• Startseite
  • Kultur
  • Max Herre: „Rechtsnationales Denken ist längst institutionell“

Max Herre: „Rechtsnationales Denken ist längst institutionell“

  • Max Herre, Deutschrapper und ehemaliger Frontmann von Freundeskreis, veröffentlicht nicht oft ein neues Album.
  • Sieben Jahre sind seit dem letzten vergangen.
  • Aber wenn eines erscheint, dann ist es ein Ereignis. So wie jetzt bei seinem Werk „Athen“.
Steffen Rüth
|
Anzeige
Anzeige

Max Herre, nach sieben Jahren ist mit „Athen“ ein neues Album von Ihnen erschienen. In Ihrem Song „Siebzehn“ beschreiben Sie sich selbst als Kiffer und Schulschwänzer. Ist der Text eine Warnung an Ihre beiden 18 und 16 Jahre alten Söhne?

Der Song ist eine Spiegelung meines 17-jährigen Ichs in meinem älteren Sohn. Wenn man selbst Elternteil ist, kommen einem die Sachen plausibel vor, die einem die eigenen Eltern erzählt haben und die man damals nicht hören wollte. Als Erwachsener kann ich die Geschichten aus meiner Jugend verklären und vom Ende her erzählen. Aber wenn du mittendrin steckst in deiner Jugend, dann ist der Ausgang ungewiss. Heute habe ich Verständnis dafür, dass sich meine Eltern manchmal Sorgen machten.

Wie sehr kann man denn Ihre Jugend vor 30 Jahren mit der Ihrer Teenagersöhne vergleichen?

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Wie man als Teenager die Welt sieht, sich darin begreift und zurechtzufinden versucht, das sind sehr universelle Dinge, die sich seit meiner Zeit nicht groß geändert haben. Trotzdem funktioniert jede Generation nach ihren eigenen Regeln, hat neue Einflüsse und neue Technologien. Ich denke, da beschleunigt sich vieles. Man ist immer kürzer Teil einer bestimmten Generation. Ich hatte mit 20 noch Schnittmengen mit Leuten, die zehn Jahre älter oder jünger waren. Jetzt sind es vielleicht noch drei oder vier Jahre, bevor die nächsten Kids wieder ganz anders ticken.

Erstes Album nach sieben Jahren

Andere Musiker, gerade im Hip-Hop-Bereich, veröffentlichen in sieben Jahren fünf Alben. Warum dauert das bei Ihnen immer so lange?

Ich brauche die Zeit, um mich mit Ideen aufzuladen und für mich Geschichten zu heben, die so dringlich sind, dass ich sie unbedingt erzählen will und muss. Wenn ich das Gefühl habe, meine Musik ist beliebig, dann bleibt sie unter Verschluss. Ich forsche viel, und ich will meine Kreativität nicht verwalten, denn sonst käme ich mir vor wie ein Fälscher.

Anzeige

Wie ist der Knoten dieses Mal geplatzt?

Lange gar nicht. Ursprünglich wollte ich eine von äthiopischem Ethno-Jazz geprägte Platte machen, bin auch einige Male zu Musikern nach Addis Abeba gereist, aber letztlich an dem Projekt gescheitert. Ich habe dann erst mal mit Joy (Denalane, Sängerin und Max Herres Ehefrau) ihre Platte „Gleisdreieck“ fertiggestellt und versucht, mir keinen Druck zu machen. Im Rap geht es immer darum, Coolness zu zeigen, ich wusste, das ist für mich nicht der richtige Weg und auch nicht altersgemäß.

Anzeige

Was ist denn altersgemäß?

„Athen“ (lacht). Mir war irgendwann klar, ich würde ans Eingemachte gehen müssen. Vorbild war ein bisschen Jay Z mit seinem Meisterwerk „4:44“. Er verhandelt darauf Inhalte, die man nur verhandeln kann, wenn man über 40 ist und auch schon ein paar Rückschläge erlebt hat. Im Hip-Hop gibt es ja noch nicht so viele Künstler, die richtig alt und lebenserfahren sind, es gibt halt keinen Bob Dylan und keine Rolling Stones des Rap. Die Veteranen des Genres, das sind wir.

Was für einen Bezug haben Sie zu Athen?

Als Kind und auch später bin ich oft dort gewesen. Mein Vater hat Ende der Achtziger in Athen gelebt, es ist bis heute seine Lieblingsstadt.

Rapper oder Olivenbauer

Anzeige

Was hat er dort gemacht?

Gearbeitet. Mein Vater ist Sportarchitekt, er war am Bau des Olympiastadions, des Velodroms und des Schwimmbads beteiligt. 1996 wollte Athen ja schon Olympia haben, 2004 hat es dann geklappt. Ich wollte seinerzeit gern zu ihm ziehen, aber dann hätte ich nicht in Stuttgart mein Abitur machen können. Athen war auch für mich immer ein Sehnsuchtsort. Neulich noch habe ich in meiner alten Abizeitung geblättert. Da stand über mich: „Entweder er wird Rapper oder Olivenbauer in den Kykladen.“

Im schönen, ruhigen Lied „17. September“ singen Sie über Ihren Vater. Was hat es mit dem Tag auf sich?

Der 17. September ist sein Geburtstag. Der Song vermischt Kindheitserinnerungen mit frischen Erinnerungen, aber auch Verlustängsten angesichts einer Krankheit. Wir stehen uns als große Familie immer noch sehr nah. Mein Vater mag den Song sehr gern, hat er mir gesagt. Vor allem funktioniert er für uns und hoffentlich auch für andere Menschen als Türöffner, über Dinge zu sprechen, über die man sonst vielleicht nicht spricht. Mit Musik traut man sich, offener zu sein.

Sind Ihre Eltern noch zusammen?

Ja. Die ziehen das durch.

Anzeige

Sind sie Vorbilder für Sie?

Ja. Natürlich prägt einen das, was man vorgelebt bekommt. Für mich ist das wie ein Kompass. Meine Mutter hat viele Geschwister, ich war und bin ein Familienmensch, wir sind schon ein großer Verband. Gemeinschaft ist mein Ideal. Das Alleinsein behagt mir nicht so.

Max Herre hat einen Song über seine Beziehung zu Joy Denalane geschrieben

Die Ballade „Das Wenigste“, die Sie zusammen mit Ihrer Frau Joy singen, ist wohl das schönste, aber auch das schmerzhafteste Lied des Albums. Ein Song über eine erwachsene Liebe?

Ich habe Joy gefragt, ob sie das wirklich machen will, schließlich war auch „Mit Dir“ damals nicht als Duett angelegt. Sie wollte. Es geht in dem Lied einerseits um den blinden Fleck unserer Beziehung, diesen Punkt, an dem wir nicht wussten, wie es weitergeht. Und dann gingen wir für einige Zeit auseinander, bevor wir uns wiederbegegneten. Daher ist der Song für mich vor allem ein versöhnlicher.

Machen Krisen eine Beziehung stärker?

Ich habe da keine pauschale Antwort. Ich bin vorsichtig mit diesen Einzeilern wie „Er ist angekommen“ oder „Er hat verstanden, was wichtig ist im Leben“. Was wir in jedem Fall heute wissen: dass eine Beziehung nicht mit permanentem Glück einhergeht. Wenn man das mal akzeptiert hat, dann ist man ein bisschen widerstandsfähiger.

Mit „Sans Papiers“ und „Dunkles Kapitel“ greifen Sie auch aktuelle politische Themen auf. Was genau steckt hinter diesen Liedern?

In „Sans Papiers“ gebe ich einem sogenannten illegalen Einwanderer die Stimme. Es reden überwiegend nur weiße, privilegierte Männer über diese Menschen, aber sie selbst sind per Definition zum Schweigen und Stillhalten verdonnert, damit sie nicht auffallen. Sie sind praktisch unsichtbar und ständig von der Auslieferung bedroht. Die kleinste alltägliche Verfehlung – schwarzfahren, bei Rot über die Straße gehen, also all die Dinge, die wir permanent machen – kann für diese Menschen ein großes Drama bedeuten.

Ist „Dunkles Kapitel“ eine Warnung vor dem weiteren Erstarken der Rechtsradikalen?

Ich wollte ein Lied machen, das sich genauso anschleicht, wie sich einst die Nazis in der Weimarer Republik anschlichen. Man dachte: „Das sind Trottel, und bald ist der Spuk wieder vorbei.“ Diese Überlegungen verbinde ich mit der Geschichte meiner Großmutter, die ihre Erfahrungen und Brüche in der Nazizeit einst aufschrieb.

Sehen Sie aktuell Parallelen zur damaligen Situation?

Ja. Das spielt sich nicht mehr nur am Stammtisch ab. Rechtsnationales Denken ist längst institutionell, es hat sich eingenistet bei Anwälten, Lehrern, Polizisten, im gesamten Staatsapparat. Das ist wahnsinnig gefährlich und definitiv kein rein ostdeutsches Phänomen. Es gilt jetzt den Leuten zu helfen, die nicht einknicken und sich den Rechten entgegenstemmen. Gerade in Kleinstädten, etwa in Sachsen, braucht es dafür schon einiges an Mut. Wir müssen jetzt unser freies Land verteidigen.

Berühmt wurde der Deutschrapper und Songwriter Max Herre mit seiner Band Freundeskreis und vor allem mit dem Song „A-N-N-A“. Im September 2004 veröffentlichte Herre, der 1973 in Stuttgart geboren wurde, sein erstes Soloalbum. Mit dem gemeinsam mit Philipp Poisel gesungenen Lied „Wolke 7“ gelang ihm 2012 sein erster Top-Ten-Hit. 2013 gewann er als Jurymitglied mit seinem Schützling Andreas Kümmert die Castingshow „The Voice of Germany“. Herres neues Album heißt „Athen“.