Rowohlt-Verlag hält an Woody Allens Autobiografie fest

  • Es herrscht weiter Streit um die Autobiografie von Woody Allen.
  • Während der US-Verlag Hachette die Publikation des Buchs mittlerweile ablehnt, will der Rowohlt-Verlag die deutsche Ausgabe weiter veröffentlichen. Es geht nur noch um Vertragsmodalitäten.
  • An der Entscheidung von Hachette gibt es mittlerweile auch deutliche Kritik.
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Wer sich zur momentan auf der Homepage des Rowohlt-Verlages über die geplante Autobiografie von Woody Allen informieren will, entdeckt folgenden Hinweis: “Dieses Buch wird auf unbestimmte Zeit verschoben”. Um das Buch gibt es seit Tagen massiven Streit. Erst vor wenigen Tagen hatte der US-amerikanische Verlag Hachette die Veröffentlichung von “Apropos of Nothing” (Deutscher Titel: “Ganz nebenbei”) nach intensiven Protesten innerhalb wie auch außerhalb des Verlages abgesagt.

Grund sind die Vorwürfe gegen den Autor und Starregisseur, 1992 seine damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan sexuell missbraucht zu haben. Woody Allen hat die Vorwürfe stets bestritten.

Offener Brief kritisiert Rowohlt-Verlag

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Auch Rowohlt steht mittlerweile unter Druck. Nach dem Rückzug durch Hachette schrieben 15 Rowohlt-Autoren am Montag einen offenen Brief an den Verlag. Er beginnt mit den Worten “Wir sind enttäuscht über die Entscheidung des Rowohlt-Verlags, die Autobiographie von Woody Allen zu veröffentlichen”. Es gehe nicht grundsätzlich darum, die Veröffentlichung zu unterbinden, heißt es weiter. Aber Woody Allen habe genug Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Rowohlt müsse ihn dabei nicht unterstützen.

Der Brief, den unter anderem Kirsten Fuchs, Sascha Lobo, Kathrin Passig, Till Raether und Margarete Stokowski unterzeichnet haben, endet mit den Worten: “Wir zeigen uns solidarisch mit den Angestellten des Hachette-Verlags, deren Proteste dazu geführt haben, dass der Verlag sich gegen eine Veröffentlichung des Buches entschieden hat. Wir fordern Sie auf, diesem Beispiel zu folgen. Das Buch eines Mannes, der sich nie überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt hat, und der öffentliche Auseinandersetzungen über sexualisierte Gewalt als Hexenjagd heruntergespielt hat, sollte keinen Platz in einem Verlag haben, für den wir gerne und mit großem Engagement schreiben.”

Aber Rowohlt stellt klar, dass der Verlag an der Veröffentlichung festhält – und wenn es geht, auch am geplanten Veröffentlichungsdatum. “Wir möchten nach wie vor das Buch veröffentlichen – und am liebsten am 7. April”, sagt eine Verlagssprecherin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Wir hoffen, dass das möglich ist.” Mit den Verfassern des offenen Briefes sei man “im direkten Austausch”, so die Sprecherin weiter.

Fragen um den Vertrag will Rowohlt möglichst schnell klären

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Was die Situation momentan erschwert – und was nach Aussage der Sprecherin auch der Grund für den Hinweis “Dieses Buch wird auf unbestimmte Zeit verschoben” ist – ist die unklare Rechtslage. “Wir prüfen gerade die Rechte”, sagte die Sprecherin weiter. Rowohlt habe den Vertrag über die deutsche Ausgabe des Buchs mit dem Verlag Hachette abgeschlossen. “Doch der hat die Rechte jetzt zurückgegeben. Daher wissen wir gerade nicht so genau: Gilt unser Vertrag trotzdem? Wer hat die Rechte jetzt, wer übernimmt sie?” Wenn diese Fragen jetzt schnell geklärt werden können, soll Allens Autobiografie am 7. April auf den Büchertischen liegen.

Worum geht es? Woody Allens Ex-Frau Mia Farrow beschuldigt Allen, dass er 1992 Farrows leibliche und Allens Adoptivtochter Dylan sexuell missbraucht haben soll. Woody Allen hat diese Vorwürfe immer bestritten.

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Der Regisseur ist niemals juristisch belangt worden, es steht in diesem Fall Aussage gegen Aussage. Weder am Vorwurf noch am Dementi Allens noch an der juristischen Lage hat sich in den vergangenen Jahren etwas geändert. “Es gibt in der Tat keinen akzeptablen Grund, das Buch von Woody Allen nicht zu veröffentlichen”, schlussfolgert daher auch die ehemalige Leiterin des englischen Schriftstellerverbands PEN, Jo Glanville, im “Guardian”.

Die Entscheidung des US-amerikanischen Verlags Hachette, das Buch von Woody Allen in den USA nun doch nicht zu publizieren, ist insofern befremdlich. Im doppelten Sinne: Offenbar haben sich die Verlagschefs im Vorfeld nicht an ihrem Vorhaben gestört, Woody Allen zu publizieren und mit ihm viel Geld zu verdienen. Dass es Proteste gegen die Veröffentlichung geben würde, müssen sie mit einkalkuliert haben. Nicht zuletzt, weil Dylans Bruder Ronan Farrow, der seine Schwester intensiv unterstützt, zu den Autoren von Hachette gehört.

Entscheidung von Hachette ist fatales Signal an Autoren

Farrow hatte in den vergangenen Tagen die Proteste massiv vorangetrieben. Dass nun – ohne dass sich an der Rechtslage etwas geändert hat – der Verlag beim ersten Gegenwind einknickt und Woody Allen im Regen stehen lässt, ist ein fatales Signal an alle Autoren.

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Denn natürlich gelten auch im Falle Woody Allens so wie bei jedem anderen Autor eines Buchs auch die rechtsstaatlichen Prinzipien. Und ein unumstößlicher Grundsatz heißt nun einmal: Im Zweifel für den Angeklagten. So betont dann auch der irische Journalist Derek Scally im Deutschlandfunk Kultur: “Er ist unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist.”

Ihm bereite in letzter Zeit Sorgen, dass in Fragen des sexuellen Missbrauchs und der Frage der Macht von Männern über Frauen öfter Selbstverständlichkeiten wie gerichtliche Entscheidungen und Gerichtsprozesse über Bord geworfen werden. “Und ich frage mich, wenn dieses Prinzip schon beseitigt ist, welches Buch wir als Nächstes nicht veröffentlichen werden, weil die Empörung so groß ist”, sagt Scally. “Und das hat Folgen, das hat immer Folgen.”

Auch Ex-Pen-Chefin Jo Glanville wird deutlich: “Ich habe immer Angst, wenn ein Mob, so klein und gut gelesen er auch sein mag, Macht ausübt, ohne Rechenschaftspflicht, Prozess oder Wiedergutmachung. Das macht mir viel mehr Angst als die Aussicht, dass Woody Allens Autobiografie in die Buchhandlungen kommt.”

Zumindest fragwürdig erscheint in diesem Zusammenhang auch der Rechtsverständnis der 15 Autorinnen und Autoren des offenen Briefs an Rowohlt. Sie schreiben zu Beginn ihres Textes: “Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln.” So wird der einen Partei der Auseinandersetzung ohne Rechtsgrundlage oder erkennbare Prüfung die Wahrheit zugesprochen und damit die andere Partei, hier also Woody Allen, vorverurteilt.

Kämpft für seine Schwester Dylan: Ronan Farrow. © Quelle: imago images/UPI Photo

Mittlerweile hat sich mit dem Comiczeichner Ralf König ein anderer Rowohlt-Autor gegen den offenen Brief gestellt und Woody Allen in Schutz genommen: “Der Mann muss doch die Möglichkeit bekommen, sich zu verteidigen und zu sagen, wie es aus seiner Sicht war. Das kann man doch nicht abwürgen und ihn einfach wie eine Kakerlake wegtreten”, sagte er im Deutschlandfunk Kultur.

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“Ich überprüfe nicht die moralische Reinheit oder das Strafregister eines Schriftstellers”

Nun liegt es in der Hand des Rowohlt-Verlags, Woody Allens Buch zumindest auf den deutschen Markt zu bringen. Bislang zeigen die Männer und Frauen in Hamburg eisernen Willen, das Buch zu veröffentlichen. Wer es dann nicht lesen will, ist ja nicht gezwungen, es zu tun. Der Leser kann dann immer noch mit seinem Portemonnaie abstimmen.

Ex-Pen-Chefin Jo Glanville hat dazu noch eine dezidiertere Meinung. Sie schreibt in ihrer Stellungnahme im “Guardian”, sie würde sogar Woody Allens Buch lesen wollen, wenn er für schuldig befunden würde, weil sie sich für den Mann, seine Arbeit und sein Leben interessiere. “Ich überprüfe nicht die moralische Reinheit oder das Strafregister eines Schriftstellers, bevor ich ihn lese. Ich müsste viele der Autoren, die ich am meisten liebe, aus meinen Bücherregalen ziehen, wenn ich anfangen würde, die Prinzipien der Hachette-Mitarbeiter anzuwenden.”


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