Rückblick: Das Jahrzehnt von A bis Z

  • Erinnern Sie sich an Manspreading und ans Quizduell?
  • Wissen Sie, was Binge-Watching und Normcore bedeuten?
  • Ein Abc der Zehnerjahre.
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Atemlos: Kein deutscher Song hat sich im vergangenen Jahrzehnt so sehr eingebrannt wie Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“. Auch die Fußball-Nationalmannschaft stimmte sich mit dem Lied auf ihre Spiele bei der WM 2014 ein. Mit Erfolg. Besonders atemlos war am Ende des Finales Bastian Schweinsteiger.

BER: Kurzform für den Flughafen Willy Brandt in Berlin. BER könnte aber auch Bald ERöffnet heißen. Ursprünglich sollten die ersten Flugzeuge schon im November 2011 starten und landen. Aber diese Eröffnung verzögerte sich wie auch die nächste, die übernächste und auch die überübernächste. Vielleicht geht es wirklich schneller, ganz Berlin abzureißen und an einem funktionierenden Flughafen wieder aufzubauen.

Binge-Watching: Auch Komaglotzen. Eine Woche auf die nächste Folge warten war früher. Heute zieht sich der Serienjunkie einfach so viele Serienfolgen hintereinander rein, wie es geht. Eine Staffel „House of Cards“ oder „True Detective“ kann man so an einem Tag schaffen. Eckige Augen? Egal.

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Boombox: Tragbarer Bluetooth-Lautsprecher, mit dem Jugendliche jedem Mitfahrer in der S-Bahn lautstark zeigen können, wie viel sexistischen Schwachsinn manche Deutschrapper in einem einzelnen Song unterbringen können.

Craftbeer: Handwerk ist wieder in. Das zeigt sich auch beim Bier. Unabhängige Brauereien produzieren Kreativbiere wie Rotbier, Lemon Triple oder Baltic Ale, das nach Nelke und grünem Pfeffer schmeckt. Für Normalbiertrinker ein herber Rückschlag? Nein, herkömmliches Pils gibt’s natürlich auch noch.

Verdammte Sehnsucht nach Einhörnern

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Dab: Jugendliche, Fußballer, Omas im Internet, NFL-Stars – plötzlich machten alle eine komische Tanzfigur. Bei der sinkt der Kopf nach unten, während gleichzeitig ein Arm zur Seite hochgehoben wird. Den Ellenbogen des anderen Arms hält man so, als ob man in die Armbeuge niesen würde. Wie so vieles kommt auch der Dab aus der Hip-Hop-Szene. Yo, Bro!

Digital Detox: Verwandt: Achtsamkeit, Hygge, Waldbaden. Einfach mal abschalten. Das Smartphone bestimmt unser Leben. Das gefällt nicht mehr allen – und deswegen empfehlen mittlerweile sogar Krankenkassen, das Handy mal zur Seite zu legen und ohne soziale Medien, Mails und Internet zu entspannen. Achtung: Funktioniert nicht per App.

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Einhorn: Vielleicht war es die Sehnsucht nach einer heilen Welt: Auf einmal wollte fast jeder ein Einhorn sein, ein Einhorn haben, Einhörner auf seinen Socken, Tassen, Handyhüllen, T-Shirts und, und, und sehen. Dabei wissen wir in den Tiefen unserer Herzen und Hirne doch, dass ein Einhorn so wahrscheinlich ist wie eine heile Welt.

Elbphilharmonie: Freunde dürfen sie Elphi nennen. Gemeinsam mit dem → BER und Stuttgart 21 steingewordener Beweis dafür, dass deutsche Architekten, Bauherren und Planer, nun ja, kleinere Pro­bleme mit der Kostenkalkulation haben.

Flashmob: Menschen verabreden sich per Internet, um etwa an einem öffentlichen Platz zu singen oder zu tanzen. Geplante Spontaneität – in den Zehnerjahren kein Widerspruch.

Flugscham: Auf Schwedisch Flygskam. Für die Erkenntnis, dass man von Frankfurt nach Berlin nicht unbedingt fliegen muss, sondern auch mit dem Zug fahren kann, gibt es nun ein Wort aus dem großen Greta-Wörterbuch: Flugscham. Der Begriff kam von Skandinavien nach Deutschland – ob mit dem Flugzeug, ist ungeklärt.

Gin: Lange Zeit ein ziemliches Spießergetränk. Heute suchen alle modernen Trinklustigen und → Hipster nach dem Gin des Lebens. In Bars kann man sich vor lauter Sorten kaum noch entscheiden. Insofern Ähnlichkeit mit dem → Craftbeer.

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Ghosting: Eben noch gute Freunde/Geliebte/Geschäftspartner – und plötzlich meldet sich der- oder diejenige nicht mehr. Keine Antworten mehr auf Whatsapp, Twitter, Facebook. Solche Abschiede ohne Begründung können einem ziemlich auf den Geist gehen.

Das Handy gefährdet den aufrechten Gang

Handynacken: Auch Tablet-Rücken. Mit dem Handy in der Hand geht die Menschheit nicht mehr im aufrechten Gang, sondern leicht gebeugt mit Blick nach unten. Die Straßenlaterne wird so zum natürlichen Feind des Menschen.

Hipster: Sie machten den Secondhand-Style salonfähig. Und sie kombinieren ihre Kleidungsstücke so ungewöhnlich miteinander, dass sie möglichst individuell aussehen und sich vom Mainstream absetzen. Markant ist zudem der gerade geschnittene (kurze) Pony bei Frauen und der Vollbart bei Männern.

Influencer: Klingt wie das Fachwort für Grippe. Und irgendwie passt es ja, schließlich wollen alle Influencer viral gehen. Denn wer in sozialen Netzwerken besonders präsent und damit potenzieller Werbeträger ist, kann als einflussnehmender Influencer auch richtig Geld machen. In Deutschland besonders erfolgreich: die Zwillinge Lisa und Lena. In den USA hat es Kylie Jenner mit 22 Jahren bereits zur Milliardärin gebracht.

Jan Böhmermann: Aufklärung durch Satire. Dass das auch im 21. Jahrhundert noch funktioniert, hat Jan Böhmermann mehrmals gezeigt. Zu Problemen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei führte die Affäre rund um Böhmermanns Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan.

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Knöchel: Nackte Knöchel wurden zum neuen Dekolleté. Das sogenannte Flanking zeigt sich entweder durch extrakurz geschnittene Hosen oder umgekrempelte Hosenbeine. Selbst der Winter konnte dem Trend nichts anhaben. Wer bei Minusgraden cool sein will, muss halt ein bisschen frieren.

Nackte Knöchel: Ein Mann mit weißen Turnschuhen und hochgekrempelter Hose. © Quelle: picture alliance / dpa

Kondo: Hätten wir mal auf unsere Eltern gehört und gelernt, wie man Ordnung hält. Jetzt müssen wir Geld bezahlen, um uns die Bücher von Aufräumikonen wie Marie Kondo zu kaufen. Sogar auf Netflix half uns die Japanerin, erst unsere Gedanken und dann unseren Haushalt zu sortieren. Wenn man denn in all der Unordnung die Fernbedienung fand.

Kopfhörer: Seitdem wir dank Streamingdiensten wie Spotify und Deezer ganze Musikbibliotheken in der Hosentasche mit uns herumtragen können, hat fast jeder ständig den Soundtrack seines Lebens im Ohr. Wichtig dabei: die richtigen Kopfhörer. Die einen schwören auf In-Ears wie die kabellosen Airpods. Die anderen auf On-Ears, also Kopfhörer, die auf den Ohren sitzen. Schwer in Mode sind zurzeit lärmreduzierende Kopfhörer (Noise-Cancelling). So hört man nicht mehr viel von seiner Umwelt. Das ist wichtig, falls doch jemand → „Atemlos“ laut auf seiner → Boombox hört.

Lauch: Jugendliche gehen ganz besonders kreativ mit der deutschen Sprache um. Der dicke Kumpel heißt jetzt „Bratan“, super oder toll heißt jetzt „lit“, statt „beeil dich“ sagt man „Yalla“ und der Trottel ist heute ein „Lauch“. Nice, oder?

Manspreading: Männer müssen spätestens seit → #MeToo ihr Verhalten grundlegend überdenken. Dazu gehört auch, nicht mehr breitbeinig an öffentlichen Orten zu sitzen. Das Neuwort dazu heißt Manspreading (aus „man“ für „Mann“ und „spread“ für „spreizen“). Also, Männer: Oberschenkel schön parallel halten, dann fällt auch der Laptop nicht so leicht herunter. Oder wie es in Österreich heißt: „Sei ein Ehrenmann und halt deine Beine zam!“

#MeToo: Im Zuge des Skandals um den Filmproduzenten Harvey Weinstein machten Frauen mit dem Hashtag #MeToo deutlich, dass sie Opfer sexueller Belästigung oder Gewalt durch Männer geworden sind. Nicht nur durch prominente Männer.

Auch das Normale bekommt ein neues Wort

Normcore: Wer nicht kleidungsmäßig stilvoll zusammengewürfelt aussehen wollte wie ein → Hipster, kleidete sich ganz normal. Weil selbst das Normale einen neuen Begriff braucht, hieß dieser Hype dann Normcore. Ist doch nicht normal.

Pokémon Go: Ich sehe was, was du nicht siehst. Viele Jugendliche, aber auch Erwachsene liefen ab dem Sommer 2016 durch Straßen, Parks und Felder und suchten Fantasiewesen (Pokémon). Diese konnten sie nur auf ihren Smartphones sehen. Optimisten befanden, dass die Jugendlichen so wenigstens mal an die frische Luft kommen. Pessimisten befürchteten, dass der → Handynacken so noch schlimmer wird.

Quizduell: Eine App, bei der man auf dem Handy gegen andere beweisen kann, dass man schon immer auf den Stuhl bei Jauch oder Pilawa gehörte.

Rettungsgasse: Eigentlich ist es ja ganz klar, dass Autos nach einem Unfall eine Rettungsgasse bilden, aber was ist heute schon selbstverständlich? Es gibt ja mittlerweile auch nicht wenige Privatpaparazzi, die Verletzte lieber fotografieren, als ihnen zu helfen, und dann Rettungskräfte sogar noch bei ihrer Arbeit behindern. Das Wort „Schaulustige“ ist für solche Leute viel zu verniedlichend, „Gaffer“ und „Katastrophentouristen“ ist auch nicht viel besser. Nach einer Gesetzesnovelle von 2017 gibt es dann doch ein gutes Wort für Menschen, die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit behindern: Straftäter.

Selfie: Selfies gab es schon vor 2010. Aber in diesem Jahrzehnt entstanden einige ikonische Selbstbilder. Etwa das Selfie von der Oscarverleihung 2014 von Ellen DeGeneres, das sie unter anderem mit Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Bradley Cooper und Brad Pitt zeigt, oder das Selbstporträt eines Schopfaffen, der mehrfach eine Kamera selbst auslöste. Ein peinliches Überbleibsel des Selfiewahns hingegen ist der Selfie-Stick.

Berühmtes Selfie: Ellen DeGeneres (vorne, Vierte von links) twitterte dieses Selfie, das sie mit Jared Leto, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Channing Tatum, Julia Roberts, Kevin Spacey, Brad Pitt, Lupita Nyong’o, Angelina Jolie, Bradley Cooper, und Nyong’os Bruder Peter zeigt. © Quelle: REUTERS

Sneaker: Heute sammeln Jugendliche kaum noch Briefmarken, dafür immer häufiger Sneaker. Diese Alltags- und Sportschuhe werden immer beliebter. Gab es in den USA 1998 noch 285 verschiedene Modelle, waren es 2012 schon 3371. Wer zeigen will, was für tolle Sneaker er hat, trägt gern die Hose höher geschnitten und zeigt nackte → Knöchel.

Tinder: Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Im Internet finden sich ganz unterschiedliche neue Spielplätze. Bei Tinder können Frau und Mann flirten oder sich zum unverbindlichen Sex verabreden. Portale wie Parship oder Elitepartner dienen eher als etwas gediegenere Online-Partnervermittlung. Der Werbespruch „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship“ ist durch zahlreiche Abwandlungen in den deutschen Sprachgebrauch eingeflossen.

Es geht auch ohne: Unverpacktläden werden immer beliebter

Unverpacktladen: Plastik und andere Verpackungsmaterialien sind Gift für die Umwelt. Deshalb eröffnen immer mehr Unverpacktläden, in denen es das gesamte Sortiment lose gibt. Kleiner Tipp an so manchen Konsumenten: Es ist wenig sinnvoll, im dicken SUV zu einem solchen Laden zu fahren.

Vegan: Steigerung des vegetarischen Lebensstils. Veganer meiden alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs. Wird immer beliebter. Witze wie „Veganer essen kein Huhn, weil da Ei drin ist“ sind da vollkommen unpassend. Aber tierisch lustig.

Xennial: Wer zwischen 1977 und 1985 geboren wurde, ist ein Xennial. Er oder sie hatte noch eine weitgehend analoge Kindheit. Und die Eltern haben sich noch an der Bar oder in der Bahn kennengelernt und nicht bei → Tinder oder Parship.

Yoga: Körper, Geist und Seele sollen durch Tiefenentspannung, Atemübungen, Meditation und vielem mehr in Einklang gebracht werden. Trat in diesem Jahrzehnt auch als Ziegen-Yoga, Hunde-Yoga und Nackt-Yoga in Erscheinung. Na dann: herzlichen Sonnengruß!

Zwanzigerjahre: Dank der Serie „Babylon Berlin“ gab es einen riesigen Hype um die Zwanzigerjahre. Kaum eine Party ohne Federkopfschmuck, Flapper-Dress und Mary-Jane-Schuhe. Jetzt beginnen die neuen Zwanzigerjahre. Die Zeit wird zeigen, ob sie golden werden oder ein Tanz auf dem Vulkan.

“Staat, Sex, Amen”
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