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Pop zum Jahresende – Neue Alben von Camila Cabello, Harry Styles, Stormzy, Beans on Toast

  • Zum Jahresende erscheinen noch einige Pop-Alben, denen man sein Ohr leihen sollte.
  • Latinpop-Star Camila Cabello und Grime-König Stormzy erweitern ihre musikalische Bandbreite.
  • Ex-One-Direction-Mitglied Harry Styles legt sein zweites Solowerk vor, und das britische Folkgenie Beans on Toast rock ’n’ rollt zur diffizilen Lage der Welt.
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Na, sie sieht schon unglaublich romantisch aus, mindestens wie Gina Lollobrigida als Tamburintänzerin Esmeralda im „Glöckner von Notre-Dame“. Camila Cabello sitzt im roten Traum von einem Kleid auf dem Cover von „Romance“, hat ein Album auf den Markt gebracht, das sich allein über seine Hülle verkaufen könnte. Die 22-jährige Lebens- und Sangesgefährtin von Shawn Mendes, die mit „Havana“ und dem Duett „Señorita“ schon zwei potentielle Klassiker auf dem Konto hat, liefert einen Zweitling (das Solodebüt erschien im Januar des Vorjahres) auf dem sie geradezu überwältigendes Material für Radio, Streamingdienste und obere Hitparadenplätze liefert.

Längst nicht jeder Song hier hat das kommerzielle Kaliber von „Señorita“, der alle anderen Lieder überstrahlen würde, würde man ihn nicht sofort skippen – weil man ihn in diesem Sommer gefühlt eine Fantastilliarde mal gehört hat. Die anderen Tracks aber sind durchweg intimer, nicht so glatt produziert und gerade deshalb sofort in unserem Ohr und Herzen. Vom Albumöffner „Shameless“ mit seiner pittoresken Rhythmusgitarre und dem elektronischen Elementen, über die spanische Gitarre und dem Trapbeat von „Should’ve Said It“ bis hin zur klassischen Soulballade „This Love“ offeriert Cabello als Songwriterin mit einer illustren Produzentenriege (von Andrew Watt bis Finneas) eine Bandbreite, die aufhorchen und Großes erwarten lässt. Auf der Sollseite? Vielleicht das überdosierte Autotune bei „Living Proof“ – dieser Effekt nervt inzwischen ganz allgemein wie ein Hohes C vom Falsettschlumpf.

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Camila Cabello – „Romance“ (Epic)

Jay McAllister aus Essex ist jetzt schon seit 14 Jahren ein Name in der Folkszene, und seit 2009 liefert er unter dem Pseudonym Beans on Toast verlässlich und in schneller Folge hörenswerte Alben, die er immer im Dezember um seinen Geburtstag herum veröffentlicht. „The Inevitable Train Wreck“ ist sein elftes Werk, und vielleicht sein Bestes bisher. Der 39-Jährige sinniert darauf in bester Folkmanier und ziemlich scharfzüngig und -sinnig mit hörbarem Schalk in der Stimme über den traurigen Zustand der Welt am Ende der Dekade. Er haut Donald Trump dessen Blödheit um die Ohren, nennt Boris Johnson Trumps Queen und bedauert schon im zweiten Song („England, I Love You“), dass sein geliebtes Land krachend aus der Europäischen Union fährt (was durch den deutlichen Wahlsieg Johnsons am gestrigen Donnerstag bestätigt wurde), um fürderhin als „kleiner Fisch in einem großen See“ zu dümpeln.

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Auf „Train Wreck“ erklingt eine markante Stimme zur Zeit, die unangenehme Wahrheiten im Schnelltakt abfeuert. Das ist so explizit wie Bob Dylan in seinen Anfangszeiten war, nur eben mit schnittigem Brithumor unterfüttert. Die Lieder, nicht wenige haben ungemein einprägsame Melodien, werden auch beileibe nicht nur mit typisch sprödem Folkklampfenklang sondern mit Twist, Chuck-Berry-Rock-’n’-Roll und Soul serviert. Das Vergnügen am „Zugunglück“ ist in jeder Hinsicht ganz auf Hörers Seite und gewiss auch auf der der „Fridays for Future“-Kinder. Denen liefert McAllister nämlich mit „On + On“ eine Hymne, so simpel und eingängig wie die besten Jack-Johnson-Nummern. Der Barde schlägt sich bedingungslos auf ihre Seite, zeigt dem „profit over people“-Denken den Mittelfinger wie das sonst im Kingdom nur Billy Bragg tut. Wer Beans on Toast nicht kennt, sollte das schleunigst ändern. Eines der Alben des Jahres.

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Beans on Toast – „The Inevitable Train Wreck“ (Botmusic)

Der Schnuckel von One Direction schlägt weiterhin überraschende Richtungen ein. Schon das Debütalbum von Harry Styles mit seinen funkigen und psychedelischen Spitzen, seinen Leihnahmen aus dem glorreichen Gestern der britischen Popmusik, war ein (im besten Fall) positiver Schock für alle Fans von dessen alter Boygroup. Mit dem Chor und Glockenspiel des Indie Pop-Songs „Golden“ startet der Nachfolger „Fine Line“ erneut ungewöhnlich. Die Grandezza von „Watermelon Sugar“, der Softsoul von „Lights Up“, die Kombination aus Primal Scream und Westcoastpop in „Canyon Moon“, der satte Psychedelic-Pop von „Cherry“ – gesagt hat Styles, dass sich das Album um „Sex und das Gefühl von Traurigkeit“ dreht.

Aber es geht auch ziemlich plakativ um die bessere Welt: „Vielleicht können wir einen Platz finden, wo wir uns wohl fühlen / und wir können den Menschen mit Güte begegnen“ (musikalisch verbeugt Styles sich dabei eindeutig vor Queen). Im Video zur neuen Single „Adore You“ wird am Ende ein riesiger Fisch ins Wasser geschubst, der zu Beginn des Sieben-Minuten-Films noch ein völlig unscheinbares Flossentierchen war. Das ist eine Metapher für Harry Styles, der 25-Jährige ist vom Planschbecken in den Pop-Ozean gesprungen, und er wird unzweifelhaft dahin gelangen wo Robbie Williams und Justin Timberlake vor ihm waren. Dass er dabei vielerlei ausprobiert, macht die Sache umso spannender.

Harry Styles – „Fine Line“ (Sony)

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Die Krone auf dem Cover wiegt schwer, „Heavy Is The Head“ heißt denn auch das zweite Album des britischen Grime-Rappers Stormzy, der mit imposantem nackten Oberkörper auf den Union Jack in seinen Händen hinabblickt, so als seien die Tage dieser Fahne gezählt (wir sind nach dem Sieg der Tories mehr als gespannt auf das Verhalten der Brexit-abgeneigten, zur Fahnengestaltung beitragenden Landesteile jenseits von England). Vor drei Jahren stieg der heute 26-Jährige Michael Omari aus Croydon mit dem mitreißenden Album „Gang Signs & Prayer“ zum Popstar auf. Sein Klartext gegen die Zögerlichkeit der Regierung bei der Versorgung der Opfer des Londoner Grenfell-Feuerinfernos ließ ihn überdies zur Stimme der Entrechteten werden.

Was ihm nicht nur Komplimente einbrachte, wie auf dem neuen Album das eröffnende Instagram-Statement eines Mannes beweist, der ihn auffordert, gefälligst Musik zu machen. Den Status als Interimsmann zwischen den alten und den neuen Helden des Grimes will Stormzy nicht für sich gelten lassen („Crown“) und geht sogleich mit Leihnahmen an Jazz, Soul, Gospel und Blues weit über die kleine, hippe Schublade hinaus („One Second“), die er dennoch erneut fulminant zu öffnen weiß („Pop Boy“). Ein sympathischer Typ, der Angst hat, den Normalo in sich an den Erfolg zu verlieren („Do Better“) und der sein wahres Selbst in jedem Fall bewahren möchte („Rachael’s Little Brother“).

Viele weibliche Begleitsänger und Frauenchöre sind zu hören, was „Heavy Is the Head“ etwas Sakrales verleiht. Aber dann ist da auch Ed Sheeran, auf dessen „No. 6 Collaborations Project“-Album Stormzy jüngst beim Song „Take Me Back to London“ mitwirkte und der sich hier mit einem Gesangsbeitrag zu „Own It“ revanchiert. Die Krone mag Stormzys Kopf beschweren, sie steht ihm aber gut und das „Game of Thrones“ (eine seiner Lieblingsserien) im Grime ist längst entschieden. Ein Mann geht seinen Weg, der führt ihn über musikalische Grenzen hinweg.

Stormzy – „Heavy Is The Head“ (Warner)

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