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Buchpreis-Gewinner László Földényi: Spiele nicht mit dem Gedanken, Ungarn zu verlassen

  • Eigentlich hätte der Ungar László F. Földényi den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung erhalten sollen.
  • Doch nach der Absage der Buchmesse steht ein neuer Termin noch nicht fest.
  • Im Interview spricht er über Melancholie und Depressionen und sagt, ob das Leben unter der Regierung Orbán ihn einschränkt.
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Auch wenn die Leipziger Buchmesse abgesagt wurde, bleiben Sie natürlich der Träger des diesjährigen Buchpreises für Europäische Verständigung. Ausgezeichnet werden Sie für Ihr Buch “Lob der Melancholie”. Was ist denn an der Melancholie zu loben?

Melancholie lobt man heute nur selten. Für mich ist Melancholie ein Zustand, der nicht unbedingt Traurigkeit oder Schwermut bedeutet, obwohl dies natürlich auch damit zusammenhängt. Aber es bedeutet für mich mehr. Melancholie ist für mich eine fast metaphysische Offenheit für all diejenigen Dinge, die nicht sofort erklärbar sind und als unlösbar gelten. Dinge, in denen ein Geheimnis steckt. Sie ist ein Gegensatz zu dem, was die alten Griechen Hybris nannten, die alles erklären und hinbekommen kann.

Aber in unserer heutigen Zeit wollen wir ja, dass alles erklärt wird.

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Ja, es gibt eine Tendenz dazu, dass man alles im Griff haben und lösen will. Wenn ich mich mit der heutigen Klimaforschung oder der sogenannten Klimakatastrophe beschäftige, lese ich überall in der deutschen oder ungarischen Presse: Ja, das Problem werden wir irgendwie lösen. Aber das ist überhaupt nicht sicher. Es gibt Kräfte, bei denen wir nicht mehr mitspielen können. Und da hilft etwas Melancholie, um zu sehen, dass wir etwas verloren haben oder dass etwas schiefgeht und wir die Dinge nicht mehr beeinflussen können.

Sie haben vor mehr als dreißig Jahren schon ein Buch über die Melancholie geschrieben und nun wieder. Lässt Sie dieses Thema nicht los?

Das sind eigentlich zwei verschiedene Annäherungen an das gleiche Thema. In dem ersten Buch, das mich in den Achtzigerjahren beschäftigt hat, ging es um die Geschichte der Melancholie. Ich wollte darstellen, wie unterschiedlich der Begriff in diversen Epochen konnotiert war. Ich wollte herausfinden, warum Melancholiker mal – wie in der Antike – Heroen und die größten Philosophen waren. Im Mittelalter wiederum wurden die Wahnsinnigen, die einfachen Idioten, als Melancholiker bezeichnet. In der Renaissance waren es die größten Maler, die größten Künstler, ihre Genialität wurde mit Melancholie erklärt. Und in der bürgerlichen Epoche wurde die Melancholie mit Müßiggang und Faulheit in Verbindung gebracht.

Földényi schafft Verbindungen zwischen Albrecht Dürer und Stanley Kubrick

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Also änderten sich die Assoziationen ständig?

Der Begriff der Melancholie wird alle paar Jahrhunderte anders gebraucht. Vor einigen Jahren bin ich dann zu der Erkenntnis gekommen, dass man merkwürdigerweise, obwohl Melancholie immer anders erklärt wurde, den Begriff nicht loswerden konnte.

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Warum nicht?

Ich denke, es gibt einen gemeinsamen Nenner in all den Erklärungen, und in diesem neuen Buch interessiert mich dieser gemeinsame Nenner.

Und diesen gemeinsamen Nenner finden Sie bei so unterschiedlichen Künstlern wie Albrecht Dürer und Stanley Kubrick.

Genau. Oder bei dem Architekten Peter Zumthor oder Francis Bacon oder Anselm Kiefer oder W. G. Sebald oder Giorgione in der Renaissance. Ich wollte nachschauen, was das Gemeinsame bei denen ist.

Und was ist das Gemeinsame?

All diese Künstler und Schriftsteller errichten eine eigene Welt, die ähnlich ist wie unsere bekannte Welt, aber trotzdem anders gestaltet. Sie errichten eine sogenannte Gegenwelt, sie drücken ihre Rücken gegen die Welt und wollen schauen, was sich hinter dieser bekannten Welt befindet. Da muss noch irgendwas sein, die versteckten, die unsichtbaren Aspekte unserer Welt, die dunklen Seiten unserer Zivilisation und Kultur. Melancholiker sind alle sehr empfindsam dafür. Und das ist für mich der gemeinsame Nenner bei all den unterschiedlichen Autoren und Künstlern, Philosophen und Denkern.

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Heute sprechen alle nur noch von Depressionen, kaum jemand mehr von Melancholie. Sind die beiden überhaupt miteinander verwandt?

Ja und nein. Depression ist ein gar nicht so alter Begriff. Vor etwa 200 Jahren ist er in Europa als ein medizinischer Begriff eingeführt worden. Es ist sehr interessant zu beobachten, dass man Mitte des 19. Jahrhunderts in der Medizin versuchte, den Begriff der Melancholie zu vergessen und stattdessen den Begriff der Depression einzuführen.

Wo liegt denn der Unterschied?

Depression ist ein ziemlich eindeutiger Begriff. In der Medizin kann man diejenigen, die unter Depressionen leiden, mit Symptomen beschreiben und auch heilen. Melancholie aber ist ein viel weiterer Begriff, und deshalb war er für die Medizin auch so verdächtig. Denn Melancholie ist keine Krankheit, man leidet nicht unbedingt unter Melancholie, unter Depressionen hingegen schon. Zudem kann Melancholie sogar mit Heiterkeit verknüpft werden.

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Mit Heiterkeit?

Der englische Dichter John Keats meinte, Melancholie wohnt im Tempel der Heiterkeit. Mit Melancholie muss nicht unbedingt Traurigkeit oder eine Niedergeschlagenheit verbunden sein. Melancholie kann auch Kreativität, eine Offenheit bedeuten. Depression nicht. Depression ist eine Krankheit. Und die muss man heilen, mit Pillen oder mit Psychotherapie.

„In Osteuropa gibt es eine Kapitulation vor dem autoritären Denken“

Die Auszeichnung, die Sie erhalten, heißt „Buchpreis für Europäische Verständigung“. Hat Europa momentan Verständigungsprobleme?

Ich glaube ja. Besonders bei uns in Ungarn und allgemein in Osteuropa. Was ich in Osteuropa heute beobachten kann, ist, dass es eine Kapitulation vor dem autoritären Denken gibt. Es fehlt die Diskussion, aber Verständigung braucht Diskussion, also: „Ich verstehe dich, und du verstehst mich, und wir suchen einen gemeinsamen Nenner.“ Aber heutzutage kann man das immer weniger beobachten. Auch in den Vereinigten Staaten fehlt diese Verständigung momentan gerade sehr, besonders in der Politik. Insofern ist Verständigung für mich ein sehr aktuelles Problem. Auch persönlich.

Inwiefern persönlich?

Weil ich in einem Land lebe, in dem das autoritäre Denken herrscht. Es wäre viel besser, wenn es hier eine freie Diskussion, eine freie Verständigung unter den Menschen, unter den Politikern gäbe. Aber das gibt es zurzeit leider nicht.

Droht die europäische Idee zu scheitern?

Ob sie scheitert, weiß ich nicht. Europa, die EU, befindet sich allerdings in einer Krise. Und es sind Politiker am Werk, die dafür sorgen, dass diese Krise immer größer wird. In Italien, in Polen, in Ungarn. England ist jetzt zwar nicht mehr Teil der EU, aber der Brexit hat eine große Wunde hinterlassen. Und es wird noch eine lange Zeit dauern, bis diese Wunde vernarbt.

Sie haben die autoritäre Politik der Regierung Orbán angesprochen. Sie selbst leben in Budapest. Wie steht es denn um die Kultur und die Kulturschaffenden in Ungarn?

Die Situation ist ziemlich schwer, speziell für unabhängige Theater, für unabhängige Schriftsteller, für unabhängige Zeitungen. Es wird immer schwieriger, denn die Regierung möchte alles im Griff behalten. Es gibt heute in Ungarn einen Kulturkampf. Das ist nicht meine Idee, sondern dieser Kulturkampf wurde offiziell ausgerufen. Wir leben jetzt in einer Zeit des Kulturkampfs. Und dieses Wort ruft bei mir ganz schlimme historische Parallelen in Erinnerung.

Földényi will Ungarn trotz Viktor Orbán nicht verlassen

Können Sie denn als Intellektueller, als Publizist frei reden, frei publizieren?

Ich kann frei publizieren, die Verlage sind natürlich frei. Aber ein Beispiel: Bis 2010 wurde ich regelmäßig in den öffentlichen ungarischen Rundfunk oder ins öffentliche Fernsehen zu Fragen der Kultur eingeladen. Das ist seit 2010, seit der Wahl Viktor Orbáns, vorbei. Es gibt eine Liste von Intellektuellen, die im öffentlichen Rundfunk und Fernsehen nicht auftreten können. Wir haben natürlich noch den privaten Rundfunk und das Privatfernsehen, aber die öffentlichen Sender passen schon auf, wen sie einladen und wen nicht. Ich selbst kann aber schreiben, was ich möchte, und sagen, was ich möchte. Diktatur ist das noch nicht, aber ein autoritäres System ist schon im Entstehen.

Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, das Land zu verlassen?

Nein! Viele verlassen Ungarn, Hunderttausende, fast eine halbe Million Leute haben Ungarn verlassen. Teilweise aus politischen Gründen, teilweise aus finanziellen. Ich spiele nicht mit dem Gedanken. Ich unterrichte an der Universität in Budapest, kann frei unterrichten. Ich schreibe auf Ungarisch, ich möchte diese Sprache nicht missen. Ich meine: Warum sollte ich weggehen? Diejenigen sollen weggehen, die mich nicht in Ruhe lassen. Nein, nein, das kommt nicht in Frage.

Der ungarische Essayist und Literaturkritiker László F. Földényi ist der diesjährige Träger des Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung. Der Preis wird normalerweise am Vorabend der Leipziger Buchmesse verliehen. Wann die Preisverleihung nachgeholt wird, steht noch nicht fest. Ausgezeichnet wird Földényi für sein Buch „Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften“ (Matthes & Seitz, 280 Seiten, 30 Euro). Der 67-Jährige lebt in Budapest.

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