Schauspielhaus Frankfurt/Main zusammengearbeitet, was gut klappte, nachdem wir eine gemeinsame Sprache gefunden hatten. Als er 2005 als Intendant nach Essen ging, fragte er mich, ob ich nicht in das Ensemble einsteigen wollte.

Sie blieben fünf Jahre in Essen. Haben Sie dort auch gewohnt?

Ja, in einer Souterrainbude. Den Leuten dort war es ziemlich egal, woher ich stammte. Und der Osten – also der Osten, aus dem ich kam – hat die so gut wie gar nicht interessiert. Allerdings kamen mir die Essener im Vergleich zu Westdeutschen aus anderen Regionen, die ich kannte, den DDR-Leuten am ähnlichsten vor. Vielleicht lag es daran, dass sie selbst im Zuge des Zechensterbens und Stahlwerksschließungen in den 1960er- und 1970er-Jahren erlebt hatten, wie schnell sich das Leben des Einzelnen durch äußere Umstände verändern kann. Keine Ahnung, aber die Arbeit dort und die Menschen um mich herum haben mir wieder aus meiner persönlichen Grube geholfen. Ich war wieder da, wieder in meiner Mitte angekommen. Älter zwar, aber Jutta, wie ich sie mochte.

Sind Sie glücklich im Rückblick?

Ja. Ich habe alles richtig gemacht. Na ja, fast alles. Vielleicht habe ich anderen gegenüber einen kleinen Erfahrungsvorsprung. Den koste ich nun aus.

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