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“Maria” im Berliner Maxim-Gorki-Theater: Gute Miene zum tristen Leben

  • Im Theaterstück “Maria” kämpft sich eine 18-jährige Schwangere durchs Leben.
  • Nurkan Erpulat hat das Stück des britischen Autoren Simon Stephens am Berliner Gorki-Theater temporeich inszeniert.
  • In der Hauptrolle spielt sich Vidina Popov als hyperaktive Plaudertasche in die Herzen der Zuschauer.
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Einmal bricht Maria aus ihrer tristen Lage aus. Als sie ihrer Oma von ihrem miesen Job und ihrem fiesen Chef erzählt, wird es düster: Sie will all die gut riechenden, sich selbst in der Handykamera betrachtenden Fitnessstudiobesucher mitsamt dem ganzen Laden abfackeln. “Oder mir eine Pumpgun besorgen oder so. Nach Amerika fahren, mir eine Pumpgun besorgen und mit zur Arbeit bringen und alle im Studio abknallen und alle im Café, wie sie ihre Pasta essen und ihre Smoothies trinken und ihre E-Mails checken und alle am Pool und im Pool, bis der Pool voll ist mit lauter Blut und lauter Leichen. Die da rumdümpeln.” Aber schon im nächsten Moment beruhigt sie ihre gar nicht beunruhigte Großmutter: “Mach ich nicht. Keine Sorge.”

Maria ist eine optimistische Labertasche

Maria ist ein 18-jähriges Mädchen und schwanger. Wer der Vater ist, weiß sie nicht. “Da kämen mehrere Männer infrage.” Während in diesem Punkt eine Parallele zur Maria aus der Bibel zu ziehen wäre, wird aber schnell klar: Hier handelt es sich nicht um eine moderne Erzählung der Heiligen Familie. Die Maria aus Simon Stephens gleichnamigem Stück wäre auch eher Teil einer eiligen Familie. Immer in Bewegung, immer zappelig, immer plappernd legt sie einen Laber-Rhababer-Klangteppich über ihr tristes Leben. Er deckt das Elend zu, ihr prekäres Leben, vor allem aber ihre traurig-erfolglose Suche nach einem Menschen, der sie zur Geburt ihrer Tochter begleitet. Der Kindsvater? Wie gesagt, abwesend. Marias Mutter? Tot. Ihr Vater? Kann, nein, will sich nicht frei nehmen. Ihre Oma? Nett, aber mag keine Krankenhäuser. Ihre beste Freundin? Würde ja total gern, aber ihr Mann hat bestimmt etwas dagegen. “Wahrscheinlich nehme ich einfach nur mein Telefon mit. Ich könnte ein paar Dokumentarfilme schauen.” Das Smartphone ist ein treuer Begleiter.

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Auf der Suche: Elena Schmidt als Arbeiter und Vidina Popov als Maria.

Vidina Popov ist eine Idealbesetzung für dieses rastlose junge Mädchen. Im ersten Teil spricht sie zuweilen so schnell, dass der Text kaum noch zu verstehen ist. Aber so ist es ja bei Menschen, die zu viel reden. Irgendwann schaltet das Hirn des Zuhörenden auf Durchzug. Was bleibt, ist oft ein undefinierbarer Akustikbrei. Neben Popovs Spiel ist der Gesang von Ibadet Ramadani Gallop ein zweiter Höhepunkt in der Inszenierung von Nurkan Erpulat. Mit klarer schöner Stimme singt sie neben Songs wie Blurs “Out of Time” und “Transatlanticism” von Death Cab for Cutie sogar Dialogszenen ihrer kleineren Nebenrollen. Inmitten der Schönheit dieses weichen Gesangs wirkt Marias Dasein umso trister und härter. Der erste Teil dieses Stücks endet mit der Geburt der Tochter Elizabeth (hier gibt es nun doch noch einen kleinen Verweis auf die Bibel, denn im Lukasevangelium trifft die schwangere Maria auf ihre ebenfalls schwangere Cousine Elisabeth).

Ausgerechnet die einsame Maria soll die Einsamen trösten

Im zweiten Teil wird die schwarze Wand, die bislang als einziges Element auf der Bühne stand, um 90 Grad gedreht (Bühne: Magda Willi). Alle Schauspieler – neben Vidina Popov und Ibadet Ramadani Gallop sind das Elena Schmidt, Çiğdem Teke, Karim Daoud und Till Wonka, die jeweils mehrere Rollen spielen – sitzen nun in Marias Zimmer, das mit nicht viel mehr gefüllt ist als Bett, Tisch, Stuhl und einem Kinderbett für die kleine Elizabeth. Maria chattet da unter anderem mit einem ehemaligen Polizisten, einem autoritär-geilen Sack und einer Frau aus Eritrea. Das ist ihr neuer Job, damit verdient sie ihr Geld (und nein, es ist kein Sex-Chat) – ausgerechnet Maria, in diesem Stück die Personifizierung des Alleingelassenseins, soll die Einsamen der globalisierten Welt trösten, aufrichten, bespaßen, ihnen zuhören, sie anschauen. Maria macht auch hier gute Miene zum tristen Leben. Sie will es einfach schaffen, will es ganz allein schaffen.

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Chat der Einsamen: Vidina Popov (v.l.), Ibadet Ramadani Gallop und Elena Schmidt.

Am Ende taucht der Bruder Christian, die große Leerstelle in Marias Leben, wieder auf. Aber auch er kann ihr nicht helfen, er ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und zu schlechter Letzt wird die Oma sterben, sie hat beschlossen, ihr Leben aufzugeben. Etwas, das Maria nie einfallen würde. Denn in einer der wichtigsten Stellen des Stückes spricht sie begeistert von der Vorstellungskraft der Menschen. “Wir können uns vorstellen, wie es ist, jemand anders zu sein (…). Wir können an Dinge glauben, die nicht real sind.” Das Konzept des Second Life, eine erhoffte, in Wahrheit zumeist aber nur eingebildete Alternative lässt Maria weiterlaufen und vor allem weiter reden.

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Die sechs Schauspieler und Schauspielerinnen müssen in diesem Stück mit dem insgesamt recht dünnen Text des englischen Dramatikers Simon Stephens leben. Nurkan Erpulat lässt sie spielen, lässt den zwar niemals sozialkitschigen, aber eben auch enorm fragmentarischen, wenig tiefgründigen Text überspielen. Und diese Aufgabe nimmt die Crew um den Stückmittelpunkt Vidina Popov, die Maria als Immer-weiter-Duracell-Hase anlegt, mit viel Spielfreude an. So verlässt der Zuschauer zwar nicht überwältigt, aber doch gut unterhalten das Gorki-Theater.

Nächste Vorstellungen am 20. und 21. Februar sowie am 20. und 26. März.

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