Rod Stewart wird 75 - Mit Charme, Reibeisen und Routine

  • Einer der Superstars der Popmusik wird 75 - Rod Stewart (“Saling”) gilt als Meister der schmusigen Popballade.
  • Zwar hatte er schon lange keinen Superhit mehr, aber seine Alben - zuletzt das sinfonische “You’re in My Heart” - schießen umgehend auf Platz 1 der Charts.
  • Auf Tour geht er nur dann, wenn die beiden jüngsten seiner acht Kinder Schulferien haben.
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Wenn bei Rod-Stewart-Konzerten das Licht ausgeht, kommt nicht einfach ein Popstar auf die Bühne, sondern ein König hält Hof. Breites Grinsen überm edlem Sakko, die Blondmatte längst nur noch dezent gesträubt, aber rollende Hüften, federnder Gang - ein alter, geschmeidiger Tiger tritt ins Licht.

Der dann mit zärtlicher Sandpapierstimme schnurrt wie die Kuschelmiez. Stewart raspelt seinen Zuhörern bis heute Träume vom Traumbaum, seufzt wie kein anderer das Lamento eines gekränkten Liebhabers: „I`ll try to love again but I know the first cut is the deepest." Streicher des Royal Philharmonic Orchestra machen den Ernst der amourösen Lage in dem Cat-Stevens-Original, das ein Rod-Stewart-Hit wurde, deutlich. Die vielen kleinen Lichtlein in den Herzen des Publikums gehen an, die Mehrheit der Fans in den Shows ist weiblich und strahlt. So war es zuletzt am 20. Dezember in der Londoner O2-Arena.

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So war es eigentlich immer, seit die Londoner Faces ihren Sänger Rod „The Mod“ Stewart, der heute 75 Jahre alt wird, verlassen hatten (seine frühen Soloerfolge hatten sie in den frühen Siebzigerjahren zu Stewarts Begleitband degradiert). Damals verabschiedete sich der Frontmann zugleich vom raueren Rock’n‘Roll zugunsten eines poppigeren Sounds und hatte seine größten Erfolge mit Schmusenummern wie „Sailing“ „Tonight’s The Night“ und „I Don‘ Want to Talk about It“ (war aber mit "Da YA Think I'm Sexy" auch mal funky und mit "Hot Legs" rockig wie die Rolling Stones).

Profifußballer wollte Roderick David Stewart eigentlich werden, der 1945 in London in eine Handwerkerfamilie hineingeboren wurde, als gehätscheltes Nesthäkchen unter fünf Geschwistern – Sohn eines schottischen Vaters und einer englischen Mutter. Denn Fußball war das vorherrschende Thema unter den Männern im Hause Stewart. Rod war ausreichend talentiert und hatte auch Ellenbogen, spitz genug, um sich zum Kapitän des Schulteams durchzustoßen. Versuche allerdings, beim Drittligisten Brentford F.C. unterzukommen , schlugen fehl.

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Folgt man seiner Autobiografie von 2012, fokussierte Rod Stewart sich auf die Musik, weil „das Musikerleben viel einfacher ist, und ich mich gleichzeitig betrinken und Musik machen kann, was beim Fußball nicht geht.“

Little Richard fixte ihn parallel mit Musik an, der US-Pianist und – Sänger, dessen wilden Shouter „The Girl Can’t Help It“ er 1956 im Radio hörte. Dann sah er ein Konzert von Bill Haley und von da an war „Rock around the Clock“ zu Hause bei den Stewarts. Dann kam die Folkbewegung und riss Rod mit. Er lebte auf einem Hausboot, marschierte bei den Alderston Marches gegen atomare Aufrüstung mit, wurde wiederholt verhaftet und war als Troubadour unterwegs. Bis Barcelona kam er, doch Spanien schickte ihn wegen Vagabundierens in die Heimat zurück. 1964 war das Jahr, in dem er mit Zuckerwasser seine Struwwelfrisur erfand. 1967 holte ihn Jeff Beck in seine neuen Yardbirds. Ein Mann für alle - die Kerle vor der Bühne mochten seinen Witz, die Frauen seinen Sexappeal.

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Die Siebziger- und Achtzigerjahre waren Rod Stewarts große Jahrzehnte. Danach blieben die Hits aus, sein Status als Konzertklassiker und modischer Geck aber blieb. Mit 57 Jahren ging er 2002 auf seine erste Abschiedstour, aber bis heute kann er das Singen auf Bühnen nicht lassen.

Seither hat er diverse Jazzalben mit Songs aus der Sinatra-Ära eingespielt, eine Soulplatte, ein Weihnachtsalbum, kaum noch Werke mit neuen Songs und zuletzt (passend zur Weihnachtszeit 2019) eine Scheibe mit seinen großen Erfolgen – diesmal sinfonisch aufgebrezelt und irgendwie langweilig. Trotzdem schoss "You're in My Heart" umgehend auf den Spitzenplatz in den Britcharts. Die ultimative Adventsweichspülung.

Ein Familienmensch ist der einstige Playboy und Jetsetter Stewart inzwischen – er hat acht Kinder von fünf Frauen und geht nur noch auf Konzertreisen, wenn seine beiden Jüngsten mit der dritten Ehefrau Penny Lancaster Schulferien haben. Ist er ein Softie geworden? Im Gegenteil. Er traut sich noch allerhand.

Als er neulich dem britischen Premier Boris Johnson zum Sieg bei den Parlamentswahlen gratulierte, musste er wissen, dass er damit seine geliebten und Brexit-abgeneigten Schotten, speziell die Fans seines dortigen Lieblingsvereins Celtic Glasgow auf die Palme bringen würde. Sein „Gut gemacht, Boris“ war ein größerer Faux-Pas als sein Song "Olé Olá" für die Schottenelf bei der Fußball-WM Argentinien 1978. Damals bot er den Argentiniern in geografischer Vollumnachtung Sambarhythmen statt Tango an. Und es war ihm völlig wurst.

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Ob es ein Wiedersehen geben wird, oder ob die Frühjahrskonzerte 2019 die letzten Deutschlandauftritte waren? Zwar schimmert durch Roddies Bubencharme heute auch viel Routine, zwar ist der große Sänger - die Nummer-Sicher-Setlisten beweisen es - auch ein Nostalgieverkäufer geworden. Aber das Tigerhafte ist immer noch in seinen Bewegungen und seine vorzügliche Band kleidet seinen Gesang in die coolen Farben von Rhythm’n’Blues und Soul. Rods Leute beamen uns in ein märchenhaftes Motown. Wo alles ewig groovt.

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