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Prinzessin, wie geht’s dir? Die Wahrheit über Anna und Elsa

Kleine Mädchen wollen oft Prinzessin sein.

Es war nur eine schlichte Frage, eine ganz normale Nettigkeit, aber für Meghan Markle war es zu viel. Wie es ihr gehe, wollte der Fernsehreporter Tom Bradby wissen. Markles Augen füllten sich mit Tränen. Die Herzogin von Sussex, Mutter des sechs Monate alten Archie Harrison Mountbatten-Windsor, schluckte. “Nicht viele Leute haben gefragt, ob es mir gut geht”, sagte sie leise. Und auf die Frage, ob die vergangenen zwei Jahre ein Kampf gewesen seinen, sagte die 38-Jährige schlicht: “Yes.”

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Meghan am Limit. Inszenierung? Kalkül? Krokodilstränen einer Überprivilegierten? Oder einfach eine junge Mutter in jenem emotionalen Nirvana, das alle jungen Eltern früher oder später erreichen? Die britische Presse zerriss sich das Maul. Die solle sich doch nicht so haben. Die sei doch jetzt am Ziel ihrer Träume. Prinzessin. Im Zentrum der Aufmerksamkeit. Millionärin. Superstar. Modeikone. Was wolle die denn noch? Und als Prinz Harry in einem emotionalen Schreiben mediale Gnade für seine Frau einforderte (“Ich habe meine Mutter verloren, und jetzt sehe ich, wie meine Frau denselben Mächten zum Opfer fällt”), ergossen sich Spott und Häme über ihn. Diese Royals. Jammerlappen.

Im Dauerfeuer der Fotografen: Meghan Markle (jetzt Duchess of Sussex) und Kate Middleton (jetzt Duchess of Cambridge) sind die bekanntesten Prinzessinnen der Welt.

Im Dauerfeuer der Fotografen: Meghan Markle (jetzt Duchess of Sussex) und Kate Middleton (jetzt Duchess of Cambridge) sind die bekanntesten Prinzessinnen der Welt.

Heerscharen von kleinen Annas und Elsas

Doch der Blick in die Historie zeigt: Das Leben im sprichwörtlichen goldenen Käfig war selten ein leichtes. Prinzessinnen? Das war über Jahrhunderte Menschenmaterial für die monarchische Diplomatie. Die jungen Mädchen waren eine politische Währung. Aus Staatskalkül zwangsverheiratet, aller Rechte beraubt, zum Gebären eines Sohnes verflucht. Und doch gelten Prinzessinnen als Zauberwesen, als sorglose Schönheiten in Tüll und Diamanten. Heerscharen von kleinen Annas und Elsas tanzen auf Kindergeburtstagen, angefixt vom Disney-Konzern mit seinen “Eiskönigin”-Filmen, den erfolgreichsten Animationswerken aller Zeiten.

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Die Prinzessin erlebt eine Renaissance als Ikone. Als Sehnsuchtsfigur ist sie durch Märchen und Legenden ohnehin fest verankert im westlichen Kulturkanon. Prinzessin sein – das heißt in der industriell unterfütterten Phantasie vieler dreijähriger Mädchen: umworben und sorglos sein, wunderschön und beliebt und immer im Mittelpunkt. Das also, was viele kleine bürgerliche Mädchen am Spiel mit dem Royalen so reizt, ist ironischerweise genau das, was viele der echten Prinzessinnen überfordert.

Immer im Einsatz für Liebe und Freundschaft: Anna (l.) und Elsa aus dem Disneyhit "Die Eisprinzessin" ("Frozen").

Immer im Einsatz für Liebe und Freundschaft: Anna (l.) und Elsa aus dem Disneyhit "Die Eisprinzessin" ("Frozen").

Die echten Prinzessinnen leiden

Denn die eingeheirateten Bürgerlichen, die heute tapfer ihr Krönchen tragen, kämpfen nicht nur mit Fremdbestimmung und Hofetikette, sondern vor allem mit den medialen Erwartungen der ganzen Welt. Kaiserin Masako in Japan litt als Prinzessin jahrelang an Depressionen und “Anpassungsstörungen”. Ihre Tochter Aiko konnte wegen Angstattacken zwischenzeitlich nicht nur Schule gehen. Königin Laetizia von Spanien, Königin Maxima der Niederlande und die schwedische Kronprinzessin Victoria litten alle drei an Bulimie und Magersucht. “Ich brachte die Kronprinzessin und Victoria einfach nicht unter einen Hut”, sagte Victoria später. Kate Middleton hungerte sich auf Kleidergröße 34. Prinzessin Diana, zu Tode gehetzt von Paparazzi, ist als schillernde Schmerzensfrau zur Legende geworden. Und nun hadert auch Meghan. “Meine tiefste Angst”, schrieb Prinz Harry, “ist, dass sich die Geschichte wiederholt”.

Dem Prinzessinnenkult der postmodernen Gesellschaft kann die Wahrheit hinter den Palastmauern freilich wenig anhaben. Mögen die echten Royals trinken, leiden, hadern, fremdgehen und Unfug reden wie normale Menschen, mögen sie wie Prinzessin Stéphanie von Monaco Zirkusdirektoren heiraten und im Tank-Top vor dem Wohnwagen bügeln – als kitschige Projektionsflächen für heimliche Sehnsüchte ist der Prinzessin offenbar ewiges Leben beschieden.

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“Ich schmeiß' alles hin und werde Prinzessin!”

Auch erwachsene Frauen pflegen kichernd Prinzessinnensehnsüchte in kitschigen Facebook-Posts (“Ich schmeiß' alles hin und werde Prinzessin!”) – natürlich mit ironisierender Distanz. Die Komikerin Ilka Bessin parodierte als Kunstfigur Cindy aus Marzahn mit pinkfarbenem Jogginganzug und Strassdiadem jahrelang erfolgreich die lustig gemeinten Adelssehnsüchte bürgerlicher Muttis. Dass im Leben selten edle Prinzen vor Mehrfamilienhäuser reiten, um aus Millionen “die Eine” zu erwählen und aus dem leidigen Elend der Selbstbestimmung in ein besseres Leben zu entführen, hat sich herumgesprochen. Trotzdem gleichen Hochzeiten heute oft quasimonarchischen Inszenierungen mit weißen Tauben und Krönchen. “Fühl’ dich wie eine Prinzessin”, werben Hotels, Brautmodeläden und Wellnessoasen.

Niedlich, süß, hilflos und schutzbedürftig? Eltern sind die antiemanzipatorischen Aspekte des kindlichen Prinzessinnentraums durchaus bewusst. Urbane Mamas und Papas reagieren oft stolz, wenn ihre Töchter lieber Ronja Räubertochter sein wollen statt artig, tugendsam, sauber, adrett und nicht so vorlaut. Denn am Ende geht es in der Rolle der Prinzessin immer darum, als schutzbedürftiges Wesen “befreit” zu werden: aus dem Turm eines bösen Zauberers, aus den Klauen des Drachen oder aus den Fängen der Erwerbsarbeit. Lebensziel Unmündigkeit? Rundum versorgt ohne eigenes Zutun? Da gruselt es manchem Elternpaar. Da nützt es wenig, dass Disney zwischenzeitlich versuchte, mit Prinzessinnen wie Merida oder Mulan royale Trotzköpfe zu etablieren. Alle zwölf bisherigen Disney-Prinzessinnen folgen körperlich dem alten Ideal: hübsches Gesicht, schlanke Taille, große Augen, kleine Nasen, langes Haar.

Lächeln, immer lächeln: Die holländische Königsfamilie mit König Willem-Alexander, Königin Maxima und (v.l.) den Prinzessinnen Catharina-Amalia, Alexia und Ariane im Sommer 2019.

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Die Gesellschaft schützt weiter die uralten Konventionen

Sicher, die Rosaphase geht vorbei. Aber dahinter steht mehr: Die Gesellschaft idealisiert Individualität und vielfältige Lebensentwürfe nur in der Theorie – in Wahrheit schützt sie vielfach weiter die uralten Konventionen. Die allseits gerühmte Vielfalt der Möglichkeiten ist nur Behauptung. Mädchen mangelt es an starken Identifikationsfiguren, die nicht beim Gehen rascheln. Alternative Bilderbuch-Königstöchter wie “Prinzessin Petronia” oder “Prinzessin Pfiffigunde” kommen nicht gegen die rosa Flutwelle an. Und Jungen, die an Karneval als Katze, Tänzer oder Blume gehen wollen, werden wenig Spaß haben.

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Rosa und Hellblau vom ersten Tag an: Die Sortierung von Mädchen und Jungen in zwei Farben beginnt mit der Geburt. Denn so erhöht sich der Umsatz der Industrie mit Kleidung und Spielwaren.

Rosa und Hellblau vom ersten Tag an: Die Sortierung von Mädchen und Jungen in zwei Farben beginnt mit der Geburt. Denn so erhöht sich der Umsatz der Industrie mit Kleidung und Spielwaren.

Warum teilt das ausufernde Gender-Marketing der Industrie die Spielzeugwelt sauber in Rosa und Hellblau? Warum liebt sie Geschlechterstereotype aus dem vergangenen Jahrhundert? Weil zwei Märkte mehr Umsatz bringen als einer. Rosa Glitzer und Einhornkitsch für Mädchen, Monster und Laserschwerter für Jungs. Der Spielwarenumsatz stieg seit 2013 um 13 Milliarden auf jetzt 90 Milliarden Dollar an.

Pink war lange Zeit die “Jungsfarbe”

Ist die reflexhafte Leidenschaft vieler kleiner Mädchen für pinkfarbenen Prinzessinnenstrass also angeboren, geprägt oder industriell anerzogen? Forscher sagen, dass Rosa das Gute im Menschen anspreche. Rot stehe für Stärke, daher kleidete man männliche Babys lange in Rot. Blau galt als “feinere” Farbe für das Weibliche. Noch im Jahre 1927 bemalte die schwangere belgische Prinzessin Astrid ihre Wiege in der “Jungsfarbe Rosa”, weil sie auf einen männlichen Stammhalter hoffte. Erst danach wurde Blau zur Jungsfarbe – auch befördert durch Blaumänner und Jeans. Die US-Spielwarenindustrie etablierte dann den Rosa-Blau-Wahnsinn.

Gefallen als Lebenszweck: Heidi Klum mit Castingteilnehmerinnen für ihre Pro7-Show "Germany's Next Topmodel".

Gefallen als Lebenszweck: Heidi Klum mit Castingteilnehmerinnen für ihre Pro7-Show "Germany's Next Topmodel".

Die gesellschaftliche Kraft, die Mädchen in die Prinzessinnenrolle drängt, ist groß. Mit “Germany’s Next Topmodel”, wo Heidi Klum als Einpeitscherin Gefallen als Lebenszweck propagiert. Mit Millionenindustrien rund um Figuren wie Lillifee, die Prinzessin aus dem Feenreich, die zwar keck tut, deren größte Sorgen dann aber doch Frisur und Kleid sind (“In Rosarot ist die Welt viel hübscher”).

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Prinzen gelten als rechtlose Weicheier

Und warum drängen dann Jungen nicht in gleicher Weise in die Prinzenrolle wie Mädchen in die der Prinzessin? Weil ein Prinz im kollektiven Unterbewusstsein als “unmännliches” Vorbild gilt. Er hat unverdient dynastische Ehren erworben, statt sie zu erarbeiten. Er lebt von einem Erbe. Er hat keine reale Macht. Er macht keine Karriere. Ein Prinzenleben im strengen Korsett des Protokolls widerspricht dem Klischee vom wilden Kerl als Macher, der angstfrei sei Leben gestaltet. Prinzen gelten als rechtlose Weicheier. Dass Prinzessinnen dagegen als dekorative Repräsentationssymbole für Liebreiz und Familienglück stehen fügt sich blendend in das hartnäckige traditionelle Bild der Frau, die schlank, elegant, adrett und lächelnd zu sein hat.

“Wir leben in einer Welt, die jedem weiblichen Wesen, ob drei oder 30 Jahre, einredet, der sicherste Weg zum Glück sei es, Cinderella zu werden”, schreibt die US-Autorin in ihrem Bestseller “Cinderella ate my daughter”. Kaum anzunehmen, dass Meghan Markle diesen Weg derzeit als Rezept für ein schönes Leben empfehlen würde.

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