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Queen-Gitarrist Brian May: „Wir dachten, Freddie kann nicht von uns gehen”

  • Im Lockdown hat Queen-Gitarrist Brian May sein erstes Solo-Album „Back to The Light” von 1992 neu aufbereitet.
  • Er reiste zurück in die vielleicht schwerste Zeit seines Lebens – als sein Freund und Bandkollege Freddie Mercury und sein Vater starben und als seine Ehe zerbrach.
  • Im RND-Interview erzählt er, wie Mercury ihm den Segen für eine Solokarriere gab.
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Die Corona-Zeit verbrachte der Queen-Gitarrist Brian May damit, sein vergriffenes Soloalbum „Back to The Light” (1992) aufzubereiten. Die Songs der Platte, die im Sound an ein gutes Queen-Album erinnert, entstanden in einer Zeit der Angst, Unsicherheit und Trauer, als der an Aids erkrankte Sänger Freddie Mercury und auch Mays Vater starben, und bietet – für Queen eher ungewöhnlich – Innenansichten eines Bandmitglieds. „Ihr werdet hier (...) flüchtige Blicke auf jemand ziemlich Kleinen und Verunsicherten werfen”, schrieb May damals in den Liner Notes. Im Interview mit RND-Kulturredakteur Matthias Halbig erinnert sich der Musiker, Sänger und Songwriter an die schwierigste Phase seines Lebens.

Brian May, während viele Musiker und Bands unter den Beschränkungen der Pandemie ungeplante Alben aufnahmen, haben Sie sich Ihrem ersten Soloalbum „Back To The Light” von 1992 gewidmet, es soundmäßig aufgearbeitet und um Archivmaterial bereichert. Was hat Sie dazu gebracht, diese „Zeitreise” zu unternehmen?

Da war so einiges, was mich dorthin zurückbrachte. Beispielsweise, dass es eine sehr lange Zeit her ist, dass sich überhaupt irgendwer dieses Album kaufen konnte, dass jemand überhaupt diese Musik hören konnte. Ich bemerkte das eigentlich erst, als ich begann, Zeug auf Instagram zu packen. Ich spielte Mini-Konzerte auf Instagram und war richtig mit Ernst bei der Sache, fand das eine sehr angenehme Art, mit Leuten zusammenzukommen. Aber als ich dann Sounds von mir in die Instagram-Stories stellen wollte, erkannte ich: Geht gar nicht. An die Sachen war nicht heranzukommen. Und das war schon ein komisches Gefühl.

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Dass Alben von Musikern von Queen, einer der populärsten und meistverkaufenden Rockgruppen, vergriffen sind, die Musik auch digital nicht zu bekommen ist, mutet wirklich seltsam an.

Ja, und ich dachte, es wäre doch schön, wenn es das wieder gäbe. Ich hatte ein Gespräch mit meiner neuen Plattenfirma Universal, und sie waren auch sehr angetan von der Idee einer Wiederveröffentlichung. Die Frage war nur: wie? Roger (Anmerkung der Redaktion: Roger Taylor, Queen-Schlagzeuger) beispielsweise, mein Band-Bruder, hatte alle Sachen, die er als Solokünstler aufgenommen hatte, in einer monströs großen Box namens „The Lot“ auf einen Schlag herausgebracht.

Und das wollten Sie nicht.

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Mein Gefühl dabei war: Die Menge an Musik, an der ich gearbeitet hatte, wäre so umfangreich, dass es Monate, ja Jahre gedauert hätte, das aufzubereiten. Ich dachte, das kommt nie raus, dieses Projekt wirst du niemals beenden. So entschloss ich mich, lieber jeden einzelnen Teil meines Solowerks zu genießen. Zurückzugehen, diesen Teil neu zu betreten, ihn mir einzuverleiben, an ihm zu feilen – bis zu dem Punkt, an dem ich stolz sein würde, ihn neu herauszubringen.

Weniger ist mehr.

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Das war schließlich der letzte Gedanke – dass es auch gut für die Hörer ist: Besser als sie mit einer riesigen Wagenladung Zeug zu bewerfen, ist es doch, wenn ich ihnen jeden Ball einzeln zuspiele. So wissen sie das Album besser zu schätzen, können sich besser daran erfreuen und können meine Reise besser nachvollziehen, auf die ich mich vor 30 Jahren gemacht habe.

„Ich war noch immer dieselbe Person wie vor 30 Jahren”

Der Lockdown half dabei?

In gewisser Weise machte er die Arbeit leicht – denn er räumte viele Sachen aus dem Weg. Ich konnte nirgendwohin, so konnte ich mich auf diese Arbeit konzentrieren und alle Ideen zusammenbringen.

Als Sie den Raum von „Back to The Light” neu betraten, wie ist Ihnen der Brian May von vor 30 Jahren vorgekommen?

Das Komische ist, ich erwartete, indem ich „Back to The Light“ noch einmal „besuchte“, es von der Warte eines 30 Jahre älteren Mannes aus zu tun, der wie eine Vaterfigur auf den Jüngeren blicken würde, der dieses Album gemacht hatte. Ich wusste, der Jüngere ging damals durch schwierige Zeiten, da war viel Schmerz in ihm, viel Leidenschaft. Ich erwartete, heute anderes zu fühlen, und dass ich im Rückblick alle damals offenen Fragen beantworten könnte, die dem jungen Mann im Kopf umhergingen. Aber so war es nicht. Sobald ich es mir gestattete, das Album in voller Länge in mich aufzunehmen, erkannte ich, bei mir zu Hause in der Dunkelheit sitzend, dass ich noch immer dieselbe Person war. Derselbe Schmerz, dieselbe Leidenschaft, dieselben Sehnsüchte, dieselben Enttäuschungen und Träume. So fühlt sich dieses Album für mich sehr neu an. Ich bin stolz auf jede Note darauf.

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Zu Schmerz und Leidenschaft: Damals als „Back to The Light” im September 1992 erschien, lag der Tod Ihres Freundes, des Queen-Sängers Freddie Mercury, noch kein Jahr zurück. Wie haben Sie das Schicksalsjahr 1991 in Erinnerung?

Es war hart. Tatsächlich verloren wir Freddie. Und auf der einen Seite waren wir auch immer gewahr, dass wir ihn verlieren würden. Aber auf einem anderen Level dachten wir: Nein, das ist überhaupt nicht möglich. Freddie kann nicht gehen. Irgendjemand wird irgendetwas tun – ganz klar, er wird gerettet werden. Und dann ging er am Ende eben doch.

Wie kamen Sie damit zurecht?

Es hat eine wirklich lange Zeit gedauert, bis wir das verarbeitet hatten. Bei Roger und mir dauerte das sogar einige Jahre. Wenn ich heute zurückschaue, verleugneten wir in diesen Jahren die Existenz der Band Queen. Wir sagten: „Ich will nicht mehr über Queen sprechen. Zu schmerzvoll.“ „Weißt du, wir sind nicht mehr Queen.“ Queen lag in der Vergangenheit: „Red’ mir bloß nicht über Queen!“ Ich war auf zwei großen Welttourneen mit der Brian-May-Band, nur, um so weit wie möglich von Queen wegzukommen, wie ich konnte. Natürlich kommst du irgendwann zu dem Punkt, die Dinge neu zu bewerten und deinen Frieden zu machen. Aber das kam später. Das Album „Back to The Light“ ist voller Aufruhr, voller Schmerz.

Als es entstand, starb auch Ihr Vater, mit dem sie gemeinsam ihre legendäre Gitarre, die „Red Special” gebaut hatten.

Ja, ich verlor meinen Vater damals. Und meine Ehe zerbrach. Die Ehe war meine Religion. Ich dachte, ich könnte nicht existieren, ohne ein Ehemann zu sein, ohne als Vater für meine Kinder da zu sein. Das war übermächtig. Es war eine wirklich finstere Zeit. Depression heißt für mich, keine Zukunft mehr zu sehen, mit der du umgehen kannst. Nichts mehr im Morgen zu sehen, das annehmbar ist. So fühlte ich mich. Viele schwarze Tage waren das, und zuweilen auch mal ein guter darunter, an dem die Inspiration kam, an denen ich an dem Soloalbum arbeitete, das langsam Gestalt annahm. Leute sagten mir: „He, du weißt doch, wenn dir schlimme Dinge zustoßen, ist das gut für dein Songwriting.“ Denen sage ich: „Wenn es wirklich schlimm steht, kannst du keine Lieder schreiben. Du kommst nicht mal mehr aus dem Bett. Du willst nicht existieren.“

Sie machten im Herbst 1991 einen Werbespot für „Ford”, als Solo-Single erschien „Driven by You” am Tag nach Freddies Tod.

Das war, was meine Solopläne von einem fernen Luftschloss in Wirklichkeit verwandelte. Da kam einer an und fragte: „Haben Sie je Musik für einen Werbespot geschrieben?” Und ich: „Nein!“ Und er: „Würden Sie das wollen?“ Und ich: „Nein, ich denke nicht.“ Dann gaben sie mir das Mantra „Everything we do is driven by you“ (Alles was wir tun, dreht sich um dich). Das klang in mir an, es sagte mir etwas über Beziehungen und wie ich fühlte. Wir saßen damals in Los Angeles an einem Swimming Pool. Ich ging hoch in mein Badezimmer mit meinem kleinen Kassettenrekorder und sang es. Dann ging ich ins Studio und nahm es im Schnellverfahren auf. Plötzlich hatte ich einen Auftrag, eine Deadline, ich musste abliefern. Und trotzdem dachte ich immer: Du kannst das nicht alleine machen.

Wegen der Band.

Ja, es kam natürlich der Moment, wo du dir sagtest: Daraus sollte ja wohl besser ein Queen-Song werden. Ich erinnere mich sehr deutlich daran, wie ich das fast fertige Stück in Montreux Freddie vorspielte und ihm sagte: „Vielleicht ist das ein Queen-Song. Würdest du das gern singen? Was hältst du davon?“ Er sagte: „Es ist großartig. Und du singst das wunderschön, Darling! Ich sollte damit nicht wetteifern!“ Und dann sagte er unverhofft etwas sehr Freddie-Typisches: „Schau, wir wissen doch alle, was hier passiert. Du fühlst dich beschämt, weil du nicht losziehen möchtest und eine Solokarriere starten willst, während ich hier möglicherweise „auschecke“. Fühle keine Scham in dir, fühl dich nicht eingeengt. Du solltest dein Leben in die Hand nehmen, rausgehen und dein Solozeug machen. Ab dafür!“ Natürlich hatte ich mich schlecht gefühlt, dachte, das sei nicht besonders geschmackvoll, während wir doch eigentlich alles für Freddie machten in seinen letzten Tagen. Aber dann gab er mir seinen Segen und das befreite mich.

„Ich habe mich immer der Idee vom ‚großen Geist’ nahe gefühlt”

Der Stern, das Licht auf dem Cover von „Back to The Light” und ihren anderen Soloveröffentlichungen, erinnert an den klassischen Weihnachtsstern von Bethlehem. Hat er eine religiöse Bedeutung?

Er kam durch seltsame Zufälle in mein Leben. Ich bin kein religiöser Mensch im üblichen Sinn. Aber ich glaube, ich habe meine eigene Religion und sie hat sich im Lauf der Jahre verändert. Ich habe mich immer der Idee vom „großen Geist“ nahe gefühlt, die von den nordamerikanischen Ureinwohnern herrührt. Nicht ganz der Gott in der Vorstellung der westlichen Zivilisation. Und ich machte eine sehr markante Erfahrung: Als ich ernsthaft depressiv wurde, etwas später als die Zeit, über die wir soeben sprachen, ging ich in eine Klinik für Depressive und was ich dort entdeckte, war meine Spiritualität. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich glaube an eine Art höhere Macht. Und wenn du etwas von deinen Kräften diesem Geist überlässt, dann – so widersinnig es klingen mag – bestärkt er dich. Ich dachte: „Ich kann das nicht machen. Es ist zu stressig. Zu viel kann schiefgehen.“ Und dann sagte ich: “Ich kann’s nicht. Ich bin tatsächlich machtlos. Ich überlasse das Ergebnis der höheren Macht.” Und das funktionierte für mich. Das klingt vielleicht schräg für Sie, aber das war das Gefühl, während ich dieses Album machte. „Ich bin dem nicht gewachsen. Alles was ich kann, ist darauf zu vertrauen, dass, wenn Sie so wollen, das Muster einer höheren Macht hervortritt, und ich am Ende das Licht finde, meinen Platz in der Sonne.” Kurz gesagt: Es ist eher Zufall, dass dieses Licht wie der Stern von Bethlehem aussieht, aber dahinter steckt dieselbe Idee. Es war mein Licht. Das konkrete Bild kam von einer Aufnahme, die ich auf Teneriffa machte. Ich fotografierte in Richtung Nordpol und durch die Linsenreflexion meiner Kamera sahen die Sterne so aus. Die Erde dreht sich weiter, die Sterne stehen still.

Als Ihr Vater und Freddie im Sterben lagen, haben Sie da gebetet?

Ich bin als Kind zur Sonntagsschule gegangen, ich bin als Mitglied der Kirche von England aufgewachsen und sogar konfirmiert worden. In meinen späten Teenagerjahren wollte ich nichts mehr damit zu tun haben. Ich fand Kirchen beängstigend. Aber in dieser schweren Zeit habe ich – auf meine eigene Weise – gebetet. Ich war machtlos. Alle Dinge, die dein Leben sicher machen, verschwanden zur selben Zeit. Ich fühlte mich total zerbrechlich.

Was auch die Texte von „Back to The Light” spiegeln, die von Unsicherheit, Ängsten und Trauer erzählen. Queen ließen in ihren Songs erst auf dem letzten Album „Innuendo” hinter die Fassade blicken, die Bandmitglieder waren immer glamouröse, undurchschaubare Superstars. War es schwer, so persönlich zu werden, Einblick in sein Inneres zu gewähren?

Jeder Künstler hat die Entscheidung zu treffen, inwieweit er diesen Einblick gestattet. Denn wenn du zu viel von dir preisgibst, kannst du dein Leben damit noch mehr zerstören. Außerdem: Schrieb ich Songs für Queen, war mir immer klar, dass sie für Freddie waren, der sie ja sang. Und die paar, die ich selbst gesungen habe, segelten auch unter der Queen-Flagge. Da kannst du nicht allzu persönlich werden, denn die ganze Gruppe muss ja dahinterstehen. Die Lieder auf „Back to The Light“ waren dann wiederum zu persönlich, um Queen-Songs zu werden.

Bis auf das total persönliche „Too Much Love Will Kill You”, von dem dann doch eine Queen-Version entstand.

Als Roger und Freddie meinten, das müsste ein Queen-Song werden, erfuhr das Lied eine Transformation. Die Versionen liegen ja hörbar sehr weit auseinander. Mein Blut lag in jedem Wort dieses Songs, er handelte von den schrecklichen Traumata, die ich damals durchlebte, von der Lähmung, die mich erfasst hatte. Es war, wie John Lennon sagte: „Wie kann ich einen Schritt vorwärts gehen, wenn ich den Weg nicht kenne?“ Mit dieser Intention wurde der Song geboren. Als immer offensichtlicher wurde, dass die schreckliche Krankheit, mit der Freddie zu kämpfen hatte, sein Leben nehmen würde, wurde mir klar, dass der Song in Freddies Interpretation eine andere Bedeutung bekommen würde. Als Freddie ihn dann einsang, trat das klar zutage. Wir sprachen nie darüber, auch nicht, als ich Freddie den Text zu „The Show Must Go on“ gab. Kein Wort über das Zugrundeliegende. Wir nahmen den Song als Song, ein Stück Kunst, Malen ohne Pinsel. (lacht)

Der Song kam dann nicht auf „Innuendo”, das letzte Queen-Werk, das zu Freddies Lebzeiten entstand.

Aus verschiedenen Gründen, die ich hier ausführen könnte. Aber ich sang ihn beim Freddie-Tribut, weil ich fand, er hatte jetzt eine Bedeutung im Zusammenhang mit ihm – hatte etwas Wertvolles. Ja, um noch einmal auf ihre Frage zurückzukommen: Wieviel darf man von sich preisgeben? Das ist eine sehr gute Frage. Du musst dir klar sein, wie gut du darauf eingestellt bist, etwas zu opfern. Wie weit du Leute in deinen innersten Gedanken haben möchtest. Du musst sehr mutig sein, aber – natürlich: Musik braucht Aufrichtigkeit.

Bezüglich Aufrichtigkeit – Freddie erzählte erst einen Tag vor seinem Tod von seiner Erkrankung. Viele Schwule kritisierten, er hätte eine Ikone der Schwulenbewegung sein können, hätte den vielen unglücklichen HIV-Opfern eine Stütze sein können.

Wer das sagt oder sagte, versteht nicht, wie Freddies Leben war. Freddie war nicht zuvorderst ein schwuler Mann, er war nicht zuvorderst ein Parse oder ein Inder – er war zuvorderst ein Musiker. Und er wollte, dass nichts anderes der Musik im Weg stand. Aber wenn ihn irgendjemand fragte, ob er schwul sei, war er tatsächlich immer ehrlich. Die Leute, es ist irgendwie verrückt, nahmen es nur nicht auf. Ich erinnere mich an ein Interview des „New Musical Express“ in der frühen Zeit der Band. Die Lady fragte ihn: „Freddie, bist du schwul?“ Und Freddies Antwort, die in fetten Lettern gedruckt wurde, lautete: „Ich bin schwul wie eine Osterglocke, meine Liebste!“ Es war nicht zweideutig.

„Man hätte Schwulsein nicht in seine Karriere einbauen können”

Hätte er das leben können?

In damaligen Zeiten war es anders als heute. Man hätte Schwulsein nicht in seine Karriere einbauen können. Adam (Anmerkung der Redaktion: Adam Lambert, der aktuelle Sänger bei Queen-Tourneen) ist heute ein Krieger für die Sache. In Freddies Zeit aber war klar, es würde der Musik im Weg sein. Es würde polarisieren, würde ihn in eine Art Krieg verwickeln. Es war ähnlich wie zuvor bei Jimi Hendrix. Von ihm wurde gefordert, er möge ein Krieger der Bürgerrechtsbewegung sein. Aber es wäre ihm in den Weg gekommen. Er wollte nur ein Mensch sein, der Musik machte. Freddie wollte dasselbe – alles andere war zweitrangig. Er war 24 Stunden am Tag Musiker, es ist heute kaum vorstellbar, wie leidenschaftlich er in Sachen Musik war.

Und dann hatte er doch ein Coming-Out vor der ganzen Welt.

Dieses Statement vor seinem Tod war für uns eine enorme Ermächtigung, die Fahne zu hissen. Wir gründeten den Mercury Phoenix Trust, der bis heute Millionen von Pfund eingenommen und an Aids-Projekte in der ganzen Welt verteilt hat – in Freddies Namen. Das Tributkonzert für Freddie vom April 1992 konnte so zum Konzert für Aids werden. Viele Leute sagten uns später, dass dieses Konzert die Meinung der Menschen geändert habe, dass damit die Auseinandersetzung mit dem Stigma begann. Aids wurde zuvor als „Schwulenpest“ gesehen. Unser Ansinnen war: Freddie soll nicht als Opfer in Erinnerung bleiben, sondern als Musiker – so wie er in Erinnerung bleiben wollte.

Nach einer Zeit veränderten Sie den Schwerpunkt Ihrer Karriere von Soloarbeiten doch zur Verwaltung des Erbes von Queen. War es wichtiger, die Legende am Leben zu halten?

Wir erkannten, was wir für eine Erbschaft an Material hatten. So machten wir das letzte Album („Made in Heaven“, 1995) mit dem Bild von Freddies Statue auf dem Cover. Es dauerte zwei Jahre, bis wir emotional in der Lage waren, die Aufnahmen wieder anhören zu können. Niemandem war es zuvor erlaubt, sie anzurühren. Ich denke heute, es ist das beste Album, das wir je gemacht haben, wir haben viel Liebe, Zeit und harte Arbeit investiert. Ich empfand es als meine Aufgabe, meine Verpflichtungen gegenüber Queen zu beschließen. Und in der Zeit erkannte ich, dass meine Verleugnung von Queen aufhören musste. Ich sollte stolz sein auf das Erbe, stolz auf das was wir geschaffen hatten, auf Freddie und auf mich selbst. Danach passierte noch viel anderes: Es zog mich zurück zur Astrophysik, ich engagierte mich für Tierrechte. Vieles zog mich von meiner Solokarriere weg.

Ab 2004 gab es auch wieder Queen-Tourneen – mit anderen Sängern. Obzwar die Konzertsäle voll waren, empfanden das nicht wenige Fans als Ausverkauf und Betrug an Freddie.

(lacht) Ich erinnere mich. Aber das war doch eher eine ziemlich kleine Minderheit. Und – ehrlich gesagt – ich kann es nicht leiden, wenn Leute mir vorschreiben wollen, was ich zu tun oder zu lassen habe. Das geht niemanden etwas an. Ich bin ein Musiker, ich tue was ich will, ich folge meinem Stern. Trefft ihr Entscheidungen bezüglich eures Lebens, wir trafen die Entscheidung, dass – weil die Musik von Queen immer noch geliebt wird – sie auf die Bühne gehört und wir dazu auserkoren waren, sie zu spielen. Und: Wir brauchten das Geld nicht, den Ruhm auch nicht. Mit Paul Rodgers war es nicht Queen. Es war „Queen + Paul Rodgers“, es war großartig für eine Zeit. Und als Roger und ich so weit waren, den Hut an den Nagel zu hängen, kam dieser Kerl namens Adam Lambert. Der, ohne es zu erzwingen, all das hatte, was ein Queen-Sänger brauchte: Er ist klug, hat Power, Persönlichkeit, er ist witzig, affektiert und ein netter Kerl, den man gern um sich hat. Wir tourten ein paar Mal um die Welt – das Publikum war außer Rand und Band. Gibt es ein paar Leute, die nicht mögen, was wir da tun? Wisst ihr was: Bleibt zu Hause. Solange sie ihre Queen-Platten hören, bin ich total glücklich. Bloß: Erzählt mir nicht, was ich mit meinem Leben tun soll.

„Ich sehe noch immer Freddies kleines schelmisches Grinsen”

Am 6. September würde Freddie 75 Jahre alt. Stellen Sie sich als Doktor der Astrophysik manchmal ein Paralleluniversum vor, in dem er noch lebt?

(schmunzelt) Ich denke, Freddie ist gewissermaßen noch am Leben – für mich. Ich bin so, ich lebe in meinem Kopf und da ist Freddie und ich sehe immer noch sein kleines schelmisches Grinsen, ich höre immer noch seine Stimme. Er ist ein Teil von allem, was ich tue. Und das nicht etwa in einer gefühlsduseligen Weise. Ich bin nicht traurig über das, was geschah, sondern froh. Wir hatten diese wunderbare Zeit. Und die ist immer noch präsent in meinem Kopf und meinem Herzen. Wenn wir heute auf Tour gehen, und ich hoffe, wir können das im nächsten Jahr tun, ist Freddie immer dabei.

Würde Freddie unsere Zeiten mögen?

Er würde sie als ziemlich schwierig empfinden, all die Political Correctness. Es ist heute schwer, eine Meinung zu haben, die als berechtigt angesehen wird, wenn sie dem Mainstream zuwiderläuft. Es gibt keine echte Diskussion mehr. Freddie würde das nicht mögen, er war ein Mensch, der sein Herz auf der Zunge trug. Natürlich ändert sich die Welt und das soll sie auch, aber Freddie würde sie wohl irritierend finden.

Die Welt ändert sich in vielem krisenhaft. Wie sehen Sie – wieder ist der Wissenschaftler angesprochen – die Zukunft der Menschheit?

Ich habe vor ungefähr zehn Jahren eine Rede beim Starmus Festival gehalten, in der ich über die möglichen Ziele zukünftiger menschlicher Weltraumreisen sprach. Was ich sagte war, dass wir einen solchen Schlamassel mit unserem eigenen Planeten angerichtet hätten, dass wir uns solche Reisen erst als würdig erweisen müssten. Dass wir zuvor unseren eigenen Hinterhof sauber machen müssten. Ich hielt diese Rede mit vier Astronauten im Publikum, die auf dem Mond gewesen waren. Ich war so nervös, denn ich glaubte fest, dass diese Vier mich hassen würden, denn sie waren die Pioniere, die die ersten Schritte auf dem Weg der Menschheit ins All gemacht hatten. Dann kam Neil Armstrong zu mir auf die Bühne und sagte: „Sie hatten recht, das so zu sagen.“ Mein Herz schlug schneller. Und als er ans Ende seiner Rede kam, sagte er sinngemäß: „Die letzten 50 Jahre waren großartig in der Entwicklung menschlicher Forschungen. Hoffen wir, dass die nächsten 50 Jahre großartig werden in puncto Evolution des menschlichen Geists.“ Wir waren uns einig. Es macht keinen Sinn für uns, in den Weltraum vorzudringen, wenn wir dort andere Welten so verheeren, wie wir unseren Planeten verheert haben.

Review – das Album „Back to The Light”:

Zurück zum Licht ging es für den Queen-Gitarristen Brian May im Jahr 1992 mit seinem ersten richtigen Soloalbum. Außerhalb des Lichts waren für ihn die Jahre davor, 1987 bis 1991, gewesen – ersteres das Jahr, in dem Freddie Mercury seine Freunde in der Band über seine HIV-Infektion in Kenntnis setzte, letzteres das Jahr, in dem der begnadete Entertainer schließlich an Aids starb und in dem auch Mays Vater einer Krebserkrankung erlag, der Mann, mit dem er als Junge seine legendäre Red-Special-Gitarre gebaut hatte. „Back to he Light“ wurde ein bemerkenswertes Debüt.

Das lag zum einen daran, dass May die Regel aller Queen-Bandalben – viele Stile, ein Sound – beherzigte und in dem Dutzend Songs praktisch die Bandentwicklung von einer glamourösen Hardrockgruppe (bis Mitte der Siebzigerjahre) zu einer Poprockband mit den stets interessantesten Chartsingles (die späteren Siebziger, die kompletten Achtziger) nachvollzog. „Resurrection“ (mit Cozy Powell am Schlagzeug) ist klassisch-theatralischer Hardrock wie in den frühen Tagen Queens, „Love Token“ ist ein raues Riffmonster, „Driven By You“ ein Uptempo-Rock-’n’-Roll-Track. Es finden sich spanische Gitarren und Synthesizer, und die royale Ballade „Too Much Love Will Kill You“ war parallel auch mit Mercury als Sänger aufgenommen worden und fand sich 1995 auf dem Mercury-postumen Queen-Album „Made in Heaven“ wieder. Das folkpoppige „Let Your Heart Rule Your Head“ schließlich ist rhythmisch ein kleiner Bruder von „39“ von “A Night At The Opera” (1975) – beide wurden bei Mays Livekonzerten zum Medley verquickt. „Back to The Light“ hätte auch ein erhebendes Queen-Album abgegeben. Die Red Special schnöselt, schnörkelt und singt, dass es eine Wonne ist.

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Was bei den lyrisch eher unnahbaren Queen erst auf dem letzten Album „Innuendo“ (1991) zu spüren war, schlug auf diesem Album voll durch – der Gitarrist der Band zeigte, wie es hinter allem Glamour um ihn bestellt war. Ein trauernder Mann singt da von seinen Abschieden – „Nothin’ But Blue“ etwa entstand am Vorabend von Mercurys Tod, dem Tag, an dem der Sänger der Welt preisgegeben hatte, wie es um ihn bestellt war. May zeigt sich als verletzlich und verletzt und führt den Fans in „I’m Scared“ mit einer Aufzählung seiner Ängste einen zutiefst unsicheren Menschen vor Augen. Das ist das größte Gewicht von „Back to the Light“ – das Ende des Image, der Blick in den Kern der Person.

Brian May – „Back to the Light“ – in diversen Formaten (Virgin) – ab 6. August

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