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Raus aus dem Hühnerkäfig: Der Netflix-Film „Der weiße Tiger“

  • Der Netflix-Film „Der weiße Tiger“ erzählt von einem Indien jenseits von Bollywood.
  • Ein geborener Diener sucht den Aufstieg in seinem Land – und zwar als Krimineller.
  • Dies ist kein freundliches Märchen à la „Slumdog Millionär“, sondern ein bitteres Schelmenstück.
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Stolz steht der Junge in seinem Dorf und betet brav herunter, was die staatliche Propaganda ihm über Indien beigebracht hat. Der Lehrer ist hocherfreut über so viel Beflissenheit. Die Klugheit des Kleinen sei so selten wie der weiße Tiger im Dschungel, sagt er. Er werde ihm zu einem Stipendium im fernen Delhi verhelfen.

So könnte eine Aufsteigergeschichte beginnen – und so passiert es auch in Ramin Bahranis Netflix-Drama „Der weiße Tiger”. Nur verläuft dieses ganz anders, als es der Beginn erwarten lässt. Eine Schule von innen wird der Junge kaum mehr sehen: Wenig später muss er für den Dorfpaten Holzkohlestücke zertrümmern. Tagein, tagaus hockt er im Dreck.

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Wir wissen zu diesem Zeitpunkt aber schon, was aus dem Jungen namens Balram geworden ist: ein Unternehmer von einigem Wohlstand im südindischen Bangalore mit gepflegtem Bärtchen und Pferdeschwanz – und ein Mörder mit besonderer Vorliebe für autokratische Systeme. Auch für Indien sei die Kanalisation wichtiger als die Demokratie, wird Balram (Adarsh Gourav) bald schon sinnieren, wenn er in naiver Überheblichkeit lange E-Mails an den chinesischen Ministerpräsidenten verfasst.

Balram erzählt selbst im Rückblick, wie er dem „Hühnerkäfig der Armut“ entkommen ist, in dem die Mehrheit seines Milliardenvolkes stecke und den es nicht einmal dann verlassen wolle, wenn man ihm den Schlüssel zur Käfigtür in die Hand drücken würde. Lieber ließen sich Inder den Hals umdrehen wie Federvieh. Um den Aufstieg in Indien zu schaffen, sagt Balram, müsse man entweder Krimineller oder Politiker werden. Er hat sich entschieden.

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Kein „Slumdog Millionär“

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Spätestens jetzt wird klar, dass dies hier kein menschenfreundliches Märchen à la „Slumdog Millionär“ (2009) ist. Auf eine TV-Rateshow, die ihn aus seinem Unglück retten könnte wie den Helden Jamal in Danny Boyles mit acht Oscars prämiertem Kinofilm, kann Balram nicht hoffen.

„Der weiße Tiger” nach dem fulminanten Romandebüt von Aravind Adiga (ausgezeichnet mit dem britischen Booker-Preis) ist eine satirische Abrechnung mit dem Kastensystem, und dieser Film ist zuallererst ein bitteres Schelmenstück. Wobei es im Grunde im Indien des 21. Jahrhunderts, wie wir es hier begutachten können, nur noch zwei Kasten gibt: die der Reichen und die der Armen.

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Obdachlose um offene Feuerstellen hier und Partys in schicken Apartments dort, Bettler an Straßenkreuzungen hier und Bestechungsaktionen mit prall gefüllten Geldtaschen da, Dorfhütten und Stadtpaläste: Sekundenschnell lässt der Regisseur – kein Inder, sondern ein Amerikaner iranischer Abstammung – die Gegensätze aufeinander krachen. Gandhi steht hier nur noch als Denkmal in der Gegend herum, und Götter gibt es in Indien sowieso zu viele.

„Aus der Finsternis ans Licht”

Wir verfolgen Balrams Weg „aus der Finsternis ins Licht“, wie er das nennt. Verrat und Verbrechen sind dafür notwendig. Aber wer will ihm dies verdenken bei der Behandlung, die ihm immer wieder widerfährt?

Balrams Instrument für seine Befreiung aus den Fesseln der Armut ist strategische Unterwürfigkeit. Ein Diener zu sein hat er schließlich von klein auf gelernt. Nur fehlt ihm noch der Herr, und den findet er in Ashok (Rajkumar Rao), Sohn einer Neureichenfamilie, der gerade mit seiner Frau Pinky (Priyanka Chopra-Jonas) aus den USA zurück nach Indien gekehrt ist.

Balram verdingt sich als „zweiter Fahrer“, räumt schnurstracks den „ersten Fahrer“ per Erpressung aus dem Weg und macht sich fortan möglichst unentbehrlich. Er lässt sich loben und tätscheln, wenn der vermeintlich liberale Ashok gut drauf ist, und er lässt sich im nächsten Moment beleidigen und wie ein Sklave herumschubsen. Manchmal ist er für Ashok und Pinky auch nur Luft.

Die Erniedrigung gehört zu Balrams Alltag. Aber nur wir wissen, wie sich der Hass hinter seinem freundlichen Dauerlächeln zusammenbraut – erst recht nach jener Nacht, in der er für seinen Herren und seine Herrin den Kopf hinhalten soll.

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Sympathischer wird einem der (Anti-)Held durch seine Scheinheiligkeit nicht. Aber das ist wohl der Preis bei dieser besonderen Bildungsgeschichte.

Gelegentlich erinnert die Auseinandersetzung zwischen denen da oben und denen da unten an den südkoreanischen Erfolgsfilm „Parasite“ (2019) über den Sohn einer armen Familie, der sich mitsamt seiner Angehörigen bei seinem Dienstherren oben auf dem Stadtberg einschleicht. Die Hierarchie ist auch hier durchaus räumlich zu verstehen: Die Fahrer der Reichen hausen in einer feuchten, düsteren Tiefgarage voller Ungeziefer, während ihre Bosse oben die Blicke durch Glasfassaden über die Stadt schweifen lassen.

„Der weiße Tiger” gibt den Blick frei auf ein Indien jenseits von Bollywood. Die ungewöhnliche Aussicht lohnt sich.

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„Der weiße Tiger”, bei Netflix, von Ramin Bahrani, mit Adarsh Gourav, Priyanka Chopra Jonas, Rajkummar Rao, 125 Minuten

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