„Ich war das nicht!“ – Warum Lügen so genial ist

  • Lügen ist ein fantastisches Konzept: Ein Satz genügt, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
  • Trotzdem hat die Lüge einen schlechten Ruf.
  • In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ fragt Imre Grimm, ob die Deutschen besonders empfänglich für Unwahrheiten sind.
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Als Vater ist man gehalten, seine Kinder von der Unzulässigkeit der Lüge zu überzeugen. Das ist gar nicht so einfach. Denn Lügen ist ein geniales Konzept! Du hast irgendwas ausgefressen und stehst unschuldig pfeifend vor deinem Ankläger? Dann reicht ein einziger Satz, um deinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen: „Ich war das nicht!“ Einfacher geht’s nicht. Keine langen Erklärungen, keine Nabelschau, keine Strafe. Und das soll man nicht dürfen? Das ist doch, als stünde vor dir ein Stück Erdbeerkuchen, aber dann sagt jemand: Du hast Hunger? Da hinten ist noch altes Brot im Wald vergraben, schnapp dir einen Spaten und leg los, dauert höchstens zwei Stunden.

„Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht“, hat Mark Twain mal geschrieben. Heißt: Im Kampf um Aufmerksamkeit wird ein saftiges Gerücht eine trockene Tatsache immer schlagen. Ein Prinzip, das sich vor allem emotional unausgereifte Politiker zunutze gemacht haben – von den großen Propagandisten der Geschichte bis hin zum zu Recht fast vergessenen US-Präsidenten Donald Trump (Sie erinnern sich?). Das Problem an der Wahrheit ist: Auch ein Lügner, der „Lüge!“ schreit, könnte am Ende recht haben.

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Lüge? Dieter Hildebrandt sprach lieber von „sachzwangreduzierter Ehrlichkeit“

Aber ist „Lüge“ überhaupt noch ein zeitgemäßes Wort? Dieter Hildebrandt sprach lieber ironisch von „sachzwangreduzierter Ehrlichkeit“. Der menschliche Wertekanon feiert die Ehrlichkeit natürlich trotzdem als Eins-a-Tugend. Bedenke wohl: „Eine güldene, gute Tugend: Lüge nie!“ Das ist sogar ein Palindrom: Man kann es von vorne und hinten lesen. Kinder allerdings interessieren sich nicht so sehr für moralische Aspekte, christliche Werte, Palindrome oder Fairness. Sie suchen zunächst mal den eigenen Vorteil.

Das deutsche Publikum gilt allenthalben als besonders empfänglich für Unwahrheiten und Verschwörungsthorien: Bilder von Kondensstreifen, 5G, Qanon und einer Impfspritze. © Quelle: imago images/Christian Ohde

Daran musste ich jüngst denken, als meine Tochter (6) betont beiläufig kundgab, sie wünsche sich zum Geburtstag ein „Pferdespiel“. Gut und schön. Was denn für ein Pferdespiel? Das wusste sie nicht. Wo habe sie das denn mal gesehen? Keine Ahnung. Schwierig. Wochen später schrieb sie „Pferdespiel“ auf ihren Wunschzettel. In sehr großen Buchstaben. Merke: Je größer die Buchstaben auf dem Wunschzettel, desto dringender der Wunsch. Was meinst du denn? „So ein Spiel mit Pferden. Und Bindfäden. Und Glitzer. Zum Ausschneiden.“

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Gangsterbraut mit Pokerface

Meine Frau umwehte eine Ahnung. Im Keller im Geschenkeversteck lagert seit Langem ein Bastelset mit Pferdemotiven. „Hast du zufällig im Keller in den Schrank geguckt?“ Meine Tochter guckte, als könne sie kein Wässerchen trüben: „Nein, hab’ ich nicht!“ Sechsjährige können besser lügen als amerikanische Präsidenten. Gangsterbraut mit Pokerface! Kein Zweifel: Meine Tochter würde in einem Keller des Mossad oder der CIA niemals den Namen von Komplizen verraten.

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Stunden später aber, am Abend, rückte sie doch zerknirscht mit der Wahrheit raus: Es war kein Zufall, dass sie sich genau das wünschte, was im Keller auf sie wartete. Sie hatte doch geguckt. Das Gewissen drückte. Irgendetwas haben wir wohl richtig gemacht bei der Vermittlung von Grundtugenden. Sie spürte den entlastenden Wert der Wahrheit. Wir nahmen sie in den Arm – und ich fuhr zum Baumarkt, ein Schloss für den Geschenkeschrank kaufen. Das hatte ich sowieso schon lange vor. Merke: Wenn ein Mann sagt, er erledigt das, dann erledigt er das. Man muss ihn nicht alle sechs Monate daran erinnern.

Die Hollister-Story vom Naturburschen und Wellenreiter – sie ist eine Lüge

Auch Firmen nutzen das verlockende Prinzip Lüge. Nehmen wir zum Beispiel den Yale-Absolventen John M. Hollister. Der Mann fuhr 1917 im Alter von 21 Jahren per Dampfschiff nach Indonesien, verliebt sich in die schöne Plantagenbesitzertochter Meta Van Gilder, kaufte ein Segelschiff und segelte mit Meta zwei Jahre lang nach Los Angeles. In Laguna Beach gründet er 1922 das Unternehmen Hollister Co., das mit Stoffen und Kunsthandwerk handelt. Sein Sohn John M. Hollister Jr., geboren 1920, macht daraus einen Weltkonzern für Surfausrüstung und Sportbekleidung. Schöne Geschichte. Aber: John M. Hollister hat es nie gegeben. Sein kompletter Lebenslauf wurde auf dem Reißbrett amerikanischer Marketingspezialisten entworfen. John M. Hollister ist eine Erfindung des US-Konzerns Abercrombie & Fitch. Die Story vom Naturburschen und Wellenreiter – sie ist eine Lüge.

Er war’s nicht: Ein Zitat über die Leichtgläubigkeit der Deutschen, das fälschlicherweise oft Napoleon Bonaparte zugeschrieben wird, stammt in Wahrheit gar nicht vom französischen Kaiser.
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Das deutsche Publikum gilt allenthalben als besonders empfänglich für Unwahrheiten. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass das Querdenkertum und der Hang zu Verschwörungstheorien in diesem Land verbreiteter sind als in vielen europäischen Nachbarländern. In den Kloaken der Telegram-Kanäle brodelt und gärt die Lüge wie in einem schwefligen Giftkessel.

Ein falsches Zitat von Napoleon

„Es gibt kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche“, hat Napoleon angeblich mal gesagt. „Zwiespalt brauchte ich unter ihnen nie zu säen. Ich brauchte nur meine Netze auszuspannen, dann liefen sie wie ein scheues Wild hinein. Untereinander haben sie sich gewürgt und sie meinten, ihre Pflicht zu tun.“ Kein Volk auf Erden, schrieb der französische Kaiser vermeintlich weiter, sei „törichter. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden: die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgten sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde.“ Es ist ein heftiger Rundumschlag. Und dabei hat Napoleon Attila Hildmann gar nicht gekannt.

Das Zitat ist unter Corona-Leugnern weit verbreitet. Es gilt ihnen als Beleg für die Schafhaftigkeit des Mainstreamdeutschen, der alles glaube, was die Regierung so erzähle. Das Problem: Ausgerechnet das Zitat über die Lüge ist selbst eine Lüge. Napoleon hat es nie verwendet. Es stammt aus dem Text „Napoleons Proklamation an die Völker Europas vor seinem Abzug auf die Insel Elba“, den der Publizist Joseph Görres am 9. Mai 1814 im „Rheinischen Merkur“ veröffentlichte. Görres war leidenschaftlicher Nationalist – und legte Napoleon die Worte in den Mund, um die patriotische Einheitssehnsucht der vielen deutschen Völker anzufixen. „Heute würde man sagen: Gutes Timing – oder eben auch: Fake News anno 1814“, sagt der Historiker und Napoleon-Experte Thomas Schuler. Eine Lüge über das Lügen ist eben noch lange nicht die Wahrheit.

In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ wirft Imre Grimm einen satirischen Blick auf den deutschen Alltag – dazu gehören persönliche Erlebnisse, aber auch Kuriositäten aus Politik, Gesellschaft und Kultur.

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