Das Brett, das die Welt bedeutet: Warum Schachspielen boomt

  • Klare Regeln – unendliche Möglichkeiten: Das Schachspielen erlebt digital und analog einen weltweiten Boom.
  • Das liegt nicht nur am Netflix-Überraschungserfolg „Das Damengambit“. Es liegt auch am Corona-Lockdown – und an der Sehnsucht nach einer kleinen Welt in der unübersichtlichen großen.
  • Beim Schach gilt noch, was sonst nur Verwirrte glauben: Die Erde ist eine Scheibe. Ein Loblied auf das Spiel der Stunde.
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Die Geburt eines Schachbretts beginnt mit der Wahl seiner Hölzer. Ahorn, Esche oder Linde für die hellen Felder, Nussbaum, Kirsche oder geräucherte Eiche für die dunklen. Der Rest ist Schweigen – und konzentriertes Arbeiten. Sägen, Schneiden, Schleifen, Polieren. Es duftet nach Holzspänen und Leim in meiner kleinen Holzwerkstatt. Am Ende, nach sechs Stunden Arbeit und zwei Nächten Trockenzeit, liegt ein matt schimmerndes Schachbrett auf dem Tisch, geschliffen, gewachst, geölt und rundum mit Intarsienbändern und feinen Metallbeschlägen verziert. Das Spiel der Könige kann beginnen.

Sehnsucht nach analogem Handwerk: Blick in die Schachbrettwerkstatt und auf ein selbst gebautes Brett mit Intarsienbändern und Metallverzierungen. © Quelle: Imre Grimm

Es hat etwas Heilsames, Zuflucht in dieser Welt zu suchen, die so riesig und winzig zugleich ist. Das gilt für den Bau eines Schachbretts genauso wie für das Schachspiel selbst: Jeder Arbeitsschritt ist ein Lernprozess, jeder Zug ein winziger Trippelschritt zur weit entfernten Könnerschaft. Schach boomt. Das etwa 1500 Jahre alte Spiel, dieses „Treibmittel des Gehirns“ (Jean Paul), an dessen „erstaunlicher Logik und mathematischer Exaktheit“ sich schon Gottfried Wilhelm Leibniz ergötzte, erlebt eine globale Blüte. 600 Millionen Menschen spielen Schach – das ist jeder Dreizehnte auf dem Planeten. Gerade einmal die Hälfte spielt Fußball.

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„Wunderbare Flucht in die kleinere Welt“

Schach-Apps stehen in den Download-Hitlisten weit vorn, Schachportale wie chess.com verzeichnen Millionenzuwächse an Mitgliedern, Holzbretter sind vielerorts ausverkauft, Streamer wie der US-Amerikaner Hikaru Nakamura verdienen mit Onlineschach Hunderttausende von Dollars. Die E-Sports-Plattform Twitch streamt Blitzschachduelle vor Millionenpublikum, ebenso wie der Sportstreamingdienst DAZN. Und Google verzeichnet so viele Suchen nach „Schach“ wie seit 14 Jahren nicht mehr.

Die Gründe sind vielfältig. Da ist zum einen „diese Selbstbesinnung, diese wunderbare Flucht in die kleinere Welt der 64 Felder“ in Zeiten der Pandemie, wie die zweifache US-Schachweltmeisterin Jennifer Shahade sagt. Schach als Therapeutikum gegen die Zumutungen der realen Welt, als Ort der Flucht vor dem Corona-Blues. Der Deutsche Schachbund wünscht auf seiner Homepage „Zuversicht und starke Lebenszüge – auch gegen Corona“. Da ist zum anderen die Tatsache, dass sich kaum ein analoger Spieleklassiker so perfekt ins Digitalzeitalter transferieren lässt wie Schach. Da ist der norwegische Schachsuperstar Magnus Carlsen, gereiftes Wunderkind und Galionsfigur des Booms, quasi der Lionel Messi des Brettspiels.

So anmutig, so sexy hat das Spiel der Könige noch nie ausgesehen

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Und da ist vor allem der Netflix-Überraschungshit „Das Damengambit“ – jene fiktive Miniserie über das junge weibliche Schachgenie Beth Harmon (Anya Taylor-Joy), das in den Sechzigerjahren aus dem Waisenhaus in den Schacholymp aufsteigt und die Machowelt der Schachelite aufmischt. Schach ist in diesem komplexen Drama, das in 63 Ländern auf Platz eins der Netflix-Charts stand, kein zähes Brettspiel für Nerds, sondern ein dämonisches Duell, ein existenzieller Kampf hin- und herwogender Kräfte, den Beth Harmon unter Drogeneinfluss in Perfektion beherrscht.

So anmutig, so sexy hat das Spiel der Könige noch nie ausgesehen. Harmon, die haushoch überlegene Dame in diesem Spiel, kauft den arroganten Königen den Schneid ab – bis zum „Schachmatt“ (der Ausdruck stammt vom persischen „Shah Mat“, „der König ist tot“). Der Siebenteiler ist zudem eine Retrocharme-Ausstattungsorgie mit hübschen hölzernen Schachuhren, edlem Zwirn und wogenden Frisuren. Er feiert die Ästhetik des Denkens ebenso wie die verlockende Illusion, in der überkomplexen, brodelnden Welt mit all ihren Ungewissheiten wenigstens dieses winzige, karierte Carré mit reiner Willenskraft und einem auf zwölf Zylindern laufenden Verstand nach festen Regeln kontrollieren und in Form zwingen zu können. Schach – das Spiel zum Lockdown.

Die Ästhetik des Denkens: Anya Taylor-Joy als Schachgenie Beth Harmon und Thomas Brodie-Sangster als ihr Konkurrent und späterer Freund und Trainer Benny in einer Szene der Netflix-Serie „Das Damengambit“. © Quelle: Netflix/dpa

„Das Damengambit“ nach der Romanvorlage von Walter Tevis („Haie der Großstadt“) trifft nicht nur präzise den Zeitgeist. Die Serie erinnert auch an historisch-politische Schachduelle wie das „Match des Jahrhunderts“ im Jahr 1972 zwischen dem Russen Boris Spasski (35) und seinem US-Herausforderer Bobby Fischer (29), dem Enfant terrible der Szene. Das war Kalter Krieg auf 64 Feldern. Fischer siegte – und kämpfte danach mit inneren Dämonen, fiel Verschwörungserzählungen anheim, leugnete den Holocaust, schrieb Briefe an Osama bin Laden und lobte die Anschläge vom 11. September 2001. Im „Damengambit“ erinnert die Rolle von Harmons Konkurrent und Liebhaber Benny Watts an Bobby Fischer – gespielt von Thomas Brodie-Sangster, der als Kind 2003 den kleinen Schlagzeuger Sam in „Tatsächlich ... Liebe!“ verkörpert hatte.

Der schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn

Fischer war nicht der einzige exzentrische Großmeister mit irrlichterndem Geist. Es ist auch dieser schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn, dieser ständige Flirt mit den Abgründen, die Zuschauer faszinieren. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand durch das Schachspiel schon dümmer geworden ist“, hat der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker mal gesagt. Wen wundert es, dass mindestens drei britische Schachgroßmeister zum Team gehörten, die im Zweiten Weltkrieg den Enigma-Code der Nazis knackten?

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Die Zahl der möglichen Verläufe eines Spiels übersteigt die Zahl der Elektronen im Weltall: eine Schachspielerin beim Salamanca Chess Festival in Spanien am 3. Februar 2021. © Quelle: imago images/Lagencia

„Das Schachspiel ist ein See, in welchem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann“ lautet ein Sprichwort aus Indien. Heißt: Alles ist möglich. Tatsächlich ist die Überfülle der Möglichkeiten ein Alleinstellungsmerkmal des Schachspiels: Die Zahl der möglichen Verläufe eines Spiels übersteigt die Zahl der Elektronen im Weltall: Es ist eine Zahl mit 120 Nullen, also eine Million hoch 20, eine sogenannte Vigintillion.

Die Anfassbarkeit der Dinge

Im Schachboom spiegelt sich aber nicht nur der eskapistische Wunsch, sich in Parallelwelten von den realen Wirrnissen zu erholen. Es geht auch um die seit Jahren wachsende Sehnsucht nach analogem Handwerk, nach haptischem Erleben und tradiertem Wissen. Wie Nähen, Töpfern, Schnitzen oder Kochen war analoges Spielen schon lange vor Corona Teil des Gegentrends zur fortschreitenden Entgegenständlichung der Welt. Die hölzernen Figuren des Schachspiels stehen sinnbildlich für die alte Anfassbarkeit der Dinge, das wörtliche Be-Greifen der Welt als erdendes Laudanum gegen die digitale Überreiztheit. Was hilft besser gegen das Dauerplingpling der Whatsapp-Gruppen als das satte, hölzerne Poppgeräusch, das der Filzgleiter unter einem Springer oder einer Dame auf einem perfekt gewachsten, spiegelglatten Schachbrett macht?

Der vermutlich nordindische Vorläufer des Spiels, der neben der europäischen Variante auch asiatische Geschwisterspiele wie Xiangqis (China, Taiwan und Vietnam), Shōgis (Japan) oder Makruks (Thailand) begründete, gelangte über Persien nach Europa. Im 13. Jahrhundert war das Spiel fest etabliert, 200 Jahre später bildeten sich die heute gültigen Regeln heraus. Benjamin Franklin riet in seinem berühmten Text „The Morals of Chess“ (Die Sittlichkeit des Schachspiels) von 1786, niemals „einen Vorteil am Schopf zu fassen, der sich aus der Unfähigkeit oder Unaufmerksamkeit des Gegners bietet“. Gewiss sei es möglich, bei einer solchen „hochherzigen Höflichkeit“ zu verlieren – „doch Sie gewinnen dabei etwas viel Besseres: die Achtung des Partners, seinen Respekt, seine Liebe“. Im 19. Jahrhundert schließlich wurde Schach fester Bestandteil der bürgerlichen Kultur mit Schachcafés, Vereinen und ersten Turnieren.

Die Kraft des Verstandes

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Stefan Zweig erzählt in seiner „Schachnovelle“, geschrieben zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil, die Geschichte eines geheimnisvollen Reisenden namens „Dr. B“ an Bord eines Passagierdampfers von New York nach Buenos Aires, der einst in Gestapo-Haft ein gestohlenes Schachbuch nutzte, um nicht dem Wahnsinn anheimzufallen – bis sich seine Persönlichkeit aufspaltete in „Ich Schwarz“ und „Ich Weiß“. Diagnose: „Schachvergiftung“. Es ist eine Analogie auf die Kraft des Verstandes im Kampf gegen die Entbehrungen des Geistes durch die brutale Triebhaftigkeit des Bösen.

Erfolg im Quadrat: Schauspielerin Anya Taylor-Joy als Schachgenie Beth Harmon in der Netflix-Serie „Das Damengambit“. © Quelle: imago images/ZUMA Press

Gewiss: Mancher Elitarist fürchtet eine Banalisierung des ehrwürdigen Wettstreits, wenn Schach das nächste große Ding nach Onlinepoker wird und zappelige Teenager Bedenkzeiten von mehreren Stunden pro Match nicht mehr aushalten, sondern nur noch Blitzduelle akzeptieren, bei denen es – anders als im klassischen Spiel – kein Remis mehr gibt. Doch die Zeiten, in denen Schachspiel darin bestand, dass soignierte Herren in tiefen Fauteuils etwa vier bis fünf elfenbeinerne Figuren pro Stunde versetzten, scheinen vorbei.

„Es ist im Leben wie im Schachspiel“

Was plant das Gegenüber? Was das Schicksal? Seit jeher verstanden die Menschen das Schachspiel als Analogie zur Welt. „Es ist im Leben wie im Schachspiel“, schrieb Arthur Schopenhauer, „wir entwerfen einen Plan; dieser bleibt jedoch bedingt durch das, was im Schachspiel dem Gegner, im Leben dem Schicksal zu tun belieben wird.“

„Das Schachbrett ist die Welt“, stellte auch der britische Evolutionsbiologe und Verteidiger von Charles Darwins Lehre („Darwins Bulldog“) Thomas Henry Huxley fest: „Die Figuren sind die Erscheinungen im Universum, die Spielregeln sind, was wir die Naturgesetze nennen. Der Spieler auf der anderen Seite ist uns verborgen. Wir wissen, dass sein Spiel stets fair, gerecht und geduldig ist. Aber wir wissen auch, zu unserem Schaden, dass er niemals einen Fehler übersieht oder die geringste Rücksicht auf Unwissen nimmt.“

Nur beim Schach gilt noch jene Theorie, der seit dem Mittelalter lediglich Verwirrte anhängen: Die Erde ist eine Scheibe. Es ist das Brett, das die Welt bedeutet. Da liegt es, nagelneu und noch duftend nach Öl und Wachs. Das Spiel beginnt. Weißer Damenbauer auf d-4. Schwarzer Damenbauer auf d-5. Weißer Bauer auf c-4. Das Damengambit, das Bauernopfer. Von jetzt an ist alles offen.

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