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Revolution des Comics: Will Eisner hat die Graphic Novel erfunden

  • Die Erfindung der GraphicNovel war ein Meilenstein der Comicgeschichte.
  • Dank Will Eisner wurden gezeichnete Geschichten endlich ernst genommen.
  • In Dortmund ist nun sein Leben und Werk zu sehen – auch virtuell.
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Fußball-WM 1974, die Bundesrepublik und die DDR treffen in der Vorrunde aufeinander. Auf die Zuschauer im Hamburger Volksparkstadion wartet ein ganz besonderes Spiel, denn nicht nur die beiden Deutschlands, sondern auch zwei unterschiedliche Systeme stehen sich an diesem Tag gegenüber. Für zwei Brüder bedeutet die Partie zudem eine schicksalhafte persönliche Begegnung: Sie sehen einander das erste Mal seit zwölf Jahren. Der eine ist als Geheimagent im Westen tätig, der andere im Osten geblieben und dort für die Stasi aktiv.

Die beiden französischen Comicautoren Philippe Collin und Sébastien Goethals haben sich mit ihrer Graphic Novel „Das Spiel der Brüder Werner“ diesem wichtigen Kapitel deutscher (Sport-)Geschichte genähert. Ihr fiktives, aber auf wahren Begebenheiten beruhendes Drama vermischt historische Begebenheiten und private Geschichte sehr lesenswert miteinander.

In Graphic Novels finden sich alle Themen

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Dass eine solch facettenreiche historische Story als Comic erscheint, wundert heute niemanden mehr. Gezeichnete Geschichten widmen sich heute unterschiedlichen Themen und Gattungen. Egal, ob Reportagen aus Nordkorea (Guy Delisles „Pjöngjang“), über Gerard Dépardieu (Mathieu Sapins „Gerard“) oder über Klimaschutz (Joe Saccos „Wir gehören dem Land“). Egal, ob Graphic Novels über Ökoutopien (Lukas Jüligers „Unfollow“) oder über eine Ärztin zwischen Familie und humanem Engagement (Judith Vanistendaels „Penelopes zwei Leben“). Ob Biografien (Clément Oubrerie/Julie Birmant: „Isadora“, Nicolas Mahler: „Thomas Bernhard“ oder Alessio De Santas Walt-Disney-Buch „The Moneyman“) oder Autobiografien wie die herausragenden Bücher von Shigeru Mizuki – Autorinnen und Autoren gehen die Geschichten für diese einzigartige Verbindung aus Text und Bild nicht aus. Und keine Leserin, kein Leser muss sich heute mehr dafür schämen, mit einem Comic in der Hand gesehen zu werden.

Es ist nicht allzu lange her, da war das vollkommen anders. Wie es mit dem Image von Comics noch Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre bestellt war, zeigt diese Aussage: „Die Gesellschaft guckte herab auf Science-Fiction-Fans, und Science-Fiction-Fans blickten herab auf Comic-Fans. Wir waren der Bodensatz. Wenn man nicht gerade im Pornogeschäft war, konnte man nicht tiefer sinken.“ Überliefert sind diese Sätze von Mike Towry, der 1970 mit Gleichgesinnten die erste Comicconvention als Zusammenkunft von Fans – damals waren es eher Nerds – in San Diego organisierte. Es kamen 300 Besucher.

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Heute ist die Branchenzusammenkunft in der südkalifornischen Stadt die größte Comicmesse der Welt und zieht jährlich bis zu 170 000 Besucher an. Wer in unseren Tagen Comics liest, muss sich nicht mehr als Bodensatz und auch nicht als Nerd oder Außenseiter fühlen. Vorbei die Zeiten, als man die gezeichneten Geschichten heimlich unter dem Schultisch oder unter der Bettdecke las. Vorbei die Zeiten, in denen Lehrer und Eltern den jugendlichen Fans vorhielten, sie sollen doch mal „etwas Richtiges“ lesen.

„Ein Vertrag mit Gott“ war die erste Graphic Novel

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Für den Imagewechsel dieses einst verschrienen Genres sind viele Autorinnen und Autoren verantwortlich. Aber der US-amerikanische Autor Will Eisner muss als derjenige bezeichnet werden, der mit seinem Buch „A Contract with God“ („Ein Vertrag mit Gott“) von 1978 sozusagen den Startschuss gab. Selbstbewusst schrieb er als Genrebezeichnung auf das Buchcover „A graphic novel“ – er bezeichnete diese Geschichten, die in Mietshäusern in der Bronx spielen (in denen auch Eisner aufgewachsen war), also als gezeichneten Roman (wobei das Buch eigentlich eine Kurzgeschichtensammlung ist). Dieser Comic war anders als alles bis dato Dagewesene dieses Genres. Das zeigte sich nicht nur im ungewöhnlichen Format oder in der Länge, die die Seitenzahl eines normalen Comicheftes deutlich überstieg. Ungewöhnlich war auch, dass die altehrwürdige New Yorker Buchhandlung Brentano’s die Graphic Novel geordert hatte. Eine Buchhandlung, da wollte Eisner mit seinem „Contract with God“ hin, in eine Reihe mit Hemingway und Philip Roth.

© Quelle: Avant Verlag

Allerdings stockte – wie Alexander Braun in der nun erschienenen ersten deutschsprachigen Will-Eisner-Monografie schreibt – der Verkauf bei Brentano’s zunächst, weil die Buchhändler nicht wussten, in welches Regal sie das Werk stellen sollten. Neben Hemingway und Co. fanden sie es dann doch unpassend. Ein reiner Comic war es aber auch nicht. Und so brachten sie Eisners heute weltbekanntes Werk schlichtweg ins Lager der Buchhandlung.

Braun erzählt in seinem Buch, das man eher einen Folianten nennen sollte, Eisners Leben und Wirken chronologisch. Seine ersten Erfolge erzielte der damals 23-jährige Comicautor 1940 mit seinem Helden „The Spirit“. Ähnlich wie „Superman“ oder „Batman“ führte diese Figur ein Heldenleben inkognito. Während Clark Kent und Bruce Wayne einen mehr oder minder normalen Alltag lebten und sich nur bei Bedarf in die Retter der Welt verwandelten, war Denny Colt nach einem Chemieunfall bereits für tot erklärt worden. Doch konnte er sich nach seiner Beerdigung befreien und bekämpfte nun als „The Spirit“ in New York Verbrecher und darüber hinaus all das Böse in der Welt.

Auch wenn Denny Colt keine Superheldenfähigkeiten besaß, zeichnete Eisner „The Spirit“ in der Tradition dieser Superhelden. Und genauso wie die Erfinder von „Superman“, „Batman“ und „Captain America“ war auch Eisner Nachfahre jüdischer Immigranten. Diese Superhelden waren allesamt eine Antwort junger jüdischer Männer auf ihr Gefühl von Ausgegrenztheit, Angst und Machtlosigkeit.

Ausstellung in Dortmund zeigt Leben von Will Eisner

Eisners „The Spirit“ schwamm auf der Erfolgswelle dieser Helden mit, und war doch anders. Besonders war unter anderem, dass Will Eisner nicht wie üblich immer den gleichen, verbindlichen Titelschriftzug nutzte, sondern in jeder einzelnen Folge eine neue Typographie erfand. Mal stand „The Spirit“ einfach im oberen Drittel des Titelbildes. Oft aber integrierte der Künstler den Schriftzug in das Coverbild. Dann flog nach einer harten Rechten des Mannes mit der Augenmaske dessen Opfer in die beiden Wörter „The Spirit“ und zerbrach die Buchstaben wie Russisch Brot. Oder sie sahen aus wie New Yorker Wolkenkratzer, auf denen eine der Comicfiguren saß.

All das zeigt jetzt eine Ausstellung in Dortmund, die der zweifache Will-Eisner-Preisträger Alexander Braun kuratiert hat. Zu sehen sind unter anderem 100 Originalzeichnungen aus Eisners Nachlass und aus Privatsammlungen in Europa und den USA. Die Ausstellung ist auch virtuell begehbar. Und wenn auch der virtuelle den persönlichen Besuch nicht ersetzen kann, lassen sich die Stationen dieses außerordentlichen Künstlers, ohne den der Aufstieg des Comics zur Neunten Kunst nicht in dieser Form möglich gewesen wäre, auch vor dem Monitor gut nachvollziehen.

Die Ausstellung „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ ist im Schauraum Comic in Dortmund bis mindestens 27. Juni zu sehen. Inwieweit sie persönlich zu besuchen ist, sollte am besten jeweils aktuell erfragt werden. Virtuell ist sie unter der Adresse https://21.de/schauraum/ zu erleben.

Die umfassende Monografie „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ von Alexander Braun ist bei Avant erschienen, hat 384 Seiten und kostet 39 Euro.

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