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  • Rückblick: 2010-2019 – Ein Jahrzehnt geht zu Ende – Wofür werden die Zehnerjahre stehen?

Wofür werden die Zehnerjahre stehen?

  • „Die goldenen Zwanziger“, „die wilden Sechziger“: Im kollektiven Gedächtnis entwickelt jede Dekade eine eigene, historische Identität.
  • Wofür werden die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts eines Tages stehen?
  • Und werden die von Umbrüchen, Populismus und kultureller Verrohung geprägten Jahre zwischen 2010 und 2019 eines Tages nostalgische Gefühle auslösen?
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Es ist nur ein einziger Akkord. Ein schräges, kraftvolles F-Dur. Gitarren, Bass, Klavier. Aber er öffnet akustisch das Tor zu einem ganzen Jahrzehnt. Wenn die ersten drei Sekunden von „A Hard Day’s Night“ von den Beatles erklingen, wenn George Harrison seine zwölfsaitige Rickenbacker-Gitarre anschlägt und Paul McCartney dazu ein D auf seinem Hofner-Bass spielt, kann es keinen Zweifel geben: Willkommen in den Sechzigern. Willkommen im Jahrzehnt von Umbruch, Aufbruch, Vietnam, Jugendprotest, Rock, Woodstock, Freiheit, Sex und VW-Bussen voller Hippies.

Langsam, schleichend, schält sich in der kollektiven Rückschau die Identität eines Jahrzehnts heraus. Bilder und Töne verschmelzen zu einem Amalgam der Erinnerung. So entsteht eine Gedankenskulptur jeder Dekade, geprägt von ihren stärksten kulturellen und politischen Ausschlägen. Die „goldenen Zwanziger“. Die „wilden Sechziger“. Kaum ein Jahrzehnt hat eine so starke Identität entwickelt wie die Sechzigerjahre – mit eigenem Soundtrack, kräftigen Bildern, leuchtenden Farben.

Wofür stehen die Zehnerjahre?

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In wenigen Tagen endet wieder ein Jahrzehnt. Es sind die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts. Wofür werden sie einst stehen? Welche Bilder werden bleiben von dieser Dekade, welche Ereignisse ragen heraus? Terror. Der Aufstieg der Populisten. Superheldenschwemme in Kino und Fernsehen. Soziale Netzwerke. Elektrische Autos. Klimakrise. Fake News. Greta. Trump. Brexit. Flüchtlinge. Noch liegt die Gestalt des Jahrzehnts im Nebel. Noch weiß niemand, welcher Song einst das Gefühl dieser Zeit heraufbeschwören wird. „Rolling in the Deep“ (Adele)? „Shape of You“ (Ed Sheeran)? „Gangnam Style“ (Psy)? Oder „Happy“ (Pharell Williams)?

Denn es dauert lange, bis die Charakteristika eines Jahrzehnts zusammenschnurren zu einem Bündel aus Pop, Politik und Persönlichem, bis die zehn Jahre eine eigene Farbe bekommen. Etwa 20 Jahre liegen zwischen dem Ende eines Jahrzehnts und dem Beginn seiner nostalgischen Verklärung. Gerade erst fangen die Kinder der Neunziger an, sich sehnsuchtsvoll an Nirvana, „Friends“, MTV und die Proteste gegen den zweiten Golfkrieg 1991 zu erinnern. Und die „Nullerjahre“ sind noch ein diffuses, undefiniertes Zeitgeistwesen.

Gewiss, rein rechnerisch verabschieden sich die Zehnerjahre erst am 31. Dezember 2020. Es gibt eben kein nulltes Jahr oder Jahrzehnt. Ein mathematisches Missverständnis, dass darin begründet liegt, dass die Null als Zahl erst spät den hiesigen Kulturkreis erreichte. Aber der gefühlte Schlussstrich der Dekade ist eben der Übergang von 2019 auf 2020. Wie damals beim Jahrtausendwechsel, als wie in Zeitlupe auf einer riesigen, imaginären Klappzahlenuhr die Tafel „1999“ unter dumpfem Donner umschlug auf die Zahl „2000“. Der Beginn von etwas Neuem. Eine gewaltige Zäsur in der Endlosigkeit.

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Griechenland in der Schuldenkrise: Seit das Land 2010 die Zahlen zu seiner Staatsverschuldung nach oben korrigiert hat, folgt eine Hiobsbotschaft auf die andere. Zwei milliardenschwere Rettungspakete der EU sollen helfen, sehr schnell aber gerät die ganze Euro-Zone in den Strudel der Finanzkrise.  @ Quelle: EPA/Oretis Panagiotou/dpa

Woher kommt der moderne Drang, die Geschichte zu zufälligen Bündeln à zehn Jahre zu schnüren? Die politische und kulturelle Entwicklung hält sich ja nicht an kalendarische Vorgaben. Jahrhundertelang ist kein Historiker auf die Idee gekommen, Jahrzehnte als historische Einheiten zu lesen. Ären wurden bestimmt von Regentschaften großer Könige, von Imperien, von Kriegen und gesellschaftlichen Megatrends wie der Demokratisierung, der Säkularisierung und der Aufklärung.

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Historiker sehen das Denken in Dekaden skeptisch

Das Denken in Dekaden begann erst im 20. Jahrhundert, als sich das Tempo rasant verschärfte und sich die Ereignisse überschlugen. Aus selbst Erlebtem und Erlesenem, aus Medienbildern und Musik entsteht auf diese Weise selbst von jenen Jahrzehnten ein Bild im Kopf, die vor dem eigenen Lebenszyklus lagen. Es sind Derivate einer eigenen Erinnerung.

Und es geht bei der Periodisierung von Geschichte längst nicht mehr nur um Politik, hat der Historiker Tobias Becker vom German Historical Institute in London herausgearbeitet. „Politische Ereignisse“ hätten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als „Zäsuren und Wegmarken“ Konkurrenz bekommen: von popkulturellen Ereignissen, von Moden und Trends.

Historiker sehen das Denken in Dekaden freilich skeptisch. Von „Decaditis“ war gar die Rede – es ist das zwanghafte Verpacken der Vergangenheit in handliche Dezennien. Aber, sagt Becker: „Auch die Fachgeschichte kann sich dem Dekadendenken nicht entziehen.“

Auf dem Set zum Zeichentrickfilm „Yellow Submarine“ bemühen sich die Fab Four (v. l. Paul McCartney, Ringo Starr, George Harrison und John Lennon) um ein Lächeln.

Denn das menschliche Gehirn liebt Struktur. Menschen brauchen klare Einheiten zur inneren Verankerung im Strom der Zeit. Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte sind Werkzeuge, um die fortschreitende Zeit überhaupt vergleichbar zu machen. Und gemeinsames Erleben und Erinnern kittet zusammen. Wo stehen wir? Wie verhält sich die Welt zu uns? Und wer ist „wir“? „Wir“ – dazu gehören auch jene Menschen in einem Kulturraum, die wegen ähnlicher Sozialisierung so ungefähr dieselben Assoziationen im Kopf haben zu den Siebziger-, Achtziger- oder Neunzigerjahren und dem Besten von heute – auch jenseits der Musik.

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Das ist es auch, was die Sechziger so besonders macht: Die Lebensspanne der Beatles als Band des 20. Jahrhunderts ist fast deckungsgleich mit seinem sechsten Jahrzehnt: Gründung 1960, Auflösung 1970. Das heißt: Es gibt einen fast kompletten Soundtrack der Dekade – von „Love Me Do“ bis „Let it Be“. Die Beatles – das sind die Sechziger. Und umgekehrt.

Was machen die einzelnen Jahrzehnte aus?

„Jedes Jahrzehnt des Menschen hat sein eigenes Glück, seine eigenen Hoffnungen und Aussichten“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe. Der beschönigende Schleier der Erinnerung freilich wirkt verfälschend, denn nostalgische Gefühle werden nur von Positivem befeuert. So werden die Zwanzigerjahre als „goldenes Jahrzehnt“ von Jazz, Jugendstil, kultureller Explosion und Aufbruch verklärt – und waren doch auch beherrscht von Armut, Wirtschaftskrise und Straßenschlachten. Die Dreißiger und Vierziger stehen als Solitäre des Schrecklichen im Reigen der Jahrzehnte für Aufstieg und Fall des Nazireichs, für Weltkrieg und Holocaust.

Die Fünfziger beschwören in Deutschland dann Erinnerungen an graubraunen Muff herauf, an Adenauers rheinischen Konservativismus, Spießbürgertum und Nachkriegsamnesie, aber auch an Elvis und Rock ’n’ Roll. Das Bild der Siebziger wiederum wird hierzulande stark vom „deutschen Herbst 1977“ geprägt, gegen den alle sentimentalen Erinnerungen an Kaugummiautomaten, Rudi Carrell, Carrerabahnen und Bonanzaräder verblassen. An die Achtzigerjahre schließlich erinnert sich die westliche Welt als egozentrisches Föhnwellenjahrzehnt samt Fitnesswelle, eiskaltem Wall-Street-Karrierismus, neonfarbenen Stirnbändern, stonewashed Jeans, „99 Luftballons“, Kaltem Krieg – und einem Happy End: dem Fall der Mauer.

Höhepunkt eines Jahrzehnts: Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer. © Quelle: -/dpa

Am Ende verrät die Art der Erinnerung mehr über den sich Erinnernden selbst als über das Jahrzehnt. Noch ist es kaum vorstellbar – aber selbst die anstrengenden, lauten, von Umbrüchen, Populismus und kultureller Verrohung geprägten Jahre zwischen 2010 und 2019 werden eines Tages nostalgische Gefühle auslösen. „Die Zehnerjahre“, wird man sagen, in wohligem Erschauern. „Wisst ihr noch? Modisch schrecklich, aber irgendwie doch auch gut.“ Ein tröstlicher Gedanke für alles, was kommt.

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